02.06.2003

VERSICHERUNGENSchlechte Noten bei Stresstests

Immer mehr Lebensversicherer müssen zugeben, dass sie mindestens einen der von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eingeforderten Stresstests nicht bestanden haben. 18 Unternehmen waren bisher so ehrlich, das auch öffentlich zuzugeben. Weitere 29 Versicherer verweigerten eine Aussage, seien aber nach Meinung von Experten überwiegend ebenfalls durchgefallen. 30 Unternehmen bestanden nach eigener Aussage den Test. Die Stresstests simulieren in ihrer strengen Version einen Absturz des Aktienmarktes um 35 Prozent und des Rentenmarktes um 10 Prozent - jeweils vom derzeitigen Wert -, um damit das Anlagenrisiko der Versicherer zu überprüfen. Wer bei dem Test durchgefallen ist, kann mit seiner aktuellen Kapitalausstattung keinen größeren Schock auf den Kapitalmärkten mehr auffangen. Wie schlimm es bereits jetzt um einzelne Unternehmen steht, vermittelt ein Blick in den Geschäftsbericht der Mannheimer Versicherung. "Würde der Dax, wie zum Jahresende 2002, auch zum Jahresende 2003 unverändert bei 2892 Punkten stehen, würde die Mannheimer Lebensversicherungs AG ein negatives Ergebnis vor Verlustübernahme durch die Holding von rund 250 Millionen Euro ausweisen", heißt es dort. Die Erfüllung der gesetzlich festgelegten Zinsgarantie sei zwar durch Überweisung anderer Holdinggesellschaften "in jedem Fall sichergestellt". Ein Ausgleich der Verluste in derartiger Höhe werde allerdings zu Problemen bei der Kapitalausstattung der gesamten Versicherungsgruppe führen.
De facto ist der Lebensversicherer überschuldet. Deshalb drängt die BaFin schon seit Monaten darauf, dass Großaktionäre wie die österreichische Uniqa oder die Münchener Rück bei der Mannheimer Versicherung mit einer massiven Kapitalerhöhung aushelfen - bislang allerdings vergebens.
Sollten sich die Börsen nicht kräftig erholen, bekämen auch andere Schwierigkeiten, wenn sie zum Jahresende statt luftiger Buchwerte die tatsächlichen Marktpreise der Aktien in ihrem Portfolio ansetzen müssen. In den meisten Fällen sind die Wirtschaftsprüfer nur bis Ende 2003 gewillt, solche stillen Lasten in den Bilanzen zu dulden.
Deshalb wollen die Versicherer versuchen, die Berliner Politik für eine Gesetzesänderung zu erwärmen. Danach soll der Abbau stiller Lasten in den Bilanzen bis zu fünf Jahre gestreckt werden. Dann dürfe man sich nicht mehr über Bilanzskandale wie beim US-Energieriesen Enron beklagen, kritisiert Marco Metzler, Versicherungsanalyst der Ratingagentur Fitch. Die Vermögenswerte in den Bilanzen würden die reale Lage nur noch sehr eingeschränkt spiegeln.

DER SPIEGEL 23/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VERSICHERUNGEN:
Schlechte Noten bei Stresstests

  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"