07.04.2003

FILMDon Quijote oder Sisyphos?

Der Dokumentarfilm „Herr Wichmann von der CDU“, auf der Berlinale gefeiert, zeigt einen Wahlkämpfer in der Uckermark - und die Mühen der Demokratie. Von Norbert Blüm
Blüm, 67, CDU-Mitglied seit 1950, war von 1982 bis 1998 Bundesarbeitsminister. Im Herbst 2002 schied er aus dem Bundestag aus. Regisseur der diese Woche im Kino anlaufenden Dokumentation "Herr Wichmann von der CDU" ist der aus Gera stammende Andreas Dresen, 39, der für die Spielfilme "Nachtgestalten" (1999) und "Halbe Treppe" (2002) viel Lob erhielt. -------------------------------------------------------------------
Dies ist kein Film über "Herrn Wichmann von der CDU", sondern eher ein Bericht aus den Niederungen des Wahlkampfes. "Herr Wichmann von der CDU" könnte auch durch "Herrn Eiermann von den Grünen" oder "Frau Schmipfke aus der SPD" oder sonst irgendeinen Wahlkämpfer ausgetauscht werden.
Henryk Wichmann, der 25jährige Direktkandidat der CDU bei der letzten Bundestagswahl in der Uckermark in Brandenburg, ist ein politischer Doppelgänger von Don Quijote. Der Film von Andreas Dresen holt die Realität des Wahlkampfes ins Bild zurück, wie Sancho Pansa dem Don Quijote die Wirklichkeit vor Augen führt. Wer eigentlich repräsentiert das Realitätsprinzip in der virtuellen Welt der inszenierten Politik? Das Wahlvolk! Und das ist der eigentliche Hauptdarsteller des Films.
Es blitzt und donnert ständig im Überbau der Politik. Slogans und Events haben im Wahlkampf ihre große Zeit, derweilen der Alltag unverändert grau dahindämmert. Die Demokratie muss sich mit den Menschen begnügen, so, wie sie sind, selbst in der Uckermark. Überall dort, wo versucht wurde, Politik zu machen mit Menschen, wie sie sein sollen, verwandelte sich der Staat im günstigsten Fall in ein Erziehungsheim, im schlimmsten in ein Lager mit wechselnder Bewachung.
"Alles klar" ist eine oft wiederholte Selbstvergewisserung von Wichmann, von der er offenbar hofft, dass sie andere mitreißt. In seiner Unbeholfenheit löst der flotte Wichmann bei mir sogar ein Stückchen Mitleid aus.
Wer über ihn die Nase rümpft, wenn er - wie in Dresens Film gezeigt - auf der Straße Passanten anbaggert und durch Wirtshäuser tingelt und mit halb Betrunkenen die Nationalhymne grölt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob etwa beim Mega-Duell der Kanzlerkandidaten wirklich tiefer geschürft wird als in Wichmanns Wahlkampf. Na gut, ganz so primitiv geht es dort nicht zu. Medienexperten behaupten jedoch, die Farbe der Krawatte, der Gesichtsausdruck, der Tonfall hätten ein größeres "Akzeptanzgewicht" als der Inhalt der Argumente. Was aber hat zum Beispiel die Mimik mit der Brauchbarkeit eines Steuerkonzeptes zu tun?
"Machtversessen" und "machtvergessen" hat Richard von Weizsäcker vor Jahren die Politiker genannt und dafür viel Zustimmung von intellektuellen Stammtischen eingeheimst. Wo ist, so frage ich mich, der Wichmann "machtversessen"?
Der Mann, der von allen Plakaten und in jeder Rede "Frischen Wind" ankündigt, hat es eher mit der Standfestigkeit seines windanfälligen Sonnenschirms am Wahlkampfstand als mit der Eroberung von Macht zu tun. Seine Machtgelüste verkümmern bisweilen zur Frage, ob Jürgen Rüttgers pünktlich zum Finale der Schlusskundgebung kommt, auf der zum angegebenen Zeitpunkt ein paar Zaun-gäste und gelangweilte Halbstarke zu sehen sind.
Ja, keinen Passanten lässt Wichmann unbehelligt ziehen, und ich stelle mir vor, dass ihm diese Anbiederei nicht leicht fällt. Denn vom Naturell her ist er kein Marktschreier. Ab und zu huscht über sein Gesicht die Melancholie der Vergeblichkeit, etwa wenn sein Wahlprogramm weniger gefragt ist als der Gratis-Kuli.
In seiner verzweifelten Autosuggestion, ausgerechnet in einer SPD-Hochburg das Blatt zu wenden, ähnelt er nicht mehr Don Quijote, sondern eher Sisyphos. Solange ein Fünkchen Hoffnung auf Zustimmung glimmt, leistet sich Wichmann keinen Widerspruch, selbst wenn er hätte widersprechen müssen. Dem Rep-Mann weiß er eigentlich nichts anderes entgegenzusetzen als den Hinweis, dass die Stimmen für die Republikaner verlorene Stimmen seien. Die Mimikry des Wahlkämpfers ist eine Form freiwilliger Selbstverstümmelung.
Wahlkampf ist so kompliziert wie das Leben, und hier wie da sind Helden rar. Demokratie ist - Gott sei Dank - keine Staatsform für Helden. Schon Brecht wusste, dass eine Gesellschaft, die der Helden bedarf, schlimmer ist als eine, die keine hat.
Als Wichmann am Abend des Wahltags erfährt, dass seine ganze Wahlkampf-Maloche den CDU-Wähleranteil gerade mal um ein Prozent gesteigert hat, wäre ich gern Mäuschen in seiner Seele gewesen. Wird er sich gefragt haben, ob er in vier Jahren den Stein sisyphosgleich noch einmal nach oben wälzen oder sich lieber wie Don Quijote von seinen Niederlagen in eine Traumwelt retten oder gar die Politik ganz sausen lassen soll?
Bei Licht betrachtet ist Wahlkampf eine Exerzitie gegen die Selbstgefälligkeit der Macht. Politiker müssen dem Volk nachlaufen. Das ist in Diktaturen anders. Demokratie ist Kampf um Zustimmung. Deshalb buhlen die demokratischen Politiker um die Gunst des Volkes, und wenn sie dabei ein kleines Quäntchen Mut und Moral daran hindert, der Versuchung nachzugeben, dem Volk einfach nach dem Maul zu reden, ist diese Regierungsform sogar pädagogisch.
Egal ob Don Quijote oder Sisyphos, ich kann dem Wichmann aus der uckermarkschen Tiefebene, seiner verbissen lockeren "Alles klar"-Gelassenheit Sympathisches abgewinnen. Und wenn Wichmann am späten Wahlabend entgegen eingefleischten CDU-Voreingenommenen die Prognosen der ARD für politisch seriöser als die von RTL hält, weil sie noch spät Stoiber vorn haben - da beweist der Film von Dresen, dass das Leben noch immer die besten Komödien schreibt.
Von Norbert Blüm

DER SPIEGEL 15/2003
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