19.04.2003

KRIEGSFOLGEN„Doppelt so viel Dioxin“

Jeanne Mager Stellman, 55, Gesundheitswissenschaftlerin an der New Yorker Columbia University, über den Einsatz von dioxinhaltigen Herbiziden wie Agent Orange im Vietnam-Krieg
SPIEGEL: Sie haben mittels Militärdokumenten aus der Zeit des Vietnam-Kriegs den Einsatz von Agent Orange und anderen Herbiziden untersucht. Was haben Sie herausgefunden?
Stellman: Dass US-Truppen und die südvietnamesische Armee zur Entlaubung des Urwalds über sieben Millionen Liter mehr versprüht haben als bislang angenommen.
SPIEGEL: Warum kommt so etwas erst jetzt heraus?
Stellman: Es ist fast ein kleines Wunder, dass es überhaupt herausgekommen ist. Bisher gab es nur eine erste grobe Schätzung aus dem Jahr 1974, in der Spray-Flüge aufgelistet sind, und diese Liste ist dann jahrelang nicht mehr angezweifelt worden.
SPIEGEL: Wie kamen Sie darauf, dass da etwas nicht stimmte?
Stellman: Eigentlich nur durch Zufall. Im Rahmen einer Forschungsarbeit habe ich die ursprüngliche Liste mit anderen Militärdokumenten verglichen. Am Ende kam fast die doppelte Menge an versprühtem Dioxin heraus.
SPIEGEL: Wie kommt dieser gewaltige Unterschied zu Stande?
Stellman: Zum einen wurde die Dioxin-Konzentration der Herbizide in der ursprünglichen Schätzung wahrscheinlich viel zu niedrig angesetzt. Zudem beruht diese Schätzung nur auf Daten ab dem Jahr 1965. Doch gerade in der frühen Kriegsphase ab 1961 wurde, wie uns Dokumente gezeigt haben, schon sehr viel gesprüht. Außerdem war die Dioxinkonzentration der Entlaubungsmittel in dieser Zeit noch viel höher als später.
SPIEGEL: Der Vietnam-Krieg ist seit fast 30 Jahren beendet. Was nützt den Menschen in Vietnam und den US-Veteranen jetzt noch solch eine Untersuchung?
Stellman: Uns ging es eigentlich darum, erstmals genaue Karten zu erstellen, auf denen man ablesen kann, wann wo was auf wen gesprüht wurde. Solche Karten machen sinnvolle Studien über die schädlichen Wirkungen von Agent Orange überhaupt erst möglich. Zum Beispiel wurden oft kleine Flächen besonders intensiv besprüht, was die Konzentration unter Umständen enorm erhöht. So etwas wurde bisher einfach alles statistisch in einen Topf geworfen.

DER SPIEGEL 17/2003
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