28.04.2003

Der magische Gipfel

Vor 50 Jahren bezwangen der Neuseeländer Edmund Hillary und der Sherpa Tensing Norgay als Erste den Mount Everest. Seither versuchen sich Tausende Hobby-Kraxler am höchsten Berg der Erde - das Abenteuer bezahlen viele mit dem Leben.
Der Spuk beginnt abends zwischen acht und neun, wenn die Sonne längst untergegangen ist über dem Zeltdorf am Fuß des Mount Everest. Das schneeweiße Monstrum knirscht, knackt und poltert, als würde es erwachen. Die Bergsteiger und ihre Träger aus dem Volk der Sherpas kriechen im 5400 Meter hoch gelegenen Basislager noch tiefer in ihre Schlafsäcke. Die Temperatur ist auf 15 Grad minus abgesackt.
Der unheimliche Lärm stammt aus dem Eisbruch, einer Gletscherschlucht, die an das nepalesische Basislager grenzt. Er übertönt das leise Heulen des Windes und den hellen Singsang der Sherpas. Gelegentlich rollen oberhalb des Gletschers Lawinen dumpf donnernd talwärts, und ab und an ist ein Krachen zu hören, als würden Gebäude einstürzen. Dann haben mächtige Séracs, haushohe Eisblöcke, ihren Halt verloren und sind zur Seite gekippt.
Gebannt lauscht Roland Brand, 51, in seinem Zelt dem Rumpeln des höchsten Berges der Welt. "Das ist die Musik des Everest", sagt der Bergsteiger aus dem fränkischen Uffenheim; er kennt die Tücken des Giganten im Himalaja, und er weiß, dass die Musik des Everest nichts Gutes verheißt: Im Eisbruch werden dann Pfade verschüttet, über die Bergsteiger sich ihren Weg nach oben bahnen müssen.
Vor drei Jahren war Brand schon einmal hier; damals irrte er auf der tibetischen Nordseite zwei Tage orientierungslos im Schneesturm umher. Die Hand war nicht mehr vor Augen zu sehen, "Whiteout" nennt sich das Phänomen. Der Schnee war zu Eisgranulat erstarrt, und die pfeifenden Böen peitschten das Eis so hart auf Brands Körper, "dass ich da wie in einem Sandstrahlgebläse kauerte".
Knapp 8000 Meter hoch, nicht weit vom Ziel, gab Brand mit zwei Leidensgefährten aus der Schweiz schließlich auf - und kam wohl deshalb mit dem Leben davon.
In diesen Tagen wagt er seinen zweiten Versuch. Seit Mitte April haust er mit vier weiteren Deutschen, drei Schweizern und vier nepalesischen Hochträgern im Basislager. Wenn das Wetter mitspielt, will die Gruppe um den Hotelier Eckard Schmitt, 55, aus dem oberbayerischen Bad Tölz am 29. Mai um 11.30 Uhr auf dem Gipfel stehen - an jenem Tag und zu jener Uhrzeit erreichten vor genau 50 Jahren der Neuseeländer Edmund Hillary und der indische Sherpa Tensing Norgay als erste Menschen den höchsten Gipfel der Erde.
Rund 1200 Bergsteiger, darunter 21 Deutsche, haben nach den beiden nun schon auf dem Gipfel gestanden - und trotzdem hat der nach neuester Messung 8850 Meter hohe Everest nichts von seinem Mythos verloren. Ganze Heerscharen von Bergsteigern wagen sich inzwischen an ihn heran, und im Jahr des Jubiläums sind es
so viele wie nie zuvor: Mehr als 40 Expeditionen mit gut 500 Alpinisten und Sherpas warten derzeit auf der nepalesischen Süd- und der tibetischen Nordseite auf das Startsignal zum Gipfelsturm: eine günstige Wetterprognose.
Die Bergsteiger wissen, dass sie ihr Leben riskieren, auch wenn das Wetter von Ende April bis Ende Mai als vergleichsweise stabil gilt. Aber selbst jetzt kann es sich schnell ändern: blauer Himmel am Morgen, schlimmste Schneestürme am Nachmittag. Temperaturstürze von 40 Grad plus in der Mittagssonne auf 40 Grad minus in der Nacht - das ist die gefährliche Normalität am Everest.
Selbst bei gutem Wetter ist der kurze Ausflug ans Ende der Troposphäre eine Tortur: Jenseits der 8000-Meter-Marke gehen die Bergsteiger am Limit. Sie quälen sich durch die dünne Luft, sie stapfen mit schmerzverzerrtem Gesicht durch den Schnee und versinken oft bis zur Hüfte. Sie ächzen und stöhnen und verfluchen den Berg. Und dennoch: "Das Einzige, was man da oben wirklich nicht will", sagt der Augsburger Everest-Bezwinger Bernd Kullmann, "ist irgendwo anders zu sein."
Ein Theater der Triumphe und der Tragödien war der Everest seit den zwanziger Jahren, als die Pioniere an ihm scheiterten. Zu einer Arena des Wahnsinns verkam er, als Amateur-Kletterer in den achtziger und neunziger Jahren im Gänsemarsch zum Gipfel stiegen.
Schauspiele größter Selbstlosigkeit und grenzenloser Rücksichtslosigkeit gaben Alpinisten auf der höchsten Bühne der Welt: Es traten die Sachsen Thomas Türpe und Jörg Stingl auf, die 1996 auf den Gipfel verzichteten, um einem Japaner das Leben zu retten. Und es gab, zur selben Zeit, Szenen kalter Skrupellosigkeit: Achtlos ließen japanische Bergsteiger auf dem Weg nach oben drei Inder im Schnee sterben, obwohl sie die halb erfrorenen Höhenkranken mit ihren Sauerstoffflaschen wohl am Leben hätten halten können - Kollateralschäden beim Kampf um den Gipfel.
