11.08.2003

Irak-Krieg IV: Der Kampf um Kerbela„To Saddam, with Love“

Die „Apache“-Hubschrauber sind fliegende Computer, voll gestopft mit todbringenden Präzisionswaffen. Sie sollen den alliierten Truppen den Weg nach Bagdad freischießen - in der heiligen Stadt Kerbela stoßen sie auf die Republikanische Garde des Diktators.
In diesem Krieg kämpft die eine Armee wie im 20. Jahrhundert und die andere im 21. Jahrhundert, und wenn etwas die Überlegenheit der US-Truppen symbolisiert, dann ist es der "Apache"-Hubschrauber.
Der AH-64D "Apache Longbow" ist ein Computernetzwerk, das fliegen kann. 14 Hauptcomputer steuern die Flug- und Waffensysteme, der Pilot und der Bordschütze bedienen ein Arsenal Furcht verbreitender Präzisionswaffen. Das sind 16 panzerbrechende "Hellfire"-Raketen, laser- oder radargesteuert, 38 70-Millimeter-"Hydra"-Raketen und eine 30-Millimeter-Maschinenkanone, die pro Minute bis zu 625 Patronen verschießen kann.
Im Schnabel der Maschine ist die Optik verstaut, ein Infrarot-Sichtgerät bis zu 5000 Meter Reichweite für die Nacht, eine hochauflösende Zoomkamera für den Tag. Alle Bilder werden direkt auf die Monitore und Minibildschirme an den Helmen der Zwei-Mann-Besatzung gespielt.
Ein "Apache"-Pilot muss eigentlich nicht mehr aus den Cockpitfenstern schauen. Seine Instrumente übersetzen die äußere Welt in so plastische Bilder und interaktive Grafiken, dass das Fliegen "auf Sicht" so gut wie unnötig wird. Der Hubschrauber selbst sieht alles und viel mehr, als ein Mensch mit Augen wahrnehmen kann. Die Geräte erschaffen ein perfektes Duplikat der Welt, angereichert mit akkuraten Informationen über die sichtbaren und die unsichtbaren Gefahren, die in ihr lauern. Sie ordnen die Welt neu, sie bauen sie um zum Schlachtfeld.
Auf dem Rotor sitzt, wie ein Pilz, das Radargerät, das Ziele aufspürt, dahinter ist ein kleiner Zylinder wie aus Glas, der anfliegende Raketen ortet und Schutzmaßnahmen ermöglicht. Der "Apache" ist eine perfekte Waffe. Seine Wirkung auf den Feind ist verheerend.
72 "Apaches" stehen unter Planen im Wüstenlager Shell der 101. Airborne Division, 35 Flugminuten südlich von Kerbela. Dazu "Black Hawks", "Chinooks" und "Kiowa Warriors", über 200 Kampfhubschrauber können über die Medina-Division der irakischen Armee herfallen, die rund um Kerbela Stellung bezogen hat. Wenn es eine Truppe in diesem Krieg gibt, die Donald Rumsfelds Vision von einer Armee, die Weltpolizei spielen kann, am nächsten kommt, dann ist es die 101. Airborne Division.
In 35 Tagen sind die 20 000 Soldaten und 2736 Fahrzeuge der Division von Florida nach Kuweit verlegt worden, in der ersten Kriegswoche stießen sie 300 Kilometer in den Irak vor - bis der Sandsturm der letzten Tage sie stoppte.
Auch die anderen drei Divisionen der alliierten Truppen haben mehr mit dem Wetter und dem Feind zu kämpfen als vorher angenommen.
Die britische 1. Panzer-Division versucht immer noch Basra zu stürmen, die Marines kämpfen in Nassirija mit Fedajin und sind weiter nach Norden gezogen, die 3. Infanterie-Division steckt vor Kerbela fest. Dort sind 32 Hubschrauber von einem Angriff beschädigt zurückgekehrt, einer wurde abgeschossen - auch 22 Millionen Dollar teure Wunderwaffen sind verwundbar.
Die Piloten der 101. Airborne Division sind gewarnt, als sie mit ihrem Angriff auf die Stadt Kerbela beginnen. Es ist eine angstbefrachtete Mission, Giftgas könnte eingesetzt werden, und es ist eine komplizierte Mission: Kerbela ist eine wichtige Pilgerstadt der Schiiten, im Golfkrieg von 1991 wurden heilige Stätten beschädigt, das soll diesmal vermieden werden.
Freitag, 28. März
Mindestens 35 Tote bei Bombeneinschlag in Bagdader Wohngebiet +++ Irakische Rakete trifft Einkaufszentrum in Kuweit-Stadt, zwei Leichtverletzte +++ U. S. Air Force zerstört Treffpunkte der Baath-Partei in neun Orten, darunter ein Krankenhaus in Rutba +++ Bislang größte Luftoperation: 200 US-Hubschrauber verlegen Truppen ins Landesinnere +++ Marines bei Nassirija von Paramilitärs attackiert +++ Soldaten der 3. Infanterie-Division bei Kerbela angegriffen, beim Gegenangriff werden irakische Artillerie und gepanzerte Fahrzeuge zerstört +++
Südirak, im Wüstenlager Shell der 101. Airborne Division
In der Stille nach dem Sturm liegt das Heerlager der 101. Airborne Division, rötlich überpudert von Staub wie eine Mars-Landschaft. Das Wetter hat sich beruhigt nach fast 70 Stunden Aufruhr, die Sicht ist gut, der Himmel blau. Die Hubschrauberpiloten Duane Crawford und Jeff Lamprecht stehen mit Technikern an ihrem "Apache"-Hubschrauber.
Seit Wochen denken Duane Crawford, 38, und Jeff Lamprecht, 31, Crawfords Bordschütze, an nichts anderes als an den Schlag gegen die Medina-Division, die bei Kerbela den Vormarsch der alliierten Truppen auf Bagdad stoppen soll.
Lamprecht ist ein wuchtiger Mann mit Spott im Gesicht und kleinen, versteckten Augen. Sein Pilotenhelm ist mit einem aufgerissenen Maul bemalt wie das Filmplakat vom "Weißen Hai". Zwischen die Zähne hat Lamprecht das Hauptwort des Krieges gemalt, seine Berufung: Kill.
Crawford fliegt die mattschwarzen Vögel seit 15 Jahren, er gilt als einer der besten, kühlsten Kampfpiloten der US-Armee. Crawford wird mit Lamprecht auf Position 1 fliegen. "Tip of the Spear", Speerspitze, Lead Position. Vorneweg in einem Schwarm von sieben "Apache"-Hubschraubern, 1000 Meter vor allen anderen.
Der Divisionsstab gibt ihnen das "Go". Zweimal sieben "Apaches" werden starten, besetzt mit zweimal sieben Piloten und zweimal sieben Bordschützen, bestückt mit insgesamt 112 "Hellfire"-Panzerbrechern, 532 Stück 70-Millimeter-Raketen und 17 000 Schuss 30-Millimeter-Munition.
Sie beugen sich über die Karten, ein letztes Mal. Holen sich die letzten Wetterberichte. Gehen die letzten Geheimdienstrapporte durch. Besprechen noch einmal die Formation, den Ablauf, die Ausweichbewegungen im Krisenfall, das Muster dieser "Deep Attack" tief im Gebiet des Feindes. Aber sie sprechen nicht nur. Sie spielen im Sand am späten Nachmittag dieses Freitags. Sie stellen sich auf im Wüstenlager Shell, 28 Männer in Zweiergruppen, sie spielen Krieg.
Sie stehen so, wie sie in ihrem "Apache" sitzen werden, hintereinander: Front Station, Rear Station. Beide gehen und rennen bei dieser letzten Übung ganz vorn, so wie sie fliegen werden, hinter sich die anderen Besatzungen in zwei Dreierreihen.
Sie laufen Kreise im Sand, Ellipsen, sie drehen gedehnte Runden wie auf einer Rennbahn, wieder und wieder, ziehen Schleifen, machen Kehren, Kurven, alle Muster, nach denen sie aus dem nachtschwarzen, mondlosen Himmel über Kerbela kommen werden. Die Choreografie ist so festgelegt wie im klassischen Ballett. Aber wer hier aus der Reihe tanzt, stört nicht nur schöne Bilder. Er bringt die ganze Truppe in Lebensgefahr.
Crawfords und Lamprechts Helikopter wird das erste Ziel der feindlichen Luftabwehr sein, deren genaue Stärke und Schlagkraft niemand kennt.
Sie essen. Reis, Gemüse aus der Feldküche. Birnenkompott mit Süßstoff. Sie schreiben Briefe, E-Mails. Sie pinseln Botschaften auf die Schäfte ihrer Raketen: "To Saddam. With Love", "Helter Skelter", "Go to Hell", "Rick the animal was baba".
Bagdad, Informationsministerium, 12 Uhr
Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn sind die Telefonleitungen in Bagdad tot.
"Die Amerikaner", sagt der irakische Informationsminister Mohammed Saïd al-Sahhaf auf der Pressekonferenz, "behaupten, dass sie vor drei Tagen Ausrüstung zum Schutz vor Massenvernichtungswaffen bei irakischen Soldaten gefunden hätten. Sie glauben, dass wir diese Waffen nicht nur besitzen, sondern sie auch bald einsetzen würden. Ich aber frage Sie ...", Sahhaf macht jetzt eine seiner langen Pausen, erst schaut er sehr lange auf seine Papiere, dann hebt er den Kopf leicht und blickt schließlich mit dem Hauch eines Lächelns über den oberen Rand seiner Brille in die Runde der Journalisten. "Wieso sollten irakische Soldaten auf etwas verzichten, was Soldaten überall auf der Welt mit in die Schlacht nehmen? Das ist alles nur psychologische Kriegführung, und sie ist auch ein Grund dafür, warum die Amerikaner überall auf der Welt so verachtet werden. Rumsfeld hat gestern behauptet, dass die Iraker ihren Leuten die Zungen abschneiden würden, dass sie sie erschießen. Das muss in einem Moment des Irrsinns gewesen sein. Ich weiß auch, warum: weil sein Freund Richard Perle als sein Berater zurückgetreten ist. Die Gang, die diesen Krieg wollte, sie fällt auseinander."
Frage eines Korrespondenten an Sahhaf: "Glauben Sie wirklich, dass der Irak diesen Krieg gewinnen wird?"
"Aber selbstverständlich."
Katar, im Centcom der US-Truppen, 15 Uhr
Das Oberkommando stellt sich der Presse. Ganz hinten meldet sich ein rosahäutiger, sommersprossiger und gewöhnlich bestens informierter Herr: "Jeff Meade von Sky News. Hat Ihr Kollege General Wallace uns gestern in seinem kurzen Kommentar mehr über die Wirklichkeit erzählt, als wir in diesen Briefings hier hören? Er sagte, für einen Krieg wie diesen haben wir nicht trainiert. Haben Sie die erste Regel der Kriegführung gebrochen und Ihren Gegner unterschätzt?"
Brigadier General Vincent Brooks: "Wir glauben, dass wir immer noch in unserem Plan sind. Auf der taktischen Ebene mag es gewisse Einflüsse geben, etwa, wenn sich das Wetter ändert, dann ist man an einem Tag nicht genau im Plan. Aber auf der operationalen Ebene, was die Ziele angeht, hat sich nichts geändert. Darüber reden wir aber hier, auf der Centcom-Ebene. Unten auf der Erde sieht es anders aus."
Südirak, im Wüstenlager Shell der 101. Airborne Division
In der Dämmerung verlassen die "Apache"-Besatzungen ihre Zelte Richtung Flugfeld. Zweimal 14 Mann, Piloten, Bordschützen. Sie legen sich in dünnen Schlafsäcken neben ihre Helikopter und schlafen, ruhen für ein, zwei Stunden. Crawford und Lamprecht legen sich zu ihrem "Apache", auf dessen linker Flanke "Donna's Dark Magic" steht. Donna ist der Name von Lamprechts Frau.
Die Cockpits des "Apache"-Hubschraubers sehen aus wie der Kindertraum einer Spielhölle. Geradeaus schimmern nebeneinander zwei Computer-Displays, umgeben von Tastenfeldern, Kippschaltern, weichen Hebeln und Instrumentenblättern, aus der Mitte stakt der Steuerknüppel wie ein Morgenstern, aus dem weitere Schalter und Regler stacheln.
Der graue, stumpfe Knopf auf dem Knüppel links oben heißt WAS. Das steht für Weapons Activating Selection und erlaubt dem Bordschützen die Auswahl seiner Waffe: "Hellfire"- oder "Hydra"-Rakete oder Maschinenkanone. Der WAS-Knopf entscheidet über die Art des Todes, den der Feind sterben wird. Er ist kaum größer als eine Erbse.
