11.08.2003

POLENErst Bagdad, dann Brüssel

Mit der Entsendung von 2300 Soldaten in den Irak als internationale Besatzungsmacht will Warschau seinen Einfluss auch in der Europäischen Union vergrößern. Die Postkommunisten zelebrieren die demonstrative Nähe zu den USA.
Der 31. Juli war im Irak ein gewöhnlicher Sommertag in den Zeiten des Guerillakrieges.
In Bagdad kletterte das Thermometer wie üblich auf über 50 Grad. Der Führer der irakischen Monarchiebewegung distanzierte sich demonstrativ von den USA, und im Land kursierte ein neues Droh-Tonband von Saddam Hussein.
Einen Tag zuvor waren im Irak zwei US-Soldaten getötet worden, fünf Kameraden verletzt. Gute Nachrichten? Mangelware. "Snafu" sagen die GIs zu solchen Tagen, eine in der Armee gebräuchliche Abkürzung für "Situation normal, all fucked up".
Doch für die Republik Polen war der 31. Juli mehr als nur "Snafu". Denn um 20.30 Uhr, eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, erlebte die polnische Armee in Hilla, etwa 80 Kilometer vor Bagdad, den ersten Feindbeschuss als Besatzungsmacht im Irak.
Drei 60-Millimeter-Mörsergranaten schlugen kurz hintereinander auf der Einfahrt zur alliierten Basis ein, zwei weitere detonierten neben noch unbewohnten Mannschaftsquartieren. Niemand aus dem 89 Mann starken Vorauskommando der polnischen Armee wurde verletzt. Die Gegner, vermutlich Saddam-treue Kämpfer, schießen sich noch ein.
Vom 3. September an tritt Polen zum ersten Mal als Besatzer auf. In Warschau meidet man diese Vokabel zwar und beschreibt den Einsatz von 2300 Soldaten im Zentralirak bei Babylon lieber als "Friedensmission" oder "humanitären Auftrag".
Hier zeige sich, "was für einen guten Ruf der polnische Soldat in der Welt genießt", tönte Ministerpräsident Leszek Miller stolz, als er das Vorauskommando der polnischen Wüstentruppe Anfang Juli in Breslau verabschiedete.
Doch dass die Wahl der Amerikaner bei der Suche nach Helfern im Irak auf die polnische Armee fiel, hat vielmehr mit der proamerikanischen Haltung der polnischen Regierung während des Kriegs zu tun.
Immer wieder lobt George W. Bush Polen als "treuesten Verbündeten" in Osteuropa. Dankbar hatte Warschau sich Washington schon vor dem Marsch auf Bagdad als Speerspitze des "neuen Europa" angedient und die USA während des Kriegs gegen Saddam geradezu angefeuert.
Eine Haltung, die der französische Präsident Jacques Chirac schließlich genervt als "ungezogen" geißelte. Doch die Beziehungen zwischen Polen und Amerikanern sind schon seit Jahrhunderten besonders eng. Polen sei das "proamerikanischste Land der Welt", glaubt Adam Michnik, Solidarnosc-Veteran und Chefredakteur der größten polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza".
Besuche in Polen sind Heimspiele für George W. Bush. "Für unsere und eure Freiheit" kämpfe Polen im Irak, schmeichelte der US-Präsident zuletzt bei seinem Besuch in Krakau den neuen Waffenbrüdern. Die Zeile ist in Polen so bekannt wie die Nationalhymne. Sie war das Motto polnischer Freiheitskämpfer, die an der Seite George Washingtons im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten kämpften und sich später revolutionären Bewegungen in Europa anschlossen.
Anti-Amerikanismus ist in der polnischen Gesellschaft praktisch nicht existent. Vorstellungen von Jürgen Habermas und anderer linker Intellektueller, nach denen Abgrenzung gegenüber den USA zur Kernidentität Europas gehöre, lehnt man in Polen angewidert ab.
Polen, das sich gerade mit großer Mehrheit für den Eintritt in die EU entschieden hat, will auf keinen Fall seine engen Bindungen nach Washington zur Disposition stellen. Gleichermaßen gute Beziehungen zu den USA und Europa seien kein Spagat, sondern eine Frage der Balance, glaubt Janusz Reiter, Leiter des Warschauer Instituts für Internationale Beziehungen.
Die Freundschaft mit der Supermacht USA war für Polen immer eine Lebensversicherung. Von europäischen Staaten wurde das Land dagegen meist überfallen, geteilt oder verraten, so die polnische Selbstsicht.
Fast neun Millionen Menschen bekennen sich in den USA zu ihren polnischen Wurzeln. Der Kapitalismus mit seinen Geschäftsmöglichkeiten erschien den flexiblen Polen auch zu Sowjetzeiten als praktikablere Gesellschaftsform.
Kritik an den USA wird deshalb nur selten geäußert. "Mein Land besetzt den Irak, weil es seinen Platz in Europa nicht finden kann", schrieb der Schriftsteller Andrzej Stasiuk. Auch der Warschauer Literaturhistoriker Zdzislaw Najder warnte seine Landsleute. Statt zum trojanischen Pferd der Amerikaner in Europa könne Polen rasch zum "trojanischen Esel" werden.
In dem Magazin "Wprost" wurden Stasiuk und Najder denn auch in die Nähe von Hochverrätern gerückt. Sie hätten die Nation im Ausland "lächerlich gemacht".
Polens Weg nach Brüssel ist beschwerlich - warum nicht die Abkürzung über Bagdad nehmen? Auf keinen Fall dürfe sich ein Reflex herausbilden, wenn es Probleme mit der EU gibt, sich umso stärker an die USA anzulehnen, warnt Reiter.
Doch sogar Polens Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz träumt schon vom "unmittelbaren Zugang zu Rohstoffen" im Irak. Am Wiederaufbau des Irak könne Polen drei Milliarden Dollar verdienen, ist in polnischen Gazetten zu lesen. Von solch unseriösen Behauptungen rückt man inzwischen wieder ab. Im Irak winken zur- zeit noch "keine Profite", erklärte vorsichtig der zivile Koordinator des polnischen Sektors, Marek Belka. "Uns geht es nicht um Profite", rückte auch Präsident Aleksander Kwasniewski seinen Landsleuten den Kopf zurecht. "Wir wollen der irakischen Nation helfen, einen modernen Staat aufzubauen."
Doch das Spekulieren über saftige Gewinnaussichten im Zweistromland tröstet die Polen über eine dürre Gegenwart hinweg. Denn nach anfänglichem Aufschwung in den neunziger Jahren steckt das Land nun in einer Misere. Das Wirtschaftswachstum sank von sieben auf zwei Prozent, fast jeder fünfte Pole sucht einen Job. Westliche Lebensqualität findet sich nur auf Wohlstandsinseln wie Warschau, Breslau oder Posen. Drumherum, auf dem Land, herrscht Armut. Manchmal auch Elend.
Vor vier Wochen erst hat die EU-Kommission wieder einen Mängelbericht geschickt. Strukturreformen sind ausgeblieben, viele EU-Standards werden noch immer nicht erfüllt, obwohl Polen schon nächstes Jahr der Union beitreten soll.
Polen geriert sich als Friedensschützer im Irak, hat aber seine europäischen Hausaufgaben nicht gemacht. Fast fünf Jahre lang strapazierte Warschau die Geduld der EU-Altmitglieder im Streit um Direktbeihilfen für die Bauern.
Dabei war Polen bisher nicht mal in der Lage, das für die Verwaltung der EU-Mittel nötige Computersystem IACS einzurichten. Im schlimmsten Fall kann das Geld eben nicht fließen, warnt die EU.
Brüssel nervt die Warschauer Regierung mit ständigen Forderungen um die Einhaltung von Normen. Aus Washington hören die Polen dagegen zurzeit nur Lobesgesänge. Schon sehen polnische Politiker die Rolle des Landes als die eines "Mittlers" zwischen dem alten Kontinent und der neuen Welt. Ein Anspruch, den man in der EU-Zentrale erstaunt, manchmal auch belustigt, zur Kenntnis nimmt - die Rolle ist seit langem von den Briten besetzt.
Der außenpolitische Ritterschlag durch die USA hat die Bilanz der Linksregierung von Premier Leszek Miller trotzdem deutlich verbessert. Auch können sich zur alten Nomenklatura gehörende Politiker wie Miller an der Seite des neuen großen Bruders am ehesten von ihrer kommunistischen Vergangenheit freisprechen.
Allein zehn Regierungsaffären um Korruption und Vetternwirtschaft zählte die Tageszeitung "Rzeczpospolita" seit Jahresbeginn. "Korruption ist in Polen eher die Regel als die Ausnahme", klagte Innenminister Krzysztof Janik unlängst im Parlament. Mit dem Einsatz in der Region um das historische Babylon lässt sich einstweilen trefflich von den hausgemachten Problemen ablenken.
Doch nach anfänglicher Euphorie dämmert den Polen inzwischen, dass der Job, den die Armee im Irak zu erledigen hat, brandgefährlich ist. In manchen Umfragen spricht sich eine knappe Mehrheit gegen das polnische Engagement aus.
"Die meisten Soldaten haben Angst vor Angriffen", räumt Major Zbigniew Spiewakowski ein. In kürzester Zeit musste sich seine Panzerbrigade auf den Einsatz im Irak vorbereiten.
Auf einem Militärübungsplatz in Stettin führt seine Truppe vor, was sie gelernt hat: Soldaten schreien "Feuer", springen vom Laster, schießen in die Büsche. Die Kameras des polnischen Fernsehens filmen fleißig mit, die Presseoffiziere sind zufrieden.
Ein zweiter Blick fördert Bedenkliches zu Tage. Die im Irak unverzichtbare Sandbrille eines Soldaten, extra für den Einsatz am Euphrat gefertigt, ist an den Seiten offen und somit unbrauchbar.
Solche Details verraten, dass die Planung der Polen eher hastig als sorgsam ablief. Die meisten Krankenschwestern, welche die Soldaten begleiten, haben nicht einmal Armeeerfahrung. Sie stammen aus normalen Hospitälern. Eine Krankenschwester verdient in Polen kaum mehr als 200 Euro monatlich - nun locken 1200 Dollar. Der hohe Sold war für die meisten Soldaten "ein wichtiges Argument, sich freiwillig zu melden", gibt ein Offizier zu. Die Panzerfahrzeuge in Stettin sind fabrikneu. "Die alten Kisten stehen hinter dem Hügel", erklärt leise ein deutscher Offizier vom Eurokorps in Stettin.
In Babylon strafte Gott Jahwe die Völker einst mit Sprachverwirrung. Dieses Problem könnte sich jetzt wieder stellen. Denn zu dem von Polen geführten Kontingent zählen unter anderen Mongolen, Ungarn und Ukrainer, hinzu kommen Soldaten aus Honduras und Nicaragua. Englisch ist zwar offizielle Kommandosprache. Nur: Wird sie auch von allen verstanden?
Eine Katastrophe wäre es, wenn der Einsatz im Irak misslänge, warnte Michniks "Gazeta Wyborcza" jetzt. Doch die Hoffnung ist groß, vom Sorgenkind der EU binnen eines Sommers zum respektierten Global Player und zum wichtigsten europäischen Partner der USA aufzusteigen.
Die Amerikaner trauen den Freunden von der Weichsel jedenfalls mehr als allen anderen Regierungen des alten Kontinents. Und in der US-Vertretung an Warschaus prächtigem Boulevard Aleje Ujazdowskie ist das Kerzenmeer nicht vergessen, das am Abend des 11. September 2001 vor den schmiedeeisernen Gittern der Botschaft brannte. Nachts sangen Hunderte Polen die amerikanische Nationalhymne - mit einer Inbrunst, die sonst nur ihrer eigenen vorbehalten ist. CLAUS CHRISTIAN MALZAHN, JAN PUHL
Von Claus Christian Malzahn und Jan Puhl

DER SPIEGEL 33/2003
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