11.08.2003

INDONESIENKampf der Märtyrer

Jakartas Sicherheitskräfte bekommen den Terror nicht in den Griff. War der Anschlag auf das Marriott-Hotel Auftakt einer größeren Attentatsserie?
Justizangestellte und Journalisten nannten ihn den "lächelnden Bomber". Wenn Amrozi Bin Nurhasyim, 41, nicht lauthals Allah lobte oder ein selbst gedichtetes Liedchen trällerte ("Vernichtet das Christenpack"), grinste er meist stumm in Richtung Zuschauerbank.
Seit Mitte Mai wurde vor dem höchsten balinesischen Gericht gegen Amrozi verhandelt. Er galt als verantwortlich für die Anschläge auf zwei Nachtclubs am 12. Oktober 2002, denen 202 Menschen zum Opfer fielen. Die gute Laune verging ihm nicht einmal am vorigen Donnerstag, als ihn das fünfköpfige Richtergremium wegen Terrorismus zum Tode verurteilte. Der Mann mit dem weiß-grünen Häkelkäppchen fühlt sich nämlich als Märtyrer im Dschihad gegen den Westen: "Die Krieger werden andere Namen tragen, aber ihr Kampf bleibt derselbe." Hoffentlich würden möglichst viele "Weiße" ihr Leben lassen.
Einen Vorgeschmack dessen, was da auf die mit 188 Millionen Muslimen größte islamische Nation der Erde zukommen kann, gab ein Terrorkommando vergangenen Dienstag in der Hauptstadt Jakarta. Es war 12.45 Uhr, als ein mit Sprengstoff gefüllter metallicblauer Toyota-Minibus vom Typ Kijang die Auffahrt zum Fünf-Sterne- Hotel Marriott hinaufrollte, das im Banken- und Botschaftsviertel Kuningan liegt. Der hoteleigene "Syailendra Coffee Shop", mit offener Glasfront zur Straße, war voll besetzt mit Angestellten aus den benachbarten Bürotürmen, mit ausländischen Bankiers, Diplomaten und Touristen.
Eine gewaltige Explosion erschütterte die 333-Betten-Burg und riss einen Krater von zwei Meter Länge und einem Meter Tiefe. Mindestens 14 Menschen starben, mehr als 150 wurden verletzt. Es war die 21. Detonation dieser Art in der Neun-Millionen-Metropole seit dem Sturz des Diktators Suharto im Sommer 1998. Fünf Bomben gingen allein dieses Jahr hoch, eine sogar im Parlament.
Für die Polizei in Jakarta besteht wenig Zweifel, dass die radikal-islamistische Gruppe Jemaah Islamiah (JI) Urheber des jüngsten Anschlags ist. Der Angriff auf das Marriott, wo die US-Botschaft am 4. Juli noch zum amerikanischen Nationalfeiertag eingeladen hatte, trug dieselbe Handschrift wie die Attentate von Bali.
Auch die Marriott-Bomber benutzten die indonesische Version eines Toyota-Minibusses. Ganz legal wurde das Fahrzeug zwei Wochen zuvor gekauft. Die Sprengstoffreste, die indonesische Ermittler zusammen mit australischen Kollegen von dem Wrack am Tatort kratzten, offenbarten die gleiche Mischung aus Düngemittel und TNT, die zehn Monate zuvor auf der Amüsiermeile Kuta vor allem Touristen, darunter sechs Deutsche, tötete.
Ein anonymer Anrufer bei der Singapurer Tageszeitung "The Straits Times", der sich als JI-Sprecher ausgab, erklärte am Mittwoch, das Attentat sei als eine Warnung an Präsidentin Megawati Sukarnoputri gedacht: "Mehr Bomben werden folgen, wenn sie nur irgendeinen muslimischen Bruder hinrichten lässt."
Dass weitere Anschläge drohten und das Marriott besonders gefährdet war, wussten Indonesiens Sicherheitskräfte spätestens seit Mitte Juli. Bei Razzien fand die Polizei in konspirativen Häusern der JI vier Kisten TNT, 1000 Zünder, ferner schwere Waffen wie M-16-Gewehre und Raketenwerfer, dazu Aufzeichnungen über mögliche Ziele in der Hauptstadt.
Noch immer aber will oder kann der Staat den mutmaßlichen Kopf der Gruppe, Abu Bakar Ba'asyir, 64, nicht als direkt Verantwortlichen für die Horrortat von Bali belangen. Bis zu seiner Verhaftung im November 2002 schürte der weißbärtige Prediger in seinem muslimischen Internat in der zentraljavanischen Stadt Solo den Hass auf den Westen und pries Osama Bin Laden: "Er verbreitet nicht Terror, sondern kämpft aufrichtig für den Islam." In Jakarta steht Ba'asyir derzeit als Urheber von Bombenanschlägen gegen Kirchen im Jahre 2000 sowie wegen versuchten Umsturzes zur Errichtung eines islamischen Staates vor Gericht, nicht aber wegen Bali.
Ba'asyir leugnet hartnäckig, überhaupt den Vorsitz der Gruppe zu führen, und hat damit bislang Erfolg. Dabei trommelte er vor 1998, im selbst gewählten Exil in Malaysia, nachweislich zweimal die radikalsten Islamistengruppen Südostasiens zusammen. Er warb bei den Treffen für seine irrwitzige Idee eines Kalifenstaats von Burma bis Australien und rief, wie Anwesende bezeugen, als JI-Vorsitzender auch zu Selbstmordattentaten gegen westliche Botschaften und Ungläubige auf, vor allem US-Bürger und Australier.
Am Rande, sagen Geheimdienstler, hätten JI-Mitglieder auch mit "Offizieren von Bin Laden" konferiert. Im Frühjahr 2002 seien Vertreter derselben Gruppen im Süden Thailands erneut zusammengekommen, um Angriffe gegen "weiche Ziele" wie Hotels und Nachtclubs in der Region zu billigen.
Es sei wohl das Beste, um Jakarta einen Bogen zu machen, rät Australiens Außenminister Alexander Downer. "Der Kampf gegen den Terror in Südostasien ist nicht mit einem Sprint erledigt. Es wird ein Marathonlauf." JÜRGEN KREMB
Von Jürgen Kremb

DER SPIEGEL 33/2003
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