31.03.2003

REVOLUTIONÄREIm fernen Reich der Freiheit

Rudi Dutschke, Heros und Opfer der 68er Revolte, führte heimlich Tagebuch - über Gott, die Liebe und die Grünen. Nach dem Attentat hat ihn die Angst nie mehr verlassen.
Er denkt so oft an Urischka, schwarze Haare, "fantastisches Mädchen": "Die Kälte des hereinströmenden Schlafes ... die Äonen des Lichts ... kaum ist mein Geist wieder im bewussten Raum und auch in bewusster Zeit, so denke ich an Urischka, an die Möglichkeiten und an die Tatsächlichkeiten." Rudi Dutschke ist 22 Jahre alt, er studiert an der Freien Universität Berlin die Soziologie.
Mit Urischka wird es nichts, sie erhört einen anderen. Konsequenterweise beginnt der erfolglose Liebhaber, Tagebuch zu führen, am 18. Februar 1963. Dabei bleibt er, bis zu seinem frühen Tod 1979. Er hat die Notizen vor Familie, Freunden und Genossen geheim gehalten, dem Tagebuch aber alle Wahrheiten anvertraut - über seine Verliebtheiten, die großen Utopien der Weltrevolution und die kleinen Intrigen im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), über die "halbasiatische" Sowjetunion, die piefige DDR, über Geheimdienste, Geld, Sex, antiautoritäre Erziehung und gesundheitliche Probleme.
Rudi brennt. Er will alles. "Jeder hat sein Leben ganz zu leben", lautet das Credo des charismatischen Studenten, vierter Sohn eines Postbeamten aus Luckenwalde bei Berlin. Im Sturmlauf erobern er und sein Freund Bernd Rabehl ab 1965 den SDS, eigentlich eine konformistische SPD-Nachwuchsschmiede, den vormals der Hamburger Ökonomiestudent Helmut Schmidt führte. Mit Dutschke wird alles anders.
Der schwarzhaarige Leichtathlet, der nicht raucht und nicht trinkt, wird innerhalb weniger Monate zum Heros der Studentenrebellion. Ab 1966 fällt die autoritäre, meist noch deutschnationale Hochschule Stück für Stück in Scherben: Die Studenten riskieren Regelverletzungen, fordern Debatten ("Teach-ins") und Mitsprache, engagieren sich ungebeten für die Dritte Welt, gegen den Vietnam-Krieg und das Etepetete der verzopften Ordinarienuniversität: "Unter den Talaren Muff von tausend Jahren."
Dutschkes Fernziel ist die Weltrevolution, sind Sozialismus und Kommunismus auf der ganzen Erde - wenn auch nicht nach dem Modell der Russen oder Chinesen, sondern nach eigenen Visionen. Dutschke wird die Symbolgestalt dieses gigantischen Entwurfs, ihr selbstgewisser Held und Rhetor: "Er war ein Redner, wie es außer Strauß und Wehner in Deutschland nach 1945 keinen mehr gegeben hat", schreibt SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein in seinem Nachruf (SPIEGEL 53/1979). Und außerdem: "unkorrupt bis ins Mark".
Über den rechten Weg zum Glück, grundsätzlich für alle Menschen dieser Welt, war Rudi Dutschke sich nie im Zweifel. Ironie, gar Zynismus lagen dem stets ernsthaften Optimisten völlig fern. Selbst im Tagebuch findet sich davon keine Spur. Seine Ehefrau Gretchen - eine US-Amerikanerin, die nun wieder in Massachusetts lebt - hat die rund 300 Seiten jetzt zum Druck freigegeben*.
Den Texten fügte sie ein kluges, informatives Nachwort (35 Seiten) bei. Der nahe liegenden Versuchung, das Tagebuch zu kürzen, es zu bearbeiten und zu glätten, hat die Witwe widerstanden; lediglich sechs Seiten wurden aus "juristischen Gründen" gestrichen.
So kommt nun alles ans Licht, zum Beispiel auch die Sache mit Gott und dessen Sohn Jesus Christus. Wie kann man, fragten sich Dutschkes Mitstreiter in den sechziger Jahren, zugleich Marxist (mithin "Materialist") und Christ (philosophisch betrachtet also "Idealist") sein? Darüber hat sich der Student, Sohn einer strengen protestantischen Mutter, seinerzeit öffentlich nicht geäußert. Obwohl damals alles diskutiert wurde, Sex und Geld und der Glauben sowieso. Ostern 1963, nach der unglücklichen Geschichte mit Urischka, vertraut Dutschke seinem Tagebuch an:
Jesus ist auferstanden, Freude und Dankbarkeit sind die Begleiter dieses Tages; die Revolution, die entscheidende Revolution der Weltgeschichte ist geschehen, die Revolution der Welt durch die alles überwindende Liebe. Nähmen die Menschen voll die offenbarte Liebe im Fürsich-Sein an, die Wirklichkeit des Jetzt, die Logik des Wahnsinns könnte nicht mehr weiterbestehen.
Im Jahr darauf - politisch destabilisiert er die bestehenden Verhältnisse längst als aktives Mitglied der anarcholiberalen "Subversiven Aktion" - verklärt er am Karfreitag Jesus Christus zum "größten Revolutionär der Welt". Die "Konterrevolution" habe ihn "im keuchenden Morgenlande ans Kreuz" geschlagen. Auch für den SDSler Dutschke sind, zumindest anfangs, "Sozialismus und Glauben nicht voneinander zu trennen". Ins Praktische gewendet heißt das: Es gilt, eine "neue Wirklichkeit zu schaffen", das "Reich der Freiheit", und zwar durch Klassenkampf und Revolution.
Er hat sie so geliebt, die Revolution. Wenn möglich, sollte sie ohne Blutvergießen verlaufen, jedenfalls in den industrialisierten Ländern. Die Weltrevolution werde die "kapitalistische Arbeit" und die "Arbeitsteilung" abschaffen und auf diesem neuen Fundament dann auch Wissenschaft, Künste, Kindererziehung, Universitäten und die "Sexualökonomie" revolutionieren. Sexualökonomie war zu den Zeiten der "Außerparlamentarischen Opposition" (Apo) das Codewort für die Liebe und deren Vollzug.
Die "Liebe zur Revolution" ging für Dutschke jedoch vor, was er 1974 der "lieben Genossin" Jutta, die sich extra für ihn freigenommen hatte, erklären musste und später auch noch Elsa und Ellen. Selbst Ehefrau Gretchen wollte er nicht im ersten Verliebtsein heiraten; Begründung: Ein Revolutionär muss die Revolution machen.
Für die DDR, aus der Rudi Dutschke am Tag vor dem Mauerbau 1961 endgültig geflüchtet war, erschien ihm eine "zweite Revolution" dringend nötig. In dem armen deutschen Halbstaat sei nämlich "alles real und existent, nur nicht der Sozialismus". Weil er die politische Zusammenarbeit mit der SED ablehnte und sich auch noch die deutsche Wiedervereinigung wünschte - eine "sozialistisch-antiautoritäre" -, ließen ihn die DDR-"Revisionisten" durch ihre Geheimpolizei permanent überwachen.
Ob ostdeutsche Staatssicherheitsorgane irgendetwas mit dem Attentat auf den Studentenführer zu tun hatten, ist bis heute umstritten. Am Gründonnerstag 1968 wurde er von dem Hilfsarbeiter Josef Bachmann, der aus der DDR stammte, auf dem Berliner Kurfürstendamm in Kopf, Hals und Schulter geschossen.
Dutschke überlebt schwerstverletzt. 1974 notiert er: "Wir haben ja auch nie genügend reflektiert, warum Ba(chmann) mich im April 68 zusammengeschossen hat; welche Interessen sich, real und konkret bestimmbar, dahinter verbargen."
Dutschke, seine Frau und ihr gemeinsamer, 1968 geborener Sohn Hosea Che verlassen nach dem heimtückischen Überfall Deutschland. Nach Stationen in der Schweiz, Italien und England gewährt Dänemark der Familie in der Universitätsstadt Aarhus Asyl. Äußerlich ist der sportliche Mann bald wieder ganz der alte. Innerlich, so beweist sein Tagebuch, durchleidet er schwere Zeiten.
Mühsam muss er sich die Sprache zurückerwerben, jede intellektuelle Arbeit geht langsam voran. Durch die organische Hirnverletzung stellen sich immer wieder epileptische Krämpfe ein. Ihm bleiben innerliche Unruhe und Angst vor Verfolgung und neuen Schüssen. Nur schwer kann Dutschke die manchmal aufbrandende Panik und paranoide Ideen dämpfen.
Im Tagebuch ermahnt er sich zu Disziplin. "Regelmäßiger Schlaf! Sport!" Doch seine ungebrochene Leidenschaft für die Politik macht manchen guten Vorsatz zunichte. Er liest bis spät in die Nacht, die wissenschaftlichen Themen werden immer komplizierter, es geht um die "halbasiatische Produktionsweise" (das Kreuz der schon siechen Sowjetunion), um die "allgemeine Staatssklaverei" (gestern, heute, morgen). 1973 promoviert Dutschke in einer großen Anstrengung an der Freien Universität Berlin zum Dr. phil.
Die alten Kombattanten von SDS und Apo driften derweil weit auseinander. Die terroristische Rote Armee Fraktion ist für Dutschke von Anfang an "ohne Relevanz und Perspektive", eine "Dummheit". Den von ihm einst geforderten "langen Marsch durch die Institutionen" sieht er ab 1978 von den Grünen begonnen. Er schließt sich ihnen an.
Wenn alles nach Plan und Wunsch gegangen wäre, hätte der Liebhaber der Revolution Anfang der achtziger Jahre als grüner Abgeordneter im Bonner Parlament gesessen. Doch am Heiligen Abend 1979 erleidet er in der Badewanne einen epileptischen Anfall und ertrinkt.
Dem Attentäter Josef Bachmann hat Rudi Dutschke schon 1968 ins Gefängnis geschrieben und den desorientierten, zu sieben Jahren Haft verurteilten Mann für die große Sache zu begeistern versucht. Als der sich, 25 Jahre alt, im Februar 1970 das Leben nimmt, notiert Dutschke in sein Tagebuch: "Es war mein Fehler, mit ihm die Kontakte nicht aufrechtzuerhalten ... der Kampf für die Befreiung hat gerade erst begonnen; leider kann Bachmann daran nun nicht teilnehmen." HANS HALTER
* Rudi Dutschke: "Jeder hat sein Leben ganz zu leben". Die Tagebücher 1963-1979. Hrsg. von Gretchen Dutschke. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 432 Seiten; 22,90 Euro.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 14/2003
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