Die Bildschirme sind Touch Screens, die sich auf Berührung verändern. Pilot und Gunner können sich durch Hunderte Bildschirmseiten blättern, können Informationen abrufen über Zeitabläufe, Entfernungen, Reichweite, Munitionsbestand, Flughöhe, Horizontverlauf, Bodenreliefs, sie können die Temperatur der Turbinenabgase abrufen, Textmeldungen verschicken, sie können ihre Kameras bedienen, Radarbilder sehen, sie können sich durch Infrarot-Aufnahmen zappen und durch ihre vielen Funkfrequenzen. Sie sind Gefesselte. In voller Montur, mit Splitterweste, Kampfanzug, Schutzunterwäsche, Pilotenhelm können sich die Besatzungen in ihren "Stations" kaum noch bewegen. Wer im Cockpit sitzt, sieht seine Füße nicht. Und er sieht, umbaut von den Geräten, von der Welt draußen nur schmale Streifen. Im Cockpit eines "Apache" sieht der Krieg aus wie ein Spiel im perfekten Cyberspace.
In die lange Reihe der "Apaches" auf dem Flugfeld vom Wüstenlager Shell kommt Bewegung. Techniker stehen an offenen Klappen und nehmen die mit Drähten gesicherten Rotoren vom Haken. Piloten gehen unter Flutlicht um ihre Maschinen herum und treten gegen die Fahrwerke wie Gebrauchtwagenhändler.
Duane Crawford entfernt sich von der Truppe für einen Moment. Er geht hinaus in die Dunkelheit, möglichst weit weg vom Getriebe des Lagers. Es ist stockfinster. Kein Mond. Die Wüste liegt schwarz. 30 Minuten noch.
Crawford macht sich bereit zum großen Töten, das er anführen wird, Lead Position. Wie vor jedem Kampfeinsatz stellt er sich allein unter den großen Nachthimmel, fern von allem. Meditiert. Atmet tief. Hört in den Himmel hinauf. Er schließt, sagt er, Freundschaft mit der Nacht.
Sein Bordschütze Lamprecht bleibt am "Apache". Er versenkt sich vor Abflug in die Geschichte seiner Familie. Er holt aus der Brusttasche über dem Herzen seinen Glücksbringer, sein "Good-Luck-Piece", das ihn unverwundbar macht. Es ist ein halber Dollar-Schein, eingeschweißt in Plastik, ein magisches Ding mit einer Geschichte wie aus einem Film.
Sie beginnt bei Lamprechts Großvater, der 1940 in den Krieg zog, aus Eden (Illinois), um von England aus B-17-Bomber über Hitlers Deutschland zu fliegen. Sie zerrissen - er und sein bester Freund, der ebenfalls in den Weltkrieg zog - eine Dollar-Note mit dem gegenseitigen Versprechen, sich wiederzusehen und den Dollar wieder ganz zu machen. Aber der Freund kam nicht zurück, er fiel, und der alte Lamprecht blieb mit dem halben Dollar zurück.
Als der Vietnam-Krieg kam und sein Sohn in den Krieg zog, gab er die halbe Dollar-Note weiter an ihn, und der Sohn versprach, sie wiederzubringen. Das war 1968. Lamprecht der Jüngere flog Hubschrauber über dem Dschungel, zwei volle Jahre in Indochina, und er überlebte und brachte den halben Dollar wieder nach Hause. Das magische Ding hatte gewirkt.
Dann war sein Sohn an der Reihe, Jeff Lamprecht, "Apache"-Gunner, er zog in den Irak-Krieg, er startete in Fort Campbell (Kentucky), von der Basis der 101. Airborne Division. Aber auch er durfte nicht gehen ohne den halben Dollar, der der Familie seit über 60 Jahren Glück gebracht hatte. Der Vater gab ihn weiter an den Sohn, auf dass auch er ihn wieder heil nach Hause bringe.
Den halben Schein, in Plastik eingeschweißt, dreht Jeff Lamprecht in den Fingern kurz vor dem Start. Das magische Ding zaubert die Angst weg.
Bagdad, Kindi-Hospital
Zehn verwundete Menschen kommen im Kindi-Krankenhaus an, einem der fünf großen Krankenhäuser in Bagdad. Wieder sind die meisten Kinder. Dr. Mohammed Baschir, Chef der Notaufnahme, registriert sie in seinem Buch, Spalte um Spalte, Name, Alter, Diagnose. Es sind Frakturen und Verbrennungen, Fleischwunden, Platzwunden, Kreislaufschwächen, Hämatome.
Aber Baschir will sich fast erleichtert fühlen für einen Moment, weil der Krieg weniger furchtbar zu verlaufen scheint als erwartet. Zehn Verletzte an diesem Freitag, es könnte schlimmer sein. Aber der Arzt ruft sich zur Ordnung. Er weiß es besser. Er hat den Irak-Iran-Krieg als Arzt erlebt und den Krieg um Kuweit. Er weiß, dass er immer nur Momentaufnahmen vor sich hat. Mit jeder Sekunde, die der Krieg läuft in und um Bagdad, kann über das Kindi-Krankenhaus die Katastrophe kommen.
Bei Kifl, 1. Brigade der 3. Infanterie-Division, abends
Man kann das Töten nicht erörtern, das hält kein Soldat aus. Wenn man damit nur anfängt, mit diesem einen Gedanken zum Beispiel, dass in irgendwelchen Häusern zwei, fünf, acht Kinder sitzen und auf ihre Väter warten, die Soldaten sind.
Oder wenn man über die Zufälle nachdenkt: Er wurde im Irak geboren, ich in den USA, darum hat er eine Scheißwaffe, und ich sitze im Panzer, darum darf ich leben und er ...
Sergeant Mark N. Redmont ist 26 Jahre alt, stammt aus der Nähe von Gainesville (Florida), ist verheiratet und seit drei Jahren bei der amerikanischen Armee. Er ist Scout in der 1. Brigade, der Brigade von Sergeant Jennifer Raichle, der Aufklärerin, die für die 1. Brigade der 3. Infanterie-Division Informationen darüber sammelt, wie die irakische Armee kämpfen wird. Gestern hat Sergeant Redmont seinen ersten Iraker erschossen.
Und noch einen.
Und immer mehr. Sergeant Redmont hat mit so ziemlich allem geschossen, was er hatte: mit dem 12,7-Millimeter-Maschinengewehr, dem M4-Gewehr, dem Granatwerfer. Nur mit der Panzerfaust hat er nicht gefeuert.
Und die Iraker schrien und warfen die Arme zurück und sackten zu Boden und waren tot.
Es ist nicht so, dass Sergeant Redmont eine Wahl gehabt hätte. Er war mit seinem Humvee exakt in der Mitte der Brücke, als die Iraker ihre Sprengsätze zündeten. Er spürte, wie es vibrierte, und er fühlte sich ziemlich allein. Er wusste, dass es ein Fehler gewesen war, die Scouts im Humvee vorauszuschicken.
Aber nun musste er sich verteidigen, irgendwer musste sterben, sie oder er.
Es ist bloß so, dass es nicht so einfach ist, einen Menschen zu töten.
"Ich meine", sagt Sergeant Redmont, "ich habe eine Frau und Kinder, zu denen ich zurück will, und ich möchte nicht, dass sie denken, ich sei ein Killer."
Er stand oben auf der Brücke, er ließ sich zurückfallen, und dann begann die Schlacht. Eine absurde Schlacht. "Wir bewerten das Leben eines Soldaten so unglaublich viel höher als sie", sagt Redmont, "ich würde das nicht Mut nennen, was sie taten." Denn die Iraker kamen mit AK-47-Sturmgewehren, und spätestens nach den ersten 20 Toten mussten sie wissen, dass sie nicht gewinnen konnten. Aber es kamen immer mehr.
Und jetzt liegen sie im Staub, in schwarzen Plastiksäcken, Sack neben Sack neben Sack.
Und Sergeant Redmont und ein paar andere Soldaten haben sechs Stunden lang mit Major Mark Nordstrom gesprochen, dem Kaplan der 1. Brigade. "In den letzten Tagen haben wir viele getötet", sagt Nordstrom, "aber nichts bereitet dich darauf vor, einen Menschen zu erschießen, nichts lehrt dich, wie es ist, einen Menschen mit einem Maschinengewehr zu zersieben."
Südlich von Kerbela, Task Force 4-64, abends
Es ist still in der Wüste. Der Himmel ist abendblau. "Es ist surreal", sagt Lieutenant Nick Kauffeld, "in Momenten wie diesem ist es schwer zu verstehen, dass wir im Krieg sind und dass irgendwo da draußen Menschen liegen, die mich umbringen wollen."
Und Kauffeld öffnet seine Einsatzverpflegung, Rindfleisch, er isst fast immer Rindfleisch. Die Amerikaner wollen diesen Krieg schnell gewinnen, und darum wollen sie ihn wendig, flexibel, überraschend führen. Das ist das Neue hier: Früher gewannen die Amerikaner durch schiere Übermacht, durch gewaltige Bombardierungen, "wer mehr tötete, hatte gesiegt", sagt Kauffelds Brigadekommandeur. Wer Kriege gewinnen wollte, das war militärische Grundregel, brauchte eine personelle Überlegenheit von 3:1. Die Amerikaner sind zahlenmäßig unterlegen, aber was Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als "Revolution" seiner Streitkräfte bezeichnet, meint das, wofür in diesem Krieg die Einheit von Kauffeld steht, die Task Force 4-64: kurze, präzise Einsätze, unterstützt von Luftwaffe und Artillerie, erleichtert durch Computer und Kommunikationsmittel, mit denen die Iraker nicht mithalten können.
Die Task Force ist eine Eingreiftruppe, die ständig neue Aufträge und Informationen kriegt, ständig in Bewegung, ständig auf der Suche nach dem Feind.
Die Task Force teilt sich auf in A-, B- und C-Kompanie, und die A-Kompanie teilt sich noch einmal auf in Platoons, und das Rote und das Weiße Platoon haben jeweils acht Panzer. Das Rote Platoon ist aufgebrochen und nun in der Wüste unterwegs.
Sergeant Jonathan Lustig, Panzer Red Four, getauft auf den Namen "Achtung Baby", sieht zwei gebückte Gestalten, und die Gestalten rennen durch die Wüste zu der Ruine eines Wachturms. Lustig spricht sich mit Panzer Red One ab, sie feuern gleichzeitig, und jetzt ist die Ruine nicht mal mehr eine Ruine, jetzt ist sie einfach ein Haufen Staub. Dann melden die Späher einen Tankwagen, der sich ziemlich schnell nähert, und alle Soldaten müssen ihre ABC-Schutzkleidung anziehen - könnte ja sein, dass der Tankwagen Giftgas durch die Wüste fährt.
Sie ziehen sich an, sonst müssen sie nichts tun.
Die Bomben fallen vom Himmel, es ist praktisch, wenn man eine Air Force hat. Der Tankwagen ist nichts mehr als eine schwarze Wolke, und die Soldaten können ihre Schutzkleidung schon wieder ausziehen.
Lieutenant Nick Kauffeld isst sein Dessert. Apfelkompott. Ekelhaft süß.
Und dann wäscht er sich die Haare, zum ersten Mal seit dem Sandsturm, zum ersten Mal seit einer Woche.
Und wie alle anderen hier will Nick Kauffeld, dass es endlich weitergeht.
Das Problem der Task Force ist, dass sie zu schnell zu weit vorgedrungen ist; sie sind am weitesten vorn, die anderen Einheiten kämpfen sich von Haus zu Haus und von Straße zu Straße vor, und darum muss die Task Force 4-64 warten.
Am Sonntag waren sie in Nadschaf. Eine Nacht lang haben sie dort gekämpft, und dann kam der Auftrag, Richtung Nordwesten aufzubrechen, Richtung Kerbela. Dann kam der Sandsturm, und nun hocken sie immer noch hier in der Wüste.
Und über Funk hören sie, dass die Republikanische Garde ihre Truppen rund um Kerbela zusammenziehe. Die Hubschrauber der 101. Airborne Division sollen der 3. Infanterie-Division den Weg nach Bagdad freimachen.
Bagdad, im Stadtteil Nasr
Auf dem Arme-Leute-Markt al-Nasr ("Der Sieg") hat trotz eines Feiertags der Schlachter seinen Laden geöffnet, ebenso der Schuhmacher, in der Bude nebenan. Der Bezirk Schula liegt im Nordwesten der Stadt, ein Viertel, in dem überwiegend Schiiten leben, die Entrechteten des Regimes von Saddam Hussein. Vertriebene aus dem Süden des Landes, jene, die sich gegen ihn erheben sollen.
Niemand hört den Tod heranrauschen. Die Rakete schlägt vier Meter vor dem Laden des Schuhmachers in den Lehmboden und hinterlässt ein halbmetertiefes Loch zwischen den Müllhaufen, Blechständen und Backsteinverschlägen. Sie schlägt unmittelbar neben dem 15-jährigen Marwan Hussein ein, der davon träumte, Judokämpfer zu werden, und nur kurz hinüberlaufen wollte zu seinem Bruder Assad.
Die Explosion zerfetzt die Körper und schleudert sie über die Verkaufsstände. Erst am nächsten Tag werden die Körperteile eingesammelt, darunter die Überreste eines 11-jährigen Mädchens.
Ein Mann namens Rassul Hamid Nadschid steht vor seinem Haus, von Weinkrämpfen geschüttelt, steht vor einem Reporter von Sky News und sagt: "Nach diesem Verbrechen wünschte ich, Bush zu sehen. Um ihn mit meinen Zähnen in Stücke zu reißen." Nadschid hat seinen fünfjährigen Sohn verloren.
Das irakische Informationsministerium spricht noch am Abend von einem "Terrorangriff" der Alliierten und von mindestens 35 Toten und 47 Verletzten. Das US-Centcom in Katar erklärt, es habe zum fraglichen Zeitpunkt keine Flugzeuge in dem Bereich gehabt. Es könne sich um fehlgeleitete Flugabwehrraketen der Iraker gehandelt haben.
Ein älterer Ladenbesitzer nimmt ein handtellergroßes Stück mit nach Hause. "OPNAVINST C5513.2B-30" steht darauf geschrieben. Und: "Declassify on: OADR". Manche Buchstaben sind nur spiegelverkehrt zu erkennen. Die seitenverkehrten englischen Buchstaben kann man auch für russische Buchstaben halten. Für den Mann der Beweis, dass es sich um eine russische Rakete handeln müsse. Er erzählt es im ganzen Viertel weiter: "Saddam hat uns bombardiert!"
Südirak, im Wüstenlager Shell der 101. Airborne Division, abends
Die Adler steigen auf. Die "Screaming Eagles" der 101. Airborne Division, zweimal sieben "Apache"-Helikopter, sind in der Luft um 21.31 Uhr, sie werden schnell unsichtbar in der Schwärze der Nacht. Alpha- und Bravo-Kompanie wenden sich Richtung Norden und nehmen Kurs auf Kerbela, 167 Kilometer weit entfernt, 35 Flugminuten. Sie fliegen schnell, 250 Kilometer pro Stunde und mehr, die Hubschrauber in 1000 Meter Abstand hintereinander, zeitlich versetzt.
Duane Crawford sitzt leicht erhöht im Pilotencockpit hinter Jeff Lamprechts "Front Station", beide sind eingeschnürt im Stockfinsteren, die Bordbeleuchtung ist ausgeschaltet, auch die Monitore bleiben schwarz bei diesem Nachtangriff aus dem Nichts, die Hubschrauber werden für den Feind nur Grauen erregend plötzlich zu hören sein, sehen wird er sie nie.
Alle Informationen, alles, was sonst die Monitore und die Displays zeigen, sehen die Flieger in ihrem "Monokel", das ist ein Fünfmarkstück-großer Kleinbildschirm, am Helm befestigt, der vor dem rechten Auge sitzt. Jeff Lamprecht sieht darin die graugrüne Welt der Infrarot-Kameras. Alles Kalte schimmert schwarz; alles Warme scheint grün, je wärmer, desto giftiger. Auf dem Flug huschen matte Punkte vorbei, Beduinenlager, Schafherden in der irakischen Wüste. Alles ruhig.
Duane Crawford hat die Instrumente im Monokel, dazu taktische Karten, Flugdaten, aufbereitet in Grafiken und Diagrammen. Sein rechtes Auge nimmt in jeder Minute des Fluges Hunderte Informationen auf, es dauert Jahre, diese Routine zu erlernen, es ist Gehirnartistik, das linke und das rechte Auge derart zu trennen.
Zusätzlich laufen im Helmkopfhörer fünf Funkfrequenzen gleichzeitig, die Flieger hören ihre Gunner in den Cockpits, sie hören ihren Kompaniechef in der Luft, den Kommandostab am Boden, sie hören die Luftleitzentrale, und sie stehen in Kontakt mit Awacs-Aufklärungsmaschinen, die die Mission mit weiteren Informationen versorgen. Der Stress eines hoch technisierten Nachtangriffs im Krieg ist mit Worten schwer zu fassen.
Um 22 Uhr sind sie im Zielgebiet. Die Schwadron mit "Donna's Dark Magic" an der Spitze jagt von Südwesten her nach Kerbela hinein, die Überraschung glückt, der Feind schläft, er hustet nur ein paar hilflose Schüsse in den schwarzen Himmel, die Amerikaner fliegen in rasendem Tempo ihre einstudierten Ellipsen, ihr "Race Track Pattern", sie fliegen sehr niedrig, 50, 60 Meter tief, sie schockieren die Iraker allein durch den Lärm ihres dröhnenden, unsichtbaren Balletts.
Die "Screaming Eagles" kommen herab, sie suchen nach Zielen, aber Jeff Lamprecht, der Gunner im vordersten "Apache", bekommt von seinem Radar falsche Signale, er bekommt Meldungen über Fahrzeuge, wo keine sind, er zappt sich im Zehntelsekundentakt durch seine Kamerabilder, Infrarot-Bilder, Radarbilder, Frontbilder, 360-Grad-Bilder, dann ist ein Feind identifiziert, nach zwei, drei Runden, das heißt, nach zwei, drei Minuten jagendem Tiefflug durch das schwarze Nichts - es stehen Panzer am Highway nach Kerbela hinein, irgendwo da unten muss eine ganze Reihe Fahrzeuge stehen, jetzt hat er sie im Visier. Lamprecht startet die Automatik vor dem Schuss.
Er sagt zu Crawford: "Ziel in Sicht" - Crawford fragt: "Welche Peilung?" Lamprecht gibt die Daten. Crawford bringt den "Apache" in Position. Lamprecht spielt am WAS-Knopf. Er wählt seine Waffen, überprüft seine Systeme zur Zielidentifikation, er fällt viele Entscheidungen in diesen komprimierten Sekunden, er stellt viele Rechnungen auf und Gegenrechnungen, er checkt die Informationen, er treibt sie durch ein System aus "double checks", es sind Entscheidungen über Leben und Tod, immer wieder geübt, im Schlaf beherrscht, von störendem Zweifel gereinigt.
Die "Hellfire"-Rakete beschleunigt binnen kurzer Zeit auf Mach 1,3, das sind 1500 Kilometer pro Stunde, 400 Meter pro Sekunde. Im Augenblick des Abfeuerns wird es im Cockpit des "Apache" heiß von der Höllenglut des Raketenantriebs. Das Geschoss ist so schnell, dass Abfeuern und Einschlag für die menschliche Wahrnehmung fast in eins fallen. "Die 'Hellfire'", sagt Jeff Lamprecht, der "Apache"-Gunner, "ist eine wunderschöne Waffe." Sie trifft immer genau ins Zentrum des Ziels.
Crawford, im hinteren Pilotensitz, leicht erhöht über Lamprecht, sieht den Einschlag mit dem linken Auge durch die Frontscheibe, er sieht einen aufplatzenden Feuerball in der finsteren Nacht, er sagt: "Das war ein Kill." In das Stimmengewirr auf den Funkkanälen mischt sich kurzes, gestoßenes Johlen. "Kill!" - "Yes!" - "Gotcha!"
Es folgt nun Runde auf Runde über dem südwestlichen Stadtrand von Kerbela, sieben "Apaches" jagen auf versetzten Kreisbahnen von einem Kilometer Durchmesser durch die Nacht, am Boden muss sich das anhören, als sei der Himmel voller Rotoren.
Auf Jeff Lamprechts ersten Schuss folgt das Dauerfeuer aus sieben Helikoptern, sie verschießen "Hellfires", Kanonenmunition, sie treffen Luftabwehrstellungen, Artilleriegeschütze, Lastwagen, Radaranlagen, und jetzt, eine Viertelstunde nach Beginn der Attacke hier im Südwesten, nach Ankunft von "Donna's Dark Magic" im Zielgebiet, fällt die zweite Kompanie, die Bravo-Kompanie, noch einmal sieben "Apaches", von Norden her nach Kerbela ein, ein unsichtbarer Feind fällt über die Stadt her, es klingt wie tausend Hubschrauber, sie sind überall.
"Donna's Dark Magic" dreht ab nach 30 Minuten Aktion, Crawfords und Lamprechts "Apache" klinkt sich aus der Formation aus, der Sprit geht zur Neige. Der Pilot holt sich die Daten für den Heimflug aufs Monokel, Vektoren zeigen ihm den Weg, es geht Richtung Süden, zurück zum Wüstenlager Shell, das sich nun auf einmal anfühlt wie ein Stück Heimat in der Fremde.
Lamprecht hat vier "Hellfires" in feindliche Stellungen geschickt, dazu 24 "Hydra"-Raketen. Was genau er getroffen hat, weiß er nicht, er weiß nur, dass es viele "Kills" gewesen sein müssen, viele harte Schläge gegen die 14. Brigade von Saddams Medina-Division. Mission erfüllt, nach monatelanger Vorbereitung, nach Wochen des Trainings, nach drei Tagen quälendem Warten im Sand.
In Lamprechts Körper verebbt das Adrenalin, er hat kaum geschwitzt, weil er sein Cockpit per Klimaanlage immer herunterkühlt. Er ist müde. Kein Giftgas. Wenig Abwehrfeuer.
Er wird den halben Dollar-Schein nach Hause bringen. Wie sein Großvater aus dem Himmel über Hitler-Deutschland. Wie sein Vater aus dem Dschungel von Vietnam.
Bagdad, Karmelitenkloster, 23 Uhr
Der Mönch Michel de Myttenaere geht mit dem Temperament einer Buddha-Statue durch sein Kloster, aber in seinem Inneren fangen die Nerven allmählich an zu vibrieren - der Krieg arbeitet an ihnen wie eine Kettensäge. Gestern waren die Einschläge nah, die Bomben auf das Regierungsviertel ließen sein Kloster erzittern, es liegt mitten im Viertel, am so genannten Platz des Todes. Ein Fenster am Chor ist nun zerstört, ebenso drei Bänke, und über dem Altar sind einige Quadratmeter Decke heruntergefallen. Er hing das Bildnis des Herrn ab. Heute sitzt er wieder über seinem Tagebuch und protokolliert den Alltag der Zerstörung: "Fünf sehr starke Explosionen im Viertel. Um 2.56h mehrere Raketen. Ich spüre, wie mein Bett zittert! Und ich auch! 24. Luftalarm um 8.16h. Detonationen den ganzen Vormittag (in der Ferne), wahrscheinlich auf Positionen der Republikaner-Garde. Keine Entwarnung, keine Kreuzgangsandacht."
Samstag, 29. März
Vier schwere Explosionen in Bagdader Regierungsviertel. Informationsministerium getroffen +++ Irakische Rakete schlägt in Einkaufszentrum in Kuweit ein +++ Vier Soldaten der 3. Infanterie-Division sterben durch Selbstmordattentat bei Nadschaf +++ 101. Airborne soll 3. Infanterie-Division rund um Nadschaf ersetzen +++ 25 irakische Panzer zerstört, 55 Soldaten getötet +++ Wasser, Treibstoff und Lebensmittel für 1. Marines-Divison bei Nassirija werden knapp. Versorgungslinie beträgt rund 500 Kilometer +++ Die Lage: In Camp David fällt die wichtigste Entscheidung in dieser Phase des Krieges: George W. Bushs Kriegskabinett berät, ob der Vormarsch auf Bagdad gebremst werden soll. Dann könnten weitere Truppen nachrücken und zum Beispiel die 101. Airborne entlasten, die für den Kampf um Bagdad gedacht ist, im Moment aber beim Sichern der Städte an der Strecke aushilft. Bush aber hält daran fest: Das Ziel sei Bagdad und es solle "aggressiv verfolgt" werden. Allerdings legt er sich nicht auf einen Zeitplan fest.
Im Südirak, im Wüstenlager Shell der 101. Airborne
Der Stab der 101. Airborne Division hatte schon in der Nacht erste Zweifel am Erfolg der Aktio n. Der Funkverkehr während des "Apache"-Angriffs klang zu müde, die Zahl der gemeldeten "Kills" zu klein. Nun steht Major General David Petraeus, zwei Sterne auf dem Helm, bei der Morgenlage im Kommandozelt und hat Gewissheit. Die "Deep Attack" gegen die in Kerbela verschanzte Medina-Division war ein ziemlicher Fehlschlag.
Seine "Apaches" haben sieben Luftabwehrstellungen ausgehoben, sie haben drei irakische Artilleriegeschütze demoliert, fünf Radaranlagen, dazu 25 Panzer und ein paar Jeeps, sie haben ein paar hundert Feinde getötet. Zu wenig für eine monatelang vorbereitete Attacke, für einen perfekt geplanten Überraschungsschlag. Wo war der Feind? Wo war die 14. Brigade der Medina-Division? Wo liegt der Fehler?
Petraeus verbirgt seine Enttäuschung vor den Offizieren. Er ist ungefähr das Gegenteil dessen, was sich ein deutscher Pazifist unter einem amerikanischen Soldaten vorstellt. Ein dünner Mann von 50 Jahren, mit den Augen eines Kaplans, einem beruhigenden Lächeln und einem Doktortitel aus Princeton im Fachgebiet Internationale Politik. Seine Doktorarbeit befasst sich mit Vietnam, mit den Lehren aus dem Vietnam-Krieg, allerdings nicht den politischen, sondern den militärstrategischen.
