11.08.2003

ETHNOLOGIEBlutiger Balztanz

Einst war die Kopfjagd bei vielen Naturvölkern üblich. Jetzt belegt ein deutsches Forscherpaar, wie lebendig die blutige Tradition im Nordosten Indiens noch heute ist.
Die Sonne geht auf über den dampfenden Waldhängen von Nagaland im Nordosten Indiens. An den Hängen kauern palmgedeckte Wehrdörfer. Der erste Sonnenstrahl trifft eine grob geflochtene Strohfigur. Dann zerreißt ein schriller Schrei die Stille, gefolgt von dämonischem Lachen: "A-Iiiiiih, yongyah, yongya, ahahahaha phamjong morung!" Die Kopfjagdsaison ist eröffnet.
Zwei junge Männer springen, nur mit Lendenschurz und Rohrreifen um den Bauch bekleidet, aus dem Halbdunkel einer Hütte. Sie verdrehen ihre Augen, schwingen scharfe Haumesser und hüpfen breitbeinig vor und zurück wie in Trance. Aus ihren Mundwinkeln läuft ein gelb-rotes Gemisch aus Betelnüssen und Ingwer.
Zusammen mit zwei Dutzend junger speerbewehrter Krieger stürmen sie den Berg hinauf zum Junggesellenhaus ihrer Erbfeinde. Sie haben es auf die Köpfe ihrer Gegner abgesehen, so will es eine uralte religiöse Regel: Um die Fruchtbarkeit der Frauen und der Felder zu erhöhen, müssen sie im Frühjahr mit der Lebensenergie eines Menschen geweiht werden.
Die Gegner haben sich in ihrem Haus mit Lederschilden verschanzt, doch Gegenwehr ist zwecklos. Einer der heranstürmenden Krieger - er will demnächst heiraten und muss deshalb seine Reife unter Beweis stellen - zückt sein Haumesser. Mit einem einzigen Hieb, angefeuert vom Johlen der anderen, trennt er einem der Feinde den Kopf vom Leib - zumindest symbolisch. Was er in Händen hält, ist eine Rübe, Glasperlen ersetzen die Augen, Tränengrassamen die Zähne.
Zwei Fremde haben aus sicherer Entfernung das Ritual verfolgt und mit der Kamera dokumentiert. Zehn Jahre lang hatten die Anthropologin und Ärztin Aglaja Stirn und ihr Mann Peter van Ham auf eine Reiseerlaubnis ins Stammesgebiet der Kopfjäger warten müssen. Denn im Gebiet der Naga, einer Volksgruppe mit rund drei Millionen Mitgliedern in etwa zwei Dutzend Stämmen, schwelt seit Jahrzehnten ein Guerillakrieg gegen die indische Zentralregierung.
Vor zwei Jahren endlich bekamen die beiden Frankfurter Forscher von der Regierung des Bundesstaates Nagaland Visa der Kategorie "extra special" und konnten so Zeugen der obigen Szene werden. "Natürlich wussten wir um die Traditionen der gefürchteten Kopfjäger", schwärmt Ham, "aber wir hätten nie gedacht, dass wir sie auch noch im 21. Jahrhundert so authentisch vorfinden würden."
Ihr Reisebericht, der gerade im Prestel Verlag auf Englisch erschienen ist, sei "aus akademischer Sicht vielleicht etwas oberflächlich", sagt der in London lebende Naga-Spezialist Hansjörg Mayer, "aber es ist das aktuellste Material, das es derzeit gibt". 20 Jahre lang hatte er sich selbst um ein Visum bemüht, vergeblich. "Diese Dokumentation ist einzigartig", schwärmt auch Atesh Sonneborn von der amerikanischen Smithsonian Institution, die im Winter eine CD mit den von Ham aufgenommenen Naga-Gesängen herausbringt.
Das vielleicht Erstaunlichste an ihrem Bericht aus Nordostindien ist, wie lebendig die archaische Tradition der Kopfjagd auch heute noch fortlebt. Die bis heute in großen Teilen intakt erscheinende Stammesgesellschaft wird regelrecht zusammengeschweißt durch das blutrünstige Ritual - nur dass nun eine Rübe die Rolle des Kopfes einnimmt.
Schon John Hutton, ein britischer Kolonialbeamter, versuchte Anfang des vorigen Jahrhunderts zu ergründen, warum die Naga, die ursprünglich vor etwa 12 000 Jahren aus der Mongolei über Tibet in die südlichen Vorgebirge des Himalaja eingewandert waren, "Köpfe nehmen": "Die Grundlage der Kopfjagd aller Naga-Völker ist die Vorstellung, dass der Kopf Sitz der Lebenskraft par excellence ist, die Menschen und zu einem geringeren Anteil auch Tiere durchströmt", schrieb er. "Diese Lebensessenz wird vom Krieger zurück ins Dorf an einen geheiligten Ort gebracht, von dem aus sie auf die Dorfgemeinschaft, ihre Felder und Besitztümer übergeht."
Damals ging es noch um echte Köpfe aus Fleisch und Blut. Die Jagd danach war zugleich blutiger Balztanz und spirituelles Düngeritual: Ein Feindeshaupt versprach sozialen Aufstieg, Glück bei den Frauen und eine reiche Ernte. Erst wenn ein Junggeselle den Kopf eines Gegners genommen und so seine Fruchtbarkeit bewiesen hatte, durfte er eigene Kinder haben. Bizarres Detail: In manchen Stämmen musste das Opfer dem Kopfjäger vor der Enthauptung seinen Namen nennen, damit die Seele des Toten in den Stamm des Siegers aufgenommen werden konnte. Rituell flößten die Frauen dem Totenschädel Nahrung ein - das Opfer war zwar tot, aber dafür eine Art Blutsbruder.
Eine andere Erklärung der Naga-Tradition dagegen besagt, dass die Kopfjagd ganz pragmatisch der Natur abgeschaut worden sei: Früher mussten die Krieger den ganzen Oberkörper ihrer Feinde als Beweis nach Hause schleppen, was unpraktisch war. Bis schließlich einer der Männer beobachtete, wie eine Ameise der anderen den Kopf abbiss und in ihren Bau zerrte. Das machte er dann einfach nach.
Noch heute türmen sich auf eigens dafür angefertigten Holzregalen die Schädel, die einst das Ansehen von Krieger und Stamm mehrten. Jahrtausendelang blieb der Blutzoll relativ gering, pro Jahr bereicherten nur wenige neue Schädel die Kollektion. Doch durch die Aufrüstung mit Gewehren eskalierte das Ritual zu brutalen Schlachtfesten. Allein in den Jahren 1939 und 1948 gab es je rund 400 Opfer. Seitdem werden ersatzweise Rüben geköpft.
Heute mögen Enthauptungsrituale exotisch oder gar krankhaft wirken, doch gehören sie in vielen Naturvölkern zu den selbstverständlichen Kulturtechniken. "Kopfjagd oder ihr ähnliche Phänomene gibt es auf allen bewohnten Kontinenten", sagt Alan Macfarlane, Professor für Sozialanthropologie an der Universität Cambridge und wissenschaftlicher Berater der Frankfurter Forschungsreisenden.
Nicht nur bei Stämmen am Amazonas, im Pazifik und in Zentralafrika war die Kopfjagd gebräuchlich. Einer der ältesten Fundorte liegt in der Ofnet-Höhle in der Schwäbischen Alb, wo Steinzeitmenschen 33 Schädel liebevoll in "Nestern" zu einem makabren Knochen-Ikebana arrangierten. Die letzten europäischen Skalpjäger waren 1912 in Montenegro unterwegs.
"Die Naga haben auf ganz besondere Weise ihre Tradition bewahrt und gleichzeitig transzendiert", sagt Macfarlane. Gerade ihr blutrünstiges Image habe ihnen geholfen, auch den Rest ihrer Kultur, wie etwa ihre wunderbare Schnitz-, Web- und Baukunst, gegen den Druck der modernen Welt zu verteidigen.
Die Grausamkeit, die den Naga-Riten zu Grunde liegt, muss keineswegs unwiederbringlich ausgestorben sein, seit sich die Krieger mit Rüben statt Köpfen begnügen. Bisweilen zumindest dreht sich das Rad der Kulturgeschichte auch jäh zurück.
Die Dayak-Ureinwohner von Borneo etwa waren schon in den dreißiger Jahren zum Christentum konvertiert und gaben daraufhin die Kopfjagd auf. Vor zwei Jahren jedoch brach sich während blutiger Auseinandersetzungen mit muslimischen Zuwanderern die alte Tradition plötzlich wieder Bahn: Stolz posierten junge Dayak-Männer für die Presse mit Speeren, auf denen die Köpfe ihrer Opfer staken. HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 33/2003
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