07.04.2003

OLYMPIA„Etwas Originelles anbieten“

Das Schweizer IOC-Regierungsmitglied Denis Oswald, Chefinspekteur für die Spiele in Athen 2004, über die Chancen und den günstigen Zeitpunkt einer deutschen Bewerbung
Oswald, 55, nahm als Ruderer an drei Olympischen Spielen teil. Der Präsident des internationalen Ruderverbands trat 1991 ins Internationale Olympische Komitee (IOC) ein. Dort sitzt er seit 2000 in der Exekutive. Als Chefinspekteur überwacht der Schweizer die Vorbereitungen Athens auf die Spiele 2004. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Oswald, wenn das nationale Olympia-Komitee am Samstag die deutsche Bewerberstadt für die Spiele 2012 gekürt hat, wird Streit erwartet. Können missgünstige Verlierer die internationalen Aussichten einer Kandidatur schmälern?
Oswald: Solch ein Streit wäre normal, darf aber nicht mehr als eine Woche dauern. Wenn nach Monaten aus den unterlegenen Städten immer noch die Kritik zu hören sein würde, dass ihre Bewerbungen eigentlich besser gewesen seien, käme das bei uns im IOC in der Tat nicht so gut an.
SPIEGEL: Manche stimmberechtigte Verbandsvertreter glauben, dass eine deutsche Stadt angesichts namhafter Konkurrenz ohnehin nicht vor dem IOC bestehen könne - und planen daher, nach regionaler Verbundenheit abzustimmen. Zu Recht?
Oswald: Solch ein Abstimmungsverhalten wäre verständlich, aber falsch. Man muss immer von seiner Chance überzeugt sein. Wer hätte gedacht, dass die Jahrhundert-Spiele 1996 nicht nach Athen gehen würden? Dann aber gab Athen eine schlechte Bewerbung ab, und Atlanta gewann.
SPIEGEL: Was ist denn von der Behauptung zu halten, wonach sich ein Kandidat mindestens einmal vergebens beim IOC vorgestellt haben muss?
Oswald: Nichts. Atlanta gewann im ersten Anlauf. Es wird auch keiner dafür belohnt, dass er es häufig versucht hat. Die schwedische Stadt Östersund bewarb sich dreimal vergebens um die Winterspiele.
SPIEGEL: Sind die Chancen einer deutschen Stadt gestiegen, weil der Konkurrent New York, der nach dem 11. September als Favorit galt, mit dem Beginn des Irak-Kriegs seinen Vorteil einbüßte?
Oswald: Ich habe diese Favoritenstellung auch vorher nicht erkennen können. Man wird für erlittene Anschläge nicht durch Olympische Spiele entschädigt.
SPIEGEL: Sollten die Deutschen eine möglichst bekannte Stadt ins Rennen schicken?
Oswald: Der Klang einer Stadt kann eine gewisse Rolle spielen. Aber noch wichtiger ist die Qualität der Kandidatur - und auch die Größe der Stadt. Wegen der gewachsenen Anforderungen hat man mit weniger als einer Million Einwohner keine Chance. Denn man muss auch an die nacholympische Nutzung der Anlagen denken: Wozu braucht eine 500 000-Einwohner-Stadt zehn Stadien?
SPIEGEL: Demnach käme nur Hamburg als einzige Millionenstadt der fünf deutschen Bewerber in Frage. Andererseits repräsentiert etwa die 650 000-Einwohner-Stadt Frankfurt eine Bewerberregion mit 4,5 Millionen Menschen. Düsseldorfs Kandidatur schließt 14 Kommunen ein. Wie werden solche Flächenkonzepte im IOC beurteilt?
Oswald: Wenn sich in Wahrheit eine ganze Region bewirbt, muss man womöglich skeptisch sein. Denn wir wollen kompakte Spiele. Und wenn die Region kein gutes Transportsystem hat, kann es Probleme geben. Wichtig ist aber auch, dass ein Bewerber etwas Originelles anzubieten hat.
SPIEGEL: Hamburg wirbt mit dem Konzept der Spiele am Wasser. Ist das nach Sydney 2000 noch originell?
Oswald: Ja. Sydney liegt zwar am Wasser, hat aber bei Olympia gar nicht so viel mit dem Wasser gespielt. Die Hamburger Idee gibt der Bewerbung eine Identität.
SPIEGEL: Wie wichtig ist der Rückhalt in der Bevölkerung? Leipzig etwa rühmt sich einer Zustimmungsquote von 92,4 Prozent.
Oswald: Es kommt immer auf die Fragestellung an. Die Leute müssen auch dann noch für Olympia sein, wenn es Geld kostet. Außerdem wirkt es immer seltsam, wenn annähernd 100 Prozent für etwas sind. In einem demokratischen Land könnten ruhig 25 Prozent dagegen sein.
SPIEGEL: Die Entscheidung des IOC fällt im Juli 2005, knapp ein Jahr nach den Spielen in Athen. Spielt der Zeitpunkt für die deutsche Bewerbung eine Rolle?
Oswald: Das kann gut sein. Man reagiert immer auf Erfahrungen. Nach den Winterspielen von Albertville, wo die Wettkampfstätten weit voneinander entfernt waren, wollte man es enger haben. Und nach Athen wird man vielleicht einen Ausrichter wollen, mit dem man kein Risiko eingeht. Die Deutschen haben den Ruf, dass sie auch liefern, was sie versprechen. Sicher, die griechische Mentalität ist sympathisch. Aber als Verantwortlicher hat man lieber etwas weniger Improvisation.
SPIEGEL: Als Chefinspekteur des IOC prüfen Sie in dieser Woche erneut die Athener Fortschritte. Worauf muss man gefasst sein?
Oswald: Mit manchen Projekten sind sie 60 bis 90 Tage in Rückstand. An einigen Baustellen kann noch intensiver gearbeitet werden, aber womöglich muss man am Ende Prioritäten setzen, weil nicht alles fertig wird. Bei den Wettkämpfen wollen wir keine Abstriche machen, aber für die Zuschauer wird es vielleicht nicht so bequem wie geplant. So wird die Qualität der Spiele leiden. INTERVIEW: JÖRG KRAMER
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 15/2003
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DER SPIEGEL 15/2003
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