02.06.2003

KUNSTExzesse des Körperwahns

Selten war eine Epoche so aufs Äußere fixiert wie die der Generation Silikon. Doch während Werbung, Schönheitschirurgie und Fitnessindustrie den perfekten Body als Ideal feiern, zeigen sich viele Künstler und Lifestyle-Ästheten fasziniert vom Glamour des Makels.
Daniele Buetti hat nur Augen für die Schönsten der Schönen, und selbst die erscheinen ihm noch nicht aufregend genug. Deshalb tätowiert der Schweizer Künstler die teuersten Fotomodelle der Welt, und zwar so, dass sie anschließend richtig scheußlich aussehen. Wie geschwollene Narben wölben sich auf zarten Armen und blassen Wangen die Schriftzüge von Luxusmarken wie Christian Dior, Gaultier oder das doppelte C von Chanel.
Keine Sorge, Buetti, 46, vergreift sich nicht an den Claudia Schiffers und Naomi Campbells dieser Welt, sondern sticht mit der Nadel in Hochglanz-Abbildungen. Gruselig wirken seine Verunstaltungen (die in einem neuen Buch zu bewundern sind) trotzdem*. Erster Eindruck beim Betrachter: autsch. Zweiter: Gut, dass die Stilperfektionistin Coco Chanel das nicht mehr erleben muss.
Buettis Mix aus Glamour und Grausamkeit verkauft sich hervorragend, seit Jahren gilt er als Star des Kunstmarkts. Dabei
ist er als Prophet einer schaurigen Vision unterwegs.
Denn die Makellosigkeit, die er zerstört (und so erst recht in den Blickpunkt rückt), ist schon an sich nur durch Torturen möglich: durch Schlankheitskuren, Fitnesswahn, plastische Chirurgie und anderes Schönheitsdoping. Die Zeiten, als Maler ihre Musen und Männermagazine ihre Playmates in aller natürlichen Pracht präsentierten, sind ein für alle Mal vorbei. Heute kann der Körper meist nur beeindrucken, wenn an ihm sichtbar manipuliert wurde.
Hemmungslos wird das neue Körperbewusstsein in der Kunstwelt zelebriert. Derzeit dürfen etwa die Besucher der Kunsthalle Rotterdam über eine Ausstellung namens "Playboy Fotografie" staunen: Die Damen auf den Bildern sehen allesamt so aufgerüstet aus, als hätte jemand mit Skalpell und Silikon nachgeholfen.
Auch die junge Generation unter den Geisteswissenschaftlern und Soziologen treibt der Körperwahn um: So waren sich am vorvergangenen Wochenende die Teilnehmer des Kongresses "Utopische Körper" an der Berliner Volksbühne darüber einig, dass sich alle gesellschaftspolitischen Paradiesvorstellungen mittlerweile auf den Körper verlagert haben. Die These jedenfalls lautete: "In Fitnesskult und Risikosport, gebräunten Urlaubsleibern und Cyberpunks sowie pornografischen und biotechnologischen Phantasien scheinen sich alte Menschheitsträume zu realisieren."
Gemeint ist: Was interessiert uns die Weltpolitik, wenn wir mit unseren überflüssigen Pfunden zu kämpfen haben? Der moderne Mensch müht sich nicht deshalb leidend um Katharsis, damit er sich zu einem besseren Menschen entwickelt, sondern es geht darum, im Tanga knackiger zu wirken.
Die Veranstalter des Kongresses wollten ihrem Publikum neben Erkenntnisgewinn auch Unterhaltung bieten. Deshalb luden sie nicht nur zu kunstwissenschaftlichen Vorträgen - mit so drolligen Titeln wie "It always rains gold in pornotopia" -, sondern engagierten auch ein paar Masseure und eine Fitnessweltmeisterin, die vorführen durfte, zu welch sehnigem Muskelprotz sich die eigene Anatomie hintrimmen lässt.
Nicht erst das narzisstische 21. Jahrhundert ist darauf fixiert, den Körper (neuglobal: Body) einem straffen Idealbild anzunähern. Schon die frühen Ägypter übertünchten kleine Makel mit Kosmetik; die Gymnastik ist eine Erfindung der griechischen Antike.
Die zeitgemäße Steigerung heißt: obsessiver Masochismus. Nur wenn sich der Mensch körperlichen Gefahren aussetzt, sich lebenslang durchs Fitness-Martyrium quält und sich möglichst auch noch der Retusche durch die plastische Chirurgie aussetzt, ist er im dritten Jahrtausend angekommen. Der Muskelkater allein reicht nicht mehr als Lebenselixier. Ich lasse Botox spritzen, also bin ich.
Schon im vergangenen Jahrzehnt lautete die Frage: schweißtreibendes Laufband oder bequemes Fettabsaugen unter Narkose? Oder beides? Demnächst könnte die Gentechnik alle Probleme bereits vor der Geburt lösen.
Vorher will der Kölner Taschen Verlag - der mit Büchern etwa über Leonardo und "Digital Beauties" erfolgreich zwischen Kunst, Lifestyle und Erotik angesiedelt ist - noch Hilfestellung leisten. Seit über zwei Jahren arbeitet Verlegerin Angelika Taschen an einem Buch über Schönheitsoperationen. Spätestens 2004 soll das "so etwa 600 bis 700 Seiten umfassende" Mammutwerk erscheinen und auch eine Art Werkkatalog der führenden plastischen Chirurgen enthalten.
Früher waren es außer Michael Jackson meist alternde Hollywood-Diven, die sich regelmäßig auf den OP-Tisch begaben. Heute gilt: Ob Mann, ob Frau, Teenager oder Rentner, Japaner oder Südländerin - sie alle streben mit Hilfe von Bleichmitteln, Implantaten und Kinnkorrekturen einer Einheitsmimik entgegen. Die Globalisierung fördert ein uniformes Gesicht: "Individualität gilt als Makel", hat Verlegerin Taschen erkannt und meint: "Da muss man sich doch nur einmal auf der Düsseldorfer Königsallee umschauen."
Spieglein, Spieglein an der Wand sind überflüssig, wenn die Nachbarin oder der Kollege wie der eigene Zwilling aussieht. Die mächtigsten Götter in der antiken Mythologie, allen voran Zeus, schlüpften auch schon gern in fremde Körper - aber sie konnten sich auch ruck, zuck zurückverwandeln. In der realen Gegenwart aber werden Fashion Victims von Face Victims abgelöst.
Was ist noch Original, was optimierte Fälschung? Picasso sagte in den zwanziger Jahren, Kunst sei keine Wahrheit, sondern "eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt". Nur, muss das auch für jedes Durchschnittsgesicht gelten?
Die (selbst ernannte) Künstlerin Orlan, wohnhaft in Paris, lässt ihr Gesicht seit vielen Jahren ummodellieren - und wirkt mittlerweile wie ein Monster, das nicht einmal ein moderner Frankenstein züchten könnte. Orlan ist Dauergast im OP; ihre Metamorphose lässt sie auch schon mal auf Monitore in Museen übertragen. Ärgerlich ist für die Dame nur, dass dieser bluttriefende Exhibitionismus kaum jemanden mehr aufregt in Zeiten, in denen der US-Fernsehsender ABC live bei Schönheitsoperationen zugegen ist.
Es ist noch nicht lange her, da ließ sich die Interpretations-Elite etwa von der Gentechnologie hysterisieren. Philosophen wie Peter Sloterdijk raunten von einer neuen "Menschenzüchtung"; Kunstwissenschaftler erfanden flugs abgedrehte Begriffe wie "Transgene Kunst".
Die Künstler selbst gingen unbekümmerter vor. Weil das größte anzunehmende Schreckensbild in den späten neunziger Jahren Klon hieß, duplizierten sie sich mit viel Spaß schon mal selbst: wie der Brite Paul Smith, der auf seinen Fotos in mehrfacher Ausführung zur Bierflasche greift.
Die in Australien lebende Künstlerin Patricia Piccinini, die als eine der "aufregendsten jungen Künstlerinnen" ihrer Heimat gilt (und schon als einer der Stars der im Juni beginnenden Kunst-Biennale von Venedig), wurde mit gruselig futuristischen Skulpturen bekannt. In Venedig zeigt sie etwa spielende Klonkinder, ihre "Game Boys Advanced", und ein "Stillleben mit Stammzellen". "Was ist schon normal, was ein Mutant?", fragt Piccinini. Und was liegt im Trend?
Heute scheint es, als könnte für echte Trendsetter nur ein virtuell anmutender Körper, der wirkt wie frisch aus dem Cyberspace geschlüpft, optimale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. "Matrix" lässt grüßen: Möglichst digital und dabei am besten so wie die Computerspiel-Heldin Lara Croft auszusehen ist das Ziel - und auch eine Kunst. Vor allem, wenn man gestern noch mit der Superblondine Pamela Anderson verwechselt werden wollte.
Eine Schau in der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig widmet sich alten und neuesten Bauplänen für die Körperkonstruktion. Unter dem Motto "Bellissima" simulieren Künstler die "Herstellung von Schönheit", warnen vor "Rückwirkungen auf reale Körper" - und stellen den Zuschauern die Frage, ob "die Suche nach Schönheit auf gefährliche Abwege führt".
Offenbar. Denn viele der besonders Körperbewussten sind ihrer eigenen Perfektion schon wieder überdrüssig. Warum sonst wird der aufgepäppelte Körper gleich wieder tätowiert, operiert, gepierct und gequält? "Das Tiefste, was der Mensch besitzt, ist die Haut", erkannte der Dichter Paul Valéry (1871 bis 1945) - und die ist nun endgültig zum letzten Abenteuerspielplatz geworden.
