30.06.2003

GOLFAlex im Wunderland

Die Preisgelder sind doppelt so hoch wie in Europa, die Grüns makellos wie Kunstrasen, die Konkurrenten nirgendwo stärker. Wer es als Profi zu wahrem Ruhm bringen will, muss in die USA. Doch für Alex Cejka, Deutschlands Nummer eins, ist das erste Jahr eine rastlose Schinderei.
Der Westchester Country Club an der Biltmore Avenue in Harrison (New York) ist eine feine Adresse. Dezente Schilder verbieten den Gebrauch von Mobiltelefonen, und auch die Kleiderordnung ist klassisch-rigoros: Wer auf dem privaten Anwesen nahe dem Hudson River eine Runde Golf spielen will, hat einen Pullover am Leib zu tragen, mindestens jedoch ein Polohemd.
Den spanischen Profi Sergio García kümmert die Etikette wenig. Der Jungstar steht am vorvergangenen Mittwoch nachmittags um halb fünf auf der Driving Range und steckt in einem blauen T-Shirt. Mit der linken Hand presst er sich ein Handy ans Ohr und brüllt "How are you?" in das Gerät, mit rechts schlägt er einen Ball in Richtung des voll besetzten Parkplatzes. Sein Kollege Jim Furyk, der drei Tage zuvor die U. S. Open gewonnen hat, schüttelt nebenan genervt den Kopf.
20 Meter rechts diskutiert Ernie Els, die Nummer zwei der Weltrangliste, mit seinem Caddie über die Qualität des Putting-Grüns, das hier bei den Buick Classic aus trittfestem Poa-annua-Gras besteht. Und ein Stück weiter übt Tiger Woods Abschläge. Drei Polizisten und vier Bodyguards schirmen den Branchenprimus vor einer Schar entrückter Fans ab.
Dem deutschen Golfprofi Alex Cejka, 32, schaut niemand beim Training zu. Etwas abseits postiert, hämmert er unbeobachtet die kleinen weißen Kugeln vom Tee. Er scheint noch nicht so recht dazuzugehören: zu diesem Zirkel der Dollar-Millionäre, die von Woche zu Woche über die exquisitesten Golfbahnen der Vereinigten Staaten ziehen. Cejka, der in der deutschen Rangliste Bernhard Langer inzwischen die Führung abgenommen hat, macht sich nichts vor: "In den USA bin ich ein Nobody", sagt er.
Er hat es so gewollt. Seit Anfang des Jahres spielt Alex Cejka auf der US-Tour der Professional Golfers' Association (PGA). Er ist der erste Deutsche nach Langer, dem der Sprung nach Übersee gelungen ist, und einer der wenigen Europäer, die eine Starterlaubnis für die lukrativste und stärkste Turnierserie der Welt besitzen. Das sei schon immer sein Ziel gewesen, sagt er. "Meine Karriere wäre unvollendet, wenn ich es nicht erreicht hätte."
Die amerikanische Tour ist für Golfer, was für Basketballer die NBA ist oder für Fußballer die spanische Primera División. Seit 1985 träumt Cejka vom Wunderland des Golfens. Als 14-Jähriger sah er im Fernsehen den Anhausener Langer das legendäre Masters-Turnier gewinnen. Danach stand sein Berufswunsch fest. Dass er im Kreis der Besten nun mitspielen darf, ist für ihn "die Bestätigung, alles richtig gemacht zu haben".
Manche seiner europäischen Kollegen haben ihn für verrückt erklärt, andere haben seinen Mut bewundert, als sich Cejka im Oktober vergangenen Jahres um die begehrte US-Tour-Karte bewarb, eine Art Green Card für Berufsgolfer. Um sie zu erhalten, musste der Deutsche die Qualifying School bestehen, ein dreistufiges Ausscheidungsmarathon, an dem er im Herbst 2001 schon einmal gescheitert war.
1300 Spieler wollten dasselbe wie Cejka und zahlten 4000 Dollar Startgeld - Profigolfer, College-Studenten, Arbeitslose, Berufssöhne und 17 Nicht-Amerikaner aus zehn Nationen. Dabei hatte die PGA lediglich 35 Tour-Karten zu vergeben. "Der Druck ist ungeheuer", sagt Cejka. Spätestens hier lernt man die Essentials des Handwerks: Demut und Leidensfähigkeit, Selbstkontrolle und Willenskraft. "Da wird gefightet wie verrückt."
Die Finalrunde im Dezember im kalifornischen La Quinta ging über sechs Tage und 108 Löcher. Der Kurs war schwer, doch Cejka wusste aus dem Vorjahr, was ihn erwartet - er wurde mit einem Schlag Rückstand Zweiter unter 170 Konkurrenten.
