07.06.2003

HELDENDie Jessica-Lynch-Show

Wenige Wochen nach dem Ende des Irak-Krieges beginnen die ersten Legenden des Feldzuges zu zerfallen. Die spektakulärste Story, die filmreife Geschichte von der heldenhaften Rettung der jungen Soldatin aus irakischer Gefangenschaft, erweist sich als Inszenierung. Von Alexander Osang
Dr. Anmar Udai steht vor Jessicas letztem Bett wie vor einem Altar. Es ist eine ovale Wanne mit vier Beinen und einer kompliziert aussehenden elektronischen Steuerung. Die Wanne ist mit feinem weißem Sand gefüllt. Spezialsand, sagt Udai. Es ist das einzige Bett dieser Art in der Klinik, leider funktioniert es jetzt nicht mehr. Wenn man jemanden auf so ein Bett legt, beginnt der Sand unterm Kunststofflaken zu tanzen. Es ist, als schwömme man, sagt Udai und lächelt. Sie haben Jessica an ihrem letzten Tag in das Zimmer mit dem Spezialbett verlegt, weil ihr Rücken wund geworden war, sagt er. Und dort haben sie die amerikanischen Spezialeinheiten dann auch mitten in der Nacht rausgeholt. Die Männer mit den Nachtsichtgeräten, die durch das Krankenhaus sprangen wie durch einen Film. Sie haben einfach das Kunststofflaken aus dem Bett geschnitten und Jessica damit herausgehoben. Das Bett ist jetzt natürlich nutzlos, aber das konnten die Soldaten ja nicht wissen. Das Zimmer steht seit dem 2. April leer. Anmar Udai lässt den weißen Spezialsand durch seine Finger rieseln. Er versucht, sich angemessen zu verhalten. Er ist erst 26 Jahre alt, er hat wenig geschlafen in den vergangenen Wochen. Er hat einen Diktator verloren und weiß nicht, was als Nächstes kommt. Aber er hat auch seinen Stolz.
"Wir haben Jessica gut behandelt", sagt Udai.
Er erwähnt den Orangensaft, den sie ihr gebracht haben, die Cracker und den eingeschweißten Käse. Sie hat ja nur Sachen gegessen, die man in ihrer Gegenwart öffnete. Sie haben versucht, ihr die Angst zu nehmen, sie seien doch Ärzte, sagt er. Sie haben ihr nicht von ihren toten Kameraden erzählt, die sie draußen auf dem Fußballplatz beerdigen mussten, weil die Leichenschränke wegen des Stromausfalls abtauten. Man konnte die Gräber aus dem Fenster des kleinen Zimmers sehen. Sie hat immer in einem Einzelzimmer gelegen, obwohl draußen Menschen auf den Fluren starben, sagt Udai.
Er weiß nicht, was Jessica Lynch später erzählte. Er hat gehört, sie habe ihre Befreier mit den Worten "Ich bin auch ein Soldat" begrüßt. Das kann Udai nicht bestätigen. Zu diesem Zeitpunkt hockte er mit seinem Kollegen im Röntgensaal im Erdgeschoss. Sie hatten sich die weißen Kittel übergezogen, um nicht versehentlich erschossen zu werden.
Udai und seine Kollegen aus dem Stadtkrankenhaus von Nassirija sind für zehn Tage in die ganz große Politik geraten wie in ein mächtiges Getriebe.
Am 23. März, irgendwann vor Sonnenaufgang, ging die kleine Kolonne der 507. Instandsetzungskompanie irgendwo im Marschland zwischen Euphrat und Tigris verloren. Die Autobahnen im Südirak sind unbeschildert, sie fließen endlos durch die Wüste, ab und zu gibt es eine Abzweigung, schon am Tage verirrt man sich auf den breiten, leeren Straßen wie in einem Traum. Die zehn Versorgungsfahrzeuge rollten Richtung Norden. Sie bogen einmal falsch ab und landeten in der Stadt Nassirija, an der sie eigentlich vorbeifahren sollten. Da war ein Fluss, wo eigentlich kein Fluss angekündigt war. Als sie umdrehten, wurden sie beschossen. Noch bevor die Sonne aufging, waren zwei amerikanische Soldaten tot, acht vermisst und fünf gefangen genommen. Eine der Vermissten war Jessica Lynch, eine 19-jährige Soldatin aus Palestine (West Virginia).
