11.08.2003

BURMA (MYANMAR)Der goldene Gulag

Trotz verschärfter Sanktionen durch die USA und die EU halten die Generäle von Rangun die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi im Gefängnis, machen sich als Drogendealer verdächtig und rekrutieren Tausende Kindersoldaten. Wer kann sie stoppen? Von Erich Follath
Ein bisschen traurig sieht er aus, der große weiße Elefant. Schleppt sich, von seinen Fußfesseln behindert, über die Bühne des eigens für ihn errichteten Gold-Pavillons. Schüttelt sich, wenn wieder einmal parfümiertes Wasser über seinen gewaltigen Körper gesprüht wird. Der Koloss kann offensichtlich keinen Gefallen finden an seiner Rolle als Superstar, und manchmal, wenn sich gerade wieder Kadetten der Militärakademie oder eine Abordnung von Klosterschülern vor ihm verneigen, trompetet er einen markerschütternden Klagelaut.
Der große weiße Elefant ist der neueste Stolz der burmesischen Generäle. Sie haben Hunderte Spähtrupps in die Dschungel geschickt, um eines der extrem seltenen Albino-Tiere zu finden. Als die Soldaten vor einigen Monaten nahe der Grenze zu Bangladesch fündig wurden, verfrachteten sie den Elefanten in die Hauptstadt Rangun und bauten ihm, ganz in der Nähe des internationalen Flughafens, einen Schrein mit verzierten Säulen und geschnitzten Torbögen. Das Gelände ist mit Stacheldraht gesichert, waffenstarrende Posten bewachen die beiden Eingänge.
Für die Militärherrscher ist der Dickhäuter ein wichtiges Pfund. Weiße Elefanten haben burmesischen Herrschern immer erst ihre göttliche Legitimität verliehen, standen für Wohlstand und Entwicklung. Bevor die britischen Kolonialherren 1885 mit der Einnahme von Mandalay das ganze Land eroberten, hielten die letzten Könige Mindon und Thibaw die symbolträchtigen Tiere noch in einem Palast; für ihr Wohlergehen zuständig waren 30 Aufseher und ein Elefanten-Minister.
Ob die Generäle von Rangun an alte Legenden glauben, darf bezweifelt werden. Sie gelten nicht als sentimental, sondern als berechnend und brutal. Aber sie nutzen jede Tradition und jeden Aberglauben, um ihre Macht zu sichern. Und gelegentlich schreiben sie auch die Geschichte um: Seit 1989 soll der Staat nach ihrem Willen Myanmar heißen - um das koloniale Erbe zu tilgen und um die Dominanz der Mehrheits-Ethnie zum Ausdruck zu bringen. Gleichzeitig war das ein Angriff gegen die "verwestlichte" Opposition, die sich dem Namensdiktat nie beugte.
Während die Militärherrscher jetzt den weißen Elefanten fürsorglich pflegen lassen, springen sie mit ihren politischen Gegnern ganz anders um. Die Symbolfigur des Widerstands, die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, haben sie jahrelang unter Hausarrest gehalten, dann freigelassen und bespitzelt. Am 30. Mai wurde sie in einer dramatischen Aktion festgenommen, Dutzende ihrer Anhänger starben. Suu Kyi, 58, sitzt trotz internationaler Proteste bis heute streng abgeschirmt in einer Einzelzelle; "Schutzhaft" nennen das die Machthaber zynisch.
Die Schergen des Regimes haben die Nobelpreisträgerin zunächst nach Insein gebracht, in den berüchtigtsten Kerker des Landes, nur einige Kilometer von dem neuen Elefanten-Pavillon entfernt. Der Uno-Sondergesandte Razali Ismail, der sie dort besuchen konnte, sprach von "unsäglichen Haftbedingungen". Inzwischen wurde Suu Kyi ins Militärlager Yemon verlegt. Besorgte Diplomaten wies die Junta über regierungsamtliche Zeitungen in Schranken: "Mischen Sie sich nicht ein, das geht keinen Ausländer etwas an."
Was macht man mit einem Regime, das so provozierend alle internationalen Normen verletzt? Darf man den Menschen mit Handel und Hilfsgütern helfen, auf die Gefahr hin, die Unrechtsherrschaft so zu stärken? Sollen Touristen das Land boykottieren - oder gerade erst recht besuchen?
