21.07.2003

GEHEIMDIENSTEUndercover-Student

Hochschüler bewerben sich um einen angeblichen Job in der Sozialforschung - dahinter steckt der Verfassungsschutz, der Spitzel für die linke Szene sucht.
Der Mann ist ein Phantom. Wenige Zeugen können ihn beschreiben, noch weniger wissen, ob er wirklich Peter Ulmer heißt, wie er sich vorzustellen pflegte.
Sein Einsatzort war ein schickes Büro in der Berliner Friedrichstraße 90. Nur wer einen Sonderschlüssel hat, darf mit dem gläsernen Aufzug in den sechsten Stock hinaufgleiten. Oben wacht eine höfliche Dame am Empfang, roter Teppich, helles Holz. Hier führte Ulmer die Vorstellungsgespräche mit Studenten, die sich um den angeblichen Nebenjob in der Sozialforschung beworben hatten.
Heute findet sich von dem Mann keine Spur mehr. Seine Telefonnummer ist nicht erreichbar, die Internet-Seite seiner Firma Team Base Research gelöscht, seine Wohnung in Overath gekündigt und das stundenweise gemietete Büro in Berlin-Mitte längst geräumt. Ulmer hat alles unternommen, um zu verschleiern, wer sich tatsächlich hinter Team Base Research verbirgt: das Bundesamt für Verfassungsschutz.
Mit Hilfe von Scheinfirmen, die harmlose, aber gut bezahlte Nebentätigkeiten anbieten, locken die Geheimdienstler gezielt Studenten an - und offenbaren ihre wahre Identität erst, wenn die angehenden Akademiker bereits verpflichtet sind. Die jungen Spitzel sollen Informationen beschaffen über die linksextreme Szene, in die der Verfassungsschutz ansonsten nur schwer Zugang findet. Diese Methode der Mitarbeiter-Rekrutierung sei "gängige Praxis", berichtet ein Geheimdienstexperte.
Der Politologiestudent Sebastian H. war völlig ahnungslos, als er im vergangenen Jahr bei einer Internet-Jobbörse auf die Anzeige von Team Base Research stieß. Die Firma präsentierte sich als "bundesweit tätiger Outsourcing-Partner für Firmen, Behörden und Forschungseinrichtungen", der über "langjährige Erfahrung" mit Personalservice, EDV-Beratung und Zielgruppenanalysen verfüge.
Zur Mitarbeit an "Forschungsprojekten im gesellschaftspolitischen Bereich" suchte das "expandierende" Unternehmen Studenten bis 25 Jahre und versprach eine "überdurchschnittliche Bezahlung" - ein verlockendes Angebot gerade für junge Geisteswissenschaftler in diesen Zeiten, da ihnen der Stellenmarkt nur wenig bieten kann.
Beim Vorstellungsgespräch, so erinnert sich Sebastian heute, saß der Mann, der sich Peter Ulmer nannte, vor einem Laptop, hinter ihm hing sein Mantel. Der 23-Jährige wunderte sich, wie aufgeräumt das Büro war: keine Papierstapel, keine Aktenberge, kein Müll.
Als er fragte, mit welchem Statistikprogramm Ulmer arbeite, lenkte der das Gespräch in eine andere Richtung: Plötzlich sollte Sebastian keine Statistiken erstellen, sondern Berichte über Linksextremisten anfertigen. Ulmer sagte, seine Firma arbeite unter anderem für das Bundesinnen- und das Bildungsministerium. Bis dahin schöpfte der Student keinen Verdacht: "Ich glaubte noch immer an eine Sozialstudie."
Schließlich hatte Ulmer eine aufwendige Legende konstruiert: Für Team Base Research wurde eigens ein Internet-Auftritt entwickelt und gestaltet. In Overath mietete er sich für 900 Mark kalt ein kleines Apartment an, das als Firmenadresse diente. Dem Vermieter präsentierte er eine von einem Steuerberater ausgestellte Einkommensbescheinigung und vermied so, seinen wahren Arbeitgeber und Beruf zu offenbaren. Als er wegzog, gab Ulmer sogar eine neue Deckadresse an, die Wohnung eines älteren Ehepaars.
Von alledem ahnte Sebastian nichts, als er sich ein weiteres Mal mit Ulmer in einem Restaurant traf. Diesmal war ein Mann dabei, der sich als Herr Sass aus Bonn vorstellte. Sebastian dürfe, mahnten die beiden, mit niemanden über den Job reden, allenfalls mit seiner Freundin. Der Stundenlohn betrage zehn Euro, er könne großzügig abrechnen, sogar Spesen in der Kneipe. Wenn es während seiner Arbeit zu Straftaten komme, könnten sie vielleicht sogar etwas für ihn tun. Nun wurde Sebastian doch misstrauisch, er ließ den Job lieber sausen.
Wie viele Studenten sich darauf eingelassen haben, ist ungewiss. Das Bundesinnenministerium schweigt zu den Vorgängen, das Bundesamt für Verfassungsschutz verweigert ebenfalls die Auskunft.
Der Aufwand, den das Amt für diese Aktion betrieben hat, deutet jedenfalls darauf hin, wie schwer es fällt, unter den oft gebildeten und ideologisch gefestigten Linken V-Leute anzuwerben. Deshalb behilft man sich damit, Studenten undercover einzuschleusen: Sie wirken unverdächtig, weil sie derselben Altersgruppe zugehören wie die Personen, die sie bespitzeln sollen, so das Kalkül.
Kritiker halten die Anwerbemethode für unverantwortlich, zumal die Vita der Studenten ohne ihr Wissen durchleuchtet wird: "Die Leute schlittern da ahnungslos rein, das ist hochgradig fahrlässig", kritisiert Omid Nouripour vom Bundesvorstand der Grünen.
Doch das Interesse des Geheimdienstes an Informationen aus dem linken Milieu ist so groß, dass das Bundesamt dieses Risiko eingeht. So wies der letzte Verfassungsschutzbericht warnend darauf hin, dass einzelne Vorgänge in der linken Extremistenszene bereits "die Grenze zum terroristischen Gewalthandeln überschreiten".
Einige Zeit nach den Anwerbegesprächen in Berlin wollte sich der Student Sebastian Klarheit verschaffen, was die Männer nun wirklich mit ihm vorhatten. Er wählte die Nummer, die ihm Herr Sass gegeben hatte. "Wir haben eine Arbeitsgruppe, also wir haben mehrere Arbeitsgruppen", stammelte Sass, immerhin erwähnte er in dem Gespräch "Berührungspunkte mit dem Verfassungsschutz".
Ob Sass denn auch im Staatsdienst sei? Ja, erwiderte der zögerlich, er sei Beamter des Bundesinnenministeriums - und legte Sebastian noch einmal das Jobangebot ans Herz: "Meine Nummer haben Sie."
DOMINIK CZIESCHE
Von Dominik Cziesche

DER SPIEGEL 30/2003
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