12.05.2003

GLAUBEKabbalah und Euros

Jene pseudojüdische Lehre, die Madonna glücklich gemacht hat, wird auch in Hannover verbreitet. Es geht um Liebe und Geld. Gläubige Juden sind entsetzt.
Was Madonna, 44, nutzt, kann normalen Menschen nicht schaden. Seit Jahren pilgert die Pop-Diva regelmäßig in Los Angeles ins "Kabbalah Centre". Dort hat sie nach eigenem Bekunden gelernt, die Herausforderungen des Lebens zu überwinden. "Es ist nicht wichtig, berühmt zu sein. Wichtig ist, ein guter Mensch zu sein", predigte Madonna, das rote Bändchen der Kabbalah-Sympathie demonstrativ am Handgelenk, unlängst in dem ihr gewidmeten Sonder-Talk auf RTL.
Auch Liz Taylor hat sich mit Kabbalah beschäftigt, Barbra Streisand und Mick Jagger. Doch Prominenz ist keine Bedingung, um in den Genuss der Kabbalah zu kommen. Die ist zwar eigentlich eine jüdische Geheimlehre, jahrhundertealt, sehr kompliziert. Doch Philip Berg, 73, der Leiter des Centers in L. A., hat vor 30 Jahren begonnen, sie für jedermann zugänglich zu machen - genauer gesagt: einige rudimentäre Elemente, die ihm vermarktbar erschienen, verrührt mit Esoterik und Psycho-Gruppenerlebnissen.
Weltweit unterhält sein Center heute über 50 Filialen; seit kurzem auch eine in Hannover, Kramerstraße 14. "Kabbalah Centre Hannover e. V." hieß es auf den Einladungen bereits, bevor die Gruppe ins Vereinsregister eingetragen war.
Leiter der Filiale ist Hanan Naor, 51, nach eigenen Angaben jedoch 5663 Jahre alt - laut Kabbalah lebt er nicht zum ersten Mal. Er ist aufgewachsen in Israel, wohnt mit seiner Frau und seinen Kindern seit 1988 in Deutschland. Sein ältester Sohn studiert Kabbalah in den USA.
Den Einführungskurs, acht Abende, gibt es in Hannover für 250 Euro. Regelmäßig reist aus Paris auch der europäische Statthalter der Kabbalah an die Leine, Rabbi Avi Nachmias, 40.
Sein Kurs "Der sechste Sinn" etwa läuft so: Jeder bekommt ein Stück Tomate, eine Gurkenscheibe, einen Stein, eine Blume und eine Schraube. Weil schon König David mit Tieren gesprochen habe, sagt Nachmias, sollen sich alle vorstellen, die Objekte seien riesengroß - und versuchen, in sie einzudringen.
Es funktioniert prächtig. Eine ältere Dame berichtet danach den anderen: "In der Gurke war ich ziellos, aber in der Tomate, da habe ich mich gefühlt wie in einer Gebärmutter." Eine junge Frau hat gar mit dem Stein gesprochen, schließlich auch noch auf der Schraube ihren Schutzengel getroffen. Pragmatisch sieht das Ganze nur ein Mann: "In der Tomate, da dachte ich an Zwiebeln, Basilikum und frisches Brot."
Dann werden unter Tränen "Blockaden gelöst", Rabbi Nachmias erzählt noch schnell was von Vergebung und Versöhnung, singt den Beatles-Schlager "All You Need Is Love" und schickt die Leute heim - nach sieben Stunden Seminar, für 28 Euro, einschließlich Tomate und Stein.
Werden da Menschen gefügig gemacht? "Nein", sagt Hanan Naor und fragt: "Die Leute gehen auch ins Kino, heulen und gehen wieder heim. Würden Sie solche Filme verbieten wollen?"
Doch wann wurde im Kino zuletzt jemand um Spenden angehauen?
Ein Ehepaar aus Hannover will im März 20 000 Euro als Spende an das Center überwiesen haben. Als es von ähnlichen Fällen hörte, hat es einen Anwalt beauftragt, das Geld zurückzuholen. An die Öffentlichkeit gehen wollen die enttäuschten Jünger nicht; sie schämen sich, und sie haben Angst vor Rabbi Nachmias, dem Prediger der Nächstenliebe. Denn in puncto Finanzen versteht der große Bruder aus Paris keinen Spaß. Er sagt ganz klar: "Sie werden das Geld nicht wiederbekommen."
Auch Olaf Kube, 40, der über Monate hinweg Kurse in Hannover besucht hat, will vom Rabbi ("An dir ist etwas Besonderes") aufgefordert worden sein: "Wir müssen etwas für deine Persönlichkeit tun. Als Erstes musst du 36 000 Euro zahlen. Das müsste dir helfen." Nachmias bestreitet das; er habe Kube lediglich gefragt, ob er etwas spenden wolle - ohne Druck, versteht sich.
Gläubige Juden in Hannover, die jede Zusammenarbeit mit dem Center abgelehnt haben, beklagen sich bereits über die "Scharlatanerie", die in ihrer Stadt unter dem Deckmantel ihrer Religion betrieben wird. Sie haben Angst, dass die Aktivitäten der Familie Naor das hässliche Klischee vom geldgierigen Juden nähren. Rabbiner Marc Stern vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen nennt die Center-Lehre "eine ganz schlimme Sache. Das ist wie Scientology auf Jüdisch. Mit Kabbalah hat das nichts zu tun".
Mit der echten Lehre könne sich nur befassen, wer sich in der rabbinischen Kultur und in der hebräischen Schrift auskenne. Denn das heilige Buch der Kabbalah ist der Sohar, verfasst in aramäischer Kunstsprache. Das Center verteilt eine Light- Version, ein 130-Seiten-Taschenbuch. Dass auch die keiner lesen kann, macht nichts. Man müsse die Buchstaben mit den Augen scannen, heißt es - so wie den Barcode an der Supermarktkasse. "Täglich zehn Minuten Scannen frischt eure Seele auf", sagt Hanan Naor. Und, so steht es in der Gebrauchsanweisung: Der Sohar sei "ein kraftvolles Werkzeug, um Schutz vor physischen Krankheiten und Gefahren jeglicher Form zu erlangen".
Johann Maier, Judaist und Autor eines Buchs über (die echte) Kabbalah, sagt: "Da wird Unfug als pure Weisheit verkauft. Offenbar hat das eine besondere Wirkung auf naive Seelen." Wohl auch deshalb ist Avi Nachmias überzeugt: "Kabbalah wird überall sein. Niemand kann sie aufhalten." ALEXANDER KÜHN
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 20/2003
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