05.05.2003

THEATERMach dich möglich

Theatermagier trifft Rockstar: Bob Wilson und Herbert Grönemeyer jazzten in Berlin Büchners „Leonce und Lena“ zur Glamourshow hoch.
Der Mann aus Texas hat dem Theater die Langsamkeit geschenkt und den quasi-industriellen Produktionsprozess - und er hat den Beruf des Regisseurs mit dem des Raumausstatters versöhnt. Robert Wilson, 61, ist in mehr als 30 rastlosen Jahren zu einer internationalen Marke gereift mit einer beneidenswert unerschütterlichen Corporate Identity.
Nun ist der manische Magier der kühlen Bilder mit seinem Team für eine seiner glamourösen Produktpräsentationen in Berlin eingefallen. Am Berliner Ensemble (BE) zeigte er seine Version von Büchners Lustspiel "Leonce und Lena". Doch nicht nur ein erlesenes Ensemble diente dem Meister mit unbedingter Hingabe, sondern auch einer der Großen - der Größte? - des Deutschrocks. Herbert Grönemeyer, 47, komponierte und dichtete (Mitarbeit: Arezu Weitholz) eine Hand voll Songs, die locker in das Büchnersche Satire-Märchen über die Liebes-Odyssee der Königskinder Prinz Leonce aus dem Reiche Popo (Markus Meyer) und Prinzessin Lena aus dem Reiche Pipi (Nina Hoss) verwoben sind.
Die Verbindung des international agierenden Theatermachers mit dem strikt heimatgebunden reüssierenden Rocker war ein imponierender Medienerfolg. Ein ehemaliger Bundespräsident (Richard von Weizsäcker) nebst Gattin, die Frau des amtierenden Staatsoberhauptes nebst Tochter, einige überregionale Schauspielprominenz (Meret Becker, Hannelore Elsner) rechtfertigten bei der Premiere am vergangenen Donnerstag ein überdurchschnittlich hohes Fotografen- und Fernsehaufgebot.
Künstlerisch hielt sich die Ausbeute des Abends in engeren Grenzen als gesellschaftlich. 1990 hatte es Wilson zum ersten Mal gewagt, eine Art Musical für Intellektuelle zu kreieren. Damals, am Hamburger Thalia Theater, ging es um den "Freischütz"-Stoff, und Tom Waits komponierte schaurig-schöne Songs mit betäubend nachklingender Wirkung. "The Black Rider" war ein Welterfolg, und Meister Wilson legte die Latte ziemlich hoch.
Heute kann er sie mit erhobenen Händen kommod unterqueren. Schuf er in Hamburg Bilder von verstörender Magie, so wirkt seine Berliner Büchner-Deutung wie ein fades Memento: statt Haute Couture nun Konfektionsware aus erster Hand. Die aufreizend langsamen Bewegungen der Schauspieler sind nahezu verschwunden. Schneller ist Wilson geworden und, so scheint es, dabei nachlässiger.
Büchners Parabel über das eigentümliche Wesen der Deutschen, die selbst das Leichte schwer nehmen, hat ihn nicht sonderlich inspiriert. Sie soll der Abschluss einer Büchner-Trilogie sein. "Dantons Tod" und "Woyzeck" tourten bereits weltweit. BE-Hausherr Claus Peymann hofft, die Werke bald in seinem Haus bündeln zu können.
Und Grönemeyer? Er wollte sich offenbar erst gar nicht in einen Wettstreit mit dem großen Dichter werfen. Seine Songtexte atmen edle Einfalt und transportieren gruppentherapeutisch bewährte Anleitungen zum Glücklichsein: "Bequem dich, mach dich möglich, genehmige dich täglich, glücklich wird erst, wer sich auch schont. Wer sich schont."
Geschont hat sich der Komponist auch musikalisch. Seine Stücke klingen, wie er selbst sagt, "eher jazzig, balladenhaft, gospelig und sentimental". Also wenig nach Grönemeyer. Aber sie werden - meistens - köstlich vorgetragen.
Stefan Kurt, eine bewährte Wilson-Kraft, ist ein hinreißend komödiantischer Valerio, der den Liedern Leben geben kann und dem Affen Zucker. Seine kleine Grönemeyer-Parodie quittiert das Publikum mit größter Dankbarkeit.
Walter Schmidinger als trottelig-verträumter König Peter ist ein anderes Glanzstück der Aufführung, ein zur abgründigen Drolerie neigender Monarch des Mittelmaßes. Die blendend aufgelegten Schauspieler (Gerd Kunath etwa als Präsident oder Norbert Stöß als Hofmeister), darunter auch die Titelhelden, retten die Show.
Insgesamt aber macht die Produktion weder gute noch schlechte Laune, sondern bleibt auf freundliche Weise harmlos und beliebig.
Und so war es fast ein Zeichen, dass die Industriellenwitwe Gabriele Henkel in Reihe acht am Ende wegen einer giftgrün bandagierten Linken nur mit halber Kraft ihrem Idol applaudieren konnte: Mit der Rechten schlug sie zart an die Rücklehne des Vordersitzes. Der zauberischste Moment des Abends. JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 19/2003
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