11.08.2003

LEICHTATHLETIKDer undurchsichtige Adonis

Geheime Trainingslager, Flucht vor Dopingfahndern: Ein Jahr vor Olympia in Athen geraten griechische Athleten mal wieder in Verruf. Besonderen Argwohn weckt Konstantinos Kenteris. Statt bei den großen Meetings zu starten, taucht der Sprintstar kurz vor der WM in Paris unter.
Plötzlich gibt es schlechte Nachrichten vom großen Griechen. Konstantinos Kenteris, 30, Olympiasieger, Weltmeister und Europameister über 200 Meter, ist im Trainingslager auf Zypern. Es geht ihm nicht gut. Er hat Probleme mit der Ferse. Man müsse wohl alle Wettkämpfe absagen, sagt sein Trainer Christos Tsekos. Es sind nur noch ein paar Wochen bis zum Beginn der Weltmeisterschaften in Paris. Man könne "kein Risiko" eingehen.
Die Nachricht sorgt noch am selben Tag in Athen für Aufregung. Dort steckt Odysseas Papatolis im Stau. Der Nationalcoach des griechischen Leichtathletik-Verbandes (Segas) schwitzt und stöhnt. Aber nicht wegen des Verkehrs oder der Hitze.
Ständig klingelt sein Mobiltelefon. Alle wollen Neuigkeiten über Kenteris. Das japanische Fernsehen, die englische Agentur Reuters, CNN. Papatolis weiß gar nicht, was er alles sagen soll.
Ja, er habe Kontakt zu Kenteris. Nein, die Verletzung sei nicht so schlimm. Ja, Kenteris werde vor der Weltmeisterschaft noch Wettkämpfe bestreiten. Am 15. August werde er bei dem zur Golden-League-Serie zählenden Meeting in Zürich starten. Die Welt solle nicht denken, Kenteris wolle sich wieder mal drücken.
"Kommen Sie nach Zürich", sagt Papatolis.
Odysseas Papatolis ist schon lange Cheftrainer beim Segas. Neuerdings ist das ein heikler Job. Er muss ständig aufpassen, was er sagt. Vor allem, wenn es um seinen besten Mann geht, den Sprinter Konstantinos Kenteris.
Gerade mal fünf Monate ist es her, dass der schnelle Grieche mächtig in Verruf geriet. Es geschah wegen einer pikanten Unregelmäßigkeit in dessen Saisonplanung. Ohne sich abzumelden, waren Kenteris und Teampartnerin Ekaterini Thanou mit Coach Tsekos zu einem Trainingslager nach Katar gereist. Ein klarer Regelverstoß. Spitzenathleten müssen immer angeben, wo sie sich aufhalten, um eventuelle Dopingkontrollen zu ermöglichen.
Von "Dopingflucht" schrieb prompt die internationale Presse, nachdem der unbotmäßige Ausflug herausgekommen war. Und selbst die traditionell eher zurückhaltenden Athener Medien reagierten entsetzt. "Die Lügen müssen sofort ein Ende haben", empörte sich die Zeitung "Eleftherotypia".
Nicht nur, dass durch die Affäre das Denkmal Kenteris, eines Sportsmanns, den die Hellenen wie einen Helden verehren, beschädigt wurde. Auch fürchtet die Nation, weitere Skandale könnten einen Schatten auf die Olympischen Spiele in Athen werfen, die in exakt einem Jahr beginnen. "Originale und echte" Wettkämpfe hatte Kulturminister Evangelos Venizelos versprochen. Doch seit Katar fragt sich nun alle Welt, ob sich wohl die Griechen selbst an die Regeln halten werden.
Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Athleten aus Hellas unangenehm auffallen. 1997 sorgten Thanou und Sprintkollege Charis Papadias für Schlagzeilen, als sie während eines Trainingsaufenthalts in Dortmund filmreif vor einem deutschen Dopingfahnder türmten. Ein Betreuer hatte den Mann hinter eine Sprossenwand geklemmt und den Athleten so die Flucht ermöglicht.
Vergangenen Herbst rügte sogar der Leichtathletik-Weltverband in einer offiziellen Note, dass sich griechische Athleten oft Dopingkontrollen entzögen oder schlicht nicht auffindbar seien für Tests. Seither steht Griechenland unter Generalverdacht.
