16.06.2003

MEDIZIN„Mehr als ein Modetrend“

Die Medizinerin Aglaja Stirn über die Risiken beim Piercing
Stirn, 40, Oberärztin der Psychosomatischen Ambulanz der Uniklinik Frankfurt, untersucht das Phänomen der Körpermodifikation. Im medizinischen Fachblatt "The Lancet" warnt sie jetzt vor den unterschätzten Gefahren und fordert einheitliche Hygienestandards. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Frau Stirn, nimmt Körperschmuck wie das Piercing immer mehr zu?
Stirn: Ja. Etwa jeder fünfte deutsche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahren hat heute schon ein Tattoo oder ein Piercing. Und bei amerikanischen College-Studenten ist es sogar fast jeder zweite.
SPIEGEL: Wie riskant ist es, sich ein paar Ringe durch die Nase ziehen zu lassen?
Stirn: Wir haben eine Umfrage unter Lesern der Zeitschrift "Tätowiermagazin" durchgeführt. 30 Prozent der von einem Profi gemachten Piercings und Tattoos führen demnach zu Komplikationen wie Entzündungen oder Allergien. Werden die Eingriffe selbst zu Hause vorgenommen, liegt die Rate sogar bei 70 Prozent.
SPIEGEL: Wer schön sein will, muss leiden?
Stirn: Da ist was dran. Eine Studie besagt, dass sogar einfache Ohrläppchen-Piercings in jedem hundertsten Fall zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen. Aus Holland, Thailand und den USA sind uns Hepatitis-Infektionen bekannt. Auch Fälle von Toxinschocks, Herzklappenentzündungen und Hirnabszessen sind dokumentiert. Bei einer Frau führte eine aufsteigende Beckenentzündung nach Genitalpiercing zu Unfruchtbarkeit. Hier zu Lande sind viele Fälle von Brustabszessen durch Piercing bei Frauen bekannt.
SPIEGEL: Sind diese Risiken unvermeidbar?
Stirn: Nicht unbedingt, es fehlen einfach gesetzliche Vorschriften für die Piercing- und Tattoostudios. Auch amtliche Hygienekontrollen finden leider nicht statt.
SPIEGEL: Wäre es besser, wenn Ärzte die Stecherei durchführen würden?
Stirn: Theoretisch vielleicht. Aber die Ärzteschaft lehnt Piercing weitgehend ab. Heyo Eckel, Präsident der Ärztekammer Niedersachsen, schrieb unlängst in der "Ärzte-Zeitung": "Beim Piercen wird der Körper verstümmelt, und dafür sollten sich Ärzte nicht hergeben."
SPIEGEL: Klingt einleuchtend.
Stirn: Aber es nützt nichts, sich gegen den Trend zum Piercing zu wehren, ihn abzulehnen und zu verdrängen. Piercing ist einfach eine gesellschaftliche Realität.
SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?
Stirn: Ärzte sollten wenigstens besser geschult werden. Vor ein paar Jahren hat eine Umfrage unter 28 Unfall- und Notärzten in England ergeben, dass nur sechs von ihnen die Verschlussmechanismen der häufigsten Varianten von Piercing-Schmuck beschreiben konnten. Derartiges Wissen ist gerade in Notsituationen wichtig, wenn zum Beispiel jemand bewusstlos wird und an seiner gepiercten Zunge zu ersticken droht.
SPIEGEL: Was lockt eigentlich daran, den Körper zu einem gefährlichen Abenteuerspielplatz umzubauen?
Stirn: Fast jede menschliche Gesellschaft kennt die eine oder andere Form des Piercings. Das Nasenpiercing zum Beispiel soll bei Stämmen in Indien, Polynesien, Afrika und Südamerika verhindern, dass böse Geister in den Körper eindringen. Das Bauchnabelpiercing war in Ägypten früher nur Priestern und Adligen vorbehalten. Und noch heute ist der "Prinz-Albert-Ring" nach dem Gemahl der britischen Königin Victoria benannt, der angeblich ein Penispiercing benutzte, um sein bestes Stück mit Hilfe eines Kettchens möglichst weit in den damals noch engen Armeehosen zu verstecken. Aber das halte ich für ein Gerücht.
SPIEGEL: Und was motiviert heute zur gehobenen Form der Selbstverstümmelung?
Stirn: Viele Menschen sehen ihren Körper nicht mehr als gottgegeben an. Manchmal spielt der Gruppendruck eine größere Rolle, andere erhoffen sich durch Intimpiercing sexuelle Stimulation. Bei manchen kommt es auch zum Wunsch, immer radikalere Piercings machen zu lassen - das ist dann wie eine Sucht.
SPIEGEL: Was sind die aktuellen Trends?
Stirn: Es werden immer ausgefallenere Körperstellen gepierct, teils sogar Handflächen oder Pobacken. Immer beliebter werden derzeit "Branding" (Brandmarken), "Scarification" (Ziernarben) oder "3D-Implantate", bei denen Schmuckstücke unter die Haut gebracht werden.
SPIEGEL: In Ihrer Freizeit unternehmen Sie mit Ihrem Mann Peter van Ham ethnologische Forschungsreisen. Gerade ist Ihr neuester Bildband über den Naga-Stamm in Nordindien und Burma erschienen*. Was haben Sie dabei gelernt?
Stirn: Vieles im eigenen Weltbild relativiert sich. "Naga" wird manchmal übersetzt als "Menschen mit durchstoßenen Ohrläppchen". Bis heute gibt es Stämme, in denen ein Mann nur heiraten darf, wenn er gepierct ist. Meine Reisen haben mir gezeigt, dass Körpermodifikationen mehr als ein Modetrend sind.
SPIEGEL: Haben Sie sich eigentlich auch selbst piercen oder tätowieren lassen?
Stirn: Nein, aber ich habe mir einmal selbst mit einem Stift ein Tattoomotiv auf den Arm gemalt. Das hat mir sehr gefallen. Aber das genügte mir auch.
INTERVIEW: HILMAR SCHMUNDT
* Aglaja Stirn, Peter van Ham: "The Hidden World of the Naga". Prestel, New York; 176 Seiten; 59 Euro (mehr zur geplanten Ausstellung unter www.stirn-vanham.com).
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 25/2003
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