11.08.2003

EUROPA„Eine harte Lehrstunde“

Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker über den Irak-Streit, den Unilateralismus der Amerikaner und die Chancen einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik
SPIEGEL: Sie sind jetzt über 80 Jahre alt und Zeuge eines neuen Jahrhunderts. Gibt es einen Punkt, an dem die Vergangenheit verblasst und für das eigene Leben nicht mehr so wichtig ist?
Weizsäcker: Was verblasst, sind die konkreten Daten und Namen im Gedächtnis des Alters. Die Erfahrungen und die Lehren der Vergangenheit verblassen nicht. Wer sich selbst gegenüber Rechenschaft über sein Leben ablegt - womöglich sogar schriftlich -, der wird in vielen Fällen seine Kindheit als das prägende Kapitel in Erinnerung behalten. Und die Nation blickt umso kräftiger in die Zukunft, desto besser sie aus der Vergangenheit gelernt hat.
SPIEGEL: Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte vor einiger Zeit, die Deutschen seien mit sich im Hinblick auf ihre Geschichte "genauso im Reinen wie die Franzosen". Demnach müssten wir sehr gesund in die Zukunft blicken.
Weizsäcker: Franzosen haben Freude daran, stolz zu sein. Wir gönnen es ihnen und sind unsererseits nüchterner. Fischer gründet seine Zukunftspolitik auf eine intensive Beschäftigung mit der Vergangenheit. Das ist gesund und für Europas Vereinigung notwendig.
SPIEGEL: Kann denn angesichts der unterschiedlichen Nationalgeschichten eine europäische Identität erwachsen?
Weizsäcker: Die heranwachsende Identität der Europäer beruht ja gerade auf den Lehren ihrer wechselseitigen Taten und Untaten. Dabei muss jede Nation die eigene Vergangenheit ernst nehmen, ohne sie den anderen aufzudrängen.
SPIEGEL: Das haben wir mit dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gerade wieder erlebt. Ausgerechnet die damaligen "Achsenmächte" schlagen sich die Vergangenheit um die Ohren.
Weizsäcker: Berlusconi ist nicht von der italienischen Vergangenheit her zu definieren, sondern von seinem brausenden Ego.
SPIEGEL: Aber der Aufschrei erfolgte doch, weil er den Vergleich mit der Vergangenheit gewählt hatte.
Weizsäcker: Ich bin dagegen, dass wir aus dem Phänomen Berlusconi große Theorien über das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft ableiten.
SPIEGEL: Warum sind Sie so zuversichtlich?
Weizsäcker: Lebenserfahrung vermittelt Zuversicht. Im Alter erlebe ich Entwicklungen, die in der Jugend undenkbar waren. Ein Beispiel: Am 1. September 1939 bin ich als junger Infanterist gegen die Polen in den Krieg gezogen, von deren Geschichte und Kultur ich kaum etwas wusste. Der Krieg war ein Grauen für Polen, aber auch für die eigene Familie. Mein Bruder fiel am zweiten Kriegstag in meiner unmittelbaren Nähe. Meine Schwester musste ihre ostpreußische Heimat verlassen. Aber sechs Jahrzehnte später wurde ich im Alter von fast 80 Jahren nach Warschau eingeladen, um der polnischen Regierung Ratschläge für die Reform ihrer Streitkräfte zu geben - alles in der Spanne des eigenen Lebens. Das ist natürlich kein historischer Beweis.
SPIEGEL: Aber wohl doch mehr als ein persönliches Erlebnis.
Weizsäcker: Ja, wir haben in Europa einen Lernprozess in Gang gesetzt, von dem ich nicht glaube, dass es ihn in der Geschichte schon einmal in dieser Form gegeben hat.
SPIEGEL: Man kann aber zweifeln, dass er sehr weit führen wird, wenn jede Nation ihre eigene Vergangenheit ernst nimmt, wie Sie fordern. Denn die Siege der einen waren die Niederlagen der anderen, und es gibt mindestens so viele Kränkungen wie gemeinsame Errungenschaften.
Weizsäcker: Natürlich hat jedes Land seine eigene Geschichte und Mentalität. Die Briten sind ein Inselreich, die Nachbarn bleiben auf Distanz, der Kanal wirkt manchmal breiter als der Atlantik. Frankreich denkt gern daran, mit seiner Revolution die Welt verändert und beglückt zu haben. Uns Deutschen hat unsere Geschichte noch nie allein gehört. Wir sind eine kontinentale Macht, von neun Nachbarn umgeben, mit ständigen Einwirkungen hinein und hinaus, bald befruchtend, bald zerstörerisch.
SPIEGEL: Und wo sehen Sie da Fortschritte?
Weizsäcker: Kriegserfahrungen haften im Gedächtnis. Im August 1914 sind die Deutschen ebenso wie die Franzosen und die Engländer mit größter Begeisterung gegeneinander in den Krieg gezogen. Aber er hat in allen Familien schwere Wunden geschlagen, auch in der meinigen. Zum Zweiten Weltkrieg wurden wir Soldaten in dunkler Nacht zum Verladebahnhof geführt. Die Bevölkerung sollte es nicht sehen. Trotz ihrer überwiegenden Bejahung des NS-Regimes saßen Angst und Leid aus dem Ersten Weltkrieg noch immer in den Knochen. Der war ja nur 20 Jahre her.
SPIEGEL: Waren die Demonstrationen in Madrid, London und Berlin gegen den Irak-Krieg 60 Jahre später ein weiterer Nachhall?
Weizsäcker: Wenn Sie so wollen, ja, obwohl doch inzwischen ein sehr großer Zeitraum vergangen ist und nur noch wenige Menschen sich persönlich an den Zweiten Weltkrieg erinnern.
