11.08.2003

TERRORISMUSEin Fußball für die Taliban

Im US-Straflager von Guantanamo Bay werden willfährige Gefangene mit Privilegien belohnt.
Wohl schon hundertmal hat Oberst Adolph McQueen heute die rechte Hand an seine Militärmütze gelegt. Trifft er einen anderen Soldaten, grüßt er befehlsgemäß mit einem hingemurmelten "To defend Freedom", aber bei McQueen mutiert das pathetische Motto der hier stationierten US-Armee zu einem völlig unverständlichen "to-fen-fee".
Vielleicht grüßt der Chef vom Camp Delta heute deshalb so öffentlich, weil Journalisten im Gefangenenlager sind. Ein neues, modernes Straflager will McQueen der Welt präsentieren und die alten Bilder von knienden, gefesselten Männern, die von Soldaten umringt werden, aus den Gedächtnissen kritischer Beobachter löschen.
Tatsächlich hat sich in dem Straflager, das die US-Regierung auf dem Marinestützpunkt im Süden Kubas für gefangene Taliban- und Qaida-Kämpfer errichtete, einiges geändert. Das alte Camp X-Ray ist heute nur noch ein Schrotthaufen. In nur wenigen Monaten stampfte die Firma Brown & Root Services, ein Ableger des ehemaligen Cheney-Konzerns Halliburton, für 9,7 Millionen Dollar Camp Delta aus dem Boden.
120 der rund 680 Häftlinge leben jetzt im Camp 4 - dem Vorzeigeknast der Amerikaner. In Camp 4 sitzen privilegierte Gefangene. Diesen Status müssen sich die Sträflinge in den anderen drei Lagern des Camps Delta erst noch erarbeiten.
Statt der orangefarbenen Kleidung tragen sie weiße Hosen und lange Hemden. Die Gefangenen dürfen täglich duschen und bis zu siebenmal am Tag ihren Zellenblock verlassen - ohne Handschellen, wie das bei den übrigen Sträflingen in Camp 1 bis 3 üblich ist.
Den Aufstieg in der Knast-Hierarchie gibt es freilich nicht umsonst. Mit Hafterleichterungen in Guantanamo kann nur rechnen, wer seine Wächter weder bespuckt noch beschimpft, die Zelle sauber hält und Befehlen aufs Wort gehorcht. Die besten Chancen, der Tristesse der 2 mal 2,5 Meter kleinen Zellen in bessere Behausungen zu entfliehen, haben Sträflinge, die bei den Verhören auspacken.
So berichtet Lagerkommandant Geoffrey Miller, dass die Zahl der geheimdienstlich relevanten Informationen, die Verhörer von Internierten bekamen, sich seit Februar versechsfacht habe. Dank "anreizorientierter Vernehmungen" gebe es jetzt eine "große Zahl von Gefangenen, die sehr kooperativ sind".
Die willfährigen Talib und Qaida-Kumpane dürfen sogar Sport treiben. Die Männer, die aus insgesamt 42 Ländern stammen, haben sich einen Fußball gewünscht.
15 Pfund haben die Gefangenen durchschnittlich seit ihrer Einlieferung zugenommen. James Kluck, Küchenbulle von Guantanamo, nennt das den "Freshman"-Effekt - weil auch Studenten im ersten Jahr der Uni wegen der regelmäßigen Mahlzeiten zulegen. Kluck ist Reservist und leitet eine Kantine der Universität von Michigan. Damit die mutmaßlichen Terroristen im Camp Delta nicht verfetten, wurde jetzt der Speiseplan geändert.
Statt der kalorienreichen "MRE's", der Army-Fertigmahlzeiten, gebe es jetzt vor allem Brot, Bohnen, Reis, Gemüse, Hühnchen oder Rind - und irgendwie klingt das, als würde Kluck den Speiseplan eines Erholungsheims beschreiben.
Doch Kluck lebt in Guantanamo, und da ist selbst die Nahrung eine intelligente Waffe im Kampf gegen den Terrorismus. Wenn die Internierten im Verhör ordentlich geplaudert haben, legt Kluck auf Anordnung der Verhörer am Freitag nach dem Mittagsgebet noch einen besonders süßen Nachtisch obendrauf: "Wir nutzen das Essen als Ansporn, um an Informationen zu kommen" - darum hätten "die Kollegen vom Geheimdienst" gebeten.
Nur drei Jugendliche sind von den Verhören angeblich ausgeschlossen, bei ihnen heißt das Frage-und-Antwort-Spiel "Interview". Die Jungen, zwischen 13 und 15 Jahre alt, leben mit ihren Bewachern außerhalb des Camps in einer Art Wohngemeinschaft in einem Haus, das von Maschendrahtzaun umgeben ist. Der Blick geht aufs Meer, in der Küche steht ein Kühlschrank, gefüllt mit Obst. Und im Wohnzimmer flimmert ein Fernseher mit Videoanlage, die Jugendlichen "gucken am liebsten ,Bambi' und ,E.T.'", verrät Leutnant David Wodushek, ein Wächter. Der Reservist, im zivilen Leben Lehrer, bringt den Teenagern im Knast ein bisschen Mathe bei. Er glaubt, dass "wir einen großen Einfluss darauf haben können, dass sie später nicht die Waffen gegen uns erheben werden".
Alles bloß ehrenhafte Re-Education auf Guantanamo? Von Menschenrechtsorganisationen erhobene Foltervorwürfe weisen die Wächter hier empört zurück. Doch was in den streng geführten Camps 1 bis 3 vor sich geht, wo die meisten Gefangenen einsitzen, wird heute nicht gezeigt - und Fotos oder Filme darf man auch in Camp 4 nicht machen.
29 Selbstmordversuche von Guantanamo-Gefangenen mussten die US-Behörden bisher einräumen. Weil Washington die Kombattanten nicht als Kriegsgefangene anerkennt, gilt in den Camps nicht die Genfer Konvention, sondern ein von Präsident Bush verordnetes Regelwerk, das unter anderem die Aburteilung von Gefangenen vor einem Militärtribunal regelt.
Ein Hinrichtungstrakt ist geplant, 7,8 Millionen Dollar soll er kosten. In der Todeszelle wird nur eine Pritsche stehen, auf der die Delinquenten festgeschnallt und per Giftspritze getötet werden.
Feldwebel Timothy Kenney rechnet damit, dass die meisten Gefangenen am Leben bleiben werden. Abends liest er in den Memoiren Albert Speers, "der hat die Nürnberger Prozesse ja auch überlebt". Sein Bettnachbar markiert derweil seinen Kalender mit einem roten Filzstift - noch 61 Tage, dann darf er nach Hause.
Um acht Uhr abends läuft im Open-Air- Kino der Army ein Thriller, vor der Vorstellung ertönt die Nationalhymne. Eine Stunde später wird der Film vom Gebetsruf eines Muezzins überlagert, auch diese Stimme kommt vom Band.
Der Kaplan hat die Stimme aus dem Internet heruntergeladen und spielt sie jetzt fünfmal täglich ab. Dann verneigen sich die Häftlinge gen Osten. Nach Mekka, ist auf einem Wegweiser zu lesen, sind es 12 793 Kilometer. KARIN ASSMANN
Guantanamo Bay
gilt Menschenrechtsorganisationen als Synonym für die willkürliche Behandlung von Gefangenen. Rund 680 Häftlinge aus 42 Staaten sind im Süden Kubas in der amerikanischen Enklave interniert. Ihnen wird die Mitarbeit in terroristischen Organisationen oder der Taliban-Bewegung oder deren Unterstützung vorgeworfen. Amnesty International bezeichnete das Lager in der Nähe des Truppenstützpunktes als "rechtliches schwarzes Loch" und warf den USA vor, nicht einmal die humanitären Mindeststandards einzuhalten. Mittlerweile ist die Kritik am "US-Gulag" ("The Guardian") eher abgeflaut. Doch während Journalisten unter strengen Auflagen inzwischen Besuche in Guantanamo erlaubt werden, sind die anderen Straflager in Bagram bei Kabul und auf der Insel Diego Garcia im Indischen Ozean für die Öffentlichkeit noch immer "off limits". Nicht einmal Anwälte oder das Rote Kreuz haben Zutritt zu den Hunderten Gefangenen, die dort unter härtesten Bedingungen einsitzen. Inzwischen werden die ersten Prozesse in den Straflagern vorbereitet. Die Washingtoner SPIEGEL-TV-Korrespondentin Karin Assmann erhielt jetzt Gelegenheit zum Besuch von Camp Delta in Guantanamo.
Von Karin Assmann

DER SPIEGEL 33/2003
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