11.08.2003

TSCHETSCHENIEN„Nur noch Rache im Sinn“

Russlands Ex-Parlamentschef Ruslan Chasbulatow über die Welle der Selbstmordattentate, die geplante Präsidentenwahl und die drohende Ausweitung des Kaukasus-Konflikts
Der Tschetschene Chasbulatow, 60, wurde in Grosny geboren und musste unter Stalin als Zweijähriger mit seiner Familie in die Verbannung nach Kasachstan. Präsident Boris Jelzin ließ den Ökonomieprofessor 1991 zum Vorsitzenden des russischen Parlaments aufsteigen. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Ruslan Imranowitsch, kaum hat der Geheimdienst FSB die "antiterroristische Operation" in Tschetschenien für "beendet" erklärt, kommen bei einem neuerlichen Sprengstoffanschlag in der Garnisonsstadt Mosdok 50 Menschen ums Leben. Glaubt Präsident Putin selbst an jene "Normalisierung", die er seit Monaten verkünden lässt?
Chasbulatow: Vier Jahre dauert der zweite Tschetschenien-Krieg nun schon, und die Kämpfe zwischen Militärs, tschetschenischen Paramilitärs und Partisanen werden wieder stärker. Die Front ist überall. Das bestätigt meine schlimmsten Prognosen: Je mehr eine Lösung des Konflikts hinausgezögert wird, umso erbitterter wird er. Die grausame Abrechnung der russischen Truppen mit der Zivilbevölkerung, die Morde, Vergewaltigungen, Verschleppungen haben bislang völlig Unbeteiligte zu den Waffen gezwungen. Sie haben nur noch Rache im Sinn und können den Russen nichts verzeihen.
SPIEGEL: Eine Radikalisierung in Tschetschenien ist also unausweichlich?
Chasbulatow: Die Lage wird immer komplizierter, und genau das verstehen die Kreml-Analytiker nicht. Seit zwölf Jahren hat sich dort ein Wust an Problemen angesammelt, mit denen auch Putin nicht klarkommt. Er will sie jetzt mit Hilfe eines völlig inakzeptablen Mannes lösen.
SPIEGEL: Sie meinen Moskaus Verwaltungschef Achmat Kadyrow, der mit seiner 3000 Mann starken Leibgarde Tschetschenien drangsaliert und sich im Oktober zum Präsidenten wählen lassen will?
Chasbulatow: Der hat, als er noch auf Seiten der Rebellen war, als oberster Mufti den Heiligen Krieg ausgerufen und jedem tschetschenischen Jungen eingebläut, er müsse mindestens 150 Russen umbringen. Sein Regime ruft Wut und Enttäuschung unter den Leuten hervor.
SPIEGEL: Über 200 Menschen sind in den letzten Monaten durch Selbstmordattentäter getötet worden - lebende Bomben, wie wir sie bisher nur aus Nahost kennen. Droht eine "Palästinisierung" des Konflikts?
Chasbulatow: Das ist lächerlich. Es gibt keinerlei "Palästinisierung", "Arabisierung" oder "Afghanisierung". Das tschetschenische Volk ist eines der ältesten auf der Welt, es hat seine Religion, seine Traditionen - und die widersprechen einem solchen Kurs. Übrigens ist gar nicht erwiesen, dass jeweils Tschetschenen hinter den Anschlägen steckten. Die Explosionen lassen nie etwas übrig - eigenartigerweise aber findet sich meist ein unversehrter tschetschenischer Pass am Tatort.
SPIEGEL: Aber hören Sie, bei dem Anschlag auf das Moskauer Rockkonzert im Juli gibt es doch gar keinen Zweifel ...
Chasbulatow: Manche Tschetschenen werden durch Extremisten wie Schamil Bassajew auf solche Aktionen getrimmt, mit Drogen voll gestopft und nach Moskau geschickt. Die wirken wie ferngesteuert. Doch die Realität in Tschetschenien ist so entsetzlich, da hinkt jeder Vergleich mit Nahost. Moskaus Truppen haben in neun Jahren ungleich mehr Tod und Leid nach Tschetschenien getragen als die Israelis seit 1948 in die palästinensischen Gebiete.
SPIEGEL: Das lässt sich schwer gegeneinander aufrechnen.
