11.08.2003

FUSSBALLRückkehr der Verkannten

Kinder türkischer Gastarbeiter wie der Bremer Ümit Davala und der Schalker Hamit Altintop bereichern zunehmend die Liga. Einige mussten den Umweg über die Heimat ihrer Eltern nehmen.
Unbeachtet war Ümit Davala, 30, auf dem Weg zur Arbeit. Erst als der Neuzugang des Bundesligisten SV Werder auf dem Bremer Osterdeich die Fenster seines geleasten Mercedes öffnete, zog er plötzlich alle Aufmerksamkeit auf sich - aus den Boxen dröhnten Songs des US-Rappers Fat Joe.
In der Türkei war alles ganz anders. Dort sorgte der Fußballprofi selbst dann für Volksaufläufe, wenn er lautlos daherkam. Denn Davala ist am Bosporus ein Idol. Der gebürtige Mannheimer zählt zu jenen kickenden "Gurbetçi", wie die Türken ihre in der Fremde lebenden Landsleute nennen, die erst nach der Rückkehr in die Heimat der Vorfahren zu Ruhm und Reichtum kamen. In der Stadt Kurudere wurde bereits eine Brücke nach ihm benannt, in Afyon steht vor der Ümit-Davala-Sportanlage eine Ümit-Davala-Statue.
Doch Davala, das steht bereits nach zwei Spieltagen der neuen Saison fest, bleibt auf Bremens Straßen nicht mehr lange unerkannt. Spätestens seit dem furiosen Debüt des Schalker Mittelfeldspielers Hamit Altintop, 20, am vorvergangenen Wochenende sind türkische Kicker in der Bundesliga schlagartig ins Blickfeld geraten. Lange Zeit
von den deutschen Profivereinen ignoriert, betrachten die Clubmanager die technisch versierten Türken nun plötzlich als Avantgarde - fast ein Dutzend von ihnen stehen mittlerweile bei Erstligisten unter Vertrag.
Dass ein international erfahrener Profi wie Mustafa Dogan beim 1. FC Köln anheuerte, hat allerdings auch mit den pekuniären Nöten der türkischen Liga zu tun. Noch vor zwei Jahren, so schätzt der hannoversche Spielerberater Harun Arslan, hätten Stammspieler der Spitzenclubs Galatasaray und Fenerbahçe Istanbul Jahresgagen in Höhe von 1,8 bis 2,2 Millionen Dollar netto kassiert. In Deutschland akzeptieren die Profis nun Gehälter, die - wie etwa bei Davala in Bremen - bei rund 700 000 Euro pro Jahr liegen.
Zudem erhoffen sich die Vereine in Deutschland von ihren Neuzugängen wirtschaftliche Impulse. So spekuliert Werder-Manager Klaus Allofs vor allem auf "wesentlich mehr türkische Zuschauer". Auch das Fanartikelgeschäft soll Defensivspezialist Davala, der zuletzt für Galatasaray am Ball war, ankurbeln - rund 40 000 Türken leben in Bremen und Umgebung.
Davalas Karriere verlief, prototypisch für einen Spieler seiner Generation, im Zickzackkurs. Denn um in der Bundesliga zu landen, musste das Gastarbeiterkind den Umweg über die Heimat seiner Eltern nehmen. Als mit 20 Jahren seine Laufbahn in der deutschen Landesliga stockte, war er durch einen Funktionär von Türkspor Mannheim zu Afyonspor in die Türkei vermittelt worden. Dort wollte Davala nach drei Monaten schon die Koffer packen, weil er merkte: "Es war ein fremdes Land."
Doch die Familie rückte den Reisepass nicht heraus. Sie bestand darauf, dass Ümit, der Sohn eines Kranführers, sich durchsetzte. Bald holte ihn der Trainer Fatih Terim, sein Mentor, in die türkische Juniorenauswahl, dann in die Nationalmannschaft und schließlich zu Galatasaray. Dort wurde er 2000 Uefa-Cup-Sieger.
Bisweilen trägt Davalas Popularität groteske Züge. Während der WM im vorigen Jahr erhängte sich in Gemlik ein 13-Jähriger, weil sein Vater von ihm verlangt hatte, die seinem Idol nachempfundene Frisur zu ändern. Der Junge hatte sich den Irokesen-Schnitt zugelegt, mit dem Davala in Südkorea und Japan die Fans überraschte.
Beim Zug der Gastarbeiterkinder von Deutschland Richtung Bosporus fanden jedoch nicht alle ihr Glück. "Neunzig Prozent der Nachahmer", ermittelte Berater Arslan, "kehrten frustriert zurück." Wer sich durchbiss, kann hingegen auf eine glanzvolle Laufbahn blicken.
Einer der ersten Abenteurer war 1995 Tayfun Korkut. Der Sohn türkischer Eltern, in Baden-Württemberg geboren, schaffte es hier zu Lande nur bis in den
Regionalliga-Kader der Stuttgarter Kickers. Erst bei Fenerbahçe wurde er Nationalspieler.
