02.06.2003

THEATERWehmutströpfe im Abbruchhaus

Junge Kinostars spielen in Hamburg erstmals zusammen auf der Bühne - und bescheren dem krisengeplagten Schauspielhaus einen Überraschungshit.
Er gilt als begabtestes Großmaul des deutschen Kinos, sie als dessen süßeste Nervensäge. Er ist gesegnet mit einer schlaksig-zappeligen Körpersprache und einem blauen Strahleblick, sie mit üppigen Schmoll-Lippen, einer deutlich dem Quietschen zuneigenden Stimmlage und dem Mut zum rotzfrechen Drauflosplappern.
Klarer Fall, dass Nora Tschirner, 21, und Robert Stadlober, 20, dringend zusammenkommen mussten. Im Kino sind sie beide vor allem durch Verfilmungen neuerer deutscher Jugend-Bestseller aufgefallen: Stadlober spielte vor drei Jahren den Helden der höchst gelungenen Adaption von Benjamin Leberts Roman "Crazy" und ist seitdem gut im Geschäft; Tschirner, die im Hauptberuf noch für MTV als Moderatorin agiert, durfte gerade erst die abtrünnige Traumfrau in der Kinoversion von "Soloalbum" darstellen - mit diesem Buch begann einst Benjamin von Stuckrad-Barre seine Autorenkarriere.
Überraschend ist nur, dass das Kinopop-Paar Tschirner und Stadlober nun nicht vor der Kamera zum ersten gemeinsamen Schaulaufen antrat, sondern auf einer Theaterbühne. Im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses ließen sich die beiden am vergangenen Donnerstagabend zusammen mit fünf weiteren jungen Darstellern für ihren Beitrag zu einem "Trainspotting"-Spektakel feiern - für beide, die nie an einer Schauspielschule lernten, war's das Debüt an einer großen Bühne.
Die Inszenierung, von dem freischaffenden Regisseur Nils Daniel Finckh, 34, als Gastproduktion unterm Dach des krisengeplagten Schauspielhauses platziert, sorgte denn auch für ungewohnten Radau. Fernsehreporter drängelten sich im Foyer, allerlei sonst eher theaterferne Presseleute pressten sich in die Zuschauersitze - und staunten schon mal darüber, wie jung und hübsch die meisten der Premierenbesucher waren: Viele der Mädchen wirkten so auf Ähnlichkeit mit Mitspielerin Tschirner getrimmt, als wären sie für ein Musiksender-Moderatorinnen-Casting angetreten.
"Klar ziehen wir ein junges Publikum an", hatte Stadlober schon vor Vorstellungsbeginn posaunt, "auch wenn viele Leute nur kommen, um mich mal grandios scheitern zu sehen. Oder vielleicht auch, weil sie in Nora verliebt sind." Ganz ohne nähere Motiv-Erforschung darf man festhalten: Der Auftritt der jungen Kinohelden hatte sich so schnell herumgesprochen, dass sämtliche Hamburger Vorstellungen ohne viel Werbung schon zwei Wochen vor der Premiere ausverkauft waren.
Mit der womöglich von manchen erhofften Kunst-Katastrophe wurde es dann aber nichts: Der Regisseur Finckh schaffte es, aus der von Drogenelend und jugendlicher Verzweiflung erzählenden Textvorlage des schottischen Autors Irvine Welsh eine konzentrierte, knapp eineinhalb Stunden kurze Geisterbeschwörung zu basteln - so präzise choreografiert und mit schönem Witz angereichert, dass man den auf dem gleichen Stoff basierenden Kino-Welterfolg "Trainspotting" aus dem Jahr 1996 glatt (zumindest für eine kurze Weile) vergessen konnte.
Danny Boyles "Trainspotting"-Film ist ein bunter und drogenverrückter Bildersturm, in dem verwegene junge Typen die Härten und Wonnen eines Lebens im Rausch feiern, den Heroin-Flash als idealen Fluchtweg aus einem Spießerleben mit Bausparvertrag und voller klebriger Langeweile preisen: "Nimm den besten Orgasmus, den du je hattest, multiplizier ihn mit 1000, und du bist noch nicht einmal nah dran", heißt die berühmteste Stelle im Film.
In Finckhs Bühnenversion kommt sie überhaupt nicht vor. Weniger von Drogen als von der Verrohung und Einsamkeit, die dazu führt, dass man überhaupt Suchtmittel in sich hineinstopft, berichten die fünf Männer und zwei Frauen, die sich hier in einem Abbruchhaus herumdrücken. Außer ein paar schrundig aufgeplatzten Tapeten, einer abgeschabten Badewanne und insgesamt acht Kloschüsseln gibt's nicht viel an Kulisse. Statt Action wie im Kino zeigt der Bühnenregisseur eine oft beklemmende Revue aus mal witzigen, mal drastischen Horror-Nummern.
Mal drücken sich die sieben in einer Schlange vor einer imaginären Badezimmertür herum und machen dabei ulkige Verrenkungen, mal hüpfen die beiden Mädchen blutbeschmiert in die Wanne und erzählen von Abtreibung und Babytod: Immer aber hält der Abend, der von ein wenig Beethoven-Musik und ein paar Popsongs zusammengehalten wird, eine erstaunliche Spannung - und das ist tatsächlich in erster Linie dem Schauspieler Stadlober zu verdanken (obwohl ein paar seiner Mitspieler auch schwer beeindrucken).
Das fast stumme, aber sehr anrührende Mädchen, das die Tschirner spielt, stößt dieser Kerl immer wieder weg, weil er schon mit sich selber nicht klarkommt. Die eckigen Gesten, die zitternde Unsicherheit, mit der er unter seinen Kumpanen kauert, dementieren die Coolness seiner mit kehliger Stimme vorgetragenen Aufschneidergeschichten.
Es ist, mehr für Stadlober als für die dann doch leicht unterforderte Nora Tschirner, ein glänzendes Debüt - auch wenn ganz Schlaue natürlich einwenden werden, dass der junge Schauspieler hier einen Mistkerl spielt, der seinem realen Charakter womöglich nicht unähnlich ist. So hat er sich in Talkshows ein bisschen zu selbstgefällig als spät berufener Punkrocker inszeniert und bei Harald Schmidt einen fast schon legendär peinlichen Auftritt absolviert.
Aber Schwamm drüber: "Das waren lauter Fehler, pubertärer Quatsch halt", sagt der Schauspieler Stadlober am Premierenabend. Und schickte gleich drohend hinterher: "Meine Pubertät ist noch lange nicht zu Ende." WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 23/2003
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