23.06.2003

IRAKSheriff mit Krawatte

Geplatzte Träume in Bagdad: Washingtons neuer Zivilverwalter entledigt sich der alten Partner des Pentagon. Amerika muss sich auf eine jahrelange Besatzungszeit einstellen.
Das weit über die Stadtgrenze hinaus berühmte Restaurant "al-Tabbich" liegt im Herzen von Bagdad und ist bekannt für seine raffinierten Desserts. Zu Saddam Husseins Zeiten war es ein bevorzugter Treffpunkt von Basarhändlern, Diplomaten und Uno-Mitarbeitern; jetzt, im besetzten Irak, würde es zweifellos brummen: Das Lokal liegt im Schatten der beiden größten Hotels der Stadt - Hunderte von internationalen Geschäftsleuten, Journalisten und Hilfsorganisatoren wären froh über eine Abwechslung zum tagtäglichen Kebab.
Ein schlechtes Zeichen also, dass "al-Tabbich" noch immer geschlossen ist. Der Besitzer, ein wohlhabender Christ, hat Angst: Schwere Eisengitter schützen sein Lokal, das nur ein paar Straßenecken vom nächsten US-Checkpoint entfernt liegt. Private Wachleute sitzen den ganzen Tag in der brütenden Sommerhitze davor. Stammkunden werden mit einem Achselzucken nach Hause geschickt: "Kommt wieder, wenn wir Strom haben und die Gegend hier sicherer ist."
Die Vorsicht macht Sinn. Zwar sind die großen Plünderungswellen der ersten Nachkriegstage vorüber, doch das befreite Bagdad ist gut sieben Wochen nach dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen noch längst nicht jene friedliche Hauptstadt eines wohlhabenden Landes, die Washingtons Kriegsherren den Irakern versprochen hatten.
Akute Armut und permanente Stromausfälle plagen die Bürger, Straßenraub und Bandenkriminalität beherrschen die Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole am Tigris. Viele Eltern, frustriert von der erzwungenen Untätigkeit und besorgt um ihren Nachwuchs, bringen ihre Kinder persönlich zur Schule. Inzwischen werden Autofahrern auch am helllichten Tag mit vorgehaltener Kalaschnikow die Fahrzeuge abgenommen.
Kein Abend vergeht, an dem nicht in den Stadtvierteln Schurdscha, Fadhil oder Badawin geschossen wird. "Jeden Morgen", sagt ein Anwohner vor dem "Tabbich"-Restaurant, "lesen Rettungsmannschaften hier zwei, drei Leichen von der Straße auf."
Immer öfter entlädt sich die Wut über die untragbaren Verhältnisse in Gewaltakten gegen die amerikanische Besatzungsmacht. 91 tote GIs haben die Amerikaner seit dem Fall Bagdads durch Überfälle und Unfälle zu beklagen. Erst am vergangenen Donnerstag kamen bei Angriffen auf US-Fahrzeuge in Iraks Hauptstadt und Iskandarija vier Soldaten ums Leben.
Am Tag zuvor hatten US-Wachtrupps vor dem ehemaligen Präsidentenpalast zwei Iraker erschossen - sie waren, wie 2000 andere Soldaten der aufgelösten Armee Saddam Husseins, dort aufmarschiert und wollten ihrer Wut über das ausgebliebene Überbrückungssalär Ausdruck geben.
Hinter dem schwer bewachten Palasttor hat seit Mitte Mai Paul Bremer, der Chef der neuen Zivilverwaltung des Landes, sein Hauptquartier. Für den Karrierediplomaten, der von seiner PR-Abteilung verbreiten lässt, er jogge jeden Morgen um fünf Uhr durch den Palastgarten, war der Vorfall die erste direkte Begegnung mit der blutigen Realität im besetzten Irak - bislang war stets von "Widerstandsnestern" in der 50 Kilometer entfernten Stadt Falludscha und den renitenten Sunniten-Provinzen nördlich von Bagdad die Rede gewesen.
Bremer war mit reichlich Vorschusslorbeeren an den Tigris gekommen, um das "Debakel" ("Newsweek") zu beenden, das sein Vorgänger Jay Garner nach nur dreiwöchiger Amtszeit hinterlassen hatte. Er sei eine "Wird erledigt"-Persönlichkeit, lobte Präsident George W. Bush den 61-Jährigen, dessen Ernennung ein Kompromiss zwischen dem US-Außenministerium und dem bis dahin im Irak federführenden Pentagon war. Als einen "Sheriff mit Anzug und Krawatte" begrüßte ihn die überwiegend wohlwollende US-Presse in Bagdad.
Tatsächlich scheint es, als habe mit Bremers Antritt eine Art Null-Toleranz-Regime im Irak begonnen. Bremer löste offiziell die Armee auf; er entschied, bis zu 30 000 führende Mitglieder der Baath-Partei von der Beteiligung an jeder künftigen Verwaltung auszuschließen und kündigte einen harten Kurs in der Verbrechensbekämpfung an. Das Gerücht, er befürworte die Erschießung von Plünderern, kam - obwohl bestritten - außerordentlich gut an bei den Irakern, die laut einer ersten Umfrage mit äußerst knapper Mehrheit begrüßen würden, wenn die Besatzer bis zur Bildung einer eigenständigen irakischen Regierung im Land blieben.
Hinter den Kulissen zeichnet sich unterdessen ein Kurswechsel der US-Politik ab. Entgegen allen früheren Ankündigungen des Pentagon, möglichst schnell eine irakische Interimsverwaltung auf die Beine zu stellen, scheint es Bremer mit der Regierungsbildung nicht eilig zu haben. Und schon gar nicht denkt er daran, die sieben ehemaligen Oppositionsgruppen, mit denen sich Washington seit mehreren Jahren auf den Sturz von Diktator Saddam Hussein vorbereitet hatte, an seinen Plänen zu beteiligen.
Über heftige Wortgefechte berichten Teilnehmer eines Treffens der Oppositionsführer mit Washingtons neuem Statthalter: Bremer habe kritisiert, die seit Wochen über einen Neuanfang palavernde Versammlung von Monarchisten, Kurden, Schiiten und Exil-Irakern sei desorganisiert und repräsentiere das Land nicht.
Bremer habe sie wiederholt aufgefordert, mehr Frauen, Christen und lokale Stammesführer in ihre Reihen aufzunehmen - vergebens. "Wir haben ihnen eine Chance gegeben", so ein US-Offizieller aus seinem Team: "Doch sie haben es einfach nicht geschafft. Es war die Stunde der Amateure."
Statt einer irakischen Übergangsregierung, die nach ersten Nachkriegsplänen bereits im Juli ihr Amt antreten sollte, wird nun ein 25- bis 30-köpfiges Beratergremium von Irakern die neue Zivilverwaltung unterstützen - und das wird keines-
wegs demokratisch bestimmt: Bremer selbst wird entscheiden, welche Iraker ihm künftig zur Hand gehen sollen.
Vor allem zwei ehemalige Exilgruppen sind von der offenbar im Weißen Haus angeordneten Kehrtwende betroffen: die Schiiten des von Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim geführten "Obersten Rates der Islamischen Revolution im Irak" und der von Ahmed Tschalabi geleitete Irakische Nationalkongress (INC).
Beide Organisationen hatten sich mit paramilitärischen Milizen für den erwarteten Machtkampf im neuen Irak gewappnet. Hakims 10 000 Mann starke Badr-Brigade wurde aufgefordert, ihre schweren Waffen abzugeben; Tschalabis "Free Iraqi Forces" (FIF), nach damaligen US-Plänen "die Keimzelle der neuen irakischen Armee", wurde einfach aufgelöst.
Mit hängenden Köpfen trafen sich Anfang Juni ehemalige FIF-Soldaten noch einmal am verwaisten Hunting Club, Tschalabis geräumtem Hauptquartier. Der INC-Chef, einst Wunschkandidat des Pentagon für das Amt des irakischen Präsidenten, ist ins US-Exil zurückgekehrt und warnt nun seine früheren Fürsprecher vor den Folgen des unerwarteten Kurswechsels. Washingtons Weigerung, die Iraker selbst an der Gestaltung ihrer politischen Zukunft zu beteiligen, werde den Widerstand gegen die Besatzungsmacht erheblich verstärken - und damit dem alten Regime in die Hände spielen, sagt Tschalabi voraus.
Zwar sei den Amerikanern mit Saddams Privatsekretär Abd al-Hamid Hamud al-Tikriti vergangenen Mittwoch das bislang höchstrangige Mitglied der alten Führung ins Netz gegangen. Doch der INC verfüge über Informationen, wonach auch Saddam selbst den Krieg überlebt habe, weitgehend ungehindert durch die Provinzen nördlich der Hauptstadt reise und die loyalen Sunniten-Stämme gegen die Amerikaner mobilisiere: "Er hat Kopfgeld auf amerikanische Soldaten ausgesetzt", behauptet Tschalabi, "er wird für jeden getöteten US-Soldaten Prämien auszahlen."
Washington, das sich offenbar auf eine weit über die ursprünglichen Planungen hinausgehende Besatzungszeit am Tigris einrichtet, reagiert höchst gereizt auf Tschalabis Warnungen: "Ich kann seine Behauptungen nicht bestätigen", kanzelte US-Außenminister Colin Powell den einstigen Pentagon-Schützling ab. "Er stellt jedes Jahr neue auf." Wenn Tschalabi wisse, wo Saddam sich aufhält, solle er das State Department offiziell darüber in Kenntnis setzen. BERNHARD ZAND
* In Mekka 1988.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 26/2003
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