Es war Sonntag, der Krieg war vier Tage alt. Die Bilder der amerikanischen Kriegsgefangenen gingen um die Welt. Nassirija geriet in die Schlagzeilen. Eine kleine Stadt am Wegesrand, die überraschend, beinahe zufällig, in den Mittelpunkt der Schlacht rückte.
Zwei Monate später steht Hauptmann Raymond Simons, Kompanieführer der U. S. Army, immer noch ratlos vor der großen Luftbildaufnahme von Nassirija. Seine Hände beschreiben Kreise über den engen Straßen der 250 000-Einwohner-Stadt.
"Sie sind hier reingefahren, dann über den Euphrat in die Stadt, da sind sie ein bisschen hin und her kutschiert und über den Euphrat wieder raus, da ist es dann passiert. Oder sie haben es gleich an der ersten Brücke gemerkt, sind umgekehrt und bumm", sagt er. Die Soldaten seiner Kompanie fahren seit ein paar Tagen Streife mit der lokalen Polizei in Nassirija. Die irakischen Polizisten haben ihm die Stelle gezeigt, an der es passierte.
Man sieht ein paar Einschusslöcher in den Betonplatten. Der Zaun gehört zu einer Reifenfabrik, es gibt Schlitze zwischen den Platten, und hinter den Schlitzen sieht man ein paar verrumpelte Baracken und rostige Baufahrzeuge. Der Boden ist aufgewühlt. An eine der Betonplatten hat jemand einen Gedenkspruch gemalt.
"507. Maintenance. Wir werden nie vergessen."
Man muss ganz dicht herangehen, um ihn lesen zu können. Und auch dann fragt man sich, was dieser Schwur bedeutet.
Was wird nie vergessen werden?
Am Vormittag des 23. März, als die Rettungskräfte eintrafen, fanden sie nur noch ein paar brennende amerikanische Militärfahrzeuge. Selbst die Toten waren verschwunden.
Aus Armeekreisen hieß es später, Jessica Lynch habe sich mutig verteidigt, geschossen, bis ihr die Munition ausging. Es hieß auch, dass sie von feindlichen Kugeln getroffen worden sei. Das zog man zurück, nachdem Jessica Lynch im Militärkrankenhaus in Deutschland untersucht worden war. Es hieß nun, einige Wunden hätten auch von Schüssen herrühren können. Jessica Lynch kann wenig dazu sagen, es heißt, sie kann sich an den Überfall nicht erinnern. Sie habe Erinnerungslücken. Sie hatte eine Wunde am Kopf. Von einem Fall oder einem Schlag, wer weiß.
Als die Gefangene Stunden später im städtischen Krankenhaus von Nassirija eingeliefert wurde, war sie noch nicht bei Bewusstsein, sagt Dr. Harith al-Hussuna. Vier bewaffnete Männer brachten sie in die Notaufnahme. Hussuna hat sie untersucht.
"Sie hatte keine Schusswunden", sagt er schnell. "Sie hatte Knochenbrüche in Armen und Beinen, und sie hatte eine oberflächliche Wunde auf dem Schädel. Aber keine Schusswunden."
Hussuna sitzt mit einem Kollegen an einem schmalen Schreibtisch in der Notaufnahme der Klinik. Er hat Dienst. Auf der Schreibtischplatte liegt ein Kleinkind, das gleich eine Spritze bekommt. Hinter ihnen hängt das Bild von einem Eisberg an der Wand, überall im Krankenhaus hängen Landschaftsbilder aus kühlen Gegenden der Welt, Bilder mit viel Wasser, dichten Laubbäumen und Hirschen. So muss das Paradies aussehen.
