11.08.2003

ZEITGESCHICHTEPost vom Genie

Erst jetzt veröffentlichte Briefe Einsteins offenbaren: Im Krieg gab der bekennende Pazifist der U. S. Navy - allerdings lausige - Tipps zur Verbesserung von Torpedos.
FBI-Chef Edgar Hoover ließ den vermeintlichen Kommunistenfreund nie aus den Augen. Seine Agenten durchwühlten den Müll des 1933 in die USA emigrierten Gelehrten, sie kontrollierten seine Post und hörten seine Telefongespräche ab. Als Albert Einstein, Physik-Nobelpreisträger und Begründer der Relativitätstheorie, am 18. April 1955 in Princeton an einem Aneurysma starb, umfasste seine FBI-Akte 1500 Seiten.
Wegen seiner Vorliebe für Pazifismus und Bürgerrechte galt das strubbelige Genie im neuen Heimatland als politisch unzuverlässiger Geist. An der Atombombe etwa durfte er, anders als fast der gesamte Rest der Physiker-Elite, nicht mitbauen - die U. S. Army meldete Sicherheitsbedenken an. "Einstein gehörte zu der Sorte Mensch", schrieb sein späterer Herausgeber, der US-Historiker Robert Schulmann, "mit der sich alle auf Autorität fixierten Institutionen schwer tun."
Jetzt jedoch wurden Einstein-Briefe veröffentlicht, die eine weit weniger widerborstige Seite des Querdenkers offenbaren: die Korrespondenz des Nobelpreisträgers mit dem Waffenamt der U. S. Navy. Auf die Originale der Schriftstücke aus den Jahren 1943 und 1944 war der deutsche U-Boot- und Torpedotechniker Jürgen Halla bereits Mitte der sechziger Jahre in einem US-Archiv gestoßen. Erst vor zwei Jahren hatte er die mitgebrachten Kopien dem Weddingstedter Publizisten Michael Rahnfeld zur Auswertung überlassen.
Fazit des bemerkenswerten Fundes: Wenn es darum ging, Nazi-Deutschland in die Knie zu zwingen, war der berühmte Physiker und bekennende Pazifist durchaus bereit, sich auch in die Niederungen der Waffentechnik zu begeben. Seiner Weltanschauung jedoch, so scheint es, musste der schlitzohrige Gelehrte dabei nicht wirklich abschwören.
In teilweise putzigem Englisch ("I am giving you here reasons for my opinion") schlägt Einstein seinem Navy-Vorgesetzten Stephen Brunauer Lösungen für technische Probleme vor, die den Torpedoschützen der U. S. Navy im frisch entbrannten Pazifikkrieg gegen Japan zu schaffen machten: Die Magnetzündungen ihrer Torpedoköpfe funktionierten nicht. Statt knapp unter dem feindlichen Bootsrumpf zu detonieren und
damit das Rückgrat des Schiffes zu brechen, liefen die Unterwassergeschosse zumeist unter den gegnerischen Schiffen hindurch oder explodierten bereits weit vor dem Ziel.
Auch die von der US-Flottenführung als Ersatz favorisierten Aufschlagzünder verbesserten die Versenkungsraten kaum. Die Auslöserbolzen verbeulten beim Aufprall an der Bordwand häufig so sehr, dass sie die Sprengladung nicht mehr zur Explosion bringen konnten. Mit ähnlichen Schlappen bei den Zündmechanismen hatten auch die Deutschen zwei Jahre zuvor im Atlantikkrieg zu kämpfen gehabt. Doch deren Ingenieure hatten die Pannen nach relativ kurzer Zeit beheben können.
Das an mathematische Formeln gewöhnte Physik-Genie, so zeigen die jetzt veröffentlichten Einstein-Briefe, lieferte den US-Militärs eher vage Ideen und hastig hingekritzelte Skizzen. Zwischen den Zeilen wird erkennbar, dass die Physik-Koryphäe die Ingenieursprobleme nur nebenher bearbeitete: Pflichtschuldig bot Einstein Tipps und Gedankenexperimente zur Verbesserung der U-Boot-Geschosse - vom Stand der Militärforschung indes hatte er keinen Schimmer. Rahnfeld: "Die Vorschläge bewegten sich auf trivialem Niveau."
Einstein selbst scheint durchaus bewusst gewesen zu sein, dass seine waffentechnischen Anregungen kaum mehr als heiße Luft waren. In einem Brief vom 1. September 1943 drängte er Brunauer deshalb, seine theoretischen Überlegungen zur Torpedotechnik durch Experimente testen zu lassen: "Ich glaube nicht, dass sich in dieser Angelegenheit viel durch mathematische Kalkulation erreichen lässt."
Einige seiner Verbesserungsvorschläge beendete er mit dem fast schon penetrant wirkenden Hinweis, dass seine Ideen "wahrscheinlich nicht neu" oder wegen technischer Schwierigkeiten womöglich schon früher verworfen worden seien. "In diesem Fall", so Einstein an den Navy-Lieutenant, "hoffe ich, Ihnen nicht zu viel von Ihrer Zeit geraubt zu haben."
Die Unterwürfigkeit des Nobelpreisträgers im Umgang mit den Militärs mutet gespenstisch an - doch nach Rahnfelds Überzeugung war der Demutston durchaus gewollt. Denn auch an seiner Arbeitsstätte am Institute for Advanced Study in Princeton sah sich der prominente Emigrant immer wieder Angriffen und Ressentiments ausgesetzt; in Washington galt der Gelehrte nach wie vor als Sicherheitsrisiko.
Einsteins Briefe verraten daher eher ein geschicktes Doppelspiel als die Abkehr vom Pazifismus. Der brillante Denker war offenbar bemüht, sich durch gelegentliche Pflichtübungen für die Militärs die Ruhe zu verschaffen, die er benötigte, um sich seiner eigentlichen Leidenschaft zu widmen: die Tafel in seinem Arbeitszimmer mit Gleichungen zur allgemeinen Feldtheorie zu füllen. GÜNTHER STOCKINGER
* Mit Offizieren der U. S. Navy in seinem Arbeitszimmer in Princeton.
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 33/2003
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