23.06.2003

PALÄSTINENSER„Vom selben Gift trinken“

Hamas-Führer Mahmud al-Sahar über die Gewaltstrategie seiner Organisation, über die Bedingungen für einen Waffen- stillstand und die Zusammenarbeit mit der Autonomiebehörde
Sahar, 56, gehört mit Abd al-Asis al-Rantissi und dem geistlichen Oberhaupt Scheich Ahmed Jassin zur Führungsriege der Hamas. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Vorvergangene Woche ist Ihr Mitstreiter Rantissi nur knapp einem israelischen Raketenanschlag entgangen. Fürchten Sie auch um Ihr Leben?
Sahar: Angst lähmt. Deswegen sind solche Gefühle in der jetzigen Lage die falsche Reaktion.
SPIEGEL: Ministerpräsident Ariel Scharon hat gedroht, alle Terroristen zur Strecke zu bringen. Und Sie stehen auf der Liste prominenter Ziele ganz oben an.
Sahar: Natürlich treffen wir Vorsichtsmaßnahmen. Aber die Israelis haben es auf alle Palästinenser abgesehen: In den letzten Wochen kamen hier im Gaza-Streifen über 50 Menschen um, mehr als die Hälfte waren Frauen und Kinder. Das ist das Ziel der Zionisten: mit Gewalt unser Rückgrat zu brechen.
SPIEGEL: Sie gehen nicht minder gewalttätig vor. Ihre Selbstmordattentäter verbreiten Furcht und Schrecken. Hat sich diese blutige Strategie ausgezahlt für die Palästinenser?
Sahar: Eines haben wir immerhin erreicht: Niemand kann in Israel seines Lebens mehr sicher sein, gleich ob in Jerusalem, Haifa, Tel Aviv oder Jaffa. Früher hat Israel seine Kriege meist an seinen Außengrenzen geführt. Jetzt wird erstmals im Inland, im Herzen des Staates, gekämpft.
SPIEGEL: Aber um welchen Preis? Mehr als 2000 Ihrer eigenen Landsleute sind bei diesem Konflikt ums Leben gekommen, Tausende wurden verletzt. Haben die Palästinenser das ewige Kämpfen und Töten nicht endlich satt?
Sahar: Es gibt keine Alternative. Wir haben früher doch auch zahllose Opfer hinnehmen müssen, im Libanon, in Jordanien. Damals entsprachen einem getöteten Israeli etwa 20 palästinensische Opfer. Heute ist das Verhältnis eins zu drei.
SPIEGEL: Ist das nicht eine menschenverachtende Rechnung?
Sahar: Das Ziel ist nicht das Töten. Wir sind Menschen, wir haben Frauen und Kinder. Wir wollen ein Leben in Würde und nationaler Unabhängigkeit, das Ende der Besatzung. Dennoch bleibt uns keine andere Möglichkeit, als den Israelis eine klare Botschaft zu schicken: Wenn ihr mit dem Morden weitermacht, dann müsst ihr von demselben Gift trinken.
SPIEGEL: Und deswegen schicken Sie Selbstmordattentäter in Autobusse und Restaurants?
Sahar: Gegen israelische Hubschrauber, Kampfjets und Panzer sind sie das einzig effektive Mittel. Nur seit die Israelis so leiden wie wir, sind sie zu Verhandlungen bereit: Zum ersten Mal seit Gründung des Staates Israel gibt es mit Ariel Scharon einen Ministerpräsidenten, der einen palästinensischen Staat akzeptiert.
SPIEGEL: Rabin und Barak wollten ihn auch. Aber Sie sind doch gar nicht bereit, sich auf eine Verhandlungslösung einzulassen. US-Außenminister Powell nannte Sie vergangene Woche "Feind des Friedens". Lehnt Hamas nicht den Friedensplan von Präsident George W. Bush ab?
Sahar: Die so genannte Roadmap wurde in Israel hergestellt und von Bush nur veröffentlicht. Beim jüngsten Gipfel in Akaba hat er Israel als "jüdischen Staat" beschrieben und damit den 1,25 Millionen Palästinensern, die in Israel leben, das Anrecht auf ihr Land aberkannt. Dabei sind sie die wahren Besitzer.
SPIEGEL: Palästinenser-Premier Mahmud Abbas hat sich aber auf das US-Angebot eingelassen.
Sahar: Er vertritt die Palästinenser doch gar nicht: Das Rückkehrrecht unserer Vertriebenen blieb ausgespart - ebenso wie das Problem Jerusalem und die Freilassung der Gefangenen.
SPIEGEL: Abbas will, dass es künftig nur eine militärische Organisation der Palästinenser geben wird, die staatlichen Sicherheitskräfte: Ist das für Hamas hinnehmbar?
Sahar: Nicht, solange die Okkupation nicht beendet ist.
SPIEGEL: Droht ein Bürgerkrieg, wenn der Premier auf der Entwaffnung besteht?
Sahar: Hamas zu unterdrücken, so wie das Jassir Arafat vor sechs Jahren versucht hat, ist unmöglich. Es wird der Autonomiebehörde nicht noch einmal gelingen, das schmutzige Spiel der Israelis zu spielen.
SPIEGEL: Das klingt nach Konfrontation. Trotzdem spricht man auch bei Ihnen über einen Waffenstillstand.
Sahar: Solch ein Schritt kommt nur in Frage nach einem Abzug der israelischen Truppen aus dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland. Danach könnten wir uns auf eine Kampfpause verständigen, vorausgesetzt, sie beruht auf Gegenseitigkeit.
SPIEGEL: Geht es um Tage oder Monate?
Sahar: Vorläufig geht es um Wochen. Wir brauchen bindende, bilaterale Verpflichtungen. Und wir brauchen eine gemeinsame Haltung - unter Einschluss von Mahmud Abbas und allen politischen Gruppen und Fraktionen.
SPIEGEL: Das riecht nach einem Kurswechsel von Hamas. Ist der durch den Druck Ägyptens zu erklären?
Sahar: Überhaupt nicht. Wir haben den Emissären Kairos gesagt, dass wir uns auf eine gemeinsame Position im Kampf gegen die Besatzungsmacht einigen müssen. Wenn ein für beide Seiten bindendes Abkommen zu Stande kommt, werden wir uns daran halten.
SPIEGEL: Sind Sie überhaupt in der Lage, Ihre bewaffneten Kämpfer zu kontrollieren, wenn es einen Waffenstillstand gibt?
Sahar: Hamas ist die einzige Macht, die das kann. Ein Wort von der politischen oder militärischen Führung, ein Flugblatt, und die Angriffe sind zu Ende. Wir sind stark, einig und gut organisiert.
INTERVIEW: STEFAN SIMONS
Von Stefan Simons

DER SPIEGEL 26/2003
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