30.06.2003

PRESSEEine Welt voller Schurken

William Kristol ist der vielleicht einflussreichste Journalist der USA: Sein Magazin „The Weekly Standard“ schreibt seit Jahren, was die US-Regierung heute denkt.
Am Morgen war Kristol bei Fox News, um die amerikanische Nahost-Politik zu kommentieren. Für den nächsten Tag ist er auf einen Flug nach Paris gebucht. Er wird in einer Reihe von Talkshows auftreten; wo genau, weiß er nicht, aber das ist wohl auch eher nebensächlich.
Kristol ist Chefredakteur des politischen Wochenmagazins "The Weekly Standard" und damit derzeit so etwas wie eine Berühmtheit. Der 50-Jährige könnte seine Tage mühelos mit Vorträgen, Interviews und Gastauftritten in Fernsehstudios verbringen. Die "New York Times" brachte neulich ein großes Porträt über ihn, das erstaunlich wohlwollend ausfiel. Das Glamourmagazin "Vanity Fair" druckte in seiner jüngsten Ausgabe ein ganzseitiges Foto von ihm, womit er sogar die Hollywood-Stars in den Schatten stellt.
Das ist ziemlich viel Aufmerksamkeit für jemanden, der einer Zeitschrift vorsteht, die gerade mal 65 000 Käufer hat und seit ihrer Gründung vor acht Jahren nur Verluste macht. Man kann noch nicht einmal sagen, dass Kristol und seine Mitarbeiter es darauf anlegten, an diesen Umständen viel zu ändern.
Das Heft, das selten mehr als 40 Seiten umfasst, sieht in weiten Teilen so aus, als stünde die Erfindung des Farbdrucks noch aus. Die wenigen Schwarzweißfotografien, die zwischen den Artikeln klemmen, sind vorzugsweise historische Aufnahmen. In den Texten geht es um typisch konservative Anliegen wie die ausstehende Schulreform, die Klondebatte, das Schulgebet und immer wieder, sehr leidenschaftlich, um das, was die Autoren "muskulöse Außenpolitik" nennen. Am Eingang zur Redaktion liegt die neueste Ausgabe. Sie zeigt auf dem Titel neun iranische Mullahs im Schneidersitz und dazu die Frage: "Wollen wir diese Männer wirklich Atomwaffen zusammenkaufen lassen?"
Genau besehen schreibt Kristol seit Jahren das Gleiche: dass die Welt voller Bösewichter und Schurken ist, denen man am besten gehörig auf die Finger klopft. Und dass niemand besser geeignet sei, diesen Job zu erledigen, als die USA - egal, was der Rest der Welt davon hält. Kurz gesagt: genau das Zeug, das normalerweise auf den Meinungsseiten der Wochenendausgaben liberaler Blätter den Spöttern Futter gibt, wenn überhaupt.
Doch plötzlich ist das, was Kristol und seine Mitarbeiter Woche für Woche formulieren, offizielle Regierungspolitik, und deshalb findet sich sein Name in nahezu jedem Artikel über die so genannten Neokonservativen, gleich neben dem stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz oder Vizepräsident Dick Cheney. Deshalb heißt es nun, wer wissen wolle, was im Weißen Haus gedacht werde, müsse nur in den "Weekly Standard" gucken. Manche sagen, es sei die einflussreichste Zeitschrift Amerikas.
Dass er so ernst genommen wird, kommt auch für Kristol überraschend. Als er 1995 mit der Idee für ein konservatives Wochenmagazin hausieren ging, um schließlich bei Rupert Murdoch, dem australischen Medientycoon, als Finanzier zu landen, da hing er ein wenig in der Luft: Er hatte nach einem Politikstudium schnell Karriere in Washington gemacht, erst in der Reagan-Administration und dann, unter Präsident George Bush senior, als Büroleiter für dessen Vize Dan Quayle. Doch nun saßen im Weißen Haus die Clintons, und es sah nicht danach aus, als ob die Republikaner bald wieder an die Macht kommen würden.
Auch Bush junior hatten Kristol und seine Mitstreiter zunächst wenig zugetraut. Er galt ihnen in seinen außenpolitischen Vorstellungen als zu weich und unentschieden. So unterstützten sie bei den republikanischen Vorwahlen den Vietnam-Veteranen John McCain, was viele Bush-Leute Kristol bis heute verübeln. Die Neokonservativen waren noch nie besonders gut darin, sich Freunde zu machen. "Vermutlich wären wir mit dem, was wir schreiben, noch immer Außenseiter, wenn der 11. September nicht eine größere Offenheit für unsere Ideen geschaffen hätte", sagt Kristol.
Die Offenheit ist so groß, dass nun von einer Verschwörung die Rede ist, von einer Kabale, bei der die Leute vom "Weekly Standard" so etwas wie die heimlichen Einflüsterer sind. Das wiederum sei natürlich ziemlicher Unsinn, sagt William Kristol. Sicher, viele der Leute, die jetzt im Weißen Haus für den Schwenk in der Außenpolitik verantwortlich sind - weg von dem traditionellen republikanischen Isolationismus -, kennt er seit langem; drei Redenschreiber für Bush und Cheney haben früher für Kristol gearbeitet. "Doch wenn das eine Kabale sein soll", sagt er, "dann ist sie ziemlich transparent. Jeder kann lesen, was wir denken und wollen."
Natürlich weiß Kristol nur zu gut, dass er schon bald wieder der Außenseiter sein könnte, der er die meiste Zeit seines Lebens war. Die Mehrheit der republikanischen Partei unterstütze Bush, sagt er, weil Bush Präsident sei, aber sie fühle sich nicht wirklich wohl mit dem neuen außenpolitischen Kurs. Und was das Weiße Haus angehe, habe er manchmal Zweifel, ob alle dort wüssten, welche Verpflichtung sie mit dem Versprechen eingegangen seien, den Irak zu demokratisieren.
"Ich hatte nie ein Problem damit, in der Minderheit zu sein", sagt Kristol. "Es macht einfach mehr Spaß. Es hat mich immer schon angeödet, das zu sagen, was alle sagen."
Er lacht, so als meinte er es ernst.
JAN FLEISCHHAUER
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 27/2003
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