Warteraum und Behandlungszimmer sind nicht voneinander zu trennen. Die Patienten hocken in den Gängen. Einige sind so schwach, dass sie sich nicht mehr gegen die Fliegen wehren. Es ist heiß. Das Kind auf der Schreibtischplatte krümmt sich, als es die Spritze bekommt, dann trägt seine schwarz verhüllte Mutter es raus ins Licht. Der nächste Patient hat sich mit seiner Kalaschnikow den rechten Zeigefinger durchschossen. Hussuna bringt ihn in einen kleinen Operationsraum.
In der Ecke reinigt ein Mann gerade den Abfluss mit einem großen schwarzen Lappen, den er um einen Stock gewickelt hat. Er stößt den Stock in den Abfluss, schwarze Brühe gießt sich über die Fliesen.
Der Junge sieht blass aus, der Freund, der ihn brachte, wedelt mit einem Röntgenbild die Fliegen von seinem Gesicht. Hussuna stellt keine Fragen, er sieht sich die Wunde an. Er überlegt, ob er den Finger abnimmt, entscheidet sich aber erst mal dagegen. Er warte noch einen Tag, sagt er.
"Ich lebe draußen in den Sümpfen. Brauche die Waffe, um mich zu verteidigen", sagt der Junge wütend. Hussuna nickt. Er ist 25 Jahre alt.
Wie Udai gehört Hussuna zu den zehn jungen Medizinern, die im Ärztehaus neben der Klinik wohnen. Sie sind eigentlich noch in der Ausbildung, aber das zählte im Krieg natürlich nicht. Viele der älteren Doktoren und die Mehrzahl der Krankenschwestern erschienen nicht mehr in der Klinik, als der Kampf um Nassirija begann. Sie blieben bei ihren Familien. Manche sagten, sie fürchteten, dass ihr Krankenhaus ein Ziel der amerikanischen Bomben werden könnte.
Einen Tag nachdem Jessica Lynch hier abgegeben wurde, erschienen der Bürgermeister und der Sicherheitschef von Nassirija zusammen mit ihren nächsten Untergebenen und Bodyguards im Krankenhaus. Sie bezogen das Ärztehaus, ohne zu fragen, die zehn jungen Ärzte schliefen nun im Krankenhaus auf der Erde. Sie schliefen sowieso kaum. 4000 Verletzte wurden in 14 Tagen des Krieges im städtischen Krankenhaus versorgt. Die Fußböden waren blutig. Man sah kaum irakische Truppen in der Stadt, die Fedajin schossen aus Häusern, die Amerikaner schossen zurück. Es gab fast ausschließlich zivile Opfer in Nassirija. Nach zwei Tagen hörten sie auf, die Eingänge ins Ärztebuch einzutragen. Sie schrieben nur noch die Todeszertifikate aus. Am Ende waren es tausend.
Sie brachten Jessica Lynch auf ein Einzelzimmer im zweiten Stock, wo normalerweise die Herz-Kreislauf-Patienten lagen. Es ist eins von vier Einzelzimmern, über die die Klinik verfügt. Ein kleiner, stiller Raum, die Fenster sind mit rotem Tuch verhängt. Vier Männer mit Maschinengewehren bezogen vor der Tür Stellung. Am Ende war es nur noch einer, und der ging am Morgen, bevor die Amerikaner das Krankenhaus stürmten.
Hussuna steht im ersten Zimmer seiner berühmtesten Patientin, in dem jetzt eine alte Frau in einem schwarzen Gewand liegt. Hussuna bemerkt sie nicht. Er ist mit in die Geschichte gerutscht. Die BBC hat ihn neulich interviewt, sein Foto war im "Guardian". Vielleicht spürt er eine Art Verantwortung. Die roten Vorhänge bewegen sich leicht im heißen Wind.
"Ich habe Jessica Orangensaft gebracht", sagt Hussuna.
