31.03.2003

HUMORDie Ironie-Offensive

In den Medien tobt der Irak-Krieg, aber Abend für Abend nehmen sich die Zuschauer Fronturlaub und lachen bei Harald Schmidt. Eine erste Biografie erklärt die Witzkultur des Entertainers.
Dürfen wir lachen in den Zeiten des Krieges? So fragte vergangenen Donnerstag das "Hamburger Abendblatt". Und - moin, moin, an die Elbe - so lautet die Antwort: Wir tun es einfach.
Abend für Abend auf Sat.1, wenn Harald Schmidt und Manuel Andrack die bestgeföhnte Kriegskorrespondentin wählen (Siegerin: Antonia Rados auf RTL), wenn Helmut Zerlett und seine Band im Giftgrün der Irak-Bilder von CNN erscheinen und wenn Schmidt anmerkt, als er aufgeklärt wurde, habe es keine Awacs-Maschinen, sondern nur billige Heftchen gegeben, dröhnen die Lachsalven.
Eigenartig, aber erfreulich wahr: Der einstige Betroffenheitsweltmeister Deutschland, immer im Dienst an der ernsten Sache und von sauertöpfischen Traditionen angehalten, den Spaß zu exorzieren, nimmt sich in diesen Kriegstagen Fronturlaub und lacht am Abend ab. Die Spaß-muss-sein-Freunde sind diesmal unerbittlich. Die Karnevalisten lehnten es schon Anfang Januar ab, wegen eines Irak-Krieges auf ihre Umzüge zu verzichten, anders als 1991, da wegen des damaligen Golfkriegs die Kamellen im Depot blieben.
Auch eine Showpause, wie sie sich Schmidt nach dem Anschlag vom 11. September verordnet hatte, findet jetzt nicht statt, und kaum jemand verlangt nach einem solchen Zeichen. Kein Panzer stoppt die Humoristen.
Das hat Gründe. Einer ist sicherlich, dass dieser Krieg nicht wie die Schrecken von Ground Zero als Schock über die Menschen gekommen ist, er hatte eine quälend lange Vorgeschichte.
Die wichtigste Ursache aber für das anhaltende Bedürfnis nach Witz dürfte darin bestehen, dass dieser Krieg auf dem Bildschirm selber wie ein, allerdings schrecklicher, Witz erscheint - mit irrealen, unter Fälschungsverdacht stehenden Bildern und Informationen, die mit den Gefühlen der Zuschauer spielen, mit lächerlich-hilflosen TV-Ritualen, die Allwissenheit vortäuschen, wo nur Propagandanebel wabert.
Genau hier setzt die Ironie eines Harald Schmidt an, nicht um mit Lachen Trost zu spenden, sondern um die Unsichtbarkeit des Krieges lächerlich zu machen. Die Kundschaft goutiert den Spott, die Quoten der Kriegstage sacken nicht ab.
Doch die Frage will nicht verstummen: Quo vadis, Spaßgesellschaft?
Sich bloß einfach so zu amüsieren macht immer noch verdächtig. Selbst wenn das Buch der deutschen Humorgeschichte wirklich eine Leere-Blatt-Sammlung wäre - der Band mit kritischen Anmerkungen zur Spaßproduktion wäre ein dicker Wälzer, das auf der Welt ausführlichste Nein zum Nichts.
Vertrauen aufs eigene Gefühl muss hier zu Lande immer mit Kontrolleuren rechnen. Wie gut, dass gerade jetzt die erste Biografie über den TV-Entertainer Schmidt, 45, erschienen ist**. Deren Autorin, die Berliner Journalistin Mariam Lau, 41, erscheint für das Wächteramt bestens präpariert. Lau ist in Teheran als Tochter des Publizisten Bahman Nirumand geboren, war mehrere Jahre Filmredakteurin der "taz" und hat ein umstrittenes Buch über die sexuelle Folgenlosigkeit der 68er-Revolte geschrieben.
Der Irak-Krieg kam für ihr Buch zu spät, aber nicht die Frage, ob man bei Schmidt unter Niveau lacht, und wie es eigentlich dazu gekommen ist, dass sein derzeit favorisiertes Pennälergeömmel - Knecht Andrack, Völkerball und "Danke, Sven" - als höchste Form der Witzischkeit gilt, die sich durch nichts erschüttern lässt.
Um es gleich zu sagen, Lau erweist sich als eine Biografin, die ein Witzvirtuose wie Schmidt verdient hat. Sie schreibt meistens flott, ist reflektiert genug, um moralisierende Plattheiten zu vermeiden. Nur selten hebt sie in abstrakte Höhen ab, wo alle Schmidts grau werden. Und sie verhehlt ihre Gefühle und Vorlieben nicht.
Eines konnte Lau freilich auch nicht ändern: dass ein Spiegelmensch wie Schmidt, der die Zeitströmungen und Projektionen gnadenlos auf den Beobachter zurückwirft, sich einer Biografie in gewisser Hinsicht entzieht. Schmidt-Seher wissen, dass der Moderator sein Leben als geschlossenen Handwerkskasten betrachtet. Nur er allein darf herausholen, was und wie es ihm gefällt - seien es die Heftzwecken der Hypochondrie ("Der Tod sitzt im Darm"); sei es das Loblied auf die gute alte Bildung, auf Proust, Bach und griechische Götter, mit dem er die Feuilletons begeistert.
Wer wie Schmidt seine Biografie als Produktionsmittel nutzt, der möchte Monopolist seiner Selbstbeobachtung bleiben. So hat der Late-Night-Star seiner ersten Biografin alle Interviews verweigert, in denen er seine Lebensgeschichte interpretieren sollte. Lau kleidet ihren Schmerz darüber in Ironie: "Ich begann, ihm nachzustellen ... Falls ich ihm denn mal begegnen sollte, wollte ich nicht so maßlos vor mich hinwoppeln."
Aus einem gemischten Doppel Lau/ Schmidt wurde trotzdem nichts, die Biografin muss allein loswoppeln und führt den Leser erst mal durch Nürtingen, die Heimatstadt des Entertainers. Gleich entdeckt sie Überraschendes: von wegen zurückgebliebenes Schwabenkaff und muffige Brutstätte für autoritäre Erziehung und Bildungsverachtung - ein Bild, das Schmidt gern vermittelt.
In der Eingangshalle zum Hölderlin-Gymnasium, das der Entertainer sieben Jahre bis zum Abi 1977 besucht, prangt das Hölderlin-Gedicht "Lebenslauf", dessen erste Strophe den Adepten der heutigen Spaßgesellschaft wohl eher wie eine Computerstörung vorkäme: "Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt / All uns nieder, das Laid beuget gewaltiger, / Doch es kehret umsonst nicht / Unser Bogen, woher er kommt ..."
Die 40 000-Einwohner-Stadt leistet sich 30 Schulen, es gibt Nürtinger Jazztage. Schmidts Vater, Angestellter bei der Stadtverwaltung, stammt aus dem Sudetenland, die zwanzig Jahre jüngere Mutter Martha, eine gelernte Kindergärtnerin, aus Südmähren - aber von schwerer Vertriebenenbenachteiligung entdeckt Lau kaum Spuren. Der kleine Harry darf sich als Familienkasper produzieren, Eltern und Oma sind ein dankbares Publikum. Später lässt er den Mädchen die Luft aus den Fahrradreifen, wenigstens so kommt er ihnen näher - irgendwie.
Als Zivi leistet er seinen Dienst im katholischen Pfarramt der Kirchengemeinde St. Johannes ab - aus der Beobachtung des heutigen Betriebs schließt Lau, dass dort auch früher "keine frömmelnde Gemeinschaft von Hinterwäldlern" den Ton angab. Während seiner Zeit als Kriegsdienstverweigerer legt Schmidt die C-Prüfung an der Kirchenmusikschule Rottenburg ab und erobert einen inneren Schutzheiligen, mit dem er, meint Lau, den Widerspruch zwischen Weltekel und Sehnsucht nach imaginärer Gemeinschaft auszuhalten lernt: Bach und dessen Musik.
Die Schmidtologin sieht ihren Helden jedenfalls nicht als Unterdrückten, der sich - versprengt in die Provinz - nach der ''68 versprochenen Freiheit verzehrt, vielmehr interpretiert Lau Jung-Harald als einen vom Gutmenschentum der siebziger Jahre Verwöhnten, den das dauernde Betroffensein nervt.
Schmidts Lehr- und Wanderjahre - Schauspielschule, Verehrung für Claus Peymanns Stuttgarter Theater, erstes Engagement in Augsburg, die Verpflichtung ans Düsseldorfer Ko(m)mödchen durch Kay Lorentz - rekonstruiert die Biografin als den Durchmarsch eines ehrgeizigen Aufsteigers, dem es nicht um Inhalte und Bekehrung zu 68er-Zielen geht, sondern um Erfolg.
Den Idolen aus Stuttgart wie Kirsten Dene, Gert Voss und dem Regie-Titan Peymann schaut er Tricks ab, steht stundenlang vor dem Spiegel und versucht, wie sie, einen Text "aufzurauen", was immer das sein soll.
Lau beschreibt die Atmosphäre jener Jahre - Stammheim, Filbinger und immer sich einmischend: Peymann. Der Biografin gelingt auch eine gute Schilderung des ehrwürdig angestaubten Kom(m)mödchens, in das Schmidt engagiert wird, als sich im deutschen Kabarett eine Wende vollzieht - weg von der Belehrung, hin zum Spaß und gegen das falsche Pathos der Ökologiebewegten.
Schmidt singt: "Ich sah viel tote Bäume / am Rand der Autobahnen, / die hatten keine Blätter mehr / ach so, es waren ja Tannen". Die herrlich blöde Ironie tritt ihren endgültigen Siegeszug über die Ajatollahs des engagierten Humors an.
Ausführlich widmet sich die Biografie Schmidts TV-Karriere. 1988 wird er für den SFB entdeckt. Schmidt sitzt im "Künstlerabrufraum", ein Mann in Tigerjäckchen und lila Pollunder mit Günter-Netzer-Frisur, und macht das Moderatoren-Rennen für "MAZ ab!", einer Sendung mit Schnipseln aus vergangenen TV-Sendungen, dazu ein kleines Ratespiel, die ARD als Familienfeier. Mit den Gästen geht er noch steif um, aber bei den Warmups lachen sich die Leute kringelig, erinnert sich eine von Lau einvernommene Redakteurin. Da wuchs einer, der zum Solisten taugte.
Schmidts Aufstieg im Fernsehen, sei es "Psst ..." oder "Schmidteinander" - beide Sendungen mit Herbert Feuerstein, der Lau gegenüber kein böses Wort über seinen ehemaligen Kumpel verliert - verdankt sich dem Gespür für die Allgegenwart des unfreiwilligen Humors, den nur die ironische Verdopplung ausfindig machen kann. Der Mann aus Nürtingen findet trotz Irrtümern - so seine Selbstüberschätzung, er könne mit "Verstehen Sie Spaß?" massenkompatibel werden - den Weg durch die TV-Formate und Sender.
"Ich drück dich!" heißt Laus Kapitel über den Wechsel Schmidts zu Sat.1. Der kommende Programmgeschäftsführer des Senders, Fred Kogel, trifft sich mit Schmidt zu Vorgesprächen in der Schweiz, lädt später Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Fritz Egner und ihn in einen VW-Bus, fährt sie nach München zu Leo Kirch und sagt: "Leo, hier bringe ich dir die Zukunft." Kirch geht bald zur Schilderung von Kriegserlebnissen über - Kenner wissen, der Tycoon ist mit der Nachwuchslieferung einverstanden. 1995 - Schmidt hat seine US-Vorbilder Letterman, Leno und Carson studiert - startet die erste "Harald Schmidt Show" auf Sat.1.
Die Biografie begleitet die Schmidt- Entwicklung vom Bühnentyrannen und kotzenden Clown zum Feuilletonliebling. Aus "Dirty Harry" wird "His Schmidtness" mit der Dauerattitüde des gelassenen Narren.
Da sitzt er zur Rechten seines Assistenten Manuel Andrack und wähnt sich im Himmel - in der Ewigkeit der pubertären Regression, von dannen er kommt, niemand mehr zu richten, sondern über Schlüpfer, Kaugummi und, nach Lage, über den Krieg zu reden.
Im Buch des deutschen Humors gibt der neue Schmidt keine Seite aus Büttenpapier ab, sondern ein schülerhaft bekritzeltes Löschblatt. Das macht Lau plötzlich sauer, und sie kündigt dem deutschen Spaßvogel die Sympathie. Der tadelnde Eintrag in den Begleitband zur Geschichte des deutschen Humors lautet: Schmidt erfüllt nicht die sittlichen Anforderungen, die eine Katastrophe wie der 11. September erfordert.
Verglichen mit Letterman habe Schmidt im ersten Auftritt nach dem Anschlag nicht geweint und stattdessen mediale Betrachtungen angestellt. Lau: "Dreitausend Leute liegen unter dem Schutt, und wir betreiben Stilkritik." Unerhört, und wo sie gerade dabei ist: "Zu Osama Bin Laden fällt ihm nichts ein." O je, was hätte sich Harald jetzt, da Krieg ist, von seiner Biografin noch alles anhören müssen?
Die Völkerballfreunde der Welt aber schämen sich nicht: Wer lacht, hat Recht.
NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Oben: in Augsburg (1982); Mitte: in "Schmidteinander" mit Herbert Feuerstein (1995); unten: am Flügel (1994). ** Mariam Lau: "Harald Schmidt - Eine Biografie". Ullstein Verlag, München; 240 Seiten; 18 Euro.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 14/2003
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