11.08.2003

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEFisch im Gesicht

Wohin mit der Mutter - eine Großfamilie plant ihren Sommer.
Vor zwei Wochen war es, wenige Tage bevor in Italien die großen Ferien beginnen sollten, als im Polizeipräsidium von Caltanissetta, Sizilien, die Telefone wie verrückt klingelten. Die Anrufer waren erschüttert, sie boten private Unterkünfte in Rom, Apulien, Sizilien. Sie sagten, wir spenden Geld. Sie sagten, schickt sie zu uns, wir bieten ihr ein Dach über dem Kopf.
Italienische Zeitungen hatten über "Nonna Maria" berichtet, über diese traurige Geschichte, beschämend für ein Land, in dem Urlaubshektik die traditionellen Werte verdränge und man Menschen aussetze wie die Hauskatze oder den Hund, mit denen man nicht wüsste, wohin. Der Bürgermeister von Caltanissetta war vor die Presse getreten, auch er untröstlich: "In unserer Stadt ist die Institution Familie unerschütterlich - sie muss es auch bleiben." Sogar der Vatikan mahnte: Auf der Titelseite des "Osservatore Romano" hatte er das ergreifende Gedicht "La Madre" von Giuseppe Ungaretti gedruckt und es den Kindern von "Nonna Maria" gewidmet sowie all den anderen, die Vater und Mutter nicht ehrten.
Fabio Lacagnina, 32, Chef der Polizeistreife von Caltanissetta, war gerührt, doch er musste die Anrufer vertrösten. "Nonna Maria" leide keine finanzielle Not, sagte Lacagnina, sie habe ein Dach über dem Kopf. Außer ihrem eigenen Dach in der Altstadt von Caltanissetta noch zehn weitere Dächer. Genau das sei ihr Problem.
Die traurige Geschichte von "Nonna Maria" ereilte den Chef der Polizeistreife am 25. Juli, morgens um 11.15 Uhr, telefonisch. Wir haben hier, sagten die Mitarbeiter des örtlichen Sozialamtes, Maria Di Dio sitzen, 82 Jahre alt, Mutter von zwölf Kindern, zigfache Großmutter, ein wenig tatterig, aber sonst gut beieinander. Sie röche nicht ältlich, sie sei sauber und gepflegt gekleidet, ganz in Schwarz, wie viele Witwen im Süden. Alles, was sie brauche, sei ein wenig Hilfe im Haushalt, am dringendsten aber Liebe und Geborgenheit.
Wir haben hier, sagten die Mitarbeiter des Sozialamtes weiter, neben Maria Di Dio zwei ihrer Kinder sitzen, Salvatore und Vincenza. Sie behaupten, man müsse ihre Mutter entmündigen, sie solle in ein Heim, ohne die Hilfe der Stadt sei die Familie aufgeschmissen.
Der Chef der Polizeistreife schickte zwei seiner Männer, ließ Maria Di Dio und die beiden erwachsenen Kinder ins Polizeipräsidium holen. Dort stritt man weiter. Es gebe da einen Plan, sagten die Kinder, der festlege, an welchem Tag der Woche die Mutter von welchem ihrer Kinder versorgt werden solle. Salvatore und Vincenza sagten, sie wären ja immer zur Stelle. Schwester Crocefissa sei verstorben, Maria auch, was aber sei mit Leonardo, mit Giuseppina, Filippo, Concetta und all den anderen, die würden sich drücken - und das schon seit Monaten.
Manchmal kam Maria Di Dio zu Wort, sie schluchzte und sie bat darum, dass sie die Worte Heim und Hospiz doch bitte nicht mehr sagen sollen, ich habe euch allen das Leben geschenkt, lasst mich nicht allein.
Schließlich sprach Fabio Lacagnina, Chef der Polizeistreife und Doktor der Jurisprudenz, ein Machtwort: Solange Maria Di Dio im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist, kann man sie laut Gesetz nicht gegen ihren Willen in ein Heim abschieben. Ihr seid zehn Geschwister, da muss doch eine Einigung möglich sein.
Um 14.10 Uhr stieg Maria Di Dio zu ihrem Sohn Salvatore in den Wagen, es war Freitagnachmittag, laut Plan war Leonardo dran.
Gegen 17 Uhr meldet sich einer von Leonardos Nachbarn im Polizeipräsidium. Er hätte Maria Di Dio vor der Haustür gefunden, aufgelöst, erschöpft. Er habe schon alle Geschwister durchtelefoniert, keiner gehe ran, was er denn jetzt machen solle.
Zum zweiten Mal an diesem Tag schickte Fabio Lacagnina seine Männer. Auf dem Polizeipräsidium sprachen sie der Mutter Mut zu. Wenig später erwischten sie eine Tochter am Telefon. Es war nach 21 Uhr, als sie Maria Di Dio holte.
Am nächsten Tag rekonstruierten Fabio Lacagninas Männer die traurige Geschichte von "Nonna Maria". Die Polizisten erfuhren, dass Salvatore, 48, seine Mutter in sengender Mittagssonne bei über 40 Grad vor der Tür seines Bruders ausgesetzt hatte, obwohl Leonardo nicht zu Hause war. Die Polizisten erfuhren, dass Salvatore am 10. Juli schon einmal auf dem Sozialamt gewesen war, weil er dafür kämpfen wollte, dass seine Mutter in einem Heim Aufnahme finde. "Werft mal kurz ein Auge auf sie", habe er gesagt, als alles Diskutieren nichts half, "ich spring eben rüber in die Bar auf einen caffè, bin gleich zurück." Nach drei Stunden wurde Maria Di Dio erlöst - von einer ihrer Töchter.
Der Chef der Polizeistreife erstattete Anzeige gegen Salvatore wegen Aussetzens einer hilflosen, gebrechlichen Person.
Er habe doch nur seine Geschwister an ihre Pflicht erinnern wollen, sagte Salvatore bei seiner Vernehmung. Seit Monaten hätten ihm die anderen "den Fisch ins Gesicht gehauen". Auf Sizilien, arm an Niederschlägen, reich an Meerestieren, heißt das so viel wie: Sie haben mich im Regen stehen lassen. "Für das Wohl unserer Mutter", sagte Salvatore, "würde ich sogar bis ins Gefängnis gehen." FIONA EHLERS
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 33/2003
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