Manchmal erscheint es, als wollte Burma mit Nordkorea oder Liberia in einen Wettbewerb um das grausamste Regime der Welt eintreten. Ranguns Armee habe die "wohl größte Anzahl von Kindersoldaten unter Waffen, an die 70 000, einige erst elf Jahre alt", konstatiert die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Nach Ermittlungen des Internationalen Währungsfonds leben bis zu 40 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, mehr als jedes zehnte Kind stirbt. Und während der Militäretat ständig steigt, gibt das Regime im-
mer weniger für Bildung aus - 0,15 Prozent des Bruttosozialprodukts. Nichts fürchtet das Regime so wie eine Rebellion von Studenten und versucht deshalb, jedes Wissen, jedes selbständige Denken zu unterdrücken.
Burma gilt als so korrupt und uneffizient regiert, dass es beim "Weltreport der Wirtschaftlichen Freiheit" unter 123 erfassten Staaten gerade auf dem letzten Platz landete, noch hinter Simbabwe und dem Kongo. Nur in der Rauschgiftproduktion hält der 50-Millionen-Einwohner-Staat Burma einen Spitzenplatz; abgesehen von Afghanistan wird nirgendwo mehr Opium produziert als im Goldenen Dreieck. Und Ranguns Generäle sind, wie US-Drogenexperten gern unter der Hand wissen lassen, am großen Dealen beteiligt.
Was für ein Niedergang: Das Land am Irrawaddy galt einmal als "Juwel Asiens". Schon Marco Polo schwärmte von den "schönsten Ansichten der Erde, wunderbar und exquisit", später bewunderten die britischen Schriftsteller Rudyard Kipling und Somerset Maugham die buddhistischen Tempel wie die riesigen Teakbaumwälder. Selbst ein sonst so nüchterner Historiker wie John F. Cady geriet ob der landschaftlichen und kulturellen Schätze von Pagan bis Pegu ins Schwärmen: "Dieses Land übt eine magische Anziehungskraft aus."
"Goldland" wurde Burma von alters her genannt. Hier finden sich Reichtümer aller Art: Rubine, Saphire und Jade, aber auch Zink und Erdgas. "Es ist schwer, einen Staat zu ruinieren, der noch vor zwei Generationen als potenziell reichster Asiens galt", sagt David Steinberg, Professor an der Washingtoner Georgetown Universität. "Aber die Militärherrscher haben es tatsächlich fertig gebracht."
Rangun ist eine Stadt, die in morbider Schönheit dahinvegetiert: eher Dhaka als Bangkok. Die heftigen Schauer des Monsuns peitschen durch enge Gassen, reißen verfaulte Papayas und ausgespuckte Betelpfefferblätter mit sich. Der Wind rüttelt an Fensterläden und bläht vergessene Wäsche auf den Balkonen. Schon beim ersten Blitz fällt die Elektrizität aus. Dunkle Hauseingänge, notdürftiger Unterstand für Passanten, riechen nach Fäulnis und Moder. In die abblätternden Farben des Putzes hat sich - hässlich wie Pockennarben - Schimmel gefressen. Und doch ist die Schönheit der Kolonialarchitektur unverkennbar.
Die Mönche in ihrer dunkelroten Kleidung, die den Tee in der Hauptstraße Sule Paya aus der Untertasse schlürfen, sind vom Mehrheitsvolk der Bamar. Die älteren Männer in ihren Pluderhosen und breitkrempigen Sonnenhüten, die den süßen Grießpudding bestellen, gehören zum Minderheitsvolk der Shan und achten nervös auf ihre schlanken, groß gewachsenen Töchter: Shan-Mädchen gelten als die hübschesten in Burma. Die Männer der für ihren Unabhängigkeitskampf bekannten Karen tragen ihre Longyi, um die Hüften geschlungene Tücher, längs gestreift: Sie interessieren sich besonders für Filmanzeigen, chinesische Kung-Fu-Action. 50 Cents klingt nicht viel für eine Kinokarte; doch der Monatsverdienst eines Facharbeiters übersteigt kaum 10 Dollar, der eines Arztes liegt bei 15 Dollar.
Die Regimegegner bleiben in Deckung. "We speak, we die" heißt ihr angstvoll geflüstertes Credo. Zweimal lässt der von Diplomaten vermittelte Verbindungsmann zur demokratischen Opposition den Termin in einer der Teestuben platzen. Dann schlägt er einen neuen Treffpunkt vor: Plattform der Shwedagon-Pagode, in der Nähe des östlichen Aufgangs, an der Gebetsglocke. Kennzeichen: eine eingerollte Zeitung "The New Light of Myanmar".
