11.08.2003

KUNSTTURNENVenus am Stufenbarren

Russlands Turnstar Swetlana Chorkina langweilte das Training. Während der Vorbereitung auf die WM spielte die kapriziöse Schöne in Moskau am Theater.
Die blonde Schauspielerin auf der Bühne des renommierten "Akademischen Theaters Moskauer Künstler" verzog das Gesicht, als hätte man ihr gerade die Kündigung in die Hände gedrückt - am Ende eines langen Monologs hatte sie sich verhaspelt.
Doch der Groll der Aktrice war nur von kurzer Dauer. Kaum war die Probe beendet, gestand die Darstellerin in der Maske mit nonchalantem Grinsen: "Mir fiel einfach der Text nicht mehr ein."
Kokette Späße über ihre gelegentlichen Gedächtnislücken kann sich Swetlana Chorkina, 24, durchaus leisten. Schließlich war es gar nicht so wichtig, wie perfekt sie in einem Dutzend Aufführungen an diversen Bühnen Moskaus den Part des Hollywood-Sternchens Brenda Venus spielte, das der alternde Schriftsteller Henry Miller heftig umgarnt. Wichtig war nur, dass Chorkina die Hauptrolle der jungen Liebhaberin überhaupt angenommen hatte - drei Jahre lang hatte Sergej Winogradow, der Regisseur des Stücks "Venus", sie vergebens bekniet.
Das Engagement geriet für den Theatermann und seine Schauspieltruppe zum veritablen Coup. Denn Swetlana Chorkina ist die weltbeste Kunstturnerin der letzten zehn Jahre - und wird in Russland wie ein Popstar hofiert.
Keine andere Athletin gewann bei Olympischen Spielen sowie Welt- und Europameisterschaften mehr Titel als die "Turndiva" ("Frankfurter Allgemeine") aus dem südrussischen Belgorod. Und keine andere Turnerin versetzt die Fachwelt mit ihren spektakulären Darbietungen in größeres Erstaunen. Vor allem ihre Paradedisziplin, den Stufenbarren, hat sie in neue Dimensionen gebracht - einige der schwierigsten Übungen tragen sogar ihren Namen.
Dass die kapriziöse Schöne eine Saison lang etwa einmal pro Monat an Theatern der Hauptstadt auftrat, kommt für das Selektionsprinzip des russischen Turnens einer kulturellen Revolution gleich. Denn eigentlich gilt: Wer bei internationalen Wettkämpfen antritt, hat sich ausschließlich dem monotonen Drill im Nationalen Leistungszentrum am "Runden See" zu unterwerfen - jener Kaderschmiede etwa hundert Kilometer nordöstlich von Moskau, die noch immer daran erinnert, dass Spitzensport in der UdSSR zu Zeiten des Kalten Krieges dazu herhalten musste, die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren.
Für Swetlana Chorkina indes, die bei der in dieser Woche in Anaheim (Kalifornien) beginnenden Weltmeisterschaft nach weiteren Titeln strebt und deren letztes Karriereziel die Olympischen Spiele 2004 in Athen sind, gelten andere Regeln. Sobald ihr der quasimilitärische Trainingsalltag am Runden See die Laune verdirbt, "weil alles so öde ist", kehrt sie in die Kapitale zurück - und genießt in den Moskauer In-Bars ihr Leben als Liebling der Schönen und Reichen.
"Swetlana", sagt Leonid Arkajew, der Präsident des russischen Turnverbandes, "ist die Visitenkarte unserer Mannschaft." Der Chef-Funktionär klingt dabei so, als müsste er die Sonderbehandlung seines Stars rechtfertigen. Dass die russische Turn-Nomenklatura Chorkina derartige Privilegien einräumt, wirft indes auch ein Schlaglicht auf die Entwicklung des internationalen Frauenturnens.
Denn die Szene wird dominiert von bizarr anmutenden Turnzwergen, selten älter als 16 Jahre und kaum schwerer als 35 Kilogramm, die ihren Körper grotesk verrenken und durch die Luft rotieren lassen. Chorkina hingegen, die ihre Konkurrentinnen fast alle um einen Kopf überragt, steht - als letzte Vertreterin - für das Elegante und Anmutige ihrer Sportart. "Wer mich schlagen will", sagt sie gönnerhaft, "muss wirklich gut sein."
Schon früh erkannte die Ausnahme-Athletin, dass in diesem Umfeld für sie etwas mehr drin war - seit Jahren ziert die zuweilen zickig auftrumpfende Turn-Elfe die Titelseiten russischer Lifestyle-Blätter. Ihr Ziel sei, verriet Chorkina einmal, "dass man mich bereits aus einem halben Kilometer Entfernung erkennt".
MICHAEL WULZINGER
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 33/2003
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