Chasbulatow: Nur ein Beispiel: Im Kreis Urus-Martan gab es einen besonders grausamen Kommandanten. Er hatte viele Morde auf dem Gewissen, viele Folterungen. Die Witwe eines der Opfer drang zu ihm vor, erschoss ihn und nahm sich dann selbst das Leben. Wollen Sie das "Palästinisierung" nennen?
SPIEGEL: Eher tschetschenische Blutrache.
Chasbulatow: Ja, kein Mörder darf seiner Strafe entgehen. Mit Zehntausenden Rachsüchtigen kann Russland rein physisch nicht mehr fertig werden. Die Leute sagen: Selbst Stalin hat uns nicht so geschunden wie später Jelzin und Putin. So weit ist es gekommen mit diesem Volk: Es hält Stalin im Nachhinein fast für einen Demokraten.
SPIEGEL: Nun gibt es sehr unterschiedliche Kräfte in Tschetschenien: den gemäßigten Ex-Präsidenten Aslan Maschadow, Extremisten wie Bassajew oder den Saudi-Araber Abu al-Walid, der mit internationalen Terrorstrukturen verbunden ist. Die Radikalen erlangen immer mehr Gewicht.
Chasbulatow: Das stimmt. Aber der Einfluss der Araber ist Legende, sie sind bestenfalls Geldüberbringer und -verteiler. Es gibt keinen "Kommandeur" Abu al-Walid. Meine Quellen sagen, dass sich mindestens drei Leute Abu al-Walid nennen. Einer ist ein übergelaufener russischer Fähnrich.
SPIEGEL: Also keinerlei Zusammenhang mit dem internationalen Terrorismus?
Chasbulatow: Das ist eine der Kreml-Lügen, um die Unterstützung des Westens zu erhaschen. Sicher versuchen manche internationale Organisationen, mit ihrem Geld den Konflikt weiter anzuheizen. Doch einen festen organisatorischen Zusammenhang mit Terrornetzen sehe ich nicht.
SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, diese Gelder sind eine bloße Solidaritätsspende der Araber für ihre Glaubensbrüder?
Chasbulatow: Der Anschlag am 11. September 2001 in New York war durch nichts provoziert, dahinter steckt eine Ideologie, die die Welt aus dem Gleichgewicht bringen will. In Tschetschenien dagegen verteidigt ein Volk sein eigenes Land.
SPIEGEL: Haben Leute wie Bassajew überhaupt noch ein politisches Ziel?
Chasbulatow: Bassajew ist ein Pirat, dem Krieg Spaß macht. Viele Tschetschenen halten ihn für einen russischen Agenten. Sein ungehinderter Einmarsch 1999 nach Dagestan, der den Anlass für den zweiten Krieg lieferte, ist für sie der Beweis. So wie die von Bassajew inspirierte Geiselnahme im Moskauer "Nord-Ost"-Theater - die genau in jenem Moment passierte, als wir vergangenes Jahr Putin fast so weit hatten, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.
SPIEGEL: Diese Aktion kam auch anderen Leuten entgegen, in Putins Umgebung.
Chasbulatow: Russischen Generälen natürlich, die aus dem Krieg Gewinn ziehen. Die Rüstungsproduktion blüht, und der Staat wird wieder militarisiert. Folgen sind: eine erneute Gleichschaltung der Medien oder die wieder einsetzende Jagd auf private Wirtschaftsbosse. Keine Verhandlungen - da decken sich die Interessen tschetschenischer Extremisten mit denen Moskauer Falken.
SPIEGEL: Ist es nicht an der Zeit, dass die tschetschenische Gesellschaft sich klar von den eigenen Extremisten abgrenzt?
Chasbulatow: Leider verweigern selbst Männer wie Ex-Präsident Maschadow jede Einsicht. Ich habe ihm offen gesagt: "Du bist der Hauptschuldige am zweiten Krieg. Du bist, als er ausbrach, nicht nach Dagestan gegangen, um dem Brudervolk die Hintergründe zu erklären. Du bist auch nicht zu Jelzin oder Putin geflogen. Du hast geschwiegen, wolltest die Sache aussitzen. Und das hat Moskau ausgenutzt."
SPIEGEL: Maschadow hatte auch zwischen den Kriegen das Land nie im Griff.
Chasbulatow: Ja, er hat den extremistischen Gruppierungen das Ruder überlassen.
SPIEGEL: Deswegen behauptet der Kreml auch, er habe in Tschetschenien keine ernsthaften Verhandlungspartner mehr.
Chasbulatow: Das nun ist absurd. Wenn Sie jemanden haben, gegen den Sie Krieg führen, gibt es wohl auch einen, mit dem Sie über den Frieden sprechen können.
SPIEGEL: Putins Absicht ist es, die Rebellen ins politische Aus zu drängen - mit einer neuen Verfassung, einer Amnestie und der Präsidentenwahl. Kann das funktionieren?
Chasbulatow: Ich glaube nicht, dass Wahlen etwas bringen. Selbst wenn Kadyrow - wie auch immer - gewählt wird: Es wird keine Stabilität geben, weil eine halbe Million Menschen ohne Arbeit sind, Zehntausende ohne Unterkunft sind und weil die Kinder nicht zur Schule gehen. Und Russland hat nicht die Milliarden, um zu helfen. Das geht nur mit internationaler Unterstützung, wie ich sie in meinem Friedensplan fordere.
SPIEGEL: War der Kreml darüber informiert, als Sie vorigen Sommer in den USA Gespräche führten und sich später in Liechtenstein erstmals offiziell mit Vertretern der Rebellen trafen?
Chasbulatow: Ja. Damals gab es reale Chancen für einen Durchbruch. Mein Vorschlag ist: eine international abgesicherte Autonomie für Tschetschenien wie die für Südtirol oder die Färöer-Inseln - also keine völlige Unabhängigkeit, keine Staatsgrenze, Auflösung aller Privatarmeen, Festhalten am russischen Rubel und der gemeinsamen Staatsbürgerschaft. Dafür aber selbständige außenwirtschaftliche Beziehungen und eigene Personalhoheit. Wäre das ein Abstrich an der Würde Russlands? Maschadow hat diesem Plan zugestimmt.
SPIEGEL: Nur in Teilen. Sein "Außenminister" fordert eine internationale Schutztruppe und Übergang zu einem selbständigen Staat. Da macht Moskau niemals mit.
Chasbulatow: Von welchem "Außenminister" reden Sie? In der Maschadow-Truppe darf offenbar jeder seinen Senf dazutun. Aber zivile internationale Beobachter brauchen wir schon. Leider haben die sonst so christlichen Führer des Westens längst ihren Deal mit Moskau gemacht und die Tschetschenen abgeschrieben.
SPIEGEL: Ihre Vorschläge sind inzwischen Geschichte. Seit der "Nord-Ost"-Geiselnahme lehnt der Kreml Verhandlungen ab.
Chasbulatow: Und auch Maschadow sagt, er werde keinerlei Verhandlungen mehr anbieten. Ich sehe selbst keine Möglichkeiten mehr dafür. Die Putin-Truppe zeigt keinen Mut, den Krieg zu beenden. Sie spielt auf Zeit. Dabei weiß sie durchaus, dass Tschetscheniens Eigenständigkeit in 5, 10 oder 15 Jahren kommen wird.
SPIEGEL: Weil niemand in Moskau politische Verantwortung übernehmen will, sterben weiter jede Woche Dutzende junger Soldaten am Kaukasus. Und die russische Öffentlichkeit schweigt.
Chasbulatow: Unsere Gesellschaft ist noch immer eine Gemeinschaft von Sklaven. Schon die Zaren haben wie Asiaten regiert: mit der Knute. Je mehr der Russe geprügelt wurde, umso mehr liebte er seinen Herrn. Die Niederlage Napoleons im Russland-Feldzug 1812 war eigentlich eine Tragödie: Hätte er gesiegt, wäre Russland den Weg zu einer normalen europäischen Zivilisation gegangen. Aber so wurde bei uns die Leibeigenschaft 100 Jahre später abgeschafft als anderswo auf dem Kontinent. Und deswegen muss wohl auch in Tschetschenien alles weitergehen wie bisher.
SPIEGEL: Wie denn?
Chasbulatow: Wenn Moskau wirklich Kadyrow an die Macht kommen lässt, dann ist Tschetschenien endgültig verloren. Dann könnte der Konflikt auf benachbarte Republiken übergreifen. Dann tobt bald ein Partisanenkrieg zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer.
SPIEGEL: Sie könnten das Blatt ja wenden, wenn auch Sie sich im Oktober um den Präsidentenposten bewerben.
Chasbulatow: Ich habe die Absicht. Bis zum 21. August muss ich mich entscheiden.
INTERVIEW: UWE KLUSSMANN, CHRISTIAN NEEF
Von Uwe Klussmann und Christian Neef

DER SPIEGEL 33/2003
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