21.07.2003

LUFTFAHRTSenkrechtstarter am Golf

Die Airline-Giganten könnten schon bald unliebsame Konkurrenz bekommen - aus Dubai, wo die Fluglinie Emirates den neuen Airbus A380 gleich im Dutzend ordert.
Als die Manager der arabischen Fluglinie Emirates vor gut zwei Jahren die ersten Großraumjets vom Typ Airbus A380 bestellten, ernteten sie in der Branche überwiegend Hohn und Spott. "Die können mit den Maschinen im Ernstfall locker ihr Scheichtum evakuieren", scherzte der damalige Lufthansa-Chef Jürgen Weber über die Aufsteiger aus Dubai am Persischen Golf.
Das Lachen ist den Luftfahrtbossen inzwischen vergangen. Seit sich herumgesprochen hat, dass die Staats-Airline zu den erfolgreichsten Fluggesellschaften der Welt gehört, kann sich die Emirates-Führung vor Kooperationsangeboten angeschlagener Konkurrenten kaum retten.
Auf der vergangenen Luftfahrtschau Mitte Juni in Le Bourget bei Paris orderten die Scheichs zum Entsetzen der Wettbewerber weitere 23 Exemplare der zweistöckigen Mega-Maschinen mit bis zu 650 Plätzen und haben damit fast die Hälfte der bislang geplanten Produktion bestellt. "Die Kosten pro Sitz liegen 22 Prozent niedriger als bei einer Boeing 747-400 und rund 18 Prozent niedriger als beim Modell 777", rechtfertigt Emirates-Topmanager Tim Clark den Großeinkauf.
Klotzen statt kleckern, heißt die Devise bei der aufstrebenden Airline, die von der Herrscherfamilie Al Maktum kontrolliert wird. An kaum einer anderen Fluggesell-
schaft ist die nunmehr fast zwei Jahre an-
dauernde Krise der internationalen Zivilluftfahrt so spurlos vorübergegangen wie an dem Langstrecken-Spezialisten aus der Glitzermetropole Dubai (2,4 Milliarden Euro Umsatz, 10 500 Beschäftigte).
Während andere Branchengrößen Verluste auftürmen und Personal abbauen, wächst der Senkrechtstarter am Golf sogar. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Fluggäste um 26 Prozent auf rund 8,5 Millionen Passagiere, während etablierte Konkurrenten wie die Lufthansa massenweise Maschinen stilllegen mussten. Beim Gewinn legte die Emirates-Führungsmannschaft um Scheich Ahmed Ibn Said al-Maktum sogar um 94 Prozent zu.
Bis 2015 möchten die Manager ihre Flotte von derzeit 53 Maschinen mehr als verdoppeln und die Passagierzahlen auf weit über 30 Millionen Gäste steigern. Einen Großteil davon sollen die neuen Airbus-Megajets befördern, die Clark zwischen Dubai und Metropolen wie Frankfurt, München, London oder Paris einsetzen möchte. "Wir wollen zur größten internationalen Verkehrsdrehscheibe der Welt werden", erklärt der gebürtige Brite, der die Airline 1985 mit einer Hand voll Freunden und lediglich zehn Millionen Dollar Startkapital gründete.
Um dem Teilstaat Dubai mit nur 900 000 Einwohnern neue Einnahmen zu erschließen, wenn der stete Geldstrom aus den heute noch üppig sprudelnden Ölquellen irgendwann versiegen sollte, will die Herrscherfamilie das Wüstenland zu einem Dorado für betuchte Geschäftsleute, Händler und Touristen hochrüsten, das den Vergleich mit Hongkong oder Singapur nicht zu scheuen braucht.
Um Vielflieger zu animieren, als Umsteigeort zu Fernzielen wie Australien oder Südostasien künftig Dubai zu präferieren, dürfen First-Class- und Business-Kunden neuerdings sogar eine oder zwei Nächte gratis in Luxushotels wie Jumeirah Beach oder Ritz Carlton residieren. "Die Kosten dafür tragen wir natürlich selbst", wehrt sich Stratege Clark gegen Gerüchte, die Gratis-Sausen würden vom Staat bezahlt.
Schon heute treiben Luxusherbergen wie das erste und weltweit einzige Sieben-Sterne-Hotel Burj al Arab der Airline Scharen von Kunden zu. Vor der Küste entstehen weitere Attraktionen wie künstlich aufgeschüttete Inseln in Form von Palmen oder als Kopie der Erdkontinente.
Auch andere Rahmenbedingungen lassen die schwer gebeutelten Wettbewerber in Europa oder den USA erblassen. Während sie unter ständig steigenden Gebühren ächzen, wurden in Dubai die Kosten, etwa für die Flugsicherung, sogar gesenkt. In den Emiraten genügt dafür das Placet des Airline-Chefs, der nebenbei auch Flughäfen und Luftraumüberwachung kontrolliert.
Gewerkschaften gibt es in dem Scheichtum nicht. Dennoch haben die Emirates-Manager keine Probleme, qualifiziertes Personal aus aller Welt anzulocken. Direkte Steuern werden nicht erhoben. Auch die Segnungen des Gesundheitssystems sind umsonst.
Besonders gehätschelt werden bei der arabischen Vorzeige-Airline die Piloten. Bei Dienstbeginn stellt das Emirat ein voll möbliertes Haus und übernimmt fortan sogar die Nebenkosten für Strom, Wasser und die Schulausbildung der Kinder. Zum Flugeinsatz geht es standesgemäß mit Chauffeur und Limousine. "Vor allem Flugzeugführer aus Skandinavien wollen kaum mehr weg", erzählt Henry Hasselbarth, Emirates-Statthalter für Zentral- und Nordeuropa in Frankfurt.
Welche Bedrohung von den fliegenden Golf-Kriegern langfristig ausgeht, hat der neue Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber offenbar erkannt. Bereits zwei Monate vor seinem Amtsantritt Ende Juni traf er sich mit Emirates-Boss Clark, um über Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit zu diskutieren. Den Beitritt in den von der Lufthansa gehätschelten Airline-Club Star Alliance lehnte Clark jedoch dankend ab.
"Wir wollen uns nicht einengen lassen und unser eigenes Ding machen", sagt er. Nun verhandeln die ungleichen Partner nur noch über eine abgespeckte Kooperation. DINAH DECKSTEIN
* Mit Airbus-Chef Noël Forgeard auf der Luftfahrtschau am 16. Juni in Le Bourget bei Paris.
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 30/2003
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