Auch Konstantinos Kenteris war der Szene von Anfang an nicht geheuer. Als Nobody gewann er bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney Gold - wobei er seine Bestzeit aus dem Jahr zuvor um erstaunliche 41 hundertstel Sekunden verbesserte. Wie tief das Misstrauen mittlerweile sitzt, zeigte sich bei seinem EM-Sieg vorigen Sommer in München. Kenteris lief in 19,85 Sekunden Weltjahresbestzeit - und wurde vom Publikum ausgepfiffen.
Auch die Fachwelt betrachtet den Herkules längst als Mutanten. Woher er denn die tollen Muskeln habe, wurde Kenteris einmal bei einer Pressekonferenz gefragt. "Durch jeden Tag neun Stunden Arbeit", antwortete Kenteris ernsthaft.
Es war immerhin der Versuch einer Erklärung. Das Auditorium lachte dennoch schallend.
Es ist ein Fluch der Moderne, dass sich Sportler, die ungewöhnliche Leistungen bringen, auch irgendwie gleich verdächtig machen. Der Fall Kenteris ist besonders drastisch. Es gab noch nie einen positiven Dopingtest von ihm. Es ist aber auch nicht so, dass sich Kenteris darum bemüht, seinen Kritikern das Maul zu stopfen.
Im Gegenteil: Kenteris tut beinahe alles dafür, die Skepsis zu nähren. Vor Großereignissen taucht er ab. Während Konkurrenten wie der Namibier Frankie Fredericks pro Saison über zehnmal starten, läuft Kenteris, der auch über die 100-Meter-Distanz gute Zeiten erzielt, gerade mal drei Rennen. Die Kollegen präsentieren sich vor allem bei den großen Meetings in Rom, Paris oder Berlin. Das Phantom startete bevorzugt in seiner Heimat.
So ist es immer die gleiche Frage, die sich die Szene stellt: Hat er etwas zu verbergen?
"No, no, no", sagt Nationalcoach Papatolis. Er sitzt in seinem Büro in der Segas-Zentrale im Athener Stadtteil Nea Smyrni. Kenteris sei ein "offener Typ", sagt Papatolis, es gebe nichts zu verheimlichen. Man könne mit Kenteris sprechen. Erst kürzlich habe er in Athen trainiert im Leistungszentrum Agios Kosmas im Vorort Hellenikon. Jetzt sei er leider nicht mehr dort. Er befinde sich im Ausland.
Wo genau? "Oho", brummt Papatolis, das dürfe er nicht sagen. Kenteris brauche Ruhe. Es ist nicht mehr lange bis zur WM in Paris. Aber er werde in Zürich starten.
"Alle sollen auf Zürich schauen", sagt Papatolis.
Es ist schwierig zu sagen, welche Rolle Papatolis spielt. Es kommt vor, dass er an einem Tag erzählt, Kenteris habe Athen verlassen, weil es dort zu heiß zum Trainieren sei. Am nächsten Tag erzählt er dann, Kenteris trainiere gern bei Hitze. Aber vielleicht weiß Papatolis auch nichts Genaues. Er ist zwar der Nationaltrainer. In Sachen Kenteris hält jedoch ein anderer die Zügel in der Hand.
Christos Tsekos ist ein kleiner, dicklicher Mann mit wenig Haaren. Seit Februar 2000 ist er Kenteris' Trainer. Tsekos arbeitet weitgehend unabhängig vom Verband. Er ist ein erfolgreicher Unternehmer. Er war lange in Amerika. Jetzt verdient er sein Geld mit dem Import von Nahrungsergänzungsmitteln. Und er ist Teilhaber einer Sportmarketing-Agentur in Athen, die auch Kenteris vertritt.
Tsekos hat für alles eine Erklärung. Warum solle Kenteris bei Meetings starten, bei denen er vielleicht 20 000 Euro kassiere? Das sei doch "Kleinkram", sagt Tsekos. Allein für den EM-Sieg in München wurde Kenteris vom Staat mit 300 000 Euro entlohnt. Den ständigen Dopingverdächtigungen begegnet Tsekos angriffslustig. "Gedopt sind Sportler nur dann", sagt er, "wenn sie überführt werden."