Das Londoner Kaufhaus Selfridges, bekannt für ausgefallene Marketing- Kampagnen, hat diesen Zeitgeist-Spleen erkannt und genutzt. So wurde die Kundschaft vor kurzem mit einem mehrwöchigen Werbe- und FKK-Spektakel namens "Body Craze" zum Gucken und Konsumieren angeregt. Tattoo- und Piercing-Schausteller, Tänzer, Akrobaten und Künstler zeigten den Körperkult in allen Variationen.
Auf Geheiß des Fotografen Spencer Tunick drängelten sich zum Beispiel Hunderte von nackten Komparsen auf Rolltreppen und zwischen Verkaufsvitrinen. Man könne heutzutage nicht einmal mehr eine Käsereibe kaufen, ohne fast zwangsläufig ein paar Nackten zu begegnen, lästerte der britische "Guardian".
Der Prominenz schien''s zu gefallen. Die Popdiva Kylie Minogue kam zur Eröffnungsparty; Jerry Hall, Ex-Gefährtin von Mick Jagger, posierte im Schaufenster als Venus. Entgegen vielen Gerüchten und zur Enttäuschung der Kundschaft tauchte sie dann doch bekleidet auf.
Eigentlich ging es bei dem ganzen Brimborium sowieso nicht um den nackten Körper, sondern darum, was man mit ihm anstellen kann: Das australische Supermodel Elle McPherson zog sich aus, um sich öffentlich mit Latex anpinseln zu lassen. Und ein paar Extrem-Artisten geißelten sich in einer Show, die als "schmerzhaftes Entertainment" angepriesen wurde und in der auch Fleischhaken eine Rolle spielten. Die Werbeabteilung von Selfridges freute sich über die "brutalen Perversionen" mit der menschlichen Haut.
In der Kunstwelt gehört der Schmerz am eigenen Leib längst zu den bewährten Attraktionen. "Phantom der Lust. Visionen des Masochismus in der Kunst" heißt eine Ausstellung in der Neuen Galerie in Graz. Sie ist Teil eines Festivals, das noch bis Ende August an den Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch erinnern will - an den Mann, der im 19. Jahrhundert so gern über erotische Grausamkeiten philosophierte und der den Weg ins neue Millennium ebnete: "Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert Sacher-Masochs sein", prophezeien die Veranstalter.
Die Besucher der diesjährigen Kulturhauptstadt Graz sollen erleben, wie sich Sacher-Masochs Gedankenspiele durch zeitgenössische Kunst aktualisieren lassen - wobei heute glamouröser und steriler gequält wird als in den sechziger Jahren, der Zeit der schmuddeligen Körper-Aktionisten.
Die Künstlerin Irene Andessner, ein österreichisches Enfant terrible, spielt in ihren Video-Auftritten die Peitsche schwingende erste Gattin Sacher-Masochs. Gilles Berquets Fotografie "Mechanische Puppe" aus dem Jahr 2001 zeigt eine sehr lebendige Frau, nur nähert sich ihrer Brust gerade eine Furcht erregende Schraubzwinge. Eine andere Dame, fotografiert und digital aufgemotzt von Nicole Tran Ba Vang, scheint sich gerade selbst aufzuschnüren - wie ein Mieder liegt die Haut auf ihrem Körper.
Das Werk kann als Sinnbild gelten. Es hat den Anschein, als fühlte sich die halbe Menschheit nicht mehr wohl in der eigenen Haut. Zugleich war selten eine Epoche so körperfixiert wie die heutige - aber nur, wenn es um die eigene Perfektion geht. Fremdkontakte werden im Posthumanismus weitgehend ausgeschlossen.
Stellvertretend für all die heimlichen Erotik-Autisten begibt sich der deutsche Fotokünstler Thomas Ruff seit Jahren ganz offiziell ins Internet, um das Porno-Angebot zu sichten. Er hat sich die wildesten Bilder von Kleinstorgien und Lolita-Schönheiten heruntergeladen, sie digital verwischt, auf Fotopapier gezogen und zur Kunst erklärt. Für einen Abzug in der Größe 140 mal 110 Zentimeter verlangen Ruffs Galeristen (demnächst auf der Kunstmesse Art Basel) schon mal 25 000 Euro.
Schöne neue Phantasiewelt. Früher oder später ereilt das Alter und dazu die ein oder andere Gebrechlichkeit dann doch jeden, sogar den übermenschlichsten Adonis.
Rechtzeitig daran erinnern wollte der französische Künstler Gilles Barbier. In seinem Wachsfigurenkabinett "Altersheim" kann sich Superman nur noch mit einer Gehhilfe fortbewegen, aber wenigstens ist er nicht allein: Catwoman, Batmans Gegenspielerin, etwa hat sich lahm, träge und schlaff in einen Fernseh-sessel gefläzt. ULRIKE KNÖFEL
* Christoph Doswald (Hg.): "Daniele Buetti". Hatje Cantz Verlag, Ostfildern; 256 Seiten; 39,80 Euro.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 23/2003
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