07.06.2003

Der Atem des Großkritikers

Marcel Reich-Ranickis Lyriksammlung „Meine Gedichte": Blumenstrauß für eine Hamburger Dichterin
Der New Yorker Börsenspekulant Eric Packer kann nicht schlafen. Und so liest der Held in Don DeLillos neuem Roman "Cosmopolis" mitten in der Nacht "Wissenschaftliches und Lyrik". Warum Lyrik? DeLillo: "Gedichte machten ihm bewusst, dass er atmete."
Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, 83, fragt im Vorwort zu seiner neuen Anthologie "Meine Gedichte"*: "Brauchen wir Gedichte?" Seine Antwort: Poesie ist ein so heiteres wie ernstes "Spiel", und nur der spielende Mensch ist, wie Schiller formuliert hat, "ganz Mensch". Außerdem: Indem sie "Empfindungen und Stimmungen" auf besonders konzentrierte Weise festhält, kann Lyrik dem Leser helfen, mit solchen Empfindungen und Stimmungen fertig zu werden.
Sogar als er täglich mit seiner Ermordung rechnen musste, im Warschauer Ghetto, hat Reich-Ranicki, wie er sagt, "Verse gelesen". Sie hätten ihm zusätzliche "Kraft" gegeben, "um dem Schrecklichen widerstehen zu können".
Beim Lesen bestimmter Gedichte konnte er freier atmen - Don DeLillos Held, alles andere als ein typischer Lyrikleser, denkt ähnlich. DeLillo wie Reich-Ranicki widersprechen jedenfalls der verbreiteten Meinung, nur verträumte Spinner und unglückliche Frauen läsen Gedichte.
Welche Verse erfüllen nun aber einen so hohen Anspruch? Reich-Ranickis Antwort ist eine Auswahl von 268 deutschsprachigen Gedichten aus 800 Jahren. Die von ihm herausgegebene, nun 25 Bände umfassende "Frankfurter Anthologie" präsentiert und interpretiert 1400 Gedichte. Das zeigt: Die neue Sammlung ist eine strenge Auswahl. Zugleich streng und äußerst subjektiv - wie ein gutes Gedicht. Der Gleichklang der Buchtitel deutet es an: Nach der Autobiografie "Mein Leben" (1999) ist die Anthologie "Meine Gedichte" Reich-Ranickis persönlichstes Buch.
Mit diesen Gedichten atmet er. Es sind meist Verse über die Liebe und den
Tod, vom Minnesänger Walther von der Vogelweide über Goethe und Heine bis zu Brecht, Sarah Kirsch, Wolf Biermann und Robert Gernhardt.
Womit einer am liebsten atmet, darüber lässt sich schlecht streiten. Anders liegt der Fall, wenn der Kritiker - voraussichtlich im nächsten Jahr - seinen Literatur-"Kanon", von dem bisher nur die Romane vorliegen, auch auf mehrere Bände Lyrik erweitert. Erst der kanonische Anspruch, das Wichtigste ausgewählt zu haben, darf dann die Kritiker des Kritikers mobilisieren.
Sehr persönlich wirkt das Buch "Meine Gedichte" nicht zuletzt durch die auffällige Verbeugung vor der Hamburger Lyrikerin Ulla Hahn, 57. Ihr bestes Poem - das melancholische Liebesgedicht "Mit Haut und Haar" ("Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre") - fehlt hier zwar, es taucht dann gewiss im Kanon auf; aber dennoch ist Frau Hahn mit nicht weniger als sechs Gedichten vertreten, jener berüchtigten Zahl gelungener Poeme, von der einst Großmeister Gottfried Benn meinte, sie reiche aus für den ewigen Ruhm.
Sechs Mal Ulla Hahn - während Annette von Droste-Hülshoff fehlt, der moderne Klassiker Paul Celan mit lediglich zwei Texten und so bedeutende Erneuerer wie Hans Magnus Enzensberger oder Rolf Dieter Brinkmann bloß mit je einem zu Wort kommen.
Der lyrische Blumenstrauß ist nicht nur ein Zeichen von Rechthaberei: In den achtziger Jahren hatte Reich-Ranicki, als Literaturchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Ulla Hahn großformatig entdeckt, was die Branche bis heute nur zähneknirschend nachvollzieht. Nein, es geht um mehr: Er möchte sich mit der Lyrikerin versöhnen.
Im Herbst 2001 hatte er Ulla Hahns zweiten Roman "Das verborgene Wort", die Geschichte der Selbstbefreiung eines kleinbürgerlich geschädigten Mädchens durch Bildung, im "Literarischen Quartett" verrissen - als "seltsam sprachlos" und "infantil". Die Gescholtene wehrte sich in einem Radio-Bremen-Interview gegen diesen "Vernichtungsversuch" und unterstellte dem Kritiker, das Buch gar nicht gelesen zu haben. Sie gab erst Ruhe, als Reich-Ranicki damit drohte, schwärmerische Briefe zu publizieren, die sie ihm einst geschrieben hatte.
Seitdem herrschte Funkstille zwischen den engen Freunden von einst. Eines der ersten Exemplare seiner Anthologie schickte der Herausgeber jetzt nach Hamburg. Im Begleitschreiben bot er ihr an, ein Gedicht für seine "Frankfurter Anthologie" zu interpretieren. Ulla Hahn hat ja gesagt. Zwischen den beiden bahnt sich eine gewisse "Entspannung" (Reich-Ranicki) an. Was die Dichterin aber nicht hindert, demnächst zurückzusticheln: Bei Reclam (Stuttgart) gibt sie im August eine konkurrierende Sammlung von 232 "deutschen Gedichten" heraus, ebenfalls aus 800 Jahren. Unter dem etwas boshaften Titel "Stimmen im Kanon". Da ist, zum Beispiel, die Droste drin, doch nicht jene Lyrikerin, die Reich-Ranicki gern Ulla Hahn an die Seite stellt: Sarah Kirsch. MATHIAS SCHREIBER
* Marcel Reich-Ranicki: "Meine Gedichte. Von Walther von der Vogelweide bis heute". Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig; 400 Seiten; 24,90 Euro.
Von Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 24/2003
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