11.08.2003

USAWoge des Zorns

Nach Ronald Reagan greift nun ein weiterer Schauspieler in Kalifornien nach der Macht: Der „Terminator“ Arnold Schwarzenegger will den ungeliebten demokratischen Amtsinhaber ablösen und die Rolle des Gouverneurs übernehmen.
Als er seinen ersten Film mit dem kraftstrotzenden Titel "Herkules in New York" drehte, legten ihm die Studiobosse nahe, doch bitte seinen unaussprechlichen Namen zu ändern: Arnold Schwarzenegger sollte sich Arnold Strong nennen. Das würde es amerikanischen Zungen leichter machen.
Der Streifen war ein Flop, und ein paar Jahre hielt der Held sich an den Rat. Doch dann kehrte er zu seinem Geburtsnamen zurück und machte aus dem starken österreichischen Akzent eines seiner Markenzeichen. So wurde aus dem Polizistensohn aus Graz, der vor 35 Jahren in den Sonnenstaat Kalifornien aufbrach, für die Amerikaner und den Rest der Welt "Arnie", der Superstar der gut gemachten schlechten Filme.
Mit seiner Ankündigung vom vergangenen Mittwoch, den Leinwandruhm künftig politisch nutzen zu wollen, tritt der Muskelmann nun vollends in die Fußstapfen eines anderen Weltstars aus zweitrangigen Filmen: Wie Ronald Reagan 1966 erhebt wieder ein Heros aus der Mythenfabrik Hollywood Anspruch auf das wichtigste politische Amt in Kalifornien. Wie Reagan reitet Schwarzenegger auf einer populistischen Woge, die sich gegen das ganze politische Establishment richtet.
Dabei spielt Schwarzenegger, 56, mehr noch als Reagan mit seinem Image als Leinwandstar: Er werde "den Schlamassel in Ordnung bringen" und "Hausputz machen in Kalifornien", kündigte der Möchtegern-Gouvernator, die Inkarnation von Herkules und Terminator, großspurig an. Er vergaß auch nicht, dem amtierenden Gouverneur Gray Davis seinen berühmten Filmsatz nachzurufen: ¡Hasta la vista, Baby!
Allerdings konnte Reagan in seiner Amtszeit einen unbekümmerten Gouverneur in unbekümmerten Zeiten spielen. Damals war der Bundesstaat, Magnet für viele Generationen, der Inbegriff von Fortschritt und Wirtschaftskraft. An der Westküste erfanden sich die Menschen alle paar
Jahre neu. Hier begannen die Trends und Bewegungen, die alsbald um die Welt gingen - von der Studentenrevolte über die Hippiekultur bis zu den Waschbrettbauch-Fetischisten, Umweltschützern und Basisdemokraten.
Noch immer repräsentiert der Gouverneur von Kalifornien eine Großmacht. Wäre der Sonnenstaat selbständig, wäre er die sechstgrößte Wirtschaftsnation auf Erden - nach den Rest-USA, Japan, Deutschland, Frankreich und England. Beispiellos hoch ist allerdings auch das Defizit von 38,2 Milliarden Dollar, das in diesem Haushaltsjahr aufzulaufen droht. Der Zusammenbruch von New Economy und Börse hat Kalifornien in eine tiefe Rezession gerissen.
Doch ausgerechnet in der Krise leistet sich der bevölkerungsreichste amerikanische Bundesstaat einen Anfall von Populismus. Finanziert von einem unzufriedenen Millionär, hat eine Bürgerinitiative den vorzeitigen Urnengang zur Abwahl des amtierenden Gouverneurs erzwungen. Und ausgerechnet dem Einwanderer aus Österreich, dessen politische Qualifikation bisher vornehmlich darin besteht, mit einer Frau aus dem weitläufigen Kennedy-Clan verheiratet zu sein, werden nun Chancen eingeräumt, Davis zu beerben.
Die Kandidatur des Terminators sendet Schockwellen tief hinein ins Establishment beider Parteien. Dabei bringt Schwarzenegger die Republikaner in Verlegenheit, denn er ist nicht ganz so konservativ wie die Masse seiner Parteifreunde: Er teilt nicht die Abneigung gegen Homosexuelle, tritt sogar für deren Recht auf Ehe ein, während die Regierung von George W. Bush gerade dabei ist, das Monopol des heterosexuellen Lebensbundes vom Supreme Court zur Norm erheben zu lassen. Trotzdem outete sich der Präsident letzten Freitag als Arnies Anhänger: "Ich glaube, er wäre ein guter Gouverneur."
Schwarzeneggers entscheidender Vorteil liegt im Mangel an Alternativen. Richard Riordan, 73, der ehemalige Bürgermeister von Los Angeles, wäre ein Konkurrent, doch er tritt hinter seinen Freund Arnie zurück und dafür ein in sein Beraterteam. Bill Simon, ein Millionär mit geringer Begabung fürs politische Geschäft, unterlag Davis schon bei der letzten Wahl.
Die Demokraten haben in Kalifornien viel zu verlieren. Sie stellen den Gouverneur und die Mehrheit im Abgeordnetenhaus wie im Senat in Sacramento. Der "Golden State" ist ein Einparteienstaat, nur wenige Republikaner wie Ronald Reagan und Richard Nixon konnten den Bann brechen. Der eine brachte es erst zum Gouverneur, beide schließlich zum Präsidenten.
Doch Kaliforniens Demokraten verfügen heute nur über eine populäre Anwärterin auf hohe Ämter: Dianne Feinstein, Senatorin in Washington, die das Pech hatte, dass sie zur Unzeit ihren Verzicht auf die Kandidatur verkündete - wenige Stunden bevor Schwarzenegger in einer Talkshow seine überraschende Ankündigung machte.
Ironischerweise trägt die Bewerbung des Muskelhelden sogar zur Versachlichung der Verhältnisse bei. Denn aus dem Plebiszit war zunächst einmal ein großer Zirkus entstanden, eine Art Reality-TV, vom übrigen Amerika als "kalifornischer Wahnsinn" zur Kenntnis genommen.
Wer sich als Kandidat für die Volksbefragung eintragen wollte, musste lediglich 3500 Dollar investieren, eine Liste mit 65 Unterstützern vorlegen, und schon durfte er vom Dasein als Gouverneur träumen. Das ließ sich Larry Flint, der das Pornoheft "Hustler" verlegt, genauso wenig nehmen wie Arianna Huffington, eine durch Scheidung reich gewordene Kolumnistin konservativer Blätter. Alles in allem rund 500 Aspiranten hatten bis Ende voriger Woche ihre Absicht bekundet, den Gouverneur zu beerben.
Am Samstag wurde die Liste geschlossen, das Abenteuer Plebiszit begann. An der Abstimmung wollen, den Prognosen zufolge, knapp 50 Prozent aller Kalifornier teilnehmen - so viel, wie sonst nur bei der Wahl des amerikanischen Präsidenten.
Die Volksbefragung, angesetzt für den 7. Oktober, ist in Kalifornien eine Uraufführung. Seit das Plebiszit 1911 in die Verfassung aufgenommen wurde, brachten die Bürger bei insgesamt 31 Versuchen nie genügend Unterschriften zusammen. Erst als das Begehr diesmal gelang, beugten sich Verfassungsexperten und Parteistrategen über die Ausführungsbestimmungen für den zweiten Teil des Plebiszits. Sie stießen auf erstaunliche Mängel.
Zuerst müssen die eingeschriebenen Wähler die Frage beantworten, ob sie Gray Davis als Gouverneur behalten möchten. Der Amtsinhaber benötigt mehr als die Hälfte aller gültigen Stimmen, um zu bleiben, was er ist. Bekommt er sie nicht, hat er sein Amt verloren.
Zugleich müssen die Wähler markieren, wen sie als Nachfolger berufen wollen. Ein halbes Dutzend Kandidaten dürfte das Rennen unter sich ausmachen - einfache Mehrheit genügt. Bei einer Wahlbeteiligung von 50 Prozent und Dutzenden Kandidaten könnte der neue Gouverneur am Ende mit einer absurd niedrigen Stimmenzahl gewählt werden.
Anstatt zu mehr führt der Populismus zu weniger Legitimitation als jeder andere Wahlgang. Davis hatte zunächst vergebens dagegen geklagt, dennoch wird letztlich wohl der Oberste Gerichtshof über das Plebiszit entscheiden.
Rund 60 Millionen Dollar dürfte die populistische Aufwallung den darbenden Staat kosten. Dabei wäre die Abwahl billiger zu haben gewesen, denn erst im November hat die turnusgemäße Wahl des Gouverneurs stattgefunden. Gray Davis setzte sich damals knapp durch. Doch dann entfachte er die volle Kraft des Volkszorns.
Der Demokrat hatte im Wahlkampf verschwiegen, welch gewaltiges Defizit auf das Land zukommen würde. Wieder gewählt, beschwor er plötzlich die Notwendigkeit wachsender Steuern und machte höhere Mächte für die Misere verantwortlich: den 11. September 2001, die nationale Rezession, die Regierung Bush.
Natürlich hat der Gouverneur nicht die Probleme verursacht, für die er jetzt zur Verantwortung gezogen werden soll. Natürlich leiden alle 50 Bundesstaaten unter der Wirtschaftskrise, aus der sich Amerika seit zwei Jahren nicht befreien kann. Aber Davis hat fast alle Fehler begangen, die er begehen konnte.
Anstatt wie andere Gouverneure ein bisschen Phantasie für Einsparungen zu entwickeln, erhöhte er unablässig Steuern und Abgaben - die Kfz-Zulassungsgebühr etwa schraubte Davis gerade ums Dreifache hoch. Dabei übersah er jedoch eines: In Kalifornien haben Steuerrevolten Tradition - und der Populismus verfügt über
eine Machtmaschine, die der etablierten Politik gefährlich werden kann.
Als der "Gray Davis Recall" im Februar seinen Anfang nahm, stellte der irrlichternde Multimillionär Darrell Issa 1,7 Millionen Dollar zur Verfügung. Damit warb er professionelle Unterschriftensammler an, vor deren Listen die Bürger Schlange standen. Binnen 50 Tagen kamen 1,3 Millionen Signaturen zusammen, weit mehr als nötig.
Das geschichtsträchtige Plebiszit liefert nun Munition für erzkonservative Radio-Moderatoren wie Rush Limbaugh, die in Kalifornien eine Macht aus eigenem Recht darstellen. Sie machen sich zum schrillen Sprachrohr des Populismus und verstärken die Wut der vorrangig weißen Mittelschichten über den Lauf der Welt: die hohen Steuern, die vielen illegalen Immigranten aus Mexiko, die freizügige Moral Hollywoods.
Vor dieser Sturmtruppe des Neokonservativismus muss sich Arnold Schwarzenegger mehr fürchten als vor jenen Gegnern, die ihn der Inkompetenz zeihen. Er erwarte vielerlei Schmutzkampagnen wegen seiner Geschäfte und wegen "seines Rufs als Frauenheld", wiederholt er in diesen Tagen immer wieder. Die Jagd auf "Arnie" in beiden Inkarnationen - als Geschäftsmann und Frauenfreund - ist seit vergangener Woche in vollem Gang.
Den Grundstock für sein stattliches Privatvermögen legte Schwarzenegger schon als Bodybuilder. Ein Gutteil des Verdienstes investierte er in Immobilien, vorzugsweise in Santa Monica und Colorado. Nach wie vor ist er sein eigener Vermögensverwalter - ein misstrauischer Aufsteiger, der die Kontrolle über sämtliche Geschäfte behalten möchte. Er war schon wohlhabend, ehe er zum Action-Helden des trivialen Kinos wurde. Für eine Rolle als Terminator bietet ihm Hollywood heute 30 Millionen Dollar.
Dem kalifornischen Establishment gehört Schwarzenegger spätestens seit seiner Heirat mit Maria Shriver an, einer Nichte der Kennedy-Brüder. Mit der Aufnahme in eine der großen Patrizierfamilien der Vereinigten Staaten krönte der Steiermärker seinen erstaunlichen sozialen Aufstieg.
Schwarzenegger weist freilich einen Makel auf - in der neuen Familie ist er ein politischer Außenseiter, ein Republikaner in der Elite der Demokraten. Auch deshalb versagt ihm wohl der Familien-Patriarch Edward Kennedy die letzte Salbung: Er hoffe doch sehr, sagte er leicht ironisch, dass "Arnie" Hollywood erhalten bleibe - und nicht etwa den Demokraten Kalifornien wegnimmt. GERHARD SPÖRL
* Am 6. August mit Jay Leno. * Am 9. Februar 1981 mit Entertainer Frank Sinatra und Gattin Nancy.
Von Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 33/2003
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