SPIEGEL: Aber unabhängig von diesen historischen Erfahrungen gibt es, wie sich gerade am Beispiel Polen während der Irak-Krise gezeigt hat, ganz grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat, vielleicht nicht zu Unrecht, von einem alten und einem neuen Europa gesprochen.
Weizsäcker: Lassen wir Rumsfeld aus dem Spiel. Er wollte uns nicht helfen, Europa besser zu verstehen, sondern den USA ein Rezept anbieten, wie man Europa teilen und beherrschen kann. Beim Irak ging der Streit darum, ob die friedlichen Uno-Mittel zur Krisenbewältigung schon verantwortlich ausgeschöpft waren oder nicht. In dieser Lage entschied sich Amerika zum sofortigen Militärschlag.
SPIEGEL: Jetzt sehen sich die Befürworter militärischer Interventionen durch die Fälschungsvorwürfe in Großbritannien und den USA zurückgeworfen.
Weizsäcker: Es wurden gewichtige Gründe für den Krieg genannt, aber auch immer neue, die sich teils ergänzten, teils widersprachen und teils einfach unwahr waren. Tony Blair blieb an der Seite von George W. Bush. Der britische Premier wollte in Zeiten der Bedrängnis die "special relationship" mit den Amerikanern bekräftigen.
SPIEGEL: Und welche "special relationship" hatte Polen?
Weizsäcker: Die haben die allerbesten Gründe. Polen wurde in einer Zeit geteilt, als Amerika gegründet wurde. Seit Ende des 18. Jahrhunderts sind Hunderttausen-
de Polen in die USA ausgewandert. Das Land hat seine Unabhängigkeit im Jahr 1918 wesentlich dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson zu verdanken, und während des Kalten Krieges haben die Polen immer vom Land der Freiheit geträumt. Das verbindet sie mit den USA, und dafür danken sie den Amerikanern auch. Wer ihnen deshalb eine schlechte Kinderstube vorwirft, ist historisch nicht besonders gut bewandert.
SPIEGEL: Damit wären wir bei Frankreich, dessen Präsident Jacques Chirac die polnische Politik scharf kritisierte. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat kürzlich seine Vorstellungen von einem "Kerneuropa" - bestehend aus Frankreich und Deutschland - dargelegt. Ein solcher Pakt könne nur funktionieren, so Habermas, wenn er von der Klammer eines gemeinsamen außenpolitischen Konzepts gehalten werde. Stimmen Sie dem zu?
Weizsäcker: Wie gut, dass sich die Intellektuellen endlich aktiv an der Debattenfront engagieren! Dafür Dank gerade auch an Habermas, der allseits hoch geachtet ist, zumal in den USA. Aber das schließt Streit natürlich nicht aus. "Kerneuropa" ist ein historisch besetzter Begriff: Frankreich und Deutschland als der Motor der ersten, kontinental-westeuropäischen Gemeinschaft. Paris und Berlin werden weiterhin eng kooperieren, aber heute geht es um mehr, um die Annäherung an eine gemeinsame europäische Außenpolitik. Über den Irak wurde gestritten. Doch wird sich dies als Ausnahme erweisen, nicht als Regel.
SPIEGEL: Woher nehmen Sie Ihren verzweifelten Optimismus?
Weizsäcker: Nichts von Verzweiflung oder Optimismus, sondern Nüchternheit. In den meisten Fragen arbeiten wir Europäer gut zusammen, gerade auch mit London: Kampf gegen transnationalen Terrorismus; Friedensplan für den Nahen Osten; freier Welthandel; Russland in die WTO einbeziehen; globaler Umweltschutz, der nur bei aktivem Kampf gegen die Weltarmut gelingen kann; Stärkung der internationalen Institutionen Uno, Weltbank, Währungsfonds; Schutz der Menschenrechte; Völkerrechtsreform; aktiver Internationaler Strafgerichtshof. Eine Macht, die legitim sein will, muss dem Recht gehorchen.
SPIEGEL: Das sollen die USA von Europa lernen?
Weizsäcker: Es geht nicht darum, den amerikanischen Unilateralismus durch einen Multilateralismus gleichsam zu bestrafen, sondern um die Einsicht, dass wir nur gemeinsam mit den Weltaufgaben fertig werden. Amerika kann zwar jeden Krieg allein führen, aber ohne uns weder Ordnung und Entwicklung erreichen noch Frieden schaffen. Was Amerika misslingt, schadet auch uns Europäern. Daher liegt unsere Zukunft in einer starken, einflussreichen Partnerschaft.
SPIEGEL: Und dafür brauchte Europa zunächst einmal ein handlungsfähiges Zentrum des Selbstverständnisses und eine verlässliche Definition eigener Interessen.
Weizsäcker: Für die Vernunft unserer Außenpolitik und die Glaubwürdigkeit unserer Sicherheitspolitik müssen wir selbst sorgen. London, Paris und Berlin müssen gemeinsam vorangehen. Zusammen mit Warschau können wir einen "club of four" bilden, offen für alle.
SPIEGEL: Nach dem deutsch-französischen Zweierbund und dem Weimarer Dreieck mit Warschau jetzt das Kleeblatt mit London dazu - wie soll die Zahlenmystik weitergehen?
Weizsäcker: Seien Sie nicht so kleingläubig! Die Irak-Krise war eine harte, notwendige und am Ende fruchtbare Lehrstunde.
INTERVIEW: JÜRGEN LEINEMANN,
CHRISTOPH SCHULT
* Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac, Polens Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, Bundeskanzler Gerhard Schröder am 9. Mai in Breslau.
Von Jürgen Leinemann und Christoph Schult

DER SPIEGEL 33/2003
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