Er zündet sich eine Zigarette an und hört in der kommenden Stunde nicht mehr auf zu rauchen. Er versucht die Dinge zu glätten, einzuordnen. Er ahnt die historische Situation. Hussuna erzählt zuerst vom Aufstand gegen Saddam Hussein 1991, der in Nassirija begann. Saddam Hussein habe sich bitter an der Stadt gerächt. Fast alle Familien hätten Männer verloren. Dann berichtet er, wie sie versucht hätten, Jessica Lynch nach ein paar Tagen zu den Amerikanern zu bringen, die die Stadt fast vollständig eingenommen hatten. Am Morgen des letzten Tages seien auch der Bürgermeister, der Sicherheitschef und all ihre Bodyguards aus dem Krankenhaus verschwunden. Ein Krankenwagenfahrer namens Sabah sei bereits mit Jessica unterwegs zu den Marines gewesen. Aber als er auf den Kontrollpunkt zugefahren sei, hätten die amerikanischen Soldaten Warnschüsse abgegeben, da sei der Mann wieder umgekehrt. In der folgenden Nacht seien dann die Amerikaner gekommen und hätten Jessica geholt.
"Ich habe mich gut mit ihr verstanden. Ich war ja der Erste, der sie untersuchte. Ich habe die Sicherheitskräfte aus dem Raum geschickt, schließlich bin ich Arzt. Sie war ja eine Frau und Ausländerin", sagt Hussuna, drückt die Zigarette aus und zündet sich sofort eine neue an. "Ich glaube, sie hat mir vertraut. Einmal hat sie sogar gesagt, ich solle sie in Amerika besuchen. Aber ich weiß nicht, wie ernst das gemeint war."
Er würde gern in Amerika studieren, sagt er. In Atlanta.
Warum Atlanta?
Er zuckt mit den Schultern und lacht.
In der Nacht zum 2. April stürmten die Amerikaner das Krankenhaus. Es heißt, sie haben den Tipp von einem irakischen Anwalt namens Mohammed Odeh al-Rahajif bekommen, der mit einer Krankenschwester des Hospitals verheiratet sei. Spezialhubschrauber der Air Force brachten Navy Seals und Army Ranger zum Krankenhaus. Brigadegeneral Vincent Brooks sagte später, die Einheiten seien vom Krankenhausgelände aus beschossen worden, sie hätten zurückgeschossen. Im Haus selbst habe es aber keinen Widerstand gegeben. Innerhalb von Minuten brachte das Spezialkommando Jessica Lynch in einen Helikopter und flog sie in ein Militärkrankenhaus. Zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg war ein amerikanischer Kriegsgefangener aus den Händen des Feindes befreit worden. Die gesamte Aktion ist gefilmt worden. "Ein paar mutige Männer haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um das möglich zu machen", sagte der Brigadegeneral. Um fünf Uhr nachmittags Washington-Zeit informierte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld seinen Präsidenten über die gelungene Rettungsaktion.
"That's great", sagte George W. Bush.
Kurz darauf trat der Verteidigungsminister im Pentagon vor die Presse, um die erste richtig gute Nachricht seit Tagen zu überbringen.
Die einzigen beiden Filme, die Donald Rumsfeld in den letzten acht Jahren gesehen hat, sind "Saving Private Ryan" und "Black Hawk Down". Diese Geschichte klang wie eine Mischung aus beiden.
"Guten Tag", sagte Donald Rumsfeld zu den Journalisten in Washington. "Wir sind dankbar für die exzellente und mutige Rettung von Sergeant, äh, Entschuldigung, Private Jessica Lynch, die von irakischen Kräften festgehalten wurde in einem Gebäude, das sie Krankenhaus nannten."
Jessica Lynch wurde zur ersten Heldin des Krieges. Sie war eine gute Nachricht. Sie wurde das Covergirl des "People"-Magazins. Ein Mädchen aus West Virginia verdrängte die Hochzeiten von Liv Tyler und Russell Crowe in die Randspalte.
"Ihre unglaubliche Geschichte" war die Schlagzeile.
