24.03.2003

FILMTaucher vor dem Sprung

Stephen Daldrys Film „The Hours“ ist eine raffinierte Huldigung an die Schriftstellerin Virginia Woolf - und ein Fest für Nicole Kidman, Meryl Streep und Julianne Moore.
Eine Frau liegt in einem Hotelzimmer auf dem Bett und ist in ein Buch versunken. Ein paar Stunden lang will sie hier in Ruhe lesen, versucht zu vergessen: ihren Mann, der sie treu umsorgt, aber nur maßvoll liebt, ihren kleinen Sohn, der sie vergöttert, ihr aber erdrückend unablässig folgt, ihr Haus, in dem alles seinen Platz hat, bis auf die Leidenschaft - dieses vermeintlich glückliche Leben lässt sie hinter sich, indem sie ganz und gar in eine fiktive Welt eintaucht. Da strömt plötzlich Wasser ins Zimmer, überschwemmt das Bett und die Frau.
Das ist die Schlüsselszene in Stephen Daldrys Film "The Hours", der auf Michael Cunninghams gleichnamigem, 1999 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman basiert und nun ins Kino kommt. Julianne Moore verkörpert die amerikanische Hausfrau Laura Brown, die in einem anonymen Hotelzimmer in Los Angeles mit der Phantasie fremdgeht.
Die Überschwemmungsphantasie ist die einzige surreale Szene dieses Films - und sie veranschaulicht die Macht der Literatur über die Wirklichkeit.
Die unglückliche junge Mutter Laura Brown liest gerade "Mrs Dalloway", den wohl bedeutendsten Roman der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf. 1941 beging Woolf im Fluss Ouse in Sussex Selbstmord - sie war schon zu Lebzeiten von dem Element fasziniert, in dem sie starb. "Sie sah blass aus, rätselvoll, wie eine Seerose, ertrunken, unter Wasser." So schreibt sie in "Mrs Dalloway" über eine der Figuren.
Wie Cunninghams Roman ist auch der Film eine grandiose Huldigung an das Werk der Schriftstellerin. Er rekonstruiert einen Tag in ihrem Leben und verknüpft diesen kunstvoll mit den Tagesabläufen im Leben zweier Frauen, deren Schicksale Jahrzehnte später von ihrem Werk maßgeblich beeinflusst werden.
Man sieht, wie Virginia Woolf (Nicole Kidman) 1923 in einem Londoner Vorort an ihrem Roman "Mrs Dalloway" arbeitet; wie Laura Brown 1952 jede Seite dieses Buches verschlingt; wie die Lektorin Clarissa Vaughn (Meryl Streep), die mit ihrer Lebensgefährtin Sally (Allison Janney) im
Jahr 2001 in New York lebt, für ihren aidskranken Freund Richard (Ed Harris) eine Feier vorbereitet. Er nennt Clarissa zärtlich nur Mrs Dalloway.
Im Dasein müsse man ab und zu innehalten, die "köstliche Spannung" fühlen, "so wie ein Taucher vor dem Sprung", heißt es in "Mrs Dalloway", "während das Meer unter ihm dunkelt". Dass sich das Wagnis dieses Sprungs - ins Leben oder in den Tod - lohnt, davon war die Schriftstellerin überzeugt. Wie schwer es ist, dem Fluss der Zeit auch nur ein paar Sekunden des Glücks zu entreißen, davon handeln Cunninghams Roman und Daldrys Film.
Die raffiniert-komplizierte Verschränkung der Schicksale von drei Frauenfiguren über Raum- und Zeitgrenzen hinweg inszeniert Daldry mit bewundernswerter Eleganz. In virtuosen Montagen zeigt er seine Heldinnen als Schwestern im Geiste, als tapfere Kämpferinnen in einer Welt voller Unverständnis und Plackerei - ob in der Küche, bei der Krankenpflege oder an der Schreibmaschine. Alle drei aber, die in ihren täglichen Ritualen gefangen scheinen, erleben einen Tag der Entscheidung und müssen dem Tod ins Auge blicken.
"The Hours" hätte leicht in falsche Melodramatik abgleiten können. Da gibt es unversehens auf überraschte Münder gedrückte Küsse, Momente todessüchtiger Verzweiflung, ein Schwelgen in poetischen Motiven - doch zum Glück bedient sich der Film sehr bedacht in dem "geheimen Vorrat erlesener Augenblicke", den Woolf beschwört.
"Mrs Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen." Mit diesem Satz, der den Entschluss formuliert, die Dinge (vor allem die schönen) selbst in die Hand zu nehmen, beginnt Woolfs Roman - und natürlich zeigt auch Daldry üppige Blumenpracht. Ansonsten aber setzt er auf Knappheit, auch wenn die schöne, doch aufdringliche Filmmusik von Philip Glass die Bilder bisweilen zu überlagern droht.
Der Genauigkeit, mit der Daldry das Leben seiner Figuren noch in den kleinsten Gesten schildert, entspricht die Konzentration seiner großartigen Darstellerinnen: der spröden, als Virginia Woolf ständig mit sich selbst ringenden Nicole Kidman; der sanft zweifelnden, melancholischen Lektorin Meryl Streep und schließlich der somnambulen Hausfrau Julianne Moore, die manchmal so transparent wirkt, als würde sie sich vor den Augen des Zuschauers auflösen.
"The Hours" ist ein Film, der vom Grenzgang zwischen Leben und Tod erzählt - so eindrucksvoll körperlich und zugleich so poetisch, wie das im Kino nur sehr selten gelingt. LARS-OLAV BEIER
* Bei der Verleihung der Golden Globes am 19. Januar in Los Angeles, bei der "The Hours" zwei Auszeichnungen gewann.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 13/2003
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