14.07.2003

FILMEVon der Rolle

Im Zentrum der Pleite Leo Kirchs stand dessen legendäre Filmbibliothek. Ein Jahr lang wurde gerechnet, was die Zelluloid-Schätze dort wert sind. Nun ist das audiovisuelle Gedächtnis ganzer Generationen bedroht. Gehen cineastische Kostbarkeiten für immer verloren?
Es ist erst ein paar Jahre her, da reiste Paul Reichl nach Straßburg, um im Plenarsaal des Europäischen Parlaments einen Vortrag über sein Lieblingsthema zu halten. Es ging um die Rettung von europäischem Kulturgut an einem konkreten Beispiel: Film.
Reichl sprach nicht über Inhalte in seinem Referat und auch nicht über die Frage, weshalb europäische Produktionen an der Kinokasse kaum jemals eine Chance haben gegen Schnulzen und Actionreißer aus Hollywood. Er redete über den größten Feind jedes Films: die Feuchtigkeit und die darauf gedeihenden Pilze und Bakterien, die über kurz oder lang jedes Werk zu zerstören drohen - egal, ob Billigklamotte oder Fellini-Film.
Der 51-Jährige ist Spezialist in Sachen Zelluloid: Reichl wacht seit 23 Jahren über Europas größte Filmbibliothek. Er ist der Chef über jene legendären Katakomben des ehemaligen Filmhändlers Leo Kirch im Münchner Vorort Unterföhring, wo - ordentlich gestapelt und mit Barcodes versehen - rund zwei Millionen Filmrollen gelagert werden. Alle bei zwölf Grad Celsius. Immer bei 40 Prozent Luftfeuchtigkeit.
Konstanz ist wichtig, auch für Reichl, dessen Auftrag bei der Firma Taurus Media Technik (TMT) seit fast einem Vierteljahrhundert immer derselbe ist: Kirchs oberster Konservator pflegt und verwaltet das, was der Firmengründer selbst und seine Manager noch vor wenigen Jahren als "Öl des 21. Jahrhunderts" priesen.
Selbstbewusst waren Reichls 430 Mitarbeiter damals und stolz, im Herzen des Konzerns zu arbeiten, um den Kanälen, meist den eigenen, stets sendefertige Bänder in bestmöglicher Qualität liefern zu können. Umso heftiger traf sie der Zusammenbruch. Mehr als ein Jahr ist das nun her, als die Mutterfirma und Hauptauftraggeberin KirchMedia in die Pleite raste und die TMT bald danach mitriss.
Seither hat Reichl keine Zeit mehr für Vorträge über das tückische Vinegar-Syndrom, jenen beißenden Essiggeruch beim Öffnen einer Filmdose, der oft den Totalverlust bedeutet. Seither geht es für ihn weniger um Tricks gegen den Zerfall von Zelluloid. Seither geht es eher darum, wie man sein Reich, eine der größten und umfassendsten Filmbibliotheken der Welt, vor dem Zerfall rettet.
Mehr als 350 TMT-Mitarbeiter sind schon entlassen worden, unter anderem die komplette Synchronabteilung. Mitunter musste die Arbeit mittendrin abgebrochen werden wie bei der Übersetzung der australischen Serie "Sullivans". Weitere Entlassungen dürften bald folgen.
Erst an diesem Morgen hat wieder ein Kunde angerufen, ein Filmhändler aus dem Frankfurter Raum, der einige seiner Filme in Reichls Hochregalen einlagern ließ. Ob er sein Material jetzt nicht lieber abholen solle, fragte der verunsicherte Mann.
Ähnliches erlebte Reichl bei der Verwaltungsratssitzung des Deutschen Filminstituts. Wie es denn nun weitergehe, wollten die anderen Vereinsmitglieder, Vertreter von ARD, ZDF und aus der Kulturpolitik, besorgt wissen.
Tatsächlich fürchten viele nach dem ökonomischen Kirch-Kollaps nun auch bleibenden kulturellen Schaden: Immerhin hatten die Insolvenzverwalter nach dem gescheiterten Verkauf der Filmbibliothek und der Sendergruppe ProSiebenSat.1 an den Amerikaner Haim Saban unlängst die Liquidation der KirchMedia angekündigt.