In ihrem Heimatort Palestine gab es eine Parade. Der Gouverneur von West Virginia schlug vor, einen Jessica-Lynch-Tag auszurufen. Universitäten aus dem ganzen Land boten ihr eine kostenlose Ausbildung als Lehrerin an. Eine riesige Lawine rollte, an ihren Rändern rollten kleine Geschichten mit wie die des "New York Times"-Reporters Jason Blair, der wenig später als Fälscher aufflog. Blair tat nur so, als wäre er zum Elternhaus von Jessica Lynch nach Palestine (West Virginia) gefahren, in Wirklichkeit schrieb er die Geschichte von zu Hause aus Brooklyn. Das ging zunächst gut. Die Tabakfelder, die hohe Arbeitslosigkeit und dann der Name des Ortes, aus dem Jessica Lynch stammt. "Palestine". Das klang sowieso schon alles wie ausgedacht. An ihrer Schule hatte sie auch noch einen Sympathie-Wettbewerb gewonnen, die Geschichte schrieb sich von allein. NBC plant einen Film über das Schicksal von Jessica Lynch. Wenig später bot auch der Reporter Blair die Filmrechte an seinem Leben an. Mohammed Odeh al-Rahajif, der irakische Tippgeber aus Nassirija, wurde mit seiner Familie nach Washington geflogen und unterschrieb einen Vorschussvertrag für ein Buch bei HarperCollins für 500 000 Dollar.
"Mister Rahajif soll spüren, dass wir Amerikaner sehr dankbar sind für seinen Mut und seine Leidenschaft", sagte Tom Ridge, Chef der amerikanischen Homeland Security, der sich offenbar schon für den Iraker verantwortlich fühlte.
Dr. Hussuna kennt keinen Anwalt, der mit einer Krankenschwester seines Hospitals verheiratet gewesen ist. Und er halte es für unwahrscheinlich, dass er so bedeutend war, wie er tat.
"Am Tag, als die Amerikaner kamen, wusste doch die ganze Stadt, dass Jessica in unserem Krankenhaus ist. Es war gar nicht mehr geheim zu halten. Es ist doch kein Zufall, dass der Bürgermeister und die ganzen Sicherheitsleute unser Krankenhaus genau pünktlich verließen. Als die amerikanischen Soldaten unser Hospital stürmten, war hier kein einziger bewaffneter Mann mehr im Haus", sagt Hussuna.
Eine Stunde nachdem die Amerikaner weg waren, erschienen die ersten Diebe. Sie versuchten die vier Geländewagen aufzubrechen, die die geflüchteten irakischen Militärs vor dem Krankenhaus zurückgelassen hatten. Die Ordnung begann sich aufzulösen.
"Sie haben uns angegriffen, wir haben regelrecht mit ihnen gekämpft", sagt der Stellvertretende Krankenhausdirektor Dr. Chudeir Hasbar. Er rennt raus auf den Hof, wo noch die Reste eines Pajero-Trucks stehen. Die Räder fehlen bereits. Dann rennt er wieder zurück ins Hospital. Er kramt in einem Aktenschrank und kommt mit einem Stoß Blätter zurück.
"Sie wollen doch sicher was über Jessica Lynch wissen, was? Ich zeig Ihnen mal was. Das sind ein paar der Todesurkunden, die wir ausgestellt haben. Die hier ist für 18 Mitglieder einer einzigen Familie, die durch eine amerikanische Bombe getötet wurden. Und das sind Urkunden von Kindern. Ich lese nur die Geburtsdaten vor. 1997, 2000, 1997, 1992, 1997, 1993, 1999, 1992, 1997."
Er blättert immer mehr Todesurkunden der Kinder auf den Tisch, wie Karten.
"Und Sie wollen immer nur etwas über Jessica wissen. Wissen Sie, wir haben sie gut behandelt, aber ihr Schicksal steht doch in keinem Verhältnis zu dem, was mit unseren Leuten passiert ist. In den zehn Tagen, die sie bei uns war, sind über 1000 Bürger Nassirijas getötet worden. Die sind wirklich gestorben. Diese ganze Jessica-Befreiung war doch eine einzige Show. Die amerikanischen Soldaten wussten, dass kein einziger bewaffneter Mann mehr im Haus war. Der Dolmetscher der Einheit hat sich unmittelbar vor dem Angriff danach erkundigt. Trotzdem sind die hier eingefallen wie die Krieger mit ihren Helikoptern und Maschinenpistolen. Die haben mit Platzpatronen um sich geschossen. Sie haben einen Film gedreht. Es sollte echt aussehen."
