11.08.2003

PROMINENTEIch und Deutschland

In seinem neuen Buch schwärmt Gregor Gysi sehr von sich selbst, reichlich von Kanzler Gerhard Schröder - und verschweigt die peinlichen Geschichten.
Es gibt da einen Mann in Berlin, der muss eine Art James Bond der deutschen Politik sein: schlagfertig, trickreich, Tag und Nacht im Einsatz. Gregor Gysi, 55, ist jedenfalls ganz hingerissen von ihm.
Das Arbeitspensum des Helden - "herausragend", als Talkshow-Gast - eine "Begabung". Besucht der Mann den Kanzler, hat er selbstverständlich schon "eine zusätzliche Überlegung im Kopf", die nicht jeder gleich durchschaut. Für die Hauptstadt Deutschlands hält er - na mindestens - eine "Vision" parat. Ehrfurchtsvoll attestiert ihm sein Pressesprecher "hellseherische Fähigkeiten".
Der Typ, von dem Gysi schwärmt, kann natürlich niemand anderes sein als Gysi selbst. Gewiss, noch nie musste sich der einstige PDS-Vorsitzende und ehemalige Berliner Wirtschaftssenator übergroße Bescheidenheit vorwerfen lassen. Schlagfertigkeit und Selbstbewusstsein haben ihn zum Liebling der Medien gemacht, zum Robin Hood der Ossis und zum Schild und Schwert seiner Partei. Doch in seinem neuen Buch, das diese Woche erscheint, unterschlägt er Pleiten und Peinlichkeiten souverän und outet sich hemmungsloser denn je als Fan seiner selbst**.
Auf rund 250 Seiten berichtet Gysi vor allem von seinen Heldentaten - als launiger Wahlkämpfer um Berlin, cleverer Spieler im Koalitionspoker und bienenfleißiger Wirtschaftssenator. Doch schon der Titel des Buches zwingt zu Fragen: Haben Gysi nach den Leibwächtern und Beratern nun auch alle guten Geister verlassen? Hat der Jurist in seinem kleinen Kanzleizimmer in der Fasanenstraße die Bodenhaftung verloren?
Denn "Was nun?" ist eine Anspielung auf die historisch ziemlich bedeutsame Schrift "Was tun?" von Russlands Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin. Und die Unterzeile des Gysi-Buches "Über Deutschlands Zustand und meinen eigenen" kann nur einen Schluss nahe legen: dass beide - sein Ich und Deutschland - gleich wichtig sind.
Doch hat der Autor weder revolutio-näre Theorie noch neue Einsichten zum Weltenlauf zu bieten. "Was nun?" steckt voller belangloser Anekdoten aus der Berliner Lokalpolitik, kombiniert mit hausbackenen Weisheiten. Kostprobe: "Oft muss man in der Politik A sagen, um wenigstens B zu erreichen."
Dabei hätte Gysi schon noch Bedeutsames zu berichten. Über jene Offerte der PDS-Realos an Gerhard Schröder aus dem Frühjahr 2002 etwa, mit der die Sozialisten auf ein Stück Macht im Bund zielten. Leihstimmen im Parlament wollten die Strate-
gen - vom erneuten Einzug der PDS in den Bundestag fest überzeugt - Rot-Grün antragen, falls Schröder eine eigene Mehrheit verfehlen sollte.
Auch über die erhoffte Gegenleistung wurde in der PDS-Spitze damals schon offen gesprochen: Gysi sollte in der Bundesregierung für den Aufbau Ost zuständig werden. "Nur deshalb", vermutet ein langjähriger Begleiter Gysis, "wurde er Wirtschaftssenator in Berlin. Gysi wollte Schröder beweisen, dass er ernst zu nehmen ist und über Wirtschaftskompetenz verfügt." Doch von solchen unschön an der Realität gescheiterten Planspielen - die PDS erhielt nur vier Prozent - ist keine Rede in Gysis Buch.
Aus seinem Respekt vor Schröder macht Gysi hingegen kein Geheimnis, unterschlägt freilich seine gelegentliche Anbiederei. Denn nicht nur mancher Berliner Senator, auch der Kanzler bekommt bis heute hin und wieder Post vom Anwalt aus der Fasanenstraße, der nicht vergessen werden mag.
Da schmeißt sich Gysi schon mal kräftig ran an den "lieben Gerhard Schröder". "Gestatte mir", schrieb er etwa im Februar dieses Jahres, "Dir zunächst meinen Respekt dafür auszusprechen, wie konsequent und mutig Du gegenwärtig außenpolitisch auftrittst." Sogar seinen Beistand bot Gysi großzügig an: "Ich versuche auch, dies in Kolumnen und bei anderer Gelegenheit entsprechend zu betonen."
Anschließend verknüpfte er schnell Politik und Geschäft und bat Schröder - vergeblich - um ein Gespräch über die Rettung der Berliner Staatsoper, deren Generalmusikdirektor Daniel Barenboim Gysi als Anwalt vertritt: "Ich hätte vielleicht eine Idee, wie das Problem gelöst werden könnte."
Solche Zeilen sind Beleg für jene These, die der verhinderte Weltenlenker in eigener Sache in seinem Buch vertritt: "Meiner ganzen Entwicklung widerspräche es, würde ich es beim Anwaltsberuf belassen."
Aber was soll Gysi nur tun? 2006 erneut für den Bundestag kandidieren?
Nach drei Rücktritten - vom Parteivorsitz, Fraktionsvorsitz und dem Senatorenamt - werden Gysis Angebote selbst in der PDS nicht mehr mit Halleluja-Rufen quittiert.
So bleibt er vorläufig ein Politiker im Wartestand, der zwar vieles besser wissen, aber nichts besser machen kann. Seine letzte bedeutende politische Aktion fand vergangene Woche statt: in einer Berliner Backstube. Dort rollte er - um für mehr Lehrstellen zu werben - Teig zu Croissant-Rohlingen. "Eigentlich störe ich hier", bemerkte er da mit jener Selbstironie, an der es ihm als Autor mangelt, "mehr, als ich nütze." STEFAN BERG
* Bei einer Werbeaktion für mehr Lehrstellen am Montag vergangener Woche in einer Berliner Bäckerei. ** Gregor Gysi: "Was nun? Über Deutschlands Zustand und meinen eigenen". Hoffmann und Campe, Hamburg; 256 Seiten; 18,90 Euro.
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 33/2003
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