An diesem Morgen nach dem Angriff auf Kerbela zeigt Petraeus seine Enttäuschung nicht, er unterstreicht seine Freude darüber, dass es keine Verluste in den eigenen Reihen gab, nur Blechschäden. Ein "Apache" wurde angeschossenen vom Feind, kehrte aber heil wieder. Ein Hubschrauber wurde beim Wüstenstart demoliert, einer bei der Rückkehr, es ist der Erwähnung kaum wert. So ist der Krieg. Voller Unfälle, voller Zufälle. Wie das Leben.
Aber wo waren die Iraker? Haben sie sich zurückgezogen Richtung Norden, um näher bei Bagdad zu stehen? Hat die Aufklärung Mist gebaut? Sind Informationen falsch bewertet worden? Generalmajor Petraeus, ein Mann mit einer Frisur wie ein kleiner Junge, schaut seinen zuständigen Offizieren lange und klar in die Augen. Nach der Sitzung ist er sich sicher: Es hat nicht an uns gelegen. Die Aktion war gut ausgeführt. Die "Apache"-Flieger taten ihr Bestes. Aber so ist der Krieg. Voller Zufälle. Voller Rätsel.
Basra, auf der "Route red", gegen 10 Uhr
Viele Jahre lehrte Hamid Mathlum, 39, verheiratet, Vater dreier Kinder, in der Technischen Hochschule von Basra. Er ist ein Mechaniker, er liebt seinen Beruf und sein Werkzeug.
Er will sie holen, die Schraubenschlüssel, die Zangen, die Schraubenzieher, die er bei seiner überstürzten Flucht in einer Halle der Hochschule zurückließ. Deswegen sitzt er in seinem weißen VW-Pick-up und steuert den Wagen durch die Seitenstraßen der "Route red". So haben die Briten diese Hauptstraße quer durch Basra getauft, auf ihr versuchen sie Tag für Tag weiter vorzudringen in die zweitgrößte irakische Stadt und dabei irakische Scharfschützen auszuschalten, ohne Zivilisten zu töten.
Auf der Hauptstraße zu fahren wagt Hamid Mathlum nicht. Britische Panzer patrouillieren da, und immer wieder ist zu hören, wie einer oder mehrere ihre Kanonen abfeuern. Hamid Mathlum liebt seine Familie, er hat seiner Frau, die ihn nur widerwillig gehen ließ, versprochen, heil und unversehrt zurückzukehren. Sie will nicht, dass er wegen einer Tasche voller Schraubenschlüssel stirbt.
Hamid Mathlum ist nicht mehr weit entfernt von der Mauer, die das Grundstück der Technischen Hochschule umfasst, als er gezwungen ist, die Seitenstraßen zu verlassen und direkt neben der "Route red" auf einem unbefestigten Weg zu fahren.
Der VW zieht eine lange Staubfahne hinter sich her, wie jeder Wagen, der über diese Art Straße rollt. Vielleicht ist es diese Staubschleppe, die den Kommandanten eines "Challengers" auf den weißen Pickup aufmerksam macht, der kurz davor ist, durch das Tor der Technischen Hochschule zu fahren.
Weiße Pick-ups, gefertigt von Toyota, sind die bevorzugten Fortbewegungsmittel der irakischen Milizionäre. Die Gebäude der Technischen Hochschule sind regelmäßige Treffpunkte der Milizionäre.
Dass der Wagen kein Toyota ist, sondern ein VW, ist schwer zu erkennen. Der Kommandant des Panzers sieht keinen Lehrer auf dem Weg zu seiner Schule, er sieht einen Feind.
Das 120-Millimeter-Geschoss des "Challenger" trifft zuverlässig.
Hamid Mathlums Freunde, Lehrer wie er, treffen sich später auf dem Gelände der Hochschule. Sie sind wütende Männer, die ihre angeblichen Befreier verfluchen und vor dem Metallknäuel trauern, das einmal der Wagen ihres Kollegen war. Der einzige Trost, der ihnen geblieben ist, lässt sich in vier Worte fassen: "Hoffentlich starb er schnell."
Autobahn 9, nördlich von Nadschaf, 1. Brigade der 3. Infanterie-Division, 11.30 Uhr
Ist dies der Moment, der diesen Krieg verändert? Ihn grausamer macht, willkürlicher, mörderischer?
Es ist Mittag an einem ganz normalen Checkpoint auf der Autobahn 9, zwei Spuren nach Norden, zwei nach Süden, die 1. Brigade von Sergeant Jennifer Raichle, der Aufklärerin, kontrolliert die Autos. Es ist 38 Grad heiß, ein paar Palmen sorgen für ein wenig Schatten, es ist ziemlich voll rund um den Checkpoint, ziemlich unübersichtlich.
Ein Kleinbus fährt vor und zurück, die Soldaten haben ihn nicht durchgelassen, er wendet.
Ein Fahrradfahrer nähert sich.
Und dann das Taxi, es ist eine weiße Limousine mit orangefarbenen Heckflügeln.
Ohne Passagiere, nur der Fahrer sitzt in dem Taxi, vielleicht 50 Jahre alt, ein Mann mit Schnauzbart und schwarzen Haaren.
Ein Soldat der 1. Brigade hebt die Hände, "wait there", ruft er, und vier Soldaten gehen auf das Taxi zu. Es ist Routine: Sie befehlen dem Fahrer auszusteigen. Sie sehen unter den Vordersitzen nach und unter der Rückbank, und dann befehlen sie dem Fahrer, den Kofferraum zu öffnen.
Weiß der Fahrer, was er nun tut?
Oder wurde das Taxi ohne sein Wissen präpariert?
Er öffnet den Kofferraum, und die Bombe explodiert. Eine Flamme, weißer Rauch, es ist eine gewaltige Explosion. Und Staff Sergeant Chad Urquhart, der Führer des Platoons, kann nichts mehr tun für seine Männer. Er sinkt auf die Knie, einer seiner vier Soldaten lebt noch. Er hat eine Wunde am Hals, Urquhart legt seine Hand auf die Wunde, bis der Mann tot ist.
Das Taxi wurde 15 Meter weit durch die Luft geschleudert. Ein Bulldozer schiebt Sand auf das Wrack, Soldaten stellen ein Schild auf den Hügel, "verstorbener Iraker", dazu Längen- und Breitengrad.
Und natürlich fragen sich die Amerikaner nun, nach welchen Regeln dieser Krieg geführt wird. "Das ist keine Kriegshandlung mehr, das ist Terrorismus", sagt Andrew Valles, Offizier für zivile und militärische Angelegenheiten, also eine Art Sprecher der 1. Brigade, "ein Mann, der sich in einem Zivilfahrzeug an einem Checkpoint in die Luft sprengt - das ist Terrorismus."