Der aus Kempten stammende Stürmer Ilhan Mansiz von Besiktas Istanbul, seit der WM 2002 im Rang eines türkischen Nationalhelden, sah sich in Deutschland ebenfalls nicht recht gewürdigt: Er war einst beim 1. FC Köln in die Amateurmannschaft eingestuft worden.
Auch Mustafa Dogan, 27, emigrierte vor sieben Jahren vom Provinzclub KFC Uerdingen 05 in die Türkei und stieg bei Fenerbahçe zum Star auf - als "Alman", der Deutsche. Nun will sich der türkischstämmige Verteidiger, der mit seinen Eltern als Zweijähriger nach Westdeutschland kam, beim 1. FC Köln für ein Comeback in Rudi Völlers Nationalteam empfehlen - bereits 1999 stand Dogan zweimal in der DFB-Auswahl.
Anders als bei Dogan hatte der DFB im Gezerre um die in Deutschland herangewachsenen türkischen Talente der jüngeren Generation jedoch oft das Nachsehen. Der Grund: Der türkische Fußballverband etablierte vor knapp fünf Jahren in Deutschland eine Filiale zur Nachwuchssichtung. Der frühere Dortmunder Profi Erdal Keser, der zunächst als Chef-Scout tätig war, erklärt das Anforderungsprofil: "Wir suchten athletische Spieler - Fummelkönige hatten wir in der Türkei genug."
Kesers Späher waren auch mitverantwortlich dafür, dass die in Gelsenkirchen geborenen Zwillinge Halil und Hamit Altintop, 20, für Deutschland verloren scheinen. Die Statuten besagen nämlich, dass der erste offizielle Länderspieleinsatz für eine nationale Auswahl, egal in welchem Alter, für das ganze Leben bindet - sowohl Halil, Stürmer des 1. FC Kaiserslautern, als auch Hamit vom FC Schalke 04 haben bereits im Trikot türkischer Junioren-Nationalteams gespielt.
Halil Altintop weiß noch, wie er bei den ersten Lehrgängen fremdelte: "Die haben mich da als Ausländer gesehen." Damals beschloss der Torjäger, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen - er spekulierte irrigerweise auf eine Karriere in der deutschen Nationalelf.
Sein Bruder, der noch bei Mutter Merydem in einem schmucklosen Mietshaus am Gelsenkirchener Hauptbahnhof wohnt, schloss sich ihm an, obwohl er sich in den Auswahlteams der Türkei gut aufgehoben fühlte. Er glaubte, mit einem deutschen Pass seine Chancen auf einen Bundesliga-Vertrag zu steigern - ein Proficlub muss mindestens zwölf deutsche Staatsbürger in seinem Kader nachweisen.
Jetzt, da sie es von der drittklassigen SG Wattenscheid 09 in die Bundesliga geschafft haben, dämmert den Altintop-Brüdern, dass der beantragte deutsche Pass ins Niemandsland führen könnte. Denn für die Einbürgerung verlangen die hiesigen Behörden den Verzicht auf den türkischen Pass. Eine Bewilligung der Türkei, die Spieler aus der Staatsbürgerschaft zu entlassen, liegt schon vor.
Jedoch darf für die Türkei nur kicken, wer türkischer Staatsbürger ist - und für die deutsche Nationalmannschaft dürfen die Altintops nach den Regeln des Weltverbandes Fifa nicht mehr spielen.
Einen Ausweg aus dem Dilemma könnte die so genannte Rosa Karte weisen: Mit der Ausstellung dieses Papiers garantiert die Türkei den Inhabern auch nach einem Wechsel der Nationalität fast alle Staatsbürgerrechte - die beiden könnten demnach in der türkischen Nationalmannschaft debütieren.
Fraglich ist jedoch, ob die Fifa derlei Pink Cards wie Pässe akzeptiert. Notfalls wären die Bundesliganovizen bereit, ihre Einbürgerungsanträge zurückzuziehen, sagt Metin Tekin, der das Europabüro des türkischen Verbandes leitet und sich des komplizierten Falles angenommen hat.
Doch auch der DFB ist noch im Rennen, wenn die Fifa über eine intern bereits empfohlene Reform ihrer Staatsbürgerschaftsregel hinausgeht. Dann dürften Fußballer mit 21 Jahren neu entscheiden, für welches Land sie fortan kicken wollen - auch wenn sie bereits in Jugend- oder Juniorenmannschaften mitgewirkt haben.
Dann könnten die talentierten Brüder Altintop plötzlich auch wieder ein Thema für Rudi Völler werden. JÖRG KRAMER
* Beim Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund vorvergangenen Samstag in Gelsenkirchen. * Beim WM-Spiel gegen Brasilien am 26. Juni 2002 in Saitama (Japan) im Zweikampf mit Roberto Carlos.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 33/2003
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