07.04.2003

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTELockruf des Geldes

Warum ein Schuldnerberater seine Schuldnerberatung plünderte
Eigentlich hat Friedrich B. es weit gebracht in Mannheim. Er hat die Grünen mitgegründet, für die er jahrelang im Stadtrat saß; er war Kreisvorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, dazu überhäuft mit Ehrenämtern. Jetzt sitzt er in Saal 121 des Mannheimer Amtsgerichts und wartet.
Herr B. ist zu früh. In den nächsten Stunden wird es um seine Vergangenheit gehen und um seine Zukunft, und weil er bis dahin noch ein paar Minuten Zeit hat, lässt er sich an dem Tisch fotografieren, an dem gleich die Staatsanwältin Platz nehmen wird.
Der 47-Jährige trägt Jackett und Jeans, dazu ein rostrotes Hemd, ohne Krawatte - er sieht aus wie jemand, der sich auf eine schwere Prüfung vorbereitet hat.
Der Vorwurf lautet auf Untreue: Als Geschäftsführer der örtlichen Schuldnerberatung hat B. Geld auf seine Privatkonten geschafft, "treuewidrig transferiert", wie es die Staatsanwältin nennt, 30-mal in zweieinhalb Jahren: insgesamt 240 266 Mark. Er habe Steuerschulden gehabt, heißt es, den Überblick verloren, zuerst über die Finanzen seiner PR-Agentur und später über sein Leben.
Der Zuschauerraum ist voll besetzt: ein Schuldnerberater, der mit seinen eigenen Schulden nicht umgehen kann. Die Mannheimer sind neugierig, was "der Frieder" sich dabei gedacht hat und wie er aus der Sache rauskommt.
B. ist damals zu den Grünen gegangen, weil er die Welt besser machen wollte, gerechter, ehrlicher, sozialer. Er kümmerte sich um Finanzen, Bürgerdienste, Demokratisierung, Soziales - ein Idealist, der für seine Ideale hart arbeitete, manchmal 90 Stunden in der Woche.
Die Zuschauer im Saal wollen auch sehen, was von B.s Idealen übrig geblieben ist.
Er habe sich eine Menge aufgehalst, sagt B. Es war offenbar so viel, dass er es 1997 versäumte, eine Steuererklärung abzugeben. So fing es an.
Das Finanzamt schätzte daraufhin sein Einkommen und forderte für das folgende Jahr eine Vorauszahlung. Obwohl sie höher ausfiel als erwartet, verzichtete B. auch 1998 auf die Abgabe einer Steuererklärung. Stattdessen zahlte er Mahngebühren und Verspätungszuschläge. Bald war seine Steuerschuld so groß, dass sein Konto gepfändet wurde.
In dieser Lage kam B. die Idee, sich das Geld einfach zu nehmen, das ihm fehlte. Als Geschäftsführer hatte er Zugriff auf die Geschäftskonten; im März 1999 überwies er sich die ersten 5000 Mark auf sein Privatkonto.
Wie er sich gefühlt habe nach der ersten Überweisung, will der Richter wissen. "Es war sicherlich nicht angenehm", sagt B. leise.
"Haben Sie verdrängt?"
"Das probiert man ja immer, man will ja leben."
Ob ihm klar gewesen sei, dass die Überweisungen "in höchstem Maße unmoralisch" waren. B. nickt. Er habe das Geld später zurückzahlen wollen, behauptet er.
Damals gerieten seine Ideale zum ersten Mal in Gefahr. Er hat es nicht wahrhaben wollen.
Warum er nicht einfach seine Steuererklärung nachgereicht habe, will der Richter wissen. "Das frage ich mich heute auch", sagt B. Wieso er als Kaufmann glaubte, damit durchzukommen? "Ich kann's mir nicht erklären."
Als Geschäftsführer der Schuldnerberatung war B. verpflichtet, einmal im Jahr einen Abschluss vorzulegen. Für die Jahre 2000 und 2001 fehlt diese Bilanz. Der Richter hat die Chefs der beiden Trägervereine, der Arbeiterwohlfahrt und des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, als Zeugen geladen. Er will wissen, wie sie das akzeptieren konnten.
Es sei "wohl versäumt worden, das von Herrn B. anzufordern", sagt der Mann von der Arbeiterwohlfahrt. Es gab "Verzögerungen, die wir hingenommen haben", antwortet der Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. An diesem Tag lernen die Zuhörer einiges über das lässige Verhältnis, das die Funktionäre von Wohlfahrtsverbänden zu Geld haben, das ihnen nicht gehört.
Als das Ganze im Oktober 2001 herauskommt, durch einen Zufall, verspricht B., das Geld zurückzuzahlen. Er hat es bis heute nur zum Teil getan. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin besitzt er ein Haus in Mannheim, mit drei Wohnungen, das die beiden 1996 für 720 000 Mark gekauft haben.
Ob er mal daran gedacht habe, das Haus zu verkaufen, fragt der Richter. B. verneint. Von den Idealen, die er einmal gehabt hat, trennen ihn in diesem Augenblick 20 Jahre, gut 240 000 Mark und ein Haus, das noch nicht einmal bezahlt ist. Sein Nein ist eine Kapitulation, und jeder im Saal spürt es.
Von einem "moralischen Skandal" spricht der Richter in seiner Urteilsbegründung: Es sei für die Allgemeinheit ein unerträglicher Gedanke, "dass Sie da sitzen und die öffentlichen Gelder, die Sie veruntreut haben, nach vier Jahren noch immer nicht zurückgezahlt haben - und gleichzeitig den Wert Ihres Hauses steigern".
B. blickt starr nach vorn. Er ist inzwischen von seinen Ehrenämtern zurückgetreten, seine Grünen zeigten sich "auch menschlich" sehr enttäuscht. Er bekommt ein Jahr und neun Monate, auf Bewährung. Er muss nicht ins Gefängnis.
Es sieht aus wie ein Sieg. Es ist eine Niederlage. HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 15/2003
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