Chudeir Hasbar läuft durch das Krankenhaus, in dem er seit 14 Jahren arbeitet, er zeigt die Türen, die die Soldaten eintraten, die Fenster, die sie einschlugen, die Geräte, die sie umwarfen. Er hatte sich mit seiner Frau, die auch Ärztin im Krankenhaus ist, und seinen beiden Kindern im Operationssaal versteckt, sagt er. "Wir mussten uns auf den Boden knien, wurden untersucht, und dann durften wir für viereinhalb Stunden den Raum nicht verlassen. Immerhin haben sie uns nicht gefesselt wie einige meiner Kollegen", sagt Hasbar. "Man müsste sie verklagen."
Hasbar läuft durch die verstopften Krankenzimmer, in einem liegt ein Junge, der Bluter ist, er hat nur einen kleinen Splitter abbekommen, aber der kostete ihn sein Bein. Sie können hier nichts mehr für ihn tun. Der Junge schaut den wütenden Arzt an. Aber der rennt weiter, raus, in die Stadt. Er zeigt einen zerbombten Supermarkt, das zerstörte Kino, eine kaputte Schule und das kleine örtliche Krankenhaus, das ebenfalls von einer Bombe zerstört wurde. Dann holt er Luft.
"Wissen Sie, ich bin froh, dass Saddam Hussein endlich weg ist, ich habe keine Freiheiten, kein Auto, kein Telefon, keinen Pass, kein Geld, und ich freue mich auch, dass es Jessica Lynch wieder gut geht", sagt er. Vielleicht tut ihm das Mädchen Leid. Sie hat ja eigentlich nicht mehr getan als still gelegen. Wie Schneewittchen. Er erwähnt noch den Orangensaft, den sie Jessica Lynch besorgten.
In den letzten Tagen druckten einige wenige amerikanische Tageszeitungen leise Zweifel an der Rettungsaktion von Jessica Lynch. Ein Kolumnist der "Los Angeles Times" beschuldigte das US-Militär und die Medien, die Rettungsaktion von Jessica Lynch schamlos aufgeblasen zu haben. Daraufhin schrieb Donald Rumsfelds Sprecherin Victoria Clarke einen Brief an die "Los Angeles Times".
"Die offiziellen Sprecher in Katar und Washington haben die Ereignisse akkurat wiedergegeben. Dem zu widersprechen ist eine schwerwiegende Beleidigung der tapferen Männer und Frauen, die an der Aktion beteiligt waren."
Es klingt wie ein Durchhaltebefehl.
Fast zehn Tage blieb die verwundete amerikanische Soldatin in dem Krankenhaus am Rande der Stadt. Für diesen Zeitraum gibt es keine amerikanischen Zeugen. Nur die Mediziner des Städtischen Krankenhauses. Etwa 20 Ärzte, eine Schwester und sechs Pfleger. Man kann mit ihnen reden, man muss ihnen nicht glauben, aber ihre Geschichten ähneln sich. Es sind keine Heldengeschichten.
Dr. Ali Abd al-Sajjid war in jenen zehn Tagen der Direktor des Krankenhauses. Er hatte über das Schicksal einer amerikanischen Kriegsgefangenen zu wachen, und eines Nachts fuhr ein Lastwagen der Fedajin vor, der elf Leichen auf der Pritsche hatte. Sie legten sie einfach draußen ab und fuhren weg. Sajjid hat entschieden, die toten Amerikaner zu bestatten, weil die Kühlschränke nicht mehr funktionierten. Als die Marines das Krankenhaus stürmten, bot er an, sie zu Jessica Lynchs Zimmer zu führen.
"Ich bin der Direktor", rief er. "Ich habe einen Generalschlüssel."
Anschließend brachte er sie zu den Gräbern auf dem Fußballplatz. Er wurde stundenlang verhört. Er beschrieb die Verletzungen der getöteten amerikanischen Soldaten. Einige seien in den Kopf geschossen worden, manche seien gefesselt gewesen. Er suchte Kontakt zum amerikanischen Militärhospital, weil er hoffte, man könne künftig zusammenarbeiten.
Eine Woche nach dem Krieg wurde er vom Gesundheitsrat des Bezirkes Nassirija als Direktor abgesetzt. Das Komitee ist jetzt mehr unter religiösem Einfluss als früher unter dem politischen Einfluss der Baath-Partei, sagt Sajjid.
"Wissen Sie, ich bin nicht religiös. Ich trinke gern mal ein Bier. Damit bin ich jetzt wohl nicht mehr tragbar. Es gab auch Vorwürfe, ich hätte zu eng mit den Amerikanern zusammengearbeitet, andere sagten, ich hätte das Krankenhaus schließen müssen, als der Bürgermeister und seine Leute kamen. Aber wissen Sie, ich bin doch Arzt, ich war der Leiter dieses Krankenhauses."
Er arbeitet jetzt in einer kleinen dermatologischen Praxis im Hinterhof einer Geschäftsstraße. Er sitzt in einem winzigen Zimmer zwischen lauter ekligen Bildern von Hautkrankheiten. Es ist schwer, ihn zu finden. Wahrscheinlich ist Sajjid der Mann aus dem Krankenhaus, der die Geschichte der zehn Tage im Leben der Jessica Lynch am besten kennt. Aber er scheint kein Interesse zu haben, sie zu erzählen. Sein Wartezimmer ist voller Menschen. Es gibt Sinnvolleres zu tun, als einen Mythos zu bekämpfen.
Und wahrscheinlich ist es sowieso schon zu spät.
Die U. S. Marines, die in Nassirija kämpften, sind bereits auf den Schiffen zurück nach Amerika. Sie wurden durch eine Reservisteneinheit des Marine Corps abgelöst. Major Ralph Dengler ist der Kommandeur. Ein freundlicher Patentanwalt aus der Bronx, der zwei Tage nach der Rettung Jessica Lynchs in die Stadt kam.
"Ich lese erst jetzt in den Zeitungen, was damals alles passiert ist", sagt er. Gerade sind die Magazine von April eingetroffen. Noch fällt kein Schatten auf die Heldin. Dengler schaut zufrieden auf die Straße vor seinem Checkpoint. Er sagt, dass Nassirija eine der sichersten Städte im Irak sei. Seine Jungs haben gestern Fußball gegen eine einheimische Mannschaft gespielt. Die Marines haben 4:0 verloren. "Unser Sport ist ja doch eher Baseball und Football", sagt Dengler und schaut zu den zwei Gestalten in langen weißen Gewändern, die sich aus dem Staub der Straße lösen und langsam auf ihn zulaufen.
Der Wachposten hebt leicht das Gewehr.
Es sind zwei ältere Herren, einer hat einen Zettel in der Hand. In kippligen Buchstaben steht da auf Englisch, dass ein Onkel krank in einem nahen Dorf liege. Er bitte um Hilfe. Major Dengler nimmt den Zettel und liest ihn durch. Die Männer schauen ihn erwartungsvoll an. Irgendwann schaut der Major auf.
"Sie müssen dort hinübergehen, da ist ein Krankenhaus", sagt er. Er zeigt auf einen sechsstöckigen, grauen Betonklotz, der sich 1000 Meter von hier hinter einem Sandfußballplatz erhebt.
"Das ist ein schlechtes Krankenhaus", sagt einer der Männer.
"Oh nein, das ist ein supermodernes Krankenhaus", sagt der Major, macht eine kleine Pause und fügt dann hinzu. "Für die Gegend."
Die Männer warten, unschlüssig.
"Das ist das Jessica-Lynch-Hospital", sagt Dengler.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 24/2003
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