11.08.2003

TOURISMUSZur Disco in Kabul

Als erste europäische Airline bietet jetzt die LTU einen Direktflug nach Afghanistan an - das gewagte Projekt lockt Heimaturlauber ebenso wie Glücksritter.
Der Mann auf dem Sitzplatz 21 A weiß, was er will: Abdullah Khalegyar, 37, Exil-Afghane aus dem hessischen Rüsselsheim, möchte sich in der alten Heimat erstens Arbeit suchen "und zweitens eine Frau: am besten lieb und langhaarig".
Der Schlosser im blau karierten Hemd lebt seit 20 Jahren in Deutschland, will nun aber so bald wie möglich nach Afghanistan umziehen - obwohl er bislang noch "keine Ahnung" hat, wie es in der alten Heimat aussieht. Gern, denkt er sich, würde er in Kabul eine Disco aufmachen ("mit indischer Musik, da kenne ich mich aus"). Oder eine Werkstatt für Autos und Waschmaschinen. Alternativ ("Ich kann fast alles") möchte der Noch-Junggeselle sein Glück "irgendwie mit Dolmetschen, Buchhaltung oder Computern" versuchen.
Den Markt erkunden kann er nun - dank der Fluggesellschaft LTU, die es am vergangenen Dienstag als erste europäische Airline nach 23 Jahren wagte, ein Linienflugzeug direkt nach Afghanistan zu schicken. An Bord trauten sich in Düsseldorf 110 Fluggäste: Glücksritter und Abenteurer, Geschäftsleute und Heimaturlauber.
Die flotte Verbindung mit nur sechseinhalb Stunden Flugzeit soll jetzt einmal wöchentlich besonders die 70 000 Exil-Afghanen in Deutschland locken. Die Flug-Pioniere rechnen aber auch mit Aufbauhelfern und Heimatbesuchern etwa aus den Benelux-Ländern, England und den USA.
Das finanzielle Risiko trägt die Firma eines norddeutschen Diplom-Geografen. Der Selfmade-Unternehmer heißt Jörg Bellstedt, 44, trägt einen Silberohrring und beschreibt sich als "bunten Hund im Reisegeschäft". Die LTU-Flieger samt Personal chartert er nach eigenen Angaben wöchentlich gegen Vorkasse von 200 000 Euro. Er kalkuliert mit einer guten Auslastung der 323 Sitzplätze, ein Ticket kostet ab 900 Euro. Feste Verträge mit LTU gebe es bislang erst mal bis Mitte September.
An Bord des Flugs Nummer 9666 nach Kabul ist Bellstedt vielleicht der größte Abenteurer. Wie ein stolzer Vater auf einem Kindergeburtstag wandert er durch die Sitzreihen. Verteilt Kaugummis in der ersten Klasse. Fragt ein paar Meter weiter afghanische Kinder, die mit LTU-Maltafeln spielen, ob sie unter Ohrensausen leiden.
Der Mann erzählt viel und gern. Zum Beispiel, wie er 1997 mit einem Studienfreund aus Kabul "barfuß im Bombenhagel" durch die afghanischen Berge gewandert sei, um Aufständische zu treffen.
Der Studienfreund heißt Abed Nadjib und ist heute Botschaftsrat an der afghanischen Botschaft in Berlin. Kontakte wie dieser haben Bellstedt geholfen, seine "Spontan-Idee" von der gewagten Flugverbindung, die ihm bei einer seiner fünf Afghanistan-Reisen kam, auch LTU schmackhaft zu machen.
Den Premieren-Fluggästen gefällt vor allem der Zeitgewinn. Aref Nateqi, 52, Bauingenieur aus Hannover, der in Afghanistan mehrere Häuser plant, hat früher sechs Tage mit dem Auto nach Kabul gebraucht, dazu kamen bis zu neun Tage Wartezeit an verschiedenen Grenzen.
Mohammad Nur, 49, Mechaniker bei Mercedes in Düsseldorf, möchte in Kabul erst mal sein von Raketen zerstörtes Haus wieder aufbauen - und nebenbei den Automarkt erkunden, "weil ich meine Chefs überzeugen will, dort eine Niederlassung zu eröffnen".
Sie alle schauen gebannt aus den Fenstern, als sich die Maschine in engen Kreisen nach unten zum Flughafen Kabul schraubt - in größtmöglichem Sicherheitsabstand zu den Bergen ringsum, von denen früher Rebellen auf Flugzeuge feuerten. Es sei schwierig gewesen, freiwilliges Bordpersonal für den Flug an den Hindukusch zu finden, sagt Stewardess Katja Güls: "Die meisten fanden das zu gefährlich."
Mit leichtem Rumpeln setzt die Maschine fast pünktlich auf der buckligen Landebahn in Kabul auf. Draußen säumen ausgebrannte und ausgebombte Flugzeugwracks die Piste, drinnen gibt es Applaus für die Piloten. Die herbeigerollte Gangway ist 15 Zentimeter zu kurz, der Empfang dafür umso herzlicher - können afghanische Offizielle doch dank des roten Flugzeugs so tun, als wäre alles schon wieder fast normal in ihrem Land.
"Welcome to Kabul" steht in roten Lettern an dem Steinbau mit den Einschusslöchern. Davor lässt der Flughafenchef Saft in Plastikbechern ausschenken. Eingerahmt von schwer bewaffneten deutschen Feldjägern, wagt Michael Schmunk, Sonderbeauftragter des Auswärtigen Amtes, nach der Landung den Satz, dass Afghanistan nun kein "Land für schlechte Nachrichten" mehr sei - als würde nicht noch immer gekämpft in den Bergen.
Für seine Disco, schwant auch Passagier Khalegyar schnell, sei es womöglich in diesem Land noch ein wenig zu früh. Mindestens müssten jetzt mal die ausgebombten Flugzeugwracks verschwinden, "sonst erschrecken sich doch die Urlauber bei der Ankunft". ANDREA BRANDT
Von Andrea Brandt

DER SPIEGEL 33/2003
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