07.06.2003

POPKrawall mit Schmutzfaktor

Nach fast sechs Jahren Schaffenspause kehrt die US-Band Metallica mit einem neuen Werk ins Musikgeschäft zurück - und lässt viel angestauter Wut freien Lauf.
Als die Beatles Ende der sechziger Jahre weltberühmt und schwer miteinander verkracht waren, fuhren sie zum Meditieren nach Indien. Geholfen hat es nichts: 1970 löste sich die Band auf.
Heute pilgern Popmusiker nicht mehr zum Guru ihres Vertrauens, sondern setzen im Zoff-Fall auf geschulte Psychotherapeuten. So musste ein angejahrter "Performance Coach", der zuvor diverse Football-Teams kuriert hatte, den erfolgsverwöhnten Rockern der US-Band Metallica aus einer tiefen Schaffenskrise während der Arbeit an ihrem neuen Album helfen.
Einfach war das nicht: Die Metallica-Musiker waren schon immer harte Jungs, die ziemlich laute Musik machten und ihr Leben auf die harte Tour verbrachten - und genau so lärmten sie sich zur Bestseller-Band der achtziger und neunziger Jahre hoch. In der jüngeren Vergangenheit machten die Musiker dann allerdings eher durch Abstürze und private Exzesse von sich reden - den Spottnamen "Alcoholica" hatte sich die Band schon früher verdient.
Die Folgen des wüsten Rock'n'Roll-Lebens: Metallica-Bassist Jason Newsted schmiss genervt seinen Job hin; Sänger James Hetfield meldete sich kurz nach Beginn der Arbeit am neuen Album für ein Jahr ab zum Alkoholentzug in einer Klinik.
Vom Ärger ist der Plattentitel geblieben: "St. Anger" heißt das neue Metallica-Album, das gerade erschienen ist. Es macht mit seinem wilden Getöse nicht nur dem offiziellen Namen der Band alle Ehre, sondern lässt auch die krisengebeutelte Musikindustrie auf großen Reibach hoffen: Die Metal-Band gehört mit weltweit rund 80 Millionen verkauften Tonträgern zu den Umsatz-Titanen der Popwelt. Entsprechend groß sind die Erwartungen anlässlich der Rückkehr einer "der größten Rockbands aller Zeiten" ("Los Angeles Times"), die fast sechs Jahre lang kein neues Album gemacht hatte.
Nach dieser Pause hätten sich die Manager der Plattenfirma ein neues Metallica-Werk so heftig gewünscht, dass sie der Band ohne Hörprobe ein Riesen-Honorar garantiert hätten, heißt es nun in der Branche: Das Risiko dieses Deals sei entsprechend groß. Denn auf "St. Anger" hämmert, wirbelt und drischt die Band so leidenschaftlich und wüst wie zu ihren Anfängen vor zwanzig Jahren - nur ein wirklich in die Hitparade drängender Song, eine singletaugliche Ballade etwa, findet sich nicht darauf.
Die elf Stücke des Albums lassen auf viele Turbulenzen im Studio schließen und entlockten einem deutschen Plattenfirmen-Manager, so erzählt Schlagzeuger und Bandchef Lars Ulrich, die finstere Prophezeiung, es handle sich um "kommerziellen Selbstmord". So etwas freue die Band ganz besonders: "Wir haben uns totgelacht, als wir das hörten!"
Als Ulrich, heute 39, die Band Anfang der achtziger Jahre in Südkalifornien gründete, wollte er schließlich nicht die Welt mit eingängiger Musik versorgen, sondern seine Wut herausschreien. Der Sohn eines dänischen Tennis-Profis hatte gerade frustriert den Traum begraben müssen, ebenfalls im Tennis groß rauszukommen. Mit dem Sänger Hetfield, Gitarrist Kirk Hammett und wechselnden Bassisten legten Metallica los - und mühten sich, so Ulrich, "schneller, lauter und dreckiger als alle anderen zu sein". Sogar das US-Militär hat angeblich den Nutzen des Metal erkannt: Die krawalligsten Songs sollen im Irak zur Zermürbung verschwiegener Kriegsgefangener eingesetzt worden sein. Ulrichs Kommentar: "Hätte ich mehr Zeit, dann hätte ich mich längst bei Präsident Bush beschwert."
Und die Therapie? Es habe sich nicht um "durchgeknallten Hippie-Scheiß wie bei den Beatles" gehandelt, stellt Ulrich klar, sondern um eine Nachhilfe in Gruppendynamik: "Nach zwei Jahren haben wir uns wirklich besser verstanden als je zuvor." CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 24/2003
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