Jetzt beneiden ihn die europäischen Kollegen wegen der enormen Verdienstmöglichkeiten. Bei den 48 Turnieren werden dieses Jahr an Preisgeld insgesamt 237 Millionen Dollar ausgeschüttet - fast doppelt so viel wie auf der europäischen PGA-Tour. Weil sich zudem die Zahl der Weltranglistenpunkte, die man bei einem Wettbewerb erzielen kann, quasi nach der Höhe der Gewinnsumme richtet, zieht es die besten Golfer des alten Kontinents zwangsläufig in die Vereinigten Staaten.
Es ist das gelobte Land. In Europa werden die Spieler morgens gemeinsam im Shuttlebus zur Anlage gekarrt, in Amerika bekommt jeder einen eigenen Wagen. Das Essen in der Players' Lounge ist besser, die Profis können ihre schmutzige Wäsche beim Turnierveranstalter abgeben und das ganze Jahr über kostenlos telefonieren. Es gibt Freikarten fürs Museum, für Basketball- und Baseballspiele. Vor kurzem hat Cejka einen DVD-Player geschenkt bekommen, einfach so. "In Amerika dreht sich alles um die Spieler", schwärmt er. Er könnte sich von den Preisgeldern in Europa zwar 100 DVD-Player kaufen, aber das ist es nicht.
Am Übungsgrün des Westchester Country Clubs flattert eine überdimensionale US-Flagge im Wind. Cejka trainiert das Einlochen aus einem Meter Entfernung. Karel Skopovy, sein Caddie, mit dem er sich das Hotelzimmer teilt, raucht eine Marlboro. Sein Blick ist skeptisch. Bis zum Grün gilt Cejka als Weltklasse. Seine Schwäche ist das kurze Spiel, das die Amerikaner besser beherrschen als die Europäer. In den USA, sagt Cejka, "wird das Geld mit dem Putten verdient".
Am Rand des Grüns steht John E. Morgan. Der Engländer, der auch sein erstes Jahr in Amerika spielt, nennt den Deutschen "Ironman", weil er seit Januar nur drei Wochen Pause gemacht hat. Die Buick Classic sind bereits sein 20. Turnier. "Das ist unmenschlich", sagt Morgan, "irgendwann kippt Alex um."
Cejka gönnt sich keine Erholung, weil er am Schluss der Saison zu den 125 Profis zählen will, die das meiste Preisgeld angehäuft haben. Gelingt ihm das, behält er seine Spielberechtigung.
Er geht an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit. Auf Hawaii konnte er nur halbe Schwünge spielen, wegen einer Halsmuskelzerrung. Dieser Tage quälen ihn Rückenschmerzen. Er versucht, sie zu ignorieren. "Ich komme aus dem Osten", sagt der gebürtige Tscheche. "Ich kann ackern, ich kann kämpfen, ich kann beißen."
Für den Moment scheint sich die Schinderei zu lohnen. Mit 464 358 Dollar liegt er auf Position 79 der Geldrangliste - 31 Plätze vor Bernhard Langer. Cejka kalkuliert, dass er 650 000 Dollar einspielen muss, um sich die Tour-Karte für das kommende Jahr zu sichern.
Er könnte diese Summe längst zusammenhaben, doch seinem Spiel fehlt die Konstanz. Würde Cejka nicht so häufig am letzten der vier Turniertage zurückfallen, sagt Tiger Woods, "wäre er in den Top Ten". In Harrison war Cejka nach drei Runden Fünfter, zwei Schläge besser als Woods. Dann brach er ein, am Ende wurde er 22. und zweitbester Europäer im Feld.
Hat er ein mentales Problem? "Nein", antwortet Cejka energisch. Mentales Training würde ihm nicht helfen. Ihn plage vielmehr, dass er mit seinen Kräften tatsächlich langsam am Ende sei. Außerdem spielt er alle Turniere zum ersten Mal, er kennt die Finessen der Plätze nicht.
Es ist Dienstagmorgen, halb acht, als er in Harrison seine Übungsrunde beginnt. Es ist die einzige Chance, den Kurs vor dem Turnier zu inspizieren. Im Clubhaus werden die Fenster geputzt, Gärtner harken die Kieswege. Cejka fängt immer so früh an, weil es auf den Anlagen dann noch ruhig ist. Mit kurzen, federnden Schritten marschiert er über den Platz, die Hände tief in den Taschen vergraben. Am 14. Loch schlägt Cejka einen Ball in den Bunker. "Shit!", ruft er. Sein Caddie sagt: "Der Platz ist tricky. Sehr eng ums Grün. Typisch amerikanisch."
Es gibt ein paar grundsätzliche Unterschiede zwischen Golf in der Alten und der Neuen Welt. Während vor allem in Großbritannien auf harten Dünenplätzen gespielt wird, sind in den Staaten die Fairways tief und weich wie Teppiche. Die Bunker sind fester, die Grüns schneller und makellos wie Kunstrasen. Dass die Bälle wie im Mai beim Turnier auf Gut Kaden bei Hamburg über Schimmelpilz ins Loch rollen müssen, ist in den USA undenkbar.