Von der Filmbibliothek und dem Rechtehandel war kaum noch die Rede, und was die Insolvenzmanager darüber zu berichten hatten, schürte eher die Angst: Die Senderkette ProSiebenSat.1 kann sich laut einer neuen Rahmenvereinbarung in den kommenden zehn Jahren bei etwa 2000 von ihr ausgewählten Top-Filmtiteln wie "Men in Black" und "Mission Impossible" bedienen. Die Zukunft der restlichen 16 000 Titel ist ungewiss - sowohl was die Rechte angeht als auch die Rollen.
Was dieser Rest wert ist, weiß niemand. Gar nichts, sagen die einen. Eigentlich sei er unbezahlbar, sagen die anderen. Reichl sagt: "Zahlen sind nicht mein primäres Interesse."
Er hat schon zu viele Zahlen, Analysen und Bewertungen gelesen, um noch einer zu glauben. Fast alle Banker und Wirtschaftsprüfer, die Reichl und seine Kollegen in den vergangenen Monaten und Jahren durch die feuerfeste blaue Stahltür zum Ortstermin ins Hochlager mit seinen 35 Regalreihen von 12 Meter Höhe und 20 Meter Tiefe baten, kamen zu völlig unterschiedlichen Rechenergebnissen. Nur die Aussicht war klar: schlecht.
Noch vor fünf Jahren schätzten Spezialisten die Bibliothek auf einen Gesamtwert von bis zu vier Milliarden Euro. Kirch selbst sprach gar von fünf Milliarden. Die Unternehmensberater von Roland Berger stuften nur noch 122 Filme in die Top-Kategorie "Mega 1" ein: "The Sixth Sense" mit Bruce Willis etwa oder "Der Patriot". 1913 Titel bewerteten sie als "Z-Filme". Das hieß: "derzeit nicht lizenzierbar" - also unverkäuflich. Auf dieser Grundlage bezifferten die Insolvenzmanager den Gesamtwert im vergangenen Sommer auf 1,6 Milliarden Euro. Der ProSieben-Deal hat nur noch ein Volumen von rund 700 Millionen Euro. Und selbst davon fließt ein Großteil lediglich erfolgsabhängig, je nach Höhe der erzielten Werbeeinnahmen.
Und der Rest? Alles Ausschuss? Ladenhüter aus jenen milliardenschweren Paketgeschäften (so genannten Output-Deals) mit Hollywood-Studios, die Kirch ihre Toptitel nur in Kombination mit Ladenhütern und Billigstreifen verkauften?
"Gibt es alles", sagt Reichl. "Aber es gibt eben auch die andere Seite, darüber spricht niemand." Die andere Seite beginnt hinter einem Türschild mit der Aufschrift "Reklimaraum" und ist nur mit Filzpantoffeln zu betreten, wie man sie von Schlossführungen kennt. In diesem Negativlager frieren bei minus vier Grad Originale vor sich hin, viele davon Unikate, vor allem aus einem von Kirchs Konzernlieblingen, der Klassiksparte Unitel.
Wenn im Hochregallager und in der Videobibliothek, wo sich die Mitarbeiter zwischen den Regalfluchten mit den 800 000 Kassetten aus Zeitgründen mit Fahrrädern bewegen, auch viel Ramsch zu finden ist - hier ruhen die Reliquien.
Konzertverfilmungen von Leonard Bernstein und Herbert von Karajan, der legendäre Karl Böhm mit dem tschechischen Symphonieorchester - alles da. "Der Zigeunerbaron" liegt hier in sieben grauen Pappschachteln, "Die Hochzeit des Figaro" braucht zwölf. Gleich daneben liegen die Negativoriginale von "Dick und Doof hinter schwedischen Gardinen" und "Der Tiger von Eschnapur".
Allesamt wurden die Negative vor ihrer Einlagerung in einem wochenlangen Prozess "entwässert", um sie vor Pilzbefall und Fäulnis zu schützen, bis jede Rolle etwa 27 Gramm Gewicht verloren hatte. Dann wurde sie doppelt vakuumverpackt und kam zuerst in die Pappschachtel, danach in den Kühlraum. Wenn sie wieder zum Einsatz kommen sollen, um etwa für eine DVD-Produktion neu abgetastet zu werden, dauert allein der Auftauprozess 24 Stunden. Das Verfahren ist so effektiv, dass der Hollywood-Studioriese Warner Brothers es sich für sein eigenes Archiv abguckte.
Rund tausend Stunden Programm und das dazugehörige Sendematerial hält die Unitel vor, allein 80 Opern ließ der Klassikfreund Kirch aufwendig auf Film festhalten. Noch kurz vor der Insolvenz behauptete Kirch im kleinen Kreis, er habe rund eine Milliarde Mark in die Unitel investiert und damit "doch bleibende Werte geschaffen".
Ökonomisch gesehen hat er sich verspekuliert. Die Unitel, deren Filme allenfalls auf dem Premiere-Kanal Classica laufen und nach Italien und Japan lizenziert werden, steht gerade zum Verkauf. Insider halten einen Preis von unter zehn Millionen Euro für realistisch. Andererseits: Wenn Kirch neben einem Schuldenberg in Milliardenhöhe auch so etwas wie ein kleines Kulturerbe hinterlassen hat, dann liegt es in diesem Negativlager. Das schafft eine völlig neue Allianz von Rettern.
"Es ist eine Menge dabei, was für das deutsche Filmerbe von Bedeutung ist", sagt etwa Karl Griep, Leiter des deutschen Filmarchivs. Schon kurz nach der Pleite schrieb er dem Insolvenzverwalter einen Brief, in dem "wir unsere Bereitschaft signalisiert haben, für die Erhaltung dieses Filmerbes etwas zu tun". Bislang, so Griep, habe er indes noch nichts gehört.
"Wir sehen die Entwicklung mit großer Sorge", sagt auch Claudia Dillmann, Direktorin des Deutschen Filminstituts in Frankfurt. "Was dort liegt, ist in seiner Gänze absolut erhaltenswert." Zurzeit werde "der kulturelle Wert viel zu wenig berücksichtigt".
Tatsächlich ist die Kirch-Pleite in der Cineastenzunft schon schmerzhaft spürbar geworden. Denn auch wenn die kommerzielle Ausbeutung der Ware Film im Kirch-Konzern Priorität hatte - manchmal präsentierte der Alte sich auch als Mäzen.
Ausgerechnet in der Woche, in der die KirchMedia Insolvenz anmelden musste, lief in New York ein Filmfestival mit deutschen Kinofilmen aus den Jahren 1945 bis 1960 an. Alle 31 gezeigten Produktionen wie etwa Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" hatte Kirch zur Verfügung gestellt - das bislang letzte Großprojekt von Reichl und seinen Leuten.
Auch kommunale Kinos und Volkshochschulen profitierten vom reichen Fundus. Wenn es etwa darum ging, Filmreihen zusammenzustellen, gab es mit Kirch bislang so etwas wie eine Hauptanlaufstelle. In Unterföhring zeigte man sich meist hilfsbereit.
Für Festivals wie die Berlinale oder das Münchner Filmfest steuerte der Konzern Stummfilm-Schmankerl bei wie "Die weiße Hölle vom Piz Palü", mit Orchesterbegleitung nach Originalpartituren, teilweise wurde sogar eigens neu komponiert. "Eine Welt-Ur-Wiederaufführung pro Jahr" sei damals das Ziel gewesen, so Reichl.
Entsprechend gab es, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, nach der Pleite sogar kleine Beileidsbekundungen: So zeigte etwa das Deutsche Filmmuseum nach der Insolvenz zu Ehren des Patriarchen eine kleine Reihe mit Filmen aus Kirch-Beständen und rühmte dessen "unbestreitbare Verdienste um die Filmkultur".