Katar? Auch da ist für Tsekos der Fall klar. Zuerst sprach er von einer Verschwörung ausländischer Medien ("Sie wollen uns kreuzigen"). Das war im März. Dann ließ er zum Beweis für Kenteris' Unschuld plakativ veröffentlichen, dass sein suspekter Zögling im April von der Welt-Anti-Doping-Agentur getestet worden sei. Seitdem ist für Tsekos die Sache erledigt.
Der Coach weicht nicht ab von seinem Weg. Nach der Katar-Affäre hatte Tsekos versprochen, Kenteris werde vor der WM mindestens sechsmal international antreten. Bislang aber lief er nur beim Europacup in Florenz im Juni. "Wir müssen der Welt nichts beweisen", sagt Tsekos. Zumindest in seiner Heimat Griechenland hat der Hardliner kaum ernsthaften Ärger zu befürchten. Im Land der Akropolis liebt man seine Sportidole derart, dass deren Lauterkeit zur Nebensache wird. Vor allem im Fall Kenteris. Dreimal in Folge war er zuletzt Sportler des Jahres. Wenn der Soldat der griechischen Luftwaffe seine Muskeln spannt, sieht er aus wie ein in Stein gehauener Adonis. Der Single lebt ein spartanisches Leben, er taucht nie in den Boulevardgazetten auf. Er liebt seine Heimat. Er ist sehr gläubig. Nach seinem Sieg in München legte er den Grundstein für eine Kirche in Larissa. Es gibt kein besseres Sinnbild für Griechenland.
So einen lässt man sich nicht kaputtmachen.
Selbst in höchsten Kreisen genießt Kenteris Artenschutz. Warum griechische Topstars vor großen Championaten immer "abtauchen", wollte jüngst ein IOC-Mann aus Israel am Rande einer Inspektion in Athen wissen. Die Replik auf die provokante Frage war ebenso barsch wie bezeichnend. Man nehme keine "Beleidigungen oder Andeutungen" hin, zürnte Sportstaatssekretär Georgios Lianis: "Griechenland schätzt und beschützt seine großen Athleten."
Die internationale Szene ist konsterniert. Fast scheint es so, als wäre das Land der kommenden Olympischen Spiele in Sachen Dopingpolitik eine Bananenrepublik.
Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall. Sechs Millionen Euro investierte der Staat in die Renovierung des Kontrollsystems. Seit April gibt es nun im Generalsekretariat für Sportangelegenheiten im Kulturministerium einen Nationalen Rat zur Dopingbekämpfung. Der organisiert, ähnlich wie die Nationale Anti-Doping-Agentur in Deutschland, die Tests in allen Sportarten. Ebenfalls wie in Deutschland führt ein unabhängiges Unternehmen die Kontrollen durch. Die Firma Doping Control Services ist im neuen Athener Olympiastadion untergebracht. In diesem Jahr will man 2500 Kontrollen vornehmen.
Das klingt alles nicht schlecht. Das Problem ist nur, dass bei Vergehen nicht der Nationale Rat bestraft, sondern die Fachverbände. Und auf die ist nicht unbedingt Verlass.
Besonders abenteuerlich ist etwa der neueste Fall des Sprinters Charis Papadias. Bei den griechischen Meisterschaften im Juni in Trikala verschwand der Läufer kurz vor der Kontrolle. Dreimal ließ ihn Panagiotis Tsarouchas, Chef von Doping Control Services, über Stadionlautsprecher ausrufen. Vergebens. "Er war weg", sagt Tsarouchas, "das ist verboten." Dennoch sprachen die Leichtathletik-Funktionäre Papadias frei.
So ist es kaum überraschend, dass auch Kenteris lieber im Schoß der Heimat bleibt. Vorige Woche war er weder beim Sportfest in Stockholm noch beim Istaf in Berlin.
Und Zürich?
"Vergesst Zürich", sagt Papatolis.
Es sind nur noch knapp zwei Wochen bis zur WM. Es darf nichts mehr passieren. Der Start in der Schweiz war ohnehin kaum ernsthaft geplant. Den Organisatoren lag zu keiner Zeit eine Anmeldung vor.
FERRY BATZOGLOU, GERHARD PFEIL
Von Ferry Batzoglou und Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 33/2003
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