Etliche Profis haben ihre Technik den jeweiligen Bedingungen angepasst. Europäer spielen gern mit einer flachen Flugkurve unter dem Wind - nach dem Aufprall kullert der Ball weiter über das Gras. Amerikaner wählen in der Regel eine höhere Flugkurve - nach dem Aufprall bleibt der Ball liegen wie eine Bleikugel. Um in Amerika erfolgreich zu sein, änderte Bernhard Langer eigens seinen Schwung von flach auf hoch.
Mit seinen Siegen in Übersee leistete der Bayer Pionierarbeit. In den achtziger Jahren machte er gemeinsam mit Severiano Ballesteros, Nick Faldo und Sandy Lyle das europäische Golf in den USA hoffähig. 1980 siegte Ballesteros als erster Europäer beim Masters, 1985 beendete das europäische Team mit dem Gewinn des Ryder Cup die jahrzehntelange Vorherrschaft der Amerikaner.
Sich auf der US-Tour durchzusetzen fällt jedoch den meisten Europäern nach wie vor schwer. Als einen Grund nennen sie oft den distanzierten bis kühlen Umgang, den die amerikanischen Profis untereinander pflegen. "In der Umkleidekabine sagt man sich kurz Hallo, das war's", berichtet der Franzose Thomas Levet. "In Europa geht es viel familiärer zu."
Colin Montgomerie, jahrelang der beste Golfer Europas, konnte bis heute kein PGA-Turnier auf amerikanischem Boden gewinnen. Der leicht reizbare Schotte mit der Frisur eines Erstklässlers liegt ständig im Clinch mit dem amerikanischen Publikum, das ihm zu laut ist. Bei den U. S. Open wurde Montgomerie als "Mrs. Doubtfire" verspottet und beim Ryder Cup 1999 so heftig beschimpft, dass sein Vater von der Anlage flüchtete.
Zu Beginn des Jahres ist Cejka mit seiner Familie von Turnier zu Turnier gereist, inzwischen ist er nur noch mit seinem Caddie unterwegs. Die Flüge bucht der Manager, das Hotel suchen sie sich oft selbst. Seit sieben Monaten lebt Cejka nun schon aus dem Koffer. "Die Amerikaner können fix nach Hause fliegen, wenn sie ein paar Tage frei haben, ich nicht", sagt er. Deshalb will er sich im nächsten Jahr eine Wohnung einrichten als Basislager. Dann peilt er auch seinen ersten Sieg an.
Das Potenzial dazu wird ihm von allen Seiten attestiert. "Alex ist ein beachtlicher Spieler mit einem brillanten Schwung", sagt der Südafrikaner Ernie Els. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er ein großes Turnier gewinnt." Auch Sergio García zählt ihn zu den künftigen Champions: "Er wird seinen Weg gehen. Er schafft schon jetzt fast alle Cuts. Wenn er abgebrühter spielt, ist er nur schwer zu schlagen. Die Fans würden ihn lieben."
Denn eigentlich ist Alex Cejka wie gemacht für Amerika. Im Gegensatz zum braven Bernhard Langer hat der 75. der Weltrangliste eine Story zu erzählen.
Als er acht Jahre alt war, floh der Sohn eines Maschinenbauers mit seinem Vater aus der Tschechoslowakei nach Deutschland. Alles, was sie mitnahmen, passte in einen Rucksack. Alex wurde ins Internat für Spätaussiedler in Zwingenberg bei Darmstadt einquartiert, später lebte er in Offenbach und München.
Um für seinen Buben die Aufnahmegebühr für den ersten Golfclub bezahlen zu können, verkaufte Vater Cejka das Auto. Mit 16 hatte Alex Handicap null. Bei seinem Debüt als Profi schritt er in verwitterten Turnschuhen zum Abschlag, und als er sich 1993 in München erstmals für die Schlussrunden eines europäischen PGA-Turniers qualifizierte, raste er am Abend zu einer spontanen Party in seinen rund 250 Kilometer entfernten Geburtsort Marienbad. Erst Samstag früh, kurz vor dem Abschlag, war er wieder zurück.
Alex Cejka ist ein Zocker. Um die Startberechtigung auf der europäischen Tour für 2004 zu behalten, müsste er dieses Jahr noch neun Turniere in Europa spielen. Wenn er weiter durch die USA zieht, wird er das kaum schaffen. So kann es sein, dass er am Ende nirgendwo einen Arbeitsplatz hat. Aber das nimmt Cejka für seinen amerikanischen Traum in Kauf: "Dann gehe ich eben wieder zur Qualifying School." MAIK GROßEKATHÖFER
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 27/2003
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