12.05.2003

„Das Lebensgefühl der Epoche“

Wim Wenders über seinen Cannes-Beitrag „The Soul of a Man“, eine Dokumentarfilm-Hommage an drei legendäre Blues-Musiker
SPIEGEL: Herr Wenders, "The Soul of a Man" ist der erste von sieben Filmen, die verschiedene Regisseure auf Initiative Martin Scorseses zum Thema "Blues" drehen. In Ihrem Beitrag erklingt zu Bildern einer "Voyager"-Raumsonde ein Song der Blues-Legende Blind Willie Johnson. Sollte Blues die erste Musik sein, die fremde Zivilisationen von der Erde zu hören bekommen?
Wenders: Blues würde ihnen einen ganz guten Eindruck von unserem Dasein vermitteln, denn er handelt sehr elementar davon, wie schwer es ist, das Leben auf der Erde zu meistern. Auf der Schallplatte, die mit der "Voyager" durchs Weltall schwirrt und bald den Rand unseres Sonnensystems erreichen wird, befinden sich natürlich auch Stücke von Bach und Beethoven. Aber der Blues vermittelt stärker das Lebensgefühl unserer Epoche. Er ist nicht im Süden der Vereinigten Staaten geblieben, wo er entstanden war, sondern hat sich weltweit verbreitet und ist zur Grundlage verschiedenster Musikrichtungen geworden - vom Rock'n'Roll bis zum Rap. Er wird universell verstanden.
SPIEGEL: Weil er die Welt von unten beschreibt, aus der Sicht der Underdogs?
Wenders: Ich glaube schon. Er ist ursprünglich die Musik der Unterprivilegierten und der Armen. Den amerikanischen Traum sucht man in den Songs der drei Blues-Musiker, die ich in meinem Film porträtiere - Johnson, Skip James und J. B. Lenoir -, vergeblich. Für die Dreharbeiten von "The Soul of a Man" sind wir durch Mississippi gefahren, wo die Wurzeln dieser Musik liegen, und haben uns auf einmal gefühlt wie in der Dritten Welt. Der Blues, der von dieser Tristesse erzählt, ist ein wichtiges Korrektiv zu dem Bild, das zum Beispiel die meisten Filme von Amerika vermitteln.
SPIEGEL: Haben Sie deshalb so viel Mühe darauf verwandt, in Ihrem Blues-Film die amerikanische Depressionszeit, in der sich Johnson als Straßenmusiker verdingen musste, präzise nachzuempfinden?
Wenders: Diese Zeit hat mich schon immer fasziniert. Damals, Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre, zur Zeit der Wirtschaftskrise, sind auch einige der bedeutendsten Fotografien entstanden. Denken Sie nur an die Bilder von Walker Evans. Er hat den amerikanischen Süden minutiös dokumentiert. Die Depression ist aber kein Zeitabschnitt, der irgendwann vorüber gewesen wäre. Im amerikanischen Süden ist sie ein Dauer- oder gar Naturzustand - der ideale Nährboden für eine Musik wie den Blues.
SPIEGEL: Die drei Blues-Größen, denen Sie Ihren Film widmen, wurden nicht eben vom Schicksal begünstigt. Dennoch strahlt gerade Lenoir, von dem Sie Dokumentaraufnahmen aus den sechziger Jahren zeigen, eine bewundernswerte innere Ruhe aus. Macht der Blues gelassen?
Wenders: Ich glaube, wenn man diese Musik zu seinem Lebensinhalt macht, gewinnt man an Souveränität. J. B. Lenoir ist es in seinem Leben oft dreckig gegangen, doch nach allem, was ich von ihm weiß, war er ein überaus geduldiger und ausgeglichener Mensch. Vielleicht war ihm auch - wie Skip James - bewusst, dass er etwas geschaffen hatte, was ihn überdauern und später entdeckt werden würde. Da ruht man dann sogar bei einem sehr turbulenten Leben in sich selbst. Wer diese Musik lebt, wird ein anderer Mensch. Blues geht in die Gene.

DER SPIEGEL 20/2003
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DER SPIEGEL 20/2003
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