21.07.2003

MEDIZINTrockener Tümpel

Die Bauchfrei-Mode treibt den Schönheitschirurgen neue Kundschaft zu: In den USA lassen sich immer mehr Frauen den Nabel veredeln.
Bei den einen ist er schmal und sexy. Bei den anderen beult er sich hässlich wie die Luftblase eines Fisches ("Outie"), ist chronisch schlecht belüftet ("Innie") oder erinnert an die Öffnung des Verdauungstrakts.
Jahrhundertelang war der Bauchnabel ein weißer Fleck auf der Landkarte der menschlichen Anatomie, weil er unter Bergen von Hemden, Pullovern oder Jacken steckte. Bauchfreie US-Aktricen wie Barbara Eden mussten ihre Kuhle noch in den sechziger Jahren mit einem fleischfarbenen Pfropfen verstöpseln; sonst hätten ihre Filme die TV-Zensur nicht passiert.
Erst die Hüftfrei-Mode der letzten Jahre hat den Nabel der Frauen sichtbar gemacht - und den plastischen Chirurgen in den USA neue Kundschaft beschert. Von Beverly Hills bis New York beugen sich derzeit die Schönheitsklempner über die angeblich verrutschten Geburtsnarben ihrer Kundinnen. Skalpell-Virtuosen wie der New Yorker Chirurg Bruce Nadler versprechen ihnen die Designer-Öffnung mit dem jugendlichen Touch.
Um den Andrang in den Praxen müssen sich die Abdominal-Verschönerer angesichts des Nabelkults von Popsternchen wie Britney Spears oder Jennifer Lopez nicht sorgen: "Früher kamen die Frauen und sagten nur, ich möchte einen flacheren Bauch", berichtet US-Schönheitschirurg Mark Foglietti. "Neuerdings fügen sie fast alle hinzu: Und ich mag auch meinen Nabel nicht."
Der Maßschneider aus Ohio hat das Flehen der Frauenwelt erhört. Er bescherte der Klientel den so genannten Foglietti-Nabel: "Er ist zierlich und hat die Form einer Birne", schwärmt eine seiner zufriedenen Kundinnen.
Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Nabelverschönerungen regelrecht explodiert. Zwar haben die Operateure nach offiziellen Statistiken der US-Gesellschaft für Plastische Chirurgie nur gut 2000 Korrekturen durchgeführt. Doch weit mehr, vermutlich an die 50 000 Frauen, sind nach inoffiziellen Schätzungen allein im letzten Jahr mit einem neu modellierten Geburtsknubbel aus den Praxen oder Praxiskliniken marschiert.
Die Preise für die etwa einstündige Operation, die unter örtlicher Betäubung erfolgt, scheinen nur wenige zu schrecken. Zwischen 1300 und 1700 Dollar kostet es, wenn der geübte Operateur einen rautenförmigen Schnitt um den Nabel setzt und überschüssige Haut oder vorquellendes Gekröse entfernt. Die neu entstandenen Hautränder werden anschließend mit den darunter liegenden Muskeln verbunden, und der entstehende Trichter mit einem Spezialstich wie ein Knopfloch gesäumt - fertig ist die neue sexy Körperhöhle.
US-Frauen schwärmen in den einschlägigen Magazinen, sie hätten ihren Körper nach der Schönheits-OP erstmals wieder in bauchfreie Bademoden gezwängt. Doch auch manche Männer scheinen unter dem Nabelblues zu leiden: Vor allem Bodybuilder, berichten Schönheitschirurgen, möchten ihre "Sixpacks" in der Öffentlichkeit präsentieren, ohne sich für den durch jahrelanges Gewichtheben unschön vorquellenden Bauchnabel schämen zu müssen.
Umstritten war bisher unter den Messerhelden die optimale Ästhetik der Körpermitte. Soll der Nabel oval oder rund, klein oder groß, ein gähnender Fleischkrater oder eher flach wie ein trockengefallener Tümpel sein? Rein intuitiv, so scheint es, hatten sich die Vertreter der Branche mehrheitlich für die schmale, senkrechte Variante entschieden: "Den Nabel gibt es in allen Formen und Größen, aber der Vertikal-Look ist der beste", gab Thomas Mustoe, Chef der Plastischen Chirurgie an der Northwestern University Medical School in Chicago, die Richtung vor.
Doch auch dieser Zwist ist beigelegt, seit Forscher von der University of Missouri den Knubbelkundlern zu einem wissenschaftlich seriösen Fundament verholfen haben. Auf der Suche nach der idealen weiblichen Nabelhöhle fotografierten sie die Körperkuhlen von 147 Frauen zwischen 18 und 62 Jahren und ließen die Bilder anschließend von 21 Männern und Frauen begutachten.
Das Urteil der Jury fiel nach Angaben der Wissenschaftler eindeutig aus: "Der T- oder vertikal geformte Nabel mit einem Häutchen am oberen Ende schnitt am besten ab" - die Visionäre unter den US-Schönheitsklempnern durften sich bestätigt fühlen, die das weibliche Dingsda auch bisher schon in eine Art Schlüsselloch mit quer gelegtem neckischem Klitorishütchen verwandelt hatten.
Experten rechnen damit, dass der Trend zur ästhetischen Nabelplastik demnächst auch nach Europa schwappen wird. Derweil glauben Vertreter der US-Schönheitsbranche bereits den nächsten verbesserungswürdigen Körperteil gesichtet zu haben: Erstmals ließen sich amerikanische Frauen und Teens im vergangenen Jahr auf breiter Front die Brustwarzen verlängern. Nach offiziellen Angaben wurde die neue Schönheits-OP bereits an über 500 US-Bürgerinnen vorgenommen.
"Wenn ich an mir herunterschaue", rechtfertigte eine der Angespitzten den Eingriff, "möchte ich Nippel sehen."
GÜNTHER STOCKINGER
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 30/2003
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