11.08.2003

HITZEStille Tage in Carujo

Die Flammenwalze in Portugal hat große Teile des Waldes vernichtet, immer neue Brandherde ängstigen die Bauern. Naturgewalt, Brandstiftung oder Misswirtschaft - die Diskussion über die Ursachen der Katastrophe produziert wilde Gerüchte. Von Ullrich Fichtner
Die Hühner eingerechnet zählt Carujo in der Woche danach 28 Köpfe weniger. Sie verbrannten bei lebendigem Leib, 20 Stück, dazu 2 Schweine und 6 Schafe. Die Tiere waren der Reichtum von João Henriques Farinha, seine Familie steht vor einem bitteren Winter, ohne Hühner keine Eier, ohne Schafe keine Wolle, ohne Schweine kein Fleisch und kein Leder. "Der Teufel", wie sie sagen, hat sich den Stall am Ortseingang geholt. Dazu den Opel Corsa, der daneben stand, den alten VW Passat und die Kreidler Florett.
Drei Häuser hat Carujo. Ganz unten, im engen, 100 Meter tiefen Tal, am nächsten zum namenlosen Bach, wohnt João Farinha mit Fernanda und einigen ihrer neun Kinder. Steil darüber wohnen die Alves in den zwei anderen Häusern, José Cristóvão und Carma, sie haben 6 Kinder, dazu 13 Enkel. Carujo hat außerdem zwei Ställe, drei Schuppen und fünf schmale Terrassenfelder, auf denen Oliven wachsen, Bohnen, Kartoffeln, Kürbisse, Mais.
Als Kirche dient das Esszimmer der Alves mit der Gips-Maria auf dem Kaminsims. An den Wänden hängen Abreißkalender von Autowerkstätten neben Christusbildern, deren Heiligenscheine aus blinkenden Lämpchen gemacht sind. Jeden zweiten Mittwoch kommt ein fahrender Händler, der Putzmittel verkauft, Seife, Reis. Alle 20 Jahre kommt der Teufel.
Die Wohnzimmeruhr aus Plastik mit den Papierrosen hinter Glas zeigte vier Uhr am Sonntagnachmittag im Haus der Alves, als das Feuer über den Hügelkamm im Süden sprang. Zuvor schon hatten sie es kommen hören, es war das Geräusch eines Brodelns, als würde der Boden kochen, laut wie ein Flugzeug. Nun zeigte sich der Brand droben, über dem Haus, er hatte schon Stunden zuvor seine Hitze vorausgeschickt und die Sonne verdunkelt, als zögen schwarze Gewitter auf.
Die Flammen stiegen den Pinienwald herab in rasender Eile, sie fraßen sich prasselnd durch die trockenen Sträucher und
Büsche im Unterholz, immer direkt auf Carujo zu. Binnen Minuten waren die 200, 300 Meter Weg zu den Häusern erledigt, haushoch wirbelten die Flammen durch den Wald, aber dann sprangen sie über Carujo hinweg, 40, 50 Meter weit auf die andere, nördliche Talseite, "der Jungfrau Maria sei Dank", sagt Carma Alves.
Es war nicht die Jungfrau, es waren die Familien von Carujo, die den ganzen Tag über die Häuser mit Wasser besprengt hatten. Den Sonntag von morgens an hatten sie den Weiler gewässert, hatten die große Pumpe an den Brunnen gestellt und aus dicken Schläuchen die Hausdächer getränkt, die Scheunen, die Schuppen, die Beete, die Oliventerrassen. Den südlichen Hügel hinauf hatten sie Bäume gefällt, große Pinien, um dem drohenden Feuer die Nahrung zu nehmen, das war keine leichte Entscheidung, weil das Holz einer Pinie 35 Euro bringt, aber sie schnitten sie trotzdem.
Und wirklich: Als die Flammen kamen, machten sie einen Bogen um Carujo, "der Teufel" sparte den nassen Weiler aus, nur den Stall am Ortseingang holte er sich, die Hühner, Schweine und Schafe, dazu die Autos und das Moped, aber der ganze Rest des Ortes liegt jetzt da wie eine Oase in schwarzer Wüste, eine grüne Insel in einem Meer aus Asche bis zum Horizont.
Die Alves und die Farinha, sie flohen, als das Feuer über sie kam, sie zwängten sich in den Hyundai-Kombi und den Mitsubishi-Kastenwagen, über ihnen ein Sturm aus Hitze und Funken, und zum Glück wurde auch Jolli gerettet, die verfilzte graue Pudelmischung. Zwei Stunden später, als die Feuerwalze weitergezogen war, kehrten sie wieder. Die Bilder im Stall waren wie aus einem Alptraum. Und Jorge Miguel, der 23-jährige Alves, weinte laut um sein Moped.
Carma Alves trägt ein rotweiß-blaues T-Shirt unter der Kittelschürze, Stars and Stripes, und sie weiß dabei nicht, dass sie die US-Flagge spazieren trägt. Es gibt einen Fernseher im Haus, aber sie schauen nicht viel hinein. Eine Zeitung gibt es in Carujo nicht. Und außer der Bibel kein Buch. So wissen die Familien nur vom Hörensagen, dass dies Portugals schlimmster Sommer sei, ein August der nationalen Katastrophe.
Anfang vergangener Woche zählte die Feuerwehr 72 Brände, im Wochenverlauf wurden es 50, davon am Donnerstag noch 9 außer Kontrolle. Die Rede ist von fast 60 000 Hektar vernichteten Waldes, eine enorme Fläche. Der Himmel über Zentralportugal ist dieser Tage, obwohl wolkenlos, verschleiert durch den Rauch der Brände, es gibt Satellitenfotos der Nasa, die Portugal unter der Rauchwolke zeigen, fast die Hälfte des Landes bedeckt.
Der Tejo markiert wie eine Mittelachse das Zentrum der schlimmsten Großfeuer, von Santarém nach Abrantes nach Castelo Branco stehen die Bäume auf Hunderten Kilometern wie nackte Lanzen in Feldern aus Asche, von hier aus nach Norden und Süden wüteten die Brände seit Juni schon, immer wieder, kleine und größere, sie suchten auch die Distrikte Portalegre und Leiria heim, Coimbra und Guarda, Evora und Beja, und noch lange sind nicht alle Brandherde gelöscht, im Gegenteil, neue Feuer flackern immer wieder auf.
Am Donnerstag, als die Feuerwehr, die Lokalzeitungen und die Nachrichtenagenturen weltweit eben von "Entspannung" berichteten, fand sich wie aus dem Nichts das Dorf Maxial in der Nachbarschaft Carujos von neuen Großfeuern eingekreist. Auf gewiss 500 Hektar Fläche verbrannte ringsum der Wald aus Pinien und Eukalyptus, und nur weil die durch Lissabonner Kräfte verstärkte Feuerwehr aus dem nahen Sertã sehr schnell am Ort war, blieb Maxial heil.
Dort war aufs Neue zu bezeugen, dass die Fernsehbilder von den Bränden in die Irre führen, weil sie den Betrachter doppelt täuschen über die wirkliche Beschaffenheit der großen Feuer. Die gefilmten Bilder übertreiben die Situation einerseits maßlos, weil sie glauben machen, ganz Portugal stehe lichterloh in Flammen, was ein völlig falscher Eindruck ist. Zugleich aber verniedlichen sie das Geschehen auch, weil sie nichts ahnen lassen von der wirklichen Gewalt und der Furcht erregenden Größe eines Waldbrands, von der archaischen Wucht des Feuers.
Am Donnerstag in Maxial breitete sich angesichts der nahenden Flammen Panik aus, die Einwohner liefen schreiend durch die Gassen auf der Suche nach Löschwasser, und Männer verstrickten sich in Schlägereien um Eimer und Schläuche, während alte Frauen und Kinder weinend dabeistanden und lauthals Gebete in den Himmel jammerten.
Die Menschen der Gegend eben, seit Wochen nun, in einer Situation des Ausnahmezustands. Der August, normalerweise der Monat großer Dorffeste, weil die Arbeiter aus Luxemburg, Frankreich und Deutschland zum Heimaturlaub kommen, bringt dieses Jahr nur Angst und Trauer. Die Feste sind in der Gegend um Sertã und Oleiros alle abgesagt, niemand will feiern, wenn der Tod vor der Tür steht.
Anfang vergangener Woche ist von der Regierung offiziell für das ganze Land Katastrophenalarm gegeben worden. Und Mitte der Woche forderte die Regierung von Ministerpräsident Durão Barroso Geld aus der EU-Kasse und Flugzeuge und Hubschrauber von der Nato.
Löschflugzeuge ziehen ihre Bahn über den zentralen Regionen, Hubschrauber mit angehängten Wasserbeuteln fliegen winzig um die gewaltigen Rauchsäulen. Aber diese Katastrophe ist nicht, wie es den Anschein hat, ohne jeden Vergleich. Es verbrannten, 1991, mehr als 125 000 Hektar Wald in Portugal, es verbrannten, 1995, mehr als 87 000 Hektar, 1998 waren es mehr als 57 000. Was Portugal derzeit erlebt, ist nicht die Katastrophe schlechthin, sondern schon wieder eine neue.
Bei der Suche nach Ursachen haben sich Regierung und Feuerwehr früh auf Brandstiftung als eine Hauptursache festgelegt, aber sehr überzeugend ist diese These nicht. Zwar stehen im ganzen Land mittlerweile 27 Männer unter Verdacht, Brände gelegt zu haben, zwar sitzen 9 Männer deshalb in Untersuchungshaft, aber warum jemand "aus wirtschaftlichen Gründen" ein solches Inferno anzetteln sollte, dafür sind bislang noch keine guten Argumente genannt.
Wilde Gerüchte gehen ansonsten um in den versteckten Dörfern der Serra de Alvelos, wo Carujo dahindämmert und viele andere kleine Dörfer, die mitten in Europa ohne fließend Wasser leben, ohne Toiletten und manchmal sogar ohne Strom und Telefon. Es geht die Rede um seit ein paar Tagen, dass Osama Bin Laden hinter allem steckt. Al-Qaida wolle Spanien bestrafen für seine proamerikanische Haltung und lege deshalb Feuer im Nachbarland, die nun auf Portugal übergegriffen hätten. Solche Erklärungen zeigen nur, wie groß und drückend die Verzweiflung mittlerweile ist.
Der Wald in der Gegend von Carujo liefert bessere Gründe, warum Portugal wieder und wieder brennt. Die Portugiesen, die kleinen Grundbesitzer zumal, von denen es Zehntausende gibt, lassen die Natur sorglos verwildern.
Wo das Feuer aus reinem Zufall, weil der Wind sich drehte oder weil es sich selbst verzehrte, Flächen verschont hat, breitet sich eine Art trockener Urwald aus, undurchdringlich besetzt mit dichtem Unterholz aus spröden Büschen und Sträuchern, die jedem Feuer Zunder geben.
Es fehlt an Schneisen durch den Wald, an Windkanälen, es fehlt an Förstern, weil die Einheiten viel zu klein sind und sich jeder Waldbesitzer selbst der Nächste ist. Die Alves und die Farinha, das Dorf Carujo hatte vielleicht zehn Hektar Wald, sie wissen es selbst nicht genau. Aber an diesem Wald ist, außer dass Bäume für den Verkauf geschlagen wurden, nie gearbeitet worden. Er wuchs einfach, wie von selbst. Und er brachte gutes Geld, ohne Geld zu kosten.
Nun sitzen die Familien im Schatten zwischen den Häusern herum und träumen in den Tag hinein von besseren Zeiten. Filip, einer der 16-jährigen Alves-Zwillinge, der im Frühjahr mit dem Bein in den Mähdrescher kam und seither humpelt, führt eine Ziege vor, ohne zu lachen.
"Es war ein furchtbares Jahr bislang", sagt Carma Alves, und darauf wischen sich alle im Raum, die Schwägerin, die Großtante und José Cristóvão, Carmas Mann mit dem Leberschaden und den gelben Augen, tief atmend über die Augen.
Draußen ist es totenstill. Das Feuer hat alle Blätter verbrannt, alle Insekten verschluckt, alle Vögel vertrieben. Es ist kein einziger Laut zu hören, nur das Ticken der Uhr. Sie hängt dort, goldgerahmt, hinter Glas Papierblumen. Es ist das Einzige, was noch blüht im Tal von Carujo.
* Hintere Reihe: José Alves, João Alves, Jorge Alves; vordere Reihe: João Farinha, Fernanda Farinha, Carma Alves, Maria Alves.
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 33/2003
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