Der heldenhafte Taxifahrer sei der Soldat Ali Hammadi al-Namani gewesen, sagt der irakische Vizepräsident Taha Jassin Ramadan, und viele weitere Selbstmordattentate würden folgen.
Gestorben sind der Taxifahrer, der Fahrradfahrer und vier amerikanische Soldaten. Private First Class Michael Creighton-Weldon, Specialist Michael Curtin, Private First Class Diego Rincon und Sergeant Eugene Williams. Für alle vier war es der erste Krieg und die erste Reise in den Nahen Osten, keiner von ihnen war älter als 25.
Und ja, definitiv: Dies ist der Moment, der den Krieg verändert. Die Invasoren sind nervöser, sie schießen jetzt schneller. Zivilisten leben nun noch gefährlicher.
Bagdad, Informationsministerium, 15.30 Uhr
Gestern gab es die Warnung vom Pentagon, es könne das Informationsministerium getroffen werden, heute Nacht, um 1.15 Uhr, die Raketen. Ziel war es, die Satellitenantennen auf dem Dach zu zerstören.
Ein Krieg als ganzer kann nicht chirurgisch sauber und präzise sein, dieser Angriff aber war es. Außer den zerstörten Satellitenanlagen sind nur ein paar Fensterscheiben im Ministerium kaputtgegangen.
Das ist die eine, die saubere Seite des Krieges. Vielleicht ist sie zu sauber und zu präzise.
Am Morgen nun stehen Sicherheitsleute vor dem Ministerium, sie sind mit Kalaschnikows bewaffnet. Davor demonstriert eine wütende Menge. Ein paar Dutzend Männer, ein paar Frauen tanzen und jubeln vor den Kameras, preisen Saddam, verfluchen Bush, ihre Wut wirkt wie angeschaltet. "Die Amerikaner wollten durch diesen Angriff verhindern, dass die Welt die Wahrheit erfährt", sagt Sahhaf auf der Pressekonferenz. "Aber das wird ihnen auch nicht helfen. Sie sind wie eine Schlange, die 500 Kilometer lang ist. Wir werden diese Schlange in Stücke schlagen."
Er meint den Selbstmordanschlag bei Nadschaf. Der Anschlag ist die Antwort auf den sauberen Krieg des übermächtigen Feindes.
Vizepräsident Ramadan wird mit weiteren Selbstmordattentaten drohen und den Heiligen Krieg verkünden. "Sie werden in den nächsten Tagen noch mehr gute Nachrichten hören. Bataillone von arabischen Kämpfern sind unterwegs nach Bagdad."
Katar, im Centcom der US-Truppen, 16 Uhr
Das Oberkommando stellt sich der Presse.
Bebrillter Vertreter einer Wochenzeitung: "Stimmt es, dass Sie in der Offensive bis zu sechs Tage Pause einlegen werden? Und fühlen Sie sich von uns, den internationalen Medien, unter Druck gesetzt, den Angriff zu beschleunigen?"
Major General Victor Renuart versucht, witzig zu sein: "Ich habe General Franks um sechs Tage Urlaub gebeten. Er hat mir die Erlaubnis erteilt, weiterzuarbeiten. Und ich denke, das macht jeder auf dem Schlachtfeld so. Was die internationalen Medien hier angeht, so genieße ich es, sie hier zu haben. Ich denke, es ist eine gute Erfahrung, und ich bin guter Hoffnung, sie zu überleben."
Paul Hunter, TV-Korrespondent aus Kanada: "Wie werden Sie entscheiden, wer von den Kriegsgefangenen zu militärischen und wer zu paramilitärischen Einheiten gehört?"
Renuart: "Sobald sie gefangen sind, werden sie - werden Verhöre bestimmen, was ihr angemessener Status sein wird."
Hagerer, verschwitzter Korrespondent des Schweizer Fernsehens: "Wissen Sie, dass es nicht erlaubt ist, Gefangene zu verhören?"
Renuart: "Es ist was?"
Der Schweizer: "Nicht erlaubt, Gefangene zu vernehmen. Sie brauchen nur ihren Namen zu sagen, das ist alles."
Renuart: "Absolut. Und wir werden versuchen, alle Informationen, die sie uns geben, mit dem abzugleichen, was unsere Dienste haben."
Bagdad, Kindi-Hospital
In der Notaufnahme des Kindi-Hospitals kommen 28 Verletzte an, ein Mann wird tot eingeliefert. Die Belegschaft des Hospitals hat trotz 24-stündigem Notdienst bei chronischer Unterbesetzung eine Routine entwickelt, eine Routine des Ausnahmezustands. Die Schwestern und Pfleger, die wenigen, die ihren Dienst verrichten, vielleicht 80 Leute, ein Fünftel nur des normalen Personalbestands, leisten mehr, als man eigentlich leisten kann. Sie leben im Takt der Stromausfälle, im Takt der Sirenen, die den Tag-Nacht-Rhythmus abgelöst haben.
Bagdad, Karmelitenkloster, 23.50 Uhr
Ist es ein Wunder oder Gottes Schutz, dass das Karmelitenkloster noch steht - ringsum versinkt ein ganzes Stadtviertel in Dreck und Staub. Aber es geht weiter - Schüsse, Raketeneinschläge, entfernte Explosionen den ganzen Tag.
Das Motorrad lässt der Mönch Michel de Myttenaere ebenso unangetastet wie den Whisky. Aber er schreibt: "Telefonleitungen in Bagdad gestört. Drei Telefonzentralen seien vorgestern zerstört worden. Schüsse 18.15 h, 19.18 h, 20.26 h, 20.35 h, 20.47 h, 22.36 h, 23.31 h, 23.47 h (sehr stark)."
KLAUS BRINKBÄUMER, UWE BUSE, ASIEM EL DIFRAOUI, FIONA EHLERS,
CAROLIN EMCKE, ULLRICH FICHTNER,
HAUKE GOOS, LOTHAR GORRIS, RALF HOPPE,
THOMAS HÜETLIN, ANSBERT KNEIP,
CLAUS CHRISTIAN MALZAHN, ALEXANDER OSANG, CORDT SCHNIBBEN, ALEXANDER SMOLTCZYK,
BARBARA SUPP, ALEXANDER SZANDAR
Von Klaus Brinkbäumer, Uwe Buse, Asiem El Difraoui, Fiona Ehlers, Carolin Emcke, Ullrich Fichtner, Hauke Goos, Lothar Gorris, Ralf Hoppe, Thomas Hüetlin, Ansbert Kneip, Claus Christian Malzahn, Alexander Osang, Cordt Schnibben, Alexander Smoltczyk, Barbara Supp und Alexander Szandar

DER SPIEGEL 33/2003
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