Regelmäßig gönnte man sich in Unterföhring auch das eine oder andere Liebhaber- und Luxusprojekt, etwa in Sachen Filmrestaurierung. Neben dem "Brot und Butter"-Geschäft (Reichl), bei dem aus Positiv- oder Negativvorlagen sendefähige Videobänder entstehen, widmeten sich die Filmtechniker der TMT im vergangenen Jahrzehnt verstärkt der Aufbereitung alter, oft verstaubter und zerkratzter Vorlagen, vor allem seit die selbst entwickelte Software "Digiclean" die mühevolle und zeitintensive Handretusche ablöste.
Selbsttätig erkennt das Programm, ob es sich bei einem weißen Fleck auf dem Kragen eines Schauspielers um ein Staubpartikel oder ein Parteiabzeichen handelt. Das Staubpartikel würde korrigiert, das Abzeichen bliebe. Per Hand würde die Arbeit an einem Spielfilm Wochen dauern. Der Computer erledigt sie innerhalb einer Nacht.
Den Dauerbrenner "Sissi" haben sie so restauriert, für 150 000 Euro. Reichl: "Sissi ist für die nächsten 500 Jahre gerettet." Ebenso wie den Robert-Siodmak-Film "Menschen am Sonntag" von 1929 oder zuletzt noch "Die Leuchte Asiens" aus dem Jahr 1925, die erste deutsche Produktion, die an Originalschauplätzen in Indien gedreht wurde.
Für den Filmfanatiker Reichl waren das Höhepunkte seiner Kirch-Karriere wie die Geschichte mit der "Feuerzangenbowle": Er wusste, dass in Moskau noch Originalnegative existierten, die Soldaten nach dem Krieg als Beutegut aus Potsdam-Babelsberg dorthin gebracht hatten. Bei einem Fest der Cinemateque Suisse sprach Reichl seinen russischen Kollegen an. Nach der zweiten Russlandreise durfte er das Material zumindest umkopieren. So werden sich manche ARD-Zuschauer wundern, wenn die Anstalt den Klassiker das nächste Mal ausstrahlt: Besonders beim Ton gibt es Verbesserungen. Heinz Rühmann als Pennäler ist deutlich klarer zu verstehen.
Recherchereisen, Liebhaber-Projekte, Festivalbesuche - die Annehmlichkeiten des Archivaren-Daseins hat Reichl sich zuletzt sparen müssen. Nicht einmal zu seinem Lieblings-Stummfilmfestival im italienischen Pordenone ist er in den vergangenen zwei Jahren gereist. Zusammen mit seinen Kollegen versucht er stattdessen, das Filmkühllager, das pro Jahr rund zwei Millionen Euro verschlingt, so überlebensfähig zu machen, dass er nicht eines Tages die Aggregate ausschalten muss.
Eine Chance hat das Haus nur als Dienstleister für Dritte. Erste Schritte auf diesem Weg sind geschafft: Liefen bis zur Insolvenz 90 Prozent der Geschäfte mit den Kirch-Kanälen, kommen jetzt schon 60 Prozent der Aufträge von außen. Reichls Wunsch für die Zukunft? "Dass wir einen Investor finden, der Erfahrung mit der Materie hat, möglichst viel vom Vorhandenen zusammenhält und fortführt."
Noch ist nichts entschieden: Häppchen-Verkauf, Management-Übernahme, Totalabwicklung - Insolvenzverwalter Michael Jaffé verhandelt noch, gibt aber Filmenthusiasten ein erstes Zeichen der Entwarnung, zumindest was ökonomisch nicht verwertbare Filmkostbarkeiten angeht: "Wir werden in diesem Bereich mit Museen und Archiven zusammenarbeiten."
Wie schwer es indes bleiben wird, über die "ökonomische Verwertbarkeit" von Reichls Schätzen zu reden, zeigt ein aktuelles Beispiel. Natürlich hat er viele Filme mit Katharine Hepburn im Fundus. In den letzten Investoren-Analysen aber galt selbst der Klassiker "African Queen" als fast wertlos. Jetzt, nach dem Tod der Darstellerin, erwarb der Bayerische Rundfunk ein einmaliges Ausstrahlungsrecht - für stolze 70 000 Euro. MARCEL ROSENBACH
Von Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 29/2003
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