11.08.2003

IRAK„Böse Fehlentscheidung“

Hamid Madschid Mussa, 60, Generalsekretär der Kommunistischen Partei des Irak, wurde unter Saddam Hussein verfolgt und nach dessen Sturz von den Amerikanern als Mitglied des provisorischen Regierungsrats berufen.
SPIEGEL: Ihre Partei hat jahrzehntelang versucht, Saddam Hussein zu stürzen ...
Mussa: ... zusammen mit anderen Patrioten, unser Kampf hat sich gelohnt.
SPIEGEL: Aber ohne die USA wäre Saddam noch am Ruder.
Mussa: Die haben den Prozess nur beschleunigt. Der schlimmste Tyrann der Geschichte war ohnehin schon am Ende. Auch in der Baath-Partei hatten immer mehr die Nase voll, was auch den blitzschnellen Fall von Bagdad erklärt.
SPIEGEL: Das amerikanische Oberkommando beklagt ständig neue Tote. Erst am Donnerstag zerriss eine Bombe vor der jordanischen Botschaft in Bagdad mindestens elf Menschen. Wann wird Saddam endlich gefasst?
Mussa: Sein Nimbus verblasst immer rascher. Für uns ist Saddam jetzt schon eine politische Leiche. Übrigens handelt es sich bei den Anschlägen um die Folgen von bösen Fehlentscheidungen der Amerikaner.
SPIEGEL: Welche?
Mussa: US-Chefverwalter Paul Bremer, der die Geschicke des Irak in der Hand hält, hat den unsinnigen Befehl erteilt, die gesamten irakischen Streitkräfte aufzulösen. Da es über eine Million Angehörige von Armee und Sicherheitsdiensten gab und ein irakischer Haushalt aus durchschnittlich fünf Personen besteht, hat Bremer mit einem Federstrich über fünf Millionen Iraker brotlos gemacht. Einige davon bekämpfen nun die Amerikaner. Saddam wollen sie aber nicht zurückbomben.
SPIEGEL: Eine neue Polizei ist im Entstehen, ebenso eine neue Armee ...
Mussa: ... die neuen Verkehrspolizisten haben meist noch nicht mal Uniformen. Wie konnten die Amerikaner ein großes Land besetzen, Armee und Polizei abschaffen und die Menschen sich selbst überlassen - ohne den geringsten Schutz vor Raubmördern, Dieben, Kindesentführern und Sexualverbrechern?
SPIEGEL: Schiitische Würdenträger fordern, im Irak einen Staat auf der Grundlage der islamischen Rechtsprechung, der Scharia, aufzubauen.
Mussa: Die Mehrheit der Iraker will die Trennung von Staat und Religion.
SPIEGEL: Washington verlangt von den arabischen Ländern, der Uno und Europa mehr Engagement, auch militärisch.
Mussa: Gut so, unser Vorbild ist Europa, nicht Amerika. Im Irak leben Kurden und Araber, Turkmenen und Nachkommen der Assyrer. Ein wahrhaft föderatives System, wie es der EU zu Grunde liegt, wäre die beste Zukunftsgarantie.
SPIEGEL: Was passiert, wenn sich die Amerikaner den hohen Blutzoll im Irak nicht mehr leisten und vorzeitig abziehen?
Mussa: Das wäre das Fanal zum Chaos.

DER SPIEGEL 33/2003
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