So wie diese Zeitung hätte sich George Orwell wohl ein Nachrichtenorgan in seiner visionären New-Speak-Diktatur vorgestellt. Täglich werden dieselben Losungen wiederholt: "Zermalmt alle destruktiven Elemente!", heißt es da unter der Rubrik "Was das Volk wünscht"; und in der Kolumne "Effizienter Gebrauch von Elektrizität" wird geraten: "Nutzt das Tageslicht als Hauptquelle von Energie!" Im Übrigen erzählt ein angeblich langjähriger Parteigänger Suu Kyis Horrorstorys über die vom Regime als "Hure des Westens" oder "heuchlerische Schlange" bezeichnete Nobelpreisträgerin.
Die Shwedagon-Pagode - der Legende nach Heimstatt von acht Haaren des Buddhas - ist Ranguns Wahrzeichen, eine Weltsehenswürdigkeit. Und ein magischer Platz, besonders gegen Abend, wenn die letzten Sonnenstrahlen die 98 Meter hohe, von Tausenden Goldplättchen bedeckte große Stupa in ein warmes, rötliches Licht tauchen. Sie leuchte "in ihrem Gold, wie eine plötzliche Hoffnung in der Seele dunkler Nacht", hat Maugham geschrieben. Außerdem bietet ihre Plattform mit den zahlreichen Pavillons und Gebetshallen einen ideal unauffälligen Treffpunkt. Mönche, Pilger, Touristen: Hier mischt sich alles, weitgehend frei vom sonst so allgegenwärtigen, klebrigen Atem der Spitzel.
Es ist ein alter Mann im Mönchsgewand, der die eingerollte Myanmar-Zeitung unterm Arm trägt. Ob er wirklich ein Ordensmann ist oder ob er die braunrote Kleidung als Tarnung benutzt, verrät er nicht. Er sei ein Anhänger der Demokratiebewegung, sagt der Mann nur, ein Mitarbeiter der "Lady" - so heißt Aung San Suu Kyi bei ihren Leuten, beim ganzen Volk. Und dann erzählt er von der Vergangenheit und seinen Zukunftsträumen.
1988 war nach den Worten des Oppositionellen "das Jahr der Hoffnung". Die Studenten gingen auf die Straße, forderten Demokratie, formierten sich zum Massenaufstand. Die Militärherrscher, damals schon 26 Jahre an der Macht und angeblich einem "Burmesischen Weg zum Sozialismus" verpflichtet, ließen in die Menge schießen, Tausende starben. Eine neue Generation von Generälen putschte und bildete einen "Staatsrat zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung" (heute: "Staatsrat für Frieden und Entwicklung"). Von Sozialismus war nun nicht einmal mehr pro forma die Rede.
Doch die Demokratiebewegung war nicht mehr totzukriegen - dank Aung San Suu Kyi. Die Tochter des berühmten Führers der Unabhängigkeitsbewegung hatte in England studiert, dort geheiratet und zwei Söhne bekommen. Sie wollte 1988 Rangun nur besuchen, um ihre todkranke Mutter zu pflegen. Doch sie blieb und wurde bald zur Wortführerin der Opposition.
Im Mai 1990 beugte sich die Junta internationalem Druck und veranstaltete Wahlen. Suu Kyis Nationale Liga für Demokratie (NLD) errang zur Verblüffung der Generäle und trotz massiver Behinderungen über vier Fünftel der Parlamentssitze. Die Junta ignorierte das Ergebnis, schon zuvor war die Lady unter Hausarrest gestellt worden. Weltweite Proteste folgten - und 1991 der Friedensnobelpreis für Aung San Suu Kyi, die weiter wie ihr Vorbild Mahatma Gandhi auf gewaltlosen Widerstand gegen das Regime setzte.
Es folgte ein Jahrzehnt der Stagnation, voller Rückschläge und Hoffnungsschimmer. Die Oppositionsführerin, eine schmächtige Frau mit filigranen Gesichtszügen, bewies eisernen Willen - bis hin zum Martyrium. Sie versuchte, mit Hungerstreiks ihre Freilassung zu erzwingen, und verzichtete 1999 sogar darauf, von ihrem in Oxford lebenden, an Krebs erkrankten Mann Abschied zu nehmen. Sie glaubte den Generälen deren Beteuerung nicht, dass sie anschließend wieder ins Land zurückkehren könnte. "Als im Mai 2002 dann ihr Hausarrest aufgehoben wurde, schöpften wir Mut", sagt ihr Mitstreiter, der von seinem Sitz in der Gebetshalle der Shwedagon immer wieder prüfend den Blick schweifen lässt.
Nach seinen Worten hat die Militärführung aber die dann begonnenen Geheimgespräche immer wieder abgeblockt: keine Kompromisse in Sicht. Suu Kyi wechselte vor wenigen Monaten schließlich ihre Strategie. Sie ging auf ausgedehnte Reisen in die Provinz, hielt Reden auf Markplätzen, in Gemeindehallen, vor Tempeln. Von einem Riesenerfolg spricht der Mann, der bei einigen dieser Trips dabei war. "Immer mehr Menschen strömten herbei, um der Lady zuzuhören, unsere Bewegung schwoll an zu einer landesweiten Lawine und machte die Junta extrem nervös."
Dann kam der 30. Mai. Die Generäle behaupten, an diesem Tag seien in der Nähe der nordburmesischen Stadt Tabayin Wagen aus einer NLD-Kolonne mit überhöhter Geschwindigkeit in eine friedliche Pro-Regierungs-Demonstration gefahren; dabei seien vier Menschen ums Leben gekommen, Suu Kyi hätte wegen Drohungen aufgebrachter Menschen in Schutzhaft genommen werden müssen. Augenzeugenberichte, die von Diplomaten für zuverlässig gehalten werden und teilweise auch vor Ort überprüft werden konnten, entlarven diese Darstellung als dreiste Lüge. Das Regime hat offenbar ein Massaker begangen - und es dabei womöglich sogar auf den Tod der Oppositionsführerin angelegt.
Mehrere Männer in Mönchskleidung stoppten den NLD-Konvoi mit seinen etwa 400 Insassen an der Biegung einer einsamen Landstraße, forderten Suu Kyi zu einer Ansprache auf. Sie bat um Entschuldigung, der nächste Termin warte - vermutlich überlebte sie nur deshalb. Denn die Männer waren Provokateure. Über 2000 Schläger hatten sich im Dschungel am Straßenrand verborgen, stürmten nun die Wagenkolonne, zerrten Insassen heraus, attackierten sie mit Eisenstangen und zugespitzten Bambusrohren. Augenzeuge Wunna Maung, 26, im Auto hinter der Lady, sagte nach seiner Flucht aus Burma vor dem thailändischen Senat aus: "Unsere Leute warfen sich schützend vor das Fahrzeug der Lady, sie stieg zum Glück nicht aus, der Fahrer gab geistesgegenwärtig Gas. Anderen Frauen wurden die Kleider vom Leib gerissen, sie fielen zu Boden und wurden noch blutend weiter attackiert. ,Verreckt doch, verreckt doch'', riefen die Killer. Mehr als 70 Menschen wurden umgebracht."
Ob diese Zahl stimmt, weiß keiner. Aber ein Lkw-Unternehmer hat gegenüber Diplomaten zugegeben, unter dem Druck der lokalen Polizei 17 Leichen wegtransportiert zu haben, und es hätten noch mehr Tote herumgelegen. Nach Informationen des SPIEGEL wurde der Hinterhalt von burmesischen Truppen Tage vor der Tat in einer Kaserne von Monywa generalstabsmäßig geplant - der Leiter des dortigen Regionalkommandos der Armee ist ein enger Vertrauter des Junta-Chefs General Than Shwe, 70, und des Militär-Geheimdienstchefs General Khin Nyunt, 63.
Eine solche Provokation konnten und wollten die USA und Europa der Junta nicht durchgehen lassen. Und die Vereinten Nationen waren noch wegen eines anderen Vorfalls erbost, der die Impertinenz, aber auch die Inkompetenz des Regimes vor Augen führt: Im März hatte der Uno-Menschenrechtsbeauftragte Paulo Sergio Pinheiro bei einem vertraulichen Gespräch mit politischen Gefangenen in Rangun eine Wanze unterm Tisch gefunden - er reiste umgehend ab. Von Washington bis London und Berlin ertönt nun der Ruf nach verschärften Wirtschaftssanktionen.
Aber das Schwert der Weltgemeinschaft ist stumpf. Schon lange vor dem Massaker haben die Amerikaner einen Investitionsstopp für Burma verordnet. Jetzt beendeten auch die Japaner ihre Wirtschaftshilfe, die EU fror burmesische Konten ein und dehnte ihr Einreiseverbot auf Familienangehörige der Führungsschicht aus. Erstmals fanden auch Nachbarländer, mit Burma in der Asean zusammengeschlossen, mahnende Worte. Malaysias Premier Mahathir Mohamad drohte Burma mit dem Rauswurf aus der Organisation.
In Thailand geparkte Millionengelder stehen den Generälen jedoch nach wie vor zur Verfügung. Und vor allem China wird Ranguns Regime nicht im Stich lassen. Addiert man den Schwarzhandel in den Grenzregionen zu den riesigen Waffengeschäften, ist die Volksrepublik längst einer der größten Handelspartner Burmas. Erst im Januar wurde General Than Shwe zum Staatsbesuch in Peking empfangen. China hat geostrategische Interessen: Es verschafft sich über Burma Zugang zum Indischen Ozean.
Fast alle deutschen Firmen haben das Land verlassen. Die Fritz Werner Industrie-Ausrüstungen GmbH, die hier jahrzehntelang als Waffenproduzent eine unrühmliche Rolle gespielt hat, beschäftigt in Rangun nur mehr einen Mann für die letzten Abwicklungen. Die Unterwäschefirma Triumph gab auf, nachdem politische Aktivisten in Berlin Plakate mit BHs aus Stacheldraht geklebt hatte. Der deutsche Manager floh über die grüne Grenze nach Thailand - die Junta hatte ihm nach vergeblichen Verhandlungen um den Abtransport der firmeneigenen Maschinen mit Hausarrest gedroht.
Dem amerikanischen Ölriesen Unocal, der schon mit intimen Kontakten zu den Taliban unangenehm aufgefallen ist, droht wegen seiner dubiosen Burma-Geschäfte ein Prozess. Ein Gericht in San Francisco nahm dieser Tage die Klage von Menschenrechtsorganisationen an, die behaupten, das Pipeline-Erdgasprojekt der Unocal sei mit mörderischen Evakuierungsmaßnahmen der burmesischen Armee verbunden gewesen. Der Hebel für das Verfahren ist ein US-Gesetz von 1789 ("Alien Tort Claims Act"), das ursprünglich gegen Seeräuber gedacht war. Die Regierung Bush, im Prinzip gegen Burmas Junta, aber primär auf Eigeninteressen bedacht, sieht einen gefährlichen Präzedenzfall - und argumentiert, ein solcher Prozess könne US-Interessen weltweit bedrohen, sogar den Krieg gegen den Terrorismus behindern.
Aung San Suu Kyi hat immer für einen umfassenden Wirtschaftsboykott gegen Burma plädiert, auch wenn das mit dem Verlust von Arbeitsplätzen verbunden ist. Da anfallende Profite fast nur der Junta zugute kommen, befürworten auch diejenigen Experten ein Embargo, die einen solchen Schritt sonst nicht gerade für den Ausbund von Weisheit halten. Die Aufforderung der Nobelpreisträgerin an Touristen, Burma zu meiden, halten jedoch die meisten für Unsinn. Kontakte mit Ausländern dienen erfahrungsgemäß eher der Opposition als einem repressiven Regime. Und die humanitäre Hilfe im Bildungsbereich müsste nach Meinung von Fachleuten trotz allem intensiviert werden: Nur von innen heraus, durch die Bildung einer Zivilgesellschaft, kann sich Burma reformieren.
Aber ärgern kann man die Herren des weißen Elefanten ja in der Zwischenzeit mit einer Kampagne des Übernatürlichen, gefördert von der Opposition. Überall in Burma flüstern jetzt die Menschen vom Fluch der 37 Nats: Diese mächtigen Volksgötter würden sich an den Generälen rächen. Und wachsen nicht, raunen die Regimegegner, wenn man genau hinsieht, den Buddhastatuen im ganzen Land Brüste - ein himmlisches Zeichen?
Das kann nur eines bedeuten: Die Zukunft von Burma wird eine Frau bestimmen, ihre Frau. Die Lady.
* In Rangun 1999, vor einem Bild ihres als Nationalhelden verehrten Vaters Bogyoke Aung San.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 33/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BURMA (MYANMAR):
Der goldene Gulag

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock