02.06.2003

GEWERKSCHAFTENAufmarsch der Papiertiger

Der Streik in der sächsischen Metallindustrie bedroht das Tarifsystem der ganzen Branche. Experten halten den Konflikt für ebenso absurd wie gefährlich.
Hasso Düvel ist genervt. Überall sieht der sächsische IG-Metall-Bezirksleiter "platte Stimmungsmacher gegen die Gewerkschaften" am Werk. An jeder Ecke glaubt er, "oberflächliche Kommentare" von Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern zu hören. Dabei, so der bärtige Funktionär, gehe es doch nur "um ein Stück Gerechtigkeit 13 Jahre nach der deutschen Vereinigung".
Ab Montag dieser Woche will Düvel endgültig für diese Gerechtigkeit sorgen. Damit die Metall-Arbeitnehmer östlich der Elbe künftig wie im Westen nur noch 35 Stunden pro Woche arbeiten müssen statt der zurzeit üblichen 38, wollen 5300 Stahlarbeiter sowie rund 7000 Mitarbeiter der sächsischen Metallindustrie flächendeckend Produktionsstraßen und Werkstätten stilllegen.
Mal für ein paar Stunden, mal mehrere Tage hintereinander sollen alle ostdeutschen Stahlstandorte bestreikt werden, das VW-Werk im sächsischen Mosel wie Automobilzulieferer in Zwickau und Chemnitz.
Schon ist in der IG Metall von wochenlangen Arbeitskämpfen und "Solidaritätsaktionen" auch im Westen die Rede. Schon fordern sächsische Unternehmer ihre Beschäftigten auf, bei einem Ausstand trotzdem am Arbeitsplatz zu erscheinen. "Wenn IG-Metall-Mitglieder arbeitswillige Mitarbeiter am Betreten der Firma hindern", warnt Sachsens Arbeitgeber-Geschäftsführer Andreas Winkler, "werden wir sie verklagen."
Ein hässlicher Streik mitten in der tiefsten Wirtschaftskrise - noch dazu im ökonomisch dahindümpelnden Osten? Politiker und Experten können es kaum fassen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung warnt vor verheerenden Folgen für Konjunktur und Arbeitsmarkt. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement spricht von einem Tarifkampf "jenseits des Vorstellungsvermögens". Besonnene Kräfte bei IG Metall und Arbeitgebern fürchten gar, der Konflikt könnte das traditionelle Tarifsystem der ganzen Branche sprengen. Unwahrscheinlich ist das nicht, denn in beiden Lagern führen Betonköpfe das Wort.
So will sich der IG-Metall-Verhandlungsführer Düvel mit der Durchsetzung der 35-Stunden-Woche als kompromissloser Vollstrecker der deutschen Tarifeinheit profilieren - gegen alle Bedenken in der eigenen Truppe.
Noch im vergangenen Herbst hatten die übrigen Bezirksleiter den Krawallkurs ihres sächsischen Kollegen mehrheitlich abgelehnt. Gewerkschaftschef Klaus Zwickel warnte, eine "allgemeine Arbeitszeitverkürzung" habe "angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes zurzeit keine Chance". Doch Düvel setzte sich über das Chefvotum hinweg und drückte gemeinsam mit IG-Metall-Vize Jürgen Peters den entsprechenden Kampfbeschluss intern durch.
Seine Gegner sind nicht minder scharfe Ideologen. Sachsens Metall-Arbeitgeber haben sich erfolgreich den Ruf von Gewerkschaftsfressern erworben, seit sie zum Ärger der Kölner Gesamtmetall-Zentrale wiederholt mit der eigenen Auflösung drohten. Auch jetzt bringen ihre Funktionäre, die intern gern als "die Verrückten" verspottet werden, wieder das Ende ihres Verbandes ins Gespräch. Seit Jahresbeginn sind bereits 15 Mitgliedsfirmen aus dem Tarifzusammenschluss ausgetreten.
Sollte sich der Streik verschärfen, warnt Geschäftsführer Winkler, sei eine Totalauflösung "nicht ausgeschlossen". Die IG Metall müsste dann statt eines branchenweiten Flächenvertrags Haustarife mit einzelnen Firmen verhandeln - mit womöglich bundesweiten Folgen. Ist der Flächentarif erst einmal in einer Region gekippt, so fürchten Arbeitgeber- wie Gewerkschaftsfunktionäre, wäre er auch im Rest der Republik gefährdet.
Für die IG Metall wäre das ein hoher Preis für einen eher symbolischen Sieg. Denn klar ist, dass die Gewerkschaft die 35-Stunden-Woche selbst im Erfolgsfall nur für einen Bruchteil der Betriebe durchsetzen kann. Schon heute sind in Ostdeutschland nur noch 300 von 3000 Metallbetrieben Mitglied im Arbeitgeberverband; und von denen halten sich nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung gerade mal die Hälfte an die heute tariflich vereinbarten Arbeitszeiten von 38 Stunden. Im Rest der Branche wird länger gearbeitet.
Dass die geltenden Regeln schon heute nur von einem Bruchteil der Beschäftigten eingehalten werden, scheint die Gewerkschaft nicht zu stören. Großzügig hat Verhandlungsführer Düvel sogar angeboten, bei Einführung der 35-Stunden-Woche zusätzliche Ausnahmen für ertragsschwache Betriebe abzusegnen.
Wie das aussehen könnte, hat die IG Metall gerade beim sächsischen Automobilzulieferer Ise Industries GmbH demonstriert. Dort werde die Arbeitszeit vom Januar 2004 an von derzeit 38 Stunden stufenweise "um eine Stunde pro Jahr verkürzt", jubelt die Gewerkschaft. Zugleich gilt jedoch eine "Härtefallregelung", nach der bis Ende 2008 "maximal 37,5 Stunden in der Woche gearbeitet wird".
Am Ende eines möglicherweise harten Arbeitskampfes zwischen den Papiertigern beider Lager könnte deshalb ein Ergebnis stehen, das so absurd ist wie der ganze Streik. Die 35-Stunden-Woche wird zwar in der Mini-Elite einiger Dutzend gut verdienender Autowerke und Zulieferbetrieben eingeführt, für das Gros der Beschäftigten aber bleibt sie unerreichbar. MICHAEL SAUGA
Von Michael Sauga

DER SPIEGEL 23/2003
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