11.08.2003

MEDIZINWunderpille für Aussätzige

In Brasilien grassiert die Lepra. Nun blüht der Schwarzhandel mit einem Mittel, das den Kranken hilft: Thalidomid, bekannter unter dem Namen Contergan.
Als die ersten roten Flecken auf den Händen des Maurers Janio Ribeiro, 29, erschienen, schenkte er ihnen keine Beachtung: Er kann es sich nicht leisten, mit jedem Zipperlein zum Arzt zu gehen.
Doch die Stellen schwollen an, irgendwann fühlten sie sich taub an. Eines Tages knickte Ribeiros Mittelfinger um, er verspürte keinen Schmerz. Nun wandte er sich doch an einen Arzt. Dessen Diagnose: Hanseníase, im Volksmund besser bekannt unter dem Namen Lepra. Vor 27 Jahren hatte die damals herrschende Militärregierung die Seuche per Dekret umbenannt, um die Kranken vor dem Stigma zu schützen.
Im größten Land Lateinamerikas ist die biblische Seuche wieder auf dem Vormarsch. 38 365 neue Fälle registrierte das Gesundheitsministerium im vorigen Jahr, mit HIV infizierten sich dagegen 2001 nur 14 000 Menschen. Insgesamt sind etwa 78 000 Leprakranke in Behandlung. Nur in Indien leiden noch mehr Menschen an der Seuche.
Im Volk gilt Lepra als hochansteckend und unheilbar. "Die Leute denken, dass sie sich schon infizieren, wenn sie mit mir aus einem Glas trinken", sagt Ribeiro. Seine Geschwister vermeiden jeglichen Körperkontakt. Das Fußballspielen hat er aufgegeben, auch einen Job als Wachmann hat er wegen der Krankheit verloren.
In der Amazonas-Metropole Manaus betteln an den Straßenkreuzungen die Verstümmelten um Almosen. Viele Autofahrer kurbeln das Fenster hoch, wenn sie von ihnen angesprochen werden.
Francisco Leite Correa, 75, hat sich als Sechsjähriger bei seinem Großvater angesteckt, einem Gummizapfer. Der alte Herr bezieht 150 Real Rente, etwa 50 Euro. Unterkunft, Strom und Wasser gibt es hier in der ehemaligen Leprakolonie gratis, deshalb ziehen immer mehr Arme aus anderen Stadtteilen in die Siedlung. "Die Krankheit ist zu einem Geschäft geworden", sagt Correa. Um nicht allein zu sein, hat der Greis ein gesundes Mädchen adoptiert. Er streichelt die Kleine nicht, sondern er leckt sie ab: Die Zunge ist nicht taub wie seine verstümmelten Hände.
Optimistisch hatte die WHO Mitte der neunziger Jahre verkündet, Lepra sei bis zum Jahrtausendwechsel in Brasilien ausgerