31.03.2003

„Diese gnadenlose Doppelmoral“

Oliver Kahn, 33, Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, über das Leben mit Paparazzi in Zeiten einer Ehekrise, seine Vorbildfunktion als Profi des FC Bayern München und die Aggressionen guter Torhüter
SPIEGEL: Herr Kahn, wie haben Sie die vergangene Woche bei der Nationalmannschaft im beschaulichen Herzogenaurach empfunden, fernab vom ständigen Münchner Medienrummel um Ihre Person - als eine Art Kuraufenthalt?
Kahn: Eigentlich nicht. Denn mein Leben mit den Paparazzi ist ja schon Normalität. Das ist ja das Perverse an meiner Situation. Es ist zur Gewohnheit geworden, dass man auf Schritt und Tritt hinter mir her ist.
SPIEGEL: Wann hat das angefangen?
Kahn: So extrem im Sommer 2001, als wir mit Bayern München in Mailand das Finale der Champions League gewonnen hatten. Da entwickelte sich dieser Hype, der dann zur WM 2002 immer größer wurde und inzwischen fast unerträglich ist.
SPIEGEL: Der Sommer 2001 ist für viele Beobachter aber auch jener Zeitpunkt, an dem Sie sich selbst gewandelt haben. Plötzlich erschienen Sie mit modischer Gel-Frisur, trugen Prada-Schuhe und Baldessarini-Hemden. War dies das Resultat einer Image-Beratung?
Kahn: Nein, die gab es nicht. Es haben einfach nur menschliche, natürliche Entwicklungen bei mir stattgefunden. Sehen Sie, ich lebe in einer Welt der permanenten Hochleistungsanforderung. Beim FC Bayern, in der Nationalelf. Du musst Jahr für Jahr Meister werden, und in der Champions League muss man mindestens das Halbfinale erreichen. Unter diesem Druck beginnt irgendwann die Lebensqualität zu leiden. Man fragt sich: Was gibt es eigentlich sonst noch?
SPIEGEL: Also sind Sie zum Stammgast in In-Discotheken geworden und pflegten, an der Seite von Stars wie Jennifer Lopez, Konversation auf der Couch von Thomas Gottschalk. Ist es das, was Sie wollten?
Kahn: Ich bin nicht Stammgast in Discos. Sicher gehe ich ab und zu mal weg, aber nur, wenn es der Sport zulässt. Das sind im Prinzip alles nur oberflächliche Dinge, die ein bisschen Abwechslung ins Leben bringen. Außenstehende registrieren diese Dinge jedoch wesentlich genauer als ich selbst.
SPIEGEL: Die wunderten sich tatsächlich, als Sie plötzlich, nach dem Triumph von Mailand, im Ferrari zur Arbeit kamen. Haben Sie sich mit dem Auto belohnt?
Kahn: Vor dem Finale gegen Valencia sagte ich zu meiner Frau: Wenn wir gewinnen, kaufen wir so einen. Das kam bei mir aus der Freude heraus, das Finale überhaupt erreicht zu haben. Und als wir gewonnen hatten, haben wir ihn wirklich angeschafft. Insofern war es eine Belohnung.
SPIEGEL: Ihr persönlicher Manager Ludwig Karstens sagte, solche äußerlichen Veränderungen seien bei Ihnen auch Resultat eines Reifeprozesses. Ist es ein Ausdruck von Reife, zuweilen um 5.30 Uhr in der Disco gesehen zu werden, wie es bei Ihnen unvermittelt vorkam?
Kahn: Der Reifeprozess bestand in der Erkenntnis, dass das Leben nicht allein aus sportlichen Titeln bestehen kann. Das Leben muss vielmehr in einer Balance sein. Aber meines bestand bis dahin nur aus Training, Hotel, Spiel, Sieg oder Niederlage und ständigem Erfolgsdruck. Man gewinnt natürlich auf diese Weise vieles, man wird Welttorhüter, man holt Titel. Aber ich habe dafür viele Entbehrungen in Kauf genommen. Die Waage, die das Leben ausmacht, hatte sich verschoben. Ich bemerkte: Irgendetwas nimmt zu viel Raum ein. Das wurde mir schon 1999 klar, nach dem verlorenen Champions-League-Finale von Barcelona. Wäre ich diesen Weg weitergegangen, hätte irgendwann die Leistung gelitten - also musste ich neue Wege finden.
SPIEGEL: Als Sie mit dem FC Bayern durch Tore in der Nachspielzeit unglücklich gegen Manchester United unterlagen - da haben Sie die Balance verloren?
Kahn: Ich war psychisch und physisch ausgelaugt. An dem Punkt habe ich gesagt: Jetzt reicht''s. Wer so ein Burn-out einmal erlebt hat, kann das vielleicht nachvollziehen. Man versucht dann, die Balance wiederzufinden und verändert einiges. Das fällt dann dummerweise jenen Leuten zuerst auf, die auch noch meinen, es bewerten zu müssen, ohne mich überhaupt zu kennen, ohne meine Beweggründe zu verstehen. Ich muss mich aber vor diesen Leuten nicht rechtfertigen, denn ich führe mein Leben so, wie ich es für richtig halte. Sie sollen meine Leistung bewerten, alles andere geht keinen was an.
SPIEGEL: Zuletzt haben Teile der Öffentlichkeit täglich Ihr Privatleben bewertet. Eine Ehekrise, die jetzt kurz nach der Geburt Ihres zweiten Kindes zur einstweiligen Trennung von Ihrer Frau führte, beschäftigte zwei Wochen lang den Boulevard. Warum, glauben Sie, wurden Sie so eindeutig als Buhmann angeprangert?
Kahn: Für den Boulevard ist man doch nur ein Produkt. Das Produkt hat einen Namen, und dieser Name verkauft sich hervorragend. Ich könnte über diese Zeit ein Buch schreiben, es würde ein Bestseller. Es war erschreckend zu sehen, zu was Menschen fähig sind. Es wurde verleumdet und gelogen, das ging bis zur Nötigung.
SPIEGEL: Worin bestand die?
Kahn: Leuten wurde Geld dafür geboten, dass sie bestimmte Dinge sagen, die diese Geschichte weiter spektakulär anheizen sollten. Da sind dann Aussagen in Zeitungen erschienen, die hatten nicht ein Prozent Wahrheitsgehalt. Menschen, die mich an den Pranger stellten, mir Kälte und Rücksichtslosigkeit vorwarfen, bringen diese Geschichte, obwohl sie genau wussten, dass meine Frau kurz vor der Entbindung stand. Das ist eine gnadenlos perverse Doppelmoral. Man hat eine junge 21-jährige Frau in absolut negativer Weise dargestellt und ihr dann noch gedroht, wenn sie sich nicht endlich äußert, sie noch schlechter darzustellen. Wenn man das alles einmal so hautnah erlebt, beginnt man sich zu fragen, ob in unserer Gesellschaft alles noch mit rechten Dingen zugeht.
SPIEGEL: Ihr Trainer Ottmar Hitzfeld hat Sie dennoch daran erinnert, dass Sie auch außerhalb des Platzes als Vorbild gesehen werden. Er wolle Sie, wie er sagte, auf den richtigen Weg bringen. Ist Ihnen das zu viel der Fürsorge?
Kahn: Ich habe mit ihm über diese Dinge intensiv gesprochen. Ich bin mir meiner Vorbildfunktion auch absolut bewusst. Ich se-
he doch, wenn ich zum Stadion fahre, all diese kleinen Jungen mit dem "Kahn"-Schriftzug hinten auf ihren Torwart-Trikots. Aber ich bin nicht auf die Welt gekommen, um permanent meine Vorbildfunktion zu erfüllen oder den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Ich kann mir nicht dauernd auf die Zunge beißen und mir sagen: Jetzt muss ich wieder Vorbild sein. Ich mache viele Fehler, auf dem Sportplatz und im Leben.
SPIEGEL: Welche Fehler haben Sie, außerhalb des Rasens, in letzter Zeit gemacht?
Kahn: Ich rede nicht gern über diese privaten Dinge. Aber natürlich übernehme ich moralisch die volle Verantwortung für das, was in meiner Ehe passiert ist. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich alles noch rechtfertigen will. Für mich ist ein Seitensprung kein Kavaliersdelikt. Moral und Ethik spielen durchaus eine Rolle in meinem Leben. Aber niemand hat sich bei der Geschichte bemüht, den Blickwinkel in verschiedene Richtungen zu lenken.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Kahn: Die Rollenverteilung hat sich gut verkauft: Ich war immer der böse Bube, meine Frau berechtigterweise die Gedemütigte, und Verena wurde als Luder hingestellt. Was mich nur wundert, ist: Ich werde nach Gutdünken verurteilt. Aber was ist mit denen, die in mein Leben eindringen? Wer verurteilt eigentlich die? Wo ist da die moralische Instanz?
SPIEGEL: Sie fühlen sich verfolgt?
Kahn: Ich leide nicht unter Paranoia, falls Sie das meinen. Aber ich bin unter permanenter Beobachtung. Das gipfelte nun in zwei Wochen medialen Dauerfeuers.
SPIEGEL: Während dieser Zeit litten zumindest Ihre Leistungen im Bayern-Tor nicht. Das war nach der Weltmeisterschaft, als Sie eine Motivationskrise einräumten, anders. Was war da genau das Problem?
Kahn: So schlimm waren meine Leistungen damals ja auch nicht. Es gab ein oder zwei Spiele, in denen ich Tore bekam, die bei anderen Torhütern keine Diskussion entfacht hätten. Bei mir ist der Anspruch aber höher. Ich hätte mich nach der WM gerne total regeneriert, sechs Wochen frei genommen, um neue Kräfte zu finden. Ich hatte aber nur drei Wochen Urlaub. Dann ging es wieder los, das machte mich aggressiv und unausgeglichen. Ich hatte nicht die Power, die mich sonst auszeichnet.
SPIEGEL: Fehlte Ihnen, nach dem Champions-League-Sieg 2001 und der Vize-Weltmeisterschaft 2002, auch einfach eine neue Herausforderung?
Kahn: Ziele sind wichtig. Deshalb ist die Aussicht auf die WM 2006 in Deutschland für mich auch ein Segen. Das ist ein Antrieb, eine Motivation. Aber grundsätzlich lebe ich immer von dieser Liebe zu dem, was ich mache. Fußball ist etwas Schönes. Dass ich damit viel Geld verdiene, ist nachrangig. Außerdem weiß ich mit 33 Jahren, dass in den nächsten Jahren mit Fußball Schluss sein wird. Da fängt man an, den Beruf zu genießen.
SPIEGEL: Sind Sie heute zufriedener als vor sechs, sieben Jahren? Damals hätten Sie sich während einer Verletzungspause auf die Tribüne gesetzt, um den Kameraden samstags die Daumen zu drücken. In dieser Saison spielten Sie in einer solchen Situation in Baden-Baden Golf.
Kahn: Der Kahn von vor sechs, sieben Jahren hatte sich in eine Situation manövriert, in der am Ende gar nichts mehr ging.
SPIEGEL: Was wäre mit Ihrer Karriere passiert, wenn Sie diese Balance, wie Sie es nennen, nicht gefunden hätten?
Kahn: Überspitzt gesagt, hätte mich dieser Beruf irgendwann aufgefressen. Vielleicht wäre ich schlechter geworden. Oder ich hätte sagen müssen: Jetzt mag ich nicht mehr. Aber ich wollte den Fußball, den ich mit so viel Leidenschaft und Hingabe betreibe, nicht aufgeben.
SPIEGEL: Ihre Leidenschaft führt manchmal zu schwer nachvollziehbarer Aggression. Sie haben schon Mitspieler und Gegner auf dem Platz geschüttelt. Wenn man Ihre Kollegen Jens Lehmann oder Frank Rost beobachtet, kommt man zum Schluss, dass Torhüter besonders gefährdet sind.
Kahn: Es sind die Aggressionen, die sich in ihnen ansammeln. Du kannst ja nicht rennen, grätschen, deine Aggressionen im Zweikampf loswerden wie ein Feldspieler. Du stehst da und wartest. Und ein guter Torhüter muss dieses Aggressionspotenzial haben.
SPIEGEL: Muss das Publikum also für Torhüter mehr Verständnis haben?
Kahn: Ich glaube, das kann man den Leuten gar nicht so richtig vermitteln. Die fragen sich immer: Was für einen Druck haben die Fußballer denn schon, die laufen da unten rum und verdienen einen Haufen Geld. Aber die mentale Belastung ist enorm. Diese Verantwortung, dieser Druck. Das ist eine solche Kopfbelastung - ein Leben in einem permanenten Spannungsfeld und eine Suche nach Fluchten.
SPIEGEL: Das Publikum im Stadion scheint Sie seit der WM 2002 mehr zu mögen. Woher kommt die Popularität?
Kahn: Ich weiß es nicht. Ist es nur die Leistung? Ich glaube, dass die Menschen das Gefühl haben: Da steht Oliver Kahn, und er ist authentisch. Er lebt im Tor. Damit kann man sich wohl identifizieren.
SPIEGEL: Könnten Sie dagegen Sponsoren verstehen, wenn die sagen würden: Dies ist aber nicht mehr der bodenständige Oliver Kahn, den wir eingekauft haben?
Kahn: Ich sage Ihnen, wie es ist: Die Sponsoren, die mit Oliver Kahn zusammenarbeiten, wollen Oliver Kahn so, wie er ist - mit all seinen Fähigkeiten und all seinen Fehlern. Und wenn sie das nicht wollen, dann können das nicht meine Partner sein.
SPIEGEL: Ihr Manager hatte vor, Sie auch außerhalb des Sports zu positionieren: Beispielsweise sollten Sie mit Außenminister Joschka Fischer oder mit Altkanzler Helmut Schmidt zusammengebracht werden. Das scheint jetzt nicht mehr zu passen. Unfreiwillig sind Sie im medialen Interesse in die Dieter-Bohlen-Liga gerutscht.
Kahn: Erstens habe ich ein Problem mit dem Wort Positionieren. Mich positioniert man nicht. Und zum Zweiten: Es kommen auch wieder andere Zeiten. Ich mache mir keine Sorgen, wenn ich auf eine gewisse Schiene geraten sein sollte. Denn so bin ich ja gar nicht. Mein großer Vorteil ist: Ich bin noch aktiv und weiß, dass ich noch viele Dinge im Sport erreichen möchte. So werden die anderen Aspekte des öffentlichen Interesses nach und nach verschwinden.
SPIEGEL: Neulich haben Sie vor Bankern einen Vortrag gehalten. Sind Sie dann noch derselbe Kahn, der sich abends für den Clubbesuch eine Lederjacke überzieht?
Kahn: Ich glaube, dass das alles authentisch ist. Authentizität war mir schließlich immer sehr wichtig. Ich wollte nie ein Sportler sein, bei dem andere das Gefühl haben: Ach ja, der wird jetzt aufgebaut, sein Image wird so und so zurechtgezimmert.
SPIEGEL: Sie spielen mit München nicht mehr in der Champions League, in der nationalen Meisterschaft sind Sie enteilt. Vermissen Sie diesen Druck, den Sie so oft beklagen, in dieser Saison nicht sogar?
Kahn: Sicher. Das ist ja das Perverse. Immer habe ich gesagt, dass die Belastung zu hoch sei, was ja auch stimmt. Doch der Kick fehlt nun. So ein Bundesliga-Finale wie vor zwei Jahren in Hamburg, als wir in letzter Minute noch Meister wurden. Dieser Kick ist wie eine Droge.
SPIEGEL: Herr Kahn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Bei der Hochzeit am 10. Juli 1999 in Karlsruhe. * Mit den Redakteuren Alfred Weinzierl und Jörg Kramer.
Von Jörg Kramer und Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 14/2003
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