Der Everest ist zum Synonym für Höchstleistung, Erfolg und Größe geworden - aber auch für krankhaften Ehrgeiz. In einer Höhe, in der kaum noch eine Vogelart fliegen kann, weil die Luft zu dünn ist, ziehen die Karawanen der Erschöpften benommen über eisglatte Pfade. Sich selbst und anderen wollen sie auf dem eisigen Weg zum Himmel beweisen, dass sie stärker sind als die Naturgewalten.
Geradezu magisch scheint die Anziehungskraft des Berges zu sein, seit Briten den damals noch "Peak XV" genannten Gipfel im Norden ihrer Kolonie Indien als höchste Erhebung der Welt orteten und ihn 1856 nach dem Chef-Vermesser Ihrer Majestät in Indien, George Everest, benannten. Als Sagarmatha verehren die Nepalesen den Berg; die Tibeter nennen ihn Chomolungma, beides bedeutet Gottmutter der Welt.
Dabei gibt es attraktivere Schneeriesen - wie den 8611 Meter hohen K2 im pakistanischen Karakorum. Oder technisch anspruchsvollere - wie den 8463 Meter messenden Makalu in Nepal. "Aber der K2 ist eben nur der zweithöchste, der Makalu der fünfthöchste Berg", sagt der Südtiroler Profi-Bergsteiger Hans Kammerlander, 46, der auf 13 der 14 Achttausender stand.
"Es ist die Höhe, allein die Höhe, die die Magie des Everest ausmacht", sagt Kammerlander - und dieser Faszination erliegen immer mehr Freizeitkletterer. 1980 schafften es 10, 1990 waren es schon 72. 1998 kletterten 121 Bergsteiger hoch, im vorigen Jahr waren es 159. Am 23. Mai 2001 kam es zum bisher größten Stau am Gipfel: 88 Bergsteiger versuchten, einen Stehplatz auf den wenigen Quadratmetern über dem Rest der Welt zu ergattern.
Aber der Everest ist auch der höchste Friedhof der Welt geworden. 175 Frauen und Männer sind an seinen Flanken ums Leben gekommen: 59 Bergsteiger erstickten in Lawinen oder wurden von herabfallenden Steinen oder Eisbrocken erschlagen. 44 stürzten Hunderte oder Tausende Meter in die Tiefe. 44 starben vor Erschöpfung, 28 verschwanden auf unbekannte Weise.
Dutzende Gedenksteine mit gemeißelten Inschriften wie "Marty Hoeg 1951- 1982" säumen den Weg, weiter unten. Und schwer fällt es vielen Bergsteigern - weiter oben -, die Allee der gefrorenen Leichen zu passieren, die in mancher Saison rechts und links der Spuren im Schnee liegen. Die meisten Toten des Everest werden nicht geborgen, weil Hubschrauber so hoch nicht fliegen können - und weil es nicht lohnt, ein Leben für eine Leiche zu riskieren. So gehören die Toten, die den Weg nach oben pflastern, zum Berg, seit Menschen versuchen, ihn zu besteigen.
Es war Ende Juni 1921, die Zeit der Entdeckungen ging langsam zu Ende: Elf Jahre zuvor hatten die Amerikaner Robert Peary und Frederick Cook darüber gestritten, wer zuerst am Nordpol war; fast zehn Jahre war es her, dass der Norweger Roald Amundsen den Südpol betrat. Aber es galt noch, den dritten Pol zu erobern: den höchsten Berg der Erde. Eine britische Expedition machte sich auf den Weg zum Everest.
Mit dabei war der Lehrer George Mallory, 35, ein empfindsamer Mensch mit großen, wachen Augen. Er hatte seinen Dienst quittiert, um Aufregenderes als Schulstunden zu erleben. Er wollte am Everest Geschichte schreiben. Das tat er - nur anders, als er sich das vorgestellt hatte.
Die Briten pirschten sich von der tibetischen Nordseite an ihr Ziel heran, weil Nepal bis 1949 keine Ausländer ins Land ließ und den Zugang vom Süden damit blockierte. Die Gruppe fand eine Aufstiegsroute über den Nordsattel. Dann gaben die Männer erschöpft auf.
Aber die Faszination des Berges ließ Mallory nicht mehr los. Er war wieder dabei, als eine zweite britische Expedition 1922 die 8000-Meter-Marke überstieg. Mit Knickerbocker-Hosen, mehreren Pullovern übereinander und gewickelten Gamaschen. Die Clubkrawatten um die frierenden Hälse gebunden, waren die Bergsteiger eher für eine nette Alpentour gerüstet als für das Eis des Himalaja. Und: Nylon war noch nicht erfunden, die dicken Kletterseile aus Hanf saugten sich im Schnee voll, wurden unerträglich schwer und steif.
Mit Nagelschuhen an den Füßen und Sauerstoffflaschen auf dem Rücken stapften die Bergsteiger in die so genannte Todeszone des Everest - jene Höhenlage oberhalb von etwa 7500 Metern, in der Menschen ohne Sauerstoffgeräte nicht lange überleben können. Ein Wetterumschwung brachte Sturm und Schnee, und in ihrem Lager auf knapp 7800 Metern rissen Orkanböen "mit solcher Gewalt am Zelt, dass der Zeltboden mit seiner menschlichen Last mehr als einmal vom Boden abgehoben wurde", notierte Expeditionsmitglied George Finch.
Mit aller Kraft versuchten die vier Männer, ihr Zelt festzuhalten. In jeder Böe drohte es zu zerreißen und wegzufliegen. "Das wilde Flattern der Zeltwände klang wie MG-Feuer", schrieb Finch später. Durch die kleinsten Öffnungen trieb der Wind winzige Eiskristalle ins Zelt. Vor Mitternacht waren "alle dick mit gefrorenem Treibschnee bedeckt"(Finch), er drang in die Schlafsäcke und in die Kleidung.
Und wieder scheiterte die Expedition. Die Briten kamen nicht bis zum Gipfel, aber immerhin heil wieder hinunter ins Basislager. Die Bilanz ihrer Expedition: Zwei Mitglieder stiegen auf 8321 Meter - das hatte vor ihnen niemand geschafft. Der Preis dafür aber war hoch: Sieben Sherpas, die ihnen halfen, Zelte, Sauerstoff und Proviant zu tragen, wurden am Nordsattel von einer Lawine überrollt.
Für das Bergvolk der Sherpas, die in Tibet und Nepal rund um den Everest leben, waren die Toten ein düsteres Zeichen der Götter. Nie hatten Sherpas versucht, die Gipfel zu besteigen - bis die "Sahibs" kamen, die verrückten Weißen. Berge waren für Sherpas keine sportliche Herausforderung, eher lästige Hindernisse auf den Handelswegen zwischen Nepal und Tibet. Zudem glauben die Sherpas, dass am Everest Götter residieren, die nicht gestört werden dürfen. Und sie glauben, dass die Götter Menschen bisweilen strafen, die ihnen zu nahe kommen.
Doch Mallory ließ sich nicht abhalten: 1924 machte sich die dritte britische Expedition auf den Weg. George Mallory und der Student Andrew Irvine, 22, wollten zum Gipfel. "Wir erwarten keine Gnade vom Everest", sagte Mallory.
"Die Erfolgschance ist gering, größer ist die Chance, dass es uns ziemlich übel ergeht", schrieb er seiner Mutter.
Am 8. Juni 1924 stiegen die beiden hoch. Der Gipfelgrat war von Wolken umhüllt, gegen 12.50 Uhr riss die Wolkendecke kurz auf. Teamkollege Noel Odell sah aus einer Höhe von 7925 Metern einen schwarzen Punkt, der sich bewegte, und kurz darauf einen zweiten, beide über 8500 Meter hoch. "Dann verschwand die ganze faszinierende Vision", so Odell.
Er war der Letzte, der Mallory und Irvine lebend sah.
1933 wurde, gut 8400 Meter hoch, Irvines Eispickel gefunden, 1991 eine Sauerstoffflasche aus der Zeit der beiden. Bis heute rätseln Experten, ob sie den Gipfel geschafft haben könnten - lange vor Hillary und Tensing Norgay: "Ich weiß es wirklich nicht. Es spricht wohl mehr dagegen als dafür. Aber niemand kann das definitiv wissen", sagt Bergsteiger-Legende Hillary im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 171).
Ein sensationeller Leichenfund vor vier Jahren auf der Nordseite des Everest schien Licht ins Dunkel um den mysteriösen Tod der Bergsteiger bringen zu können: Der Frankfurter Geologe Jochen Hemmleb, 31, hatte zehn Jahre lang wie ein Detektiv an dem Fall gearbeitet. Er verfasste eine Art Forschungsbericht, stellte ihn ins Internet - und fand Gleichgesinnte, die mit ihm nach Mallorys Leiche suchen wollten.
Hemmleb rekonstruierte zunächst, wo Mallory und Irvine 1924 abgestürzt und wohin sie gefallen sein könnten. Im Frühjahr 1999 lenkte er von der Nordseite des Everest aus eine Suchexpedition. Am 1. Mai 1999 fanden die Bergsteiger Tap Richards, 25, Conrad Anker, 36, und Jake Norton, 25, in etwa 8000 Meter Höhe zunächst "einen regelrechten Friedhof voller zerschmetterter, steif gefrorener Körper" (Hemmleb). Der Anblick habe ihn "umgehauen", sagt Richards, es sei "unheimlich, grausig und bedrückend" gewesen.
Nicht weit davon entdeckte die Crew dann Mallory, 75 Jahre nach dessen Tod: 8159 Meter hoch lag der Leichnam, der Länge nach ausgestreckt und gut erhalten. Die Haut schimmerte wie Marmor, das rechte Schien- und das Wadenbein waren gebrochen, der rechte Ellenbogen deformiert. Das Kletterseil, das Mallory umspannte, hatte seinen Brustkorb gequetscht.
Die Suchmannschaft fand neben dem Toten einen Höhenmesser, eine Schneebrille, einen Lederstiefel mit Nagelsohle, eine Dose Fleischpastillen. Der Hemdkragen des Toten trug den Schriftzug "G. Mallory", ein blau-rotes Taschentuch sein Monogramm. In das Taschentuch waren Briefe eingewickelt, einer adressiert an "George Leigh Mallory Esq., c/o British Trade Agent, Yatung, Tibet".
Identitätsbeweise genug, allein: Aus dem Fundort der Leiche konnten die Männer nicht schließen, ob der Brite auf dem Weg zum Gipfel abgestürzt war - oder auf dem Rückweg. Dann suchten sie nach Mallorys Fotoapparat. Denn wäre er auf dem Gipfel gewesen, hätte er wohl ein Bild gemacht. Aber sie fanden nichts. Das größte Rätsel am Everest bleibt ungelöst.
Die Magie des Mount Everest zog schon zu Zeiten der Pioniere wie Mallory Exzentriker zuhauf an - etwa den Engländer Maurice Wilson, der in den Annalen des Berges als "der verrückte Yorkshire-Mann" geführt wird: Überzeugt davon, ein Werkzeug Gottes zu sein, kaufte Wilson sich ein einmotoriges Flugzeug, taufte es auf den Namen "Ever-Wrest" ("immer ringend") - und heckte den Plan aus, weit oben am Everest auf Schnee notzulanden und von dort zum Gipfel zu schreiten.
Wilson kam, 1934 eine fliegerische Glanzleistung, nach einem zweiwöchigen Alleinflug bis nach Indien - wo ihm danach allerdings die Starterlaubnis verweigert wurde. Zweimal scheiterte er bei dem Versuch, dann eben zu Fuß auf den Everest zu kommen. Vom dritten Anlauf kehrte er nicht mehr zurück.
Ein Jahr später wurde sein Leichnam gefunden, dazu sein Tagebuch. Die letzte Eintragung: "Wieder geht''s los, herrlicher Tag!"
Jahrzehntelang scheiterten alle Versuche, den Gipfel zu besteigen. Doch nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es neue Hoffnung: Nepal öffnete seine Grenzen. Bergsteiger können den Aufstieg seither von Süden her über das Khumbu versuchen, das nepalesische Hochland.
Es gibt allerdings eine Hürde in geringer Höhe, die lange unüberwindbar schien: den kilometerlangen Eisbruch, der auf gut 5400 Metern beginnt. "Das Steigen im Eisbruch ist wie russisches Roulette", sagt der Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messner. Haushohe Eistürme stürzen unvermittelt zusammen, Hunderte Meter lange und Dutzende Meter tiefe Gletscherspalten tun sich plötzlich auf, verschlucken jeden in ihrer Nähe.
Heute haben es die Bergsteiger etwas einfacher: Im April haben, wie jetzt zu Beginn jeder Saison, spezialisierte Sherpas, die
"Icefall-Doctors", den Pfad durch den Eisbruch gebahnt. Vier Eisdoktoren und zehn Helfer drehten Schraube um Schraube ins Eis, sicherten besonders gefährliche Stellen mit fünf Kilometer langen Fixseilen und legten Dutzende Aluminiumleitern über Gletscherspalten. 2375 Dollar Maut kostet dieser Service jede Expedition, aber der Preis wird gern gezahlt. Die Schnellstraße zum Everest, über die Profis lächeln, erspart den Bergsteigern Arbeit und Lebensgefahr.
Der Eisbruch, sagt Apa Sherpa, 42, der zwölfmal auf dem Gipfel stand und damit den Rekord hält, sei dennoch "das gefährlichste Stück auf dem Weg".
Erst 1952 war es einer Gruppe von Schweizern gelungen, den brüchigen Gletscher zu überwinden. Der "Sirdar", der Chef der Sherpas einer Expedition, war ein Mann namens Tensing Norgay, damals 38. Während er sich durch die Eiswüste kämpfte, trainierte wenige Kilometer weiter eine britische Expedition, die im kommenden Jahr den Gipfel angehen wollte. Mit dabei der Neuseeländer Edmund Hillary.
Gebannt verfolgte Hillary den Aufstieg der Schweizer, erleichtert sah er, dass die Alpinisten über dem Eisbruch erschöpft aufgeben mussten. Im Frühjahr 1953 kamen die Briten mit Hillary wieder - und engagierten den Sherpa-Führer der Schweizer, Tensing Norgay. Nun sollte es gelten.
Charles Evans und Tom Bourdillon, Teamkollegen der beiden, waren dafür vorgesehen, den ersten Versuch zu wagen. Als sie am 26. Mai 1953 auf dem Weg nach oben hinter dem Südgipfel verschwanden, spürte Hillary, der zurückbleiben musste, "ein leises Gefühl des Neides".
Doch Evans und Bourdillon mussten aufgeben. Ihre Sauerstoffgeräte hatten nicht richtig funktioniert, zudem waren sie beim Abstieg vom Südgipfel ins Rutschen gekommen und einen Hang hinuntergestürzt. "Ein Wunder, dass sie am Leben blieben", sagt Hillary. Das Scheitern seiner Kletterfreunde war Hillarys Chance.
Es war ein schöner Morgen, als Hillary am 29. Mai 1953 das Zelt öffnete und hinaussah. 8500 Meter hoch hatte er mit Tensing Norgay unter dem Gipfel des Everest campiert, und jetzt, gegen vier Uhr früh, waren die Täler noch dunkel, während die vereisten Gipfel der Schneeriesen schon in der Sonne glühten.
Fast 5000 Meter tiefer war der Bergrücken auszumachen, auf dem das buddhistische Kloster Tengboche liegt. Um 6.30 Uhr machten sich die Bergsteiger auf den Weg nach oben. Über sich sahen sie den Südgipfel, gut 8700 Meter hoch. Sie wechselten sich beim Spuren ab und quälten sich durch den weichen Schnee. Hillary fragte Tensing, ob die Gefahr nicht eigentlich zu groß sei. Der stimmte zu. Dann gingen die Männer weiter. Allmählich wurde der Schnee fester, um 9 Uhr erreichten sie den Südgipfel. "Eindrucksvoll und furchteinflößend" wirkte der Grat mit seinen überhängenden Schneefeldern, so Hillary.
Plötzlich wurde der Sherpa langsamer. Der Schlauch seiner Sauerstoffflasche war vereist, Hillary klopfte das Eis weg, und Tensing kam wieder zu Kräften. Dann stand ein Steilstück bevor, ohne natürliche Griffe und Tritte. Hillary fand, zwischen einer Schneewechte und dem Fels, einen Spalt. "Ich arbeitete mich mit aller Kraft von Knien, Schultern und Armen rückwärts den Spalt hinauf, wobei ich betete, dass die Wechte sich nicht vom Fels lösen möge", sagt Hillary.
Es war der später nach ihm benannte Hillary Step, die letzte große Hürde. Um 11.30 Uhr standen Hillary und Tensing auf dem höchsten Berg der Welt.
Schwülstig feierte ganz England die Erstbesteigung als nationalen Erfolg - er wurde just zu dem Tag bekannt, als Königin Elizabeth II. den Thron bestieg. Hillary habe "das hellste Juwel des Mutes und der Ausdauer der Krone britischer Anstrengung eingefügt", schwelgte etwa der "News Chronicle" - obwohl Hillary ein Neuseeländer ist und der in Nepal aufgewachsene Tensing Norgay die indische Staatsbürgerschaft angenommen hatte.
In den Jahren danach nahm der Nationalismus am Berg noch skurrilere Formen an: Als die Vorhut einer 214-köpfigen chinesischen Expedition 1960 auf 8700 Meter Höhe nicht mehr weiterwusste, hielt sie, wie zwei Genossen notieren, ganz Maotreu "eine kritische Parteiversammlung" ab. Der einstimmige Beschluss: auf zum Gipfel. Nach dem Erfolg schrieb Expeditionschef Shi Chan Chun die Leistung "der Führerschaft der Kommunistischen Partei und der unerreichten Überlegenheit des sozialistischen Systems unseres Landes" zu.
Für die westliche Bergsteiger-Elite aber gab es nach Hillary und Tensing Norgay erst mal nicht mehr viel zu gewinnen. Neue Routen wurden entdeckt, aber das bewegte nur Insider. Erst als ein schmaler Südtiroler mit zotteligen Haaren die Bühne betrat, änderte sich das: Als erster Mensch bestieg Reinhold Messner alle Achttausender und benutzte nicht einmal ein Sauerstoffgerät. 1978 schaffte er zusammen mit dem Österreicher Peter Habeler den Everest, obwohl Experten ihnen prophezeit hatten, sie würden schwer behindert zurückkommen - im günstigsten Fall.
Habeler gelang ein Rekord: Nachdem er den Gipfel ohne Sauerstoff erreicht hatte, entschied er sich "abzufahren" - eine Rutschpartie auf dem Hosenboden zu riskieren. Insgesamt 400 Meter lang war die halsbrecherische Talfahrt. Pure Panik trieb den Österreicher dazu - er fürchtete, wegen Sauerstoffmangels in der Todeszone "blöd" zu werden.
Grundlos war Habelers Angst nicht. Seltsame psychische Phänomene wie Halluzinationen plagen Bergsteiger auf dem Everest - Nährstoff für Märchen, Mythen und Parapsychologisches. So hält sich unter Everest-Kämpen bis heute der Glaube, tödlich verunglückte Bergsteiger würden sie dort oben leibhaftig begleiten: Der Brite Nick Estcourt etwa sah am Everest "jemanden, der mich einholen wollte" - just an jener Stelle, an der Jahre zuvor ein Freund ums Leben gekommen war. Der Brite Stephen Venables fühlte sich am Everest von einem alten Mann begleitet, der ihm zeitweise mit einem Cello folgte und vorschlug, im Eis zu biwakieren. "Gegen 21 Uhr begaben wir uns zur Nachtruhe", notierte Venables.
"Pinkel in die Hose, das hält warm", trug der alte Cellist ihm auf. Entnervt kommentierte der Brite in seinem Tagebuch hernach das Ergebnis: "Alles nass jetzt."
Heldenmärchen und Gruselgeschichten - sie schreckten kaum jemanden ab, im Gegenteil. Ende der siebziger Jahre weckten Profi-Bergsteiger, allen voran Messner, das Interesse Abertausender am Dach der Welt. Messner allein füllte mit seinen Diaschauen große Säle, seine Bücher wurden Bestseller, er selbst wurde Millionär. Vor 1978 waren kaum mehr als ein Dutzend Kletterer pro Jahr zum Gipfel gelangt - nun begann der Ansturm.
Plötzlich traten am Everest auch dubiose Charaktere auf: Langfinger, Mogler und Rekordsüchtige. Die Diebe greifen zu, wenn die Zelte in den Hochlagern aufgeschlagen und tagelang unbewacht sind. "Da wird viel geklaut", sagt der schweizerische Expeditionsunternehmer Kari Kobler. Es verschwinden Hightech-Anzüge, Schlafsäcke, Sauerstoffmasken. Im Verdacht stehen Sherpas, die Aufklärungsquote beträgt null Prozent.
Die Mogler dagegen werden meist überführt. Manch einer, dessen Kraft nicht für den Gipfel reicht, behauptet einfach, oben gewesen zu sein. Kommt aber der Chronistin aller Expeditionen, der in der nepalesischen Hauptstadt Katmandu lebenden US-Journalistin Elizabeth Hawley, 79, etwas seltsam vor, nimmt sie Ermittlungen auf und stellt Fragen. Ein Niederländer etwa erklärte sich zum Gipfelstürmer, ein Zeuge wollte ihn vom Südgipfel aus gesehen haben. "Vom Südgipfel kann man den Gipfel nicht sehen", sagte Hawley. Die Miss Marple des Everest verweigerte dem Mann einen Strich in ihrer Statistik.
Manche Rekordjäger sehen den Berg auch als Weg ins Guinness-Buch der Rekorde. 1988 stürzte sich der Franzose Jean-Marc Boivin vom Gipfel hinab - als erster Paraglider. 1989 verlor der beinamputierte Amerikaner Tom Whittaker beim Aufstieg seinen Metallfuß, 1998 stand er mit einem Ersatzteil dann doch oben - als erster Behinderter. Im Mai 2001 häuften sich die absurden Rekorde. Der später verunglückte Franzose Marco Siffredi reklamierte die erste Snowboard-Abfahrt für sich, es erschienen der US-Amerikaner Sherman Bull, mit 64 Jahren bis dahin ältester Bezwinger, und sein Landsmann Erik Weihenmayer, 33, als erster Blinder.
Ralf Dujmovits, 41, Everest-Besteiger und Chef des Expeditionsunternehmens Amical Alpin im badischen Bühlertal, höhnt, es bleibe nur noch eine Möglichkeit, am höchsten Berg Schlagzeilen zu machen: "Nackt im Handstand auf einem Snowboard hinab - das wäre was."
Es waren andere Zeiten am Everest, die da anbrachen. Zu entdecken gab es nichts mehr, und es schlug die Stunde der Egomanen. Wem der Thrill beim Bungee-Jumping, Canooing oder Free Climbing nicht genügte, der wollte sich an einem Endpunkt der Welt versuchen - nach der Devise "Möglichst hoch, möglichst menschenfeindlich und möglichst nah am Tod", wie der Dresdner Himalaja-Bergsteiger Frank Meutzner zürnt.
Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen suchen nach Erklärungen für das, was Menschen wie Lemminge in die Todeszone zieht. Möglicherweise sei bei vielen Extremsportlern nur die Chemie außer Rand und Band geraten, glaubt der Göttinger Neurologe Gerald Hüther. Er hat die körpereigenen Lustsubstanzen Cortisol und Noradrenalin ausgemacht, die Sportler zu regelrechten Junkies machen können. Wer sich häufig in Grenzbereiche wage, könne süchtig werden.
Gerade Büromenschen sehnen sich, vermutet der Kemptener Alpinist und Psychologe Ulrich Aufmuth hingegen, "nach einem urwüchsigen, elementaren Dasein, in dem auch ihre sinnlichen und körperlichen Anlagen voll zum Zuge kommen". Und etliche Indizien sprechen für Aufmuths Theorie über den Gipfeltrieb. So ist die Zahl der Akademiker bei Expeditionen auffallend hoch. Allein durch den Preis von mehreren 10 000 Euro für einen geführten Everest-Trip wird die Klientel gesiebt. Aber das allein erklärt nicht, warum oft neun von zehn Expeditionsteilnehmern einen Hochschulabschluss haben. Auch die Eitelkeit spielt eine Rolle. Dem Karlsruher Siemens-Manager Frank Everts, 42, der jetzt mit der Jubiläumsexpedition hinaufwill, ist es nicht peinlich zu erzählen, dass er im Kollegenkreis seit Monaten "oft im Mittelpunkt" stand, weil er auf den Everest will - und dass er das Interesse genoss.
Mit der Zahl der Expeditionen stieg auch die Zahl derer, die noch nicht reif sind für den Everest.
"Ich wusste, dass es Tote am Weg gibt, aber ich habe mich immer sehr erschreckt, wenn ich einen entdeckte", sagt Bergprofi Kammerlander. Er fand weiter oben drei tote Inder. Einer trug noch seine Sauerstoffmaske und hielt die steif gefrorenen Arme nach vorn ausgestreckt; ein anderer hatte vor dem Erfrierungstod offenbar einen Hitzeschub verspürt und damit begonnen, sich zu entkleiden. Kammerlander setzte sich eine Zeit lang neben einen der Toten. "Ich wartete darauf, dass mir jeden Moment das Herz zum Halse herausspringen würde."
Die Inder verschwanden irgendwann, denn oft spielt der Wind am Everest Bestatter. Böen schleudern die toten Körper in die Tiefe: fast vier Kilometer steil hinab nach Tibet oder gut drei Kilometer in den nepalesischen Schnee.
Ein solches Ende hätte der Ulmer Notar Gerhard Schmatz seiner Frau Hannelore gewünscht - bald nachdem sie, 8300 Meter hoch, vor Erschöpfung gestorben war: 1979 organisierten die beiden erfahrenen Himalaja-Bergsteiger eine Expedition zum Everest. Strahlend umarmte Schmatz seine Frau am 1. Oktober gegen 19 Uhr im Lager IV auf knapp 8000 Metern, als er vom Gipfel zurückkam. Seine Frau wollte am nächsten Tag hinauf, Schmatz riet ihr ab. Der Schnee sei "tief und weich und schlecht zu gehen". Am Hillary Step seien die Stufen, die das Team hineinstampfte, immer wieder ausgebrochen - über einem Abgrund von ein paar tausend Meter Tiefe.
Doch Hannelore Schmatz fühlte sich prächtig. Sie ging los, erreichte den Gipfel und stieg mit dem US-Amerikaner Ray Genet sowie dem Sherpa Sungdare wieder ab. Dabei aber beging die Crew knapp unter dem Gipfel einen folgenreichen Fehler.
Genets Sauerstoffflasche war auf 8500 Metern plötzlich leer. Er fühlte sich zu schwach für den Abstieg. Die Bergsteiger entschlossen sich zu einem Notbiwak.
Aber das ist der helle Wahnsinn in dieser Höhe: ohne Zelt, ohne Schlafsack und ohne einen Kocher, mit dem Eis zu Trinkwasser geschmolzen werden könnte, um zu verhindern, dass der Körper austrocknet. Schmatz und der Sherpa Sungdare hätten den Amerikaner zum Sterben zurücklassen müssen. Aber sie blieben.
Genet starb in der Nacht, Hannelore Schmatz stieg auf 8300 Meter ab. Dort starb auch sie, völlig ausgedörrt. "Water, water", waren ihre letzten Worte. Das erfuhr ihr Mann von dem einzigen Überlebenden der Gruppe, Sungdare.
Von dem Schmerz konnte sich Schmatz lange kaum erholen. Denn ab und an wurde ihm zugesteckt, dass seine Frau noch immer am Everest sitze. Eines ihrer Seile war festgefroren und hielt ihren Körper aufrecht, selbst wenn Orkanböen an ihm zerrten. Drei Jahre lang saß die Leiche dort oben. "Dann hat sich wohl jemand ein Herz genommen und das Seil durchtrennt", sagt Schmatz. In seinem Ulmer Haus hält er die Leica in den Händen, die er seiner Frau zum Gipfel mitgegeben hatte. Als er ein Jahr nach ihrem Tod nach Katmandu reiste, wurde ihm die Kamera für 200 US-Dollar angeboten: "Jemand hat sie ihr dort oben gestohlen."
Der Tod seiner Frau ist exemplarisch für das Schicksal vieler Verunglückter: Oft erreichen Bergsteiger den Gipfel, kommen aber, am Ende ihrer Kraft, auf dem Rückweg um. Niemand ist da, der helfen könnte - und Hubschrauber können gefahrlos nur im Basislager landen. Auch die größte Tragödie spielte sich, 1996, beim Abstieg ab: Fünf Menschen starben innerhalb von Stunden.
Es war der 10. Mai 1996, ein Freitag. 33 Frauen und Männer kletterten am Südostgrat des Everest bergan. Der neuseeländische Bergführer Rob Hall, 35, Chef des Expeditionsunternehmens Adventure Consultants, stand gegen 16 Uhr am Gipfel und wartete auf seinen Kunden Doug Hansen, 46, einen Postangestellten aus Renton bei Seattle. Hansen war erschöpft, aber er schaffte es. Gemeinsam mit Hall nahm er die letzten Meter.
Doch Hall leistete sich dabei einen tödlichen Fehler. Zwar kannte der baumlange Kerl den Berg, viermal war er oben.
Trotzdem ging er auf den Gipfel und verließ ihn zwei Stunden nach der so genannten Umkehrzeit: Wer bis 14 Uhr nicht oben ist, sollte sich auf den Rückweg machen, lautet ein ungeschriebenes Gesetz am Everest. Wer später absteigt, läuft Gefahr, das Lager auf dem Südsattel nicht mehr zu erreichen.
Vielleicht lag Hall so viel daran, seinen Kunden auf den Gipfel zu bugsieren, weil er ihn nicht ein zweites Mal enttäuschen wollte: Ein Jahr zuvor hatte er den Postler am Südgipfel umkehren lassen. Danach hatte Hall ihn dazu überredet, es in einem anderen Jahr noch einmal zu versuchen. Und nun wollte er dem Angestellten womöglich die zweite Schmach ersparen, obwohl es wieder zu spät war. Dass Wolken aufzogen, die später Schneesturm mit Orkanböen brachten, ignorierte Hall.
Den Weg hinab schafften beide nicht, sie hatten keine Reserven mehr. Hansen ging zudem offenbar der Sauerstoff aus. Er verschwand irgendwo am Gipfelgrat.
Hall überlebte die Nacht. Aber er war am Ende, konnte am Morgen nicht mehr aufstehen. Bewegungslos lag er in einer Mulde am Südgipfel, dem Tod geweiht. Gegen 18.20 Uhr stellte das Basislager noch einen Anruf seiner Frau Jan Arnold aus Neuseeland auf sein Funkgerät durch. Sie war drei Jahre zuvor mit ihm auf dem Gipfel gewesen, sie kannte die Verhältnisse.
Sie war jetzt im siebten Monat schwanger. Und sie ahnte, dass ihr Mann in wenigen Stunden sterben würde.
"Hi, mein Schatz. Ich hoffe, du liegst warm eingepackt im Bett. Wie geht''s dir?", fragte Hall. "Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich an dich denke", sagte seine Frau. "Du klingst ja viel besser, als ich erwartet habe ... Ist dir auch nicht zu kalt, Liebling?"
"Wenn man die Höhe und das ganze Drumherum bedenkt, geht''s mir eigentlich verhältnismäßig gut", antwortete Hall.
"Ich kann''s gar nicht erwarten, dich ganz gesund zu pflegen, wenn du wieder zu Hause bist. Ich weiß einfach, dass du gerettet wirst. Denk nicht, d ass du allein und verlassen bist", sagte die Frau.
"Ich liebe dich. Schlaf gut, mein Schatz. Mach dir bitte nicht zu viele Sorgen", so beendete Hall das Gespräch.
Er erlebte den Morgen nicht mehr.
Der US-Journalist Jon Krakauer gehörte zu Halls Expeditionsteam, schaffte den Gipfel und kehrte rechtzeitig ins Lager zurück. In seinem Bestseller "In eisige Höhen" rekonstruierte er nicht nur Halls letzte Stunden, sondern auch andere Tragödien, die sich an diesen Tagen rund um den Gipfel abspielten*.
Scott Fischer, 40, Chef der mit Hall konkurrierenden US-Expeditionsfirma Mountain Madness, etwa starb auf 8300 Meter Höhe, knapp oberhalb des so genannten Balkons auf dem Gipfelgrat. Sein Sherpa Lobsang Jangbu konnte ihn nicht retten: "Ich bin sehr krank, Lobsang. Ich bin so gut wie tot", sagte Fischer. Wie Hall hatte auch er den Wetterumschwung falsch eingeschätzt.
Experten rätseln bis heute, warum die beiden Profis einige Klienten so spät auf den Gipfel führten. Vielleicht, weil jeder Kunde, der es schaffen würde, die beste Werbung für die nächste Expedition wäre?
Andere starben weitaus tiefer, eine Gruppe von elf Bergsteigern kam sogar auf knapp 8000 Meter herunter. Die rettenden Zelte des Lagers, in denen Schlafsäcke und Sauerstoffflaschen lagen, wären bei klarer Sicht nur noch eine Viertelstunde entfernt gewesen. Aber die Gruppe verirrte sich im Schneesturm. Verzweifelt kauerten sich die Bergsteiger "auf blank poliertem Eis in den Windschatten eines Felsblocks, kaum größer als eine Waschmaschine" (Krakauer). Einige warteten dort still auf den Tod. Andere trommelten auf ihre Nachbarn ein, um sie und sich selbst wach zu halten.
Sie überlebte, ebenso wie der Pathologe Beck Weathers, 56, aus dem texanischen Dallas. Er lag von Schnee bedeckt wie tot in der Kälte. Aber er raffte sich auf. "Eines war mir klar", erinnert sich Weathers, "so-
lange mich meine Beine tragen und ich stehen kann, bewege ich mich in Richtung
dieses Camps. Und wenn ich falle, stehe ich wieder auf. Und wenn ich wieder falle, stehe ich wieder auf. Ich werde weitergehen, bis ich das Camp erreiche oder abstürze."
Weathers trug schwere Erfrierungen davon. Er verlor seine Nase, seine rechte Hand und einen großen Teil der linken Hand.
Nach der Tragödie von 1996 stieg die Nachfrage nach Touren auf den Everest gewaltig - als wäre das der ultimative Kick: überleben, wo so viele starben.
Das immense Interesse der Amateure missfällt Reinhold Messner, nach seinem Selbstverständnis der Papst, wenn nicht gar der Gott des Alpinismus. Er wettert gegen fast alle, die auch dort hinaufwollen, wo er selbst zweimal war. Gegen "zahlungskräftige Sonntagsbergsteiger" und deren "Eroberungssucht" faucht der frühere Extremsportler, mit Verve verurteilt er Expeditionsunternehmen, weil die ihre Kunden "wie Pauschaltouristen" auf das Dach der Welt bringen.
Den Südtiroler stört, dass die "Arena der Einsamkeit" (Messner), die er 1978 mit Peter Habeler und 1980 gar allein betrat, heute "allgemein zugänglich, also banal" ist. So banal, dass es üblich ist, Satellitentelefone zum Gipfel zu schleppen, um den Erfolg kundzutun, und so gewöhnlich, dass jetzt, 50 Jahre nach der Erstbesteigung, ein Internet-Café im Basislager eingerichtet wurde.
Puristen wie Messner blicken auf das Heer der Amateure so verächtlich hinab wie Golfer auf Minigolfer. Tatsächlich kann der Everest gebucht werden wie eine Ferienreise nach Mallorca, nur ist der Trip teurer. Für 37 600 Schweizer Franken nimmt der Berner Kari Kobler Himalaja-Hungrige mit, 35 000 Dollar verlangt der in Frankreich lebende Expediteur Russel Brice. 55 000 Dollar muss hinblättern, wer mit den neuseeländischen Adventure Consultants hinauf, 59 000 Dollar, wer mit dem US-Unternehmen Mountain Madness klettern möchte.
Streicht ein Expeditionschef von sieben Teilnehmern je 55 000 Dollar ein, muss er von den verbuchten 385 000 Dollar in Nepal nur 70 000 Dollar für das so genannte Permit, rund 80 000 Dollar für die Träger und einen zweistelligen Betrag für Nebenkosten aufwenden. "150 000 Dollar bleiben beim Everest auf jeden Fall übrig", sagt ein Insider.
Expediteur Kobler glaubt, die Verantwortung für seine Kunden tragen zu können. "Wer da raufwill, weiß, dass er ein Risiko eingeht", sagt er. Aber wer vorsichtig sei, "für den ist das Risiko minimal höher als in den höchsten Bergen der Schweiz".
Doch der Summit Club des Deutschen Alpenvereins etwa bietet Touren auf den höchsten Berg nicht mehr an - weil sie, so Expeditionschef Michael Roepke, wegen der Wetterstürze "fast immer auf des Messers Schneide stehen".
Kommen Kunden bei einer kommerziell geführten Expedition ums Leben, sind die Veranstalter kaum haftbar zu machen. Vor
einem Londoner Zivilgericht soll, ein Novum am Everest, noch in diesem Jahr geklärt werden, ob ein britisches Expeditionsunternehmen für den Tod des Bergsteigers Michael Matthews verantwortlich ist. "Dieser Fall", glaubt Dave Rodney, 38, zweimaliger Everest-Besteiger aus dem kanadischen Calgary, könne "über die Zukunft des kommerziellen Bergsteigens auf Achttausendern entscheiden" - falls das Gericht die Verantwortung von Expeditionsunternehmen für Kunden bejaht.
Matthews'' Eltern wollen die Umstände geklärt wissen, unter denen ihr Sohn, damals 23, am 13. Mai 1999 beim Abstieg in einem Schneesturm auf Nimmerwiedersehen verschwand. Schlüsselzeuge ist Rodney. Er hat den Aufstieg der Briten beobachtet und will über schlimme Fehler in der Vorbereitung und der Ausstattung der Expedition berichten. Das Bergunternehmen hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.
Doch die Hauptgefahr am Berg ist die Psychologie, das Ego der Bergsteiger: Wer am Everest unterwegs ist und jenseits der 8000-Meter-Marke aufgibt, kehrt zumeist deprimiert ins Basislager zurück. Und es ist schwierig, jenseits von 8000 Meter Höhe vernünftige Entscheidungen zu treffen.
Der Südtiroler Kammerlander, der 1996 allein und ohne Sauerstoffgerät auf den Gipfel kletterte und als erster Mensch mit Skiern abfuhr, kennt eine weitere große Gefahr, die am Everest droht: nach dem Leichtsinn komme oft die Mutlosigkeit. Dort oben, sagt Kammerlander, sei es "viel leichter, sich hinzusetzen, einzuschlafen und unmerklich zu sterben, als weiterzuleben". Es gebe dann "kein Gefühl der Angst, sondern nur die Suche nach einer abschließenden Ruhe".
Weil der Tod so nah ist am Everest, versuchen die lamaistisch-buddhistischen Sherpas im Basislager, die Götter mit einem Ritual gnädig zu stimmen. Am vorvergangenen Donnerstag haben auch die Deutschen und ihre Schweizer Teamkollegen, die in den nächsten Tagen hinaufwollen, an der so genannten Puja-Zeremonie teilgenommen. Die Sherpas sangen und streuten Reis als Opfergabe in den Schnee, der Duft von brennenden Wacholderzweigen stieg auf. Organisationsleiter Eckard Schmitt und seine Gefährten erhielten ein rotes "Sungdi", ein schmales Halsband, und weihten die wichtigsten Werkzeuge: die Eispickel**.
Die Wirkung der buddhistischen Rituale auf Bergsteiger aus den säkularen Industrienationen ist bemerkenswert. Der Sachse Götz Wiegand, 43, Leiter einer Everest-Expedition von 2001, ist Atheist - aber nach der Zeremonie im tibetischen Basislager, hatte er "eine Heidenangst, das Halsband zu verlieren" - und die Götter zu verstimmen.
Expeditionsunternehmer Ralf Dujmovits erlebte, wie sich eine Lawine 3000 Meter über seinem Lager löste, hinabraste - und vor den Gebetsfahnen der Sherpas stoppte. "Durch so ein Erlebnis bekommt man Respekt vor den Ritualen", sagt er.
Indes: Fast alle der 175 Opfer des Everest hatten Gebetsfahnen um ihre Lager gestellt, das Puja-Ritual gefeiert und sich mit geweihten Eispickeln auf den Weg zum Gipfel gemacht. CARSTEN HOLM
* Vom 5483 Meter hohen Berg Gokyo Ri in Nepal aus gesehen. * Für den 1996 verunglückten Expeditionsleiter Scott Fischer. * Der Brite Dougal Haston am 24. September 1975. * Jon Krakauer: "In eisige Höhen". Malik Verlag, München; 390 Seiten; 14,90 Euro. * Am vorvergangenen Donnerstag im nepalesischen Basislager des Mount Everest. ** Das Tagebuch der Expedition unter www.spiegel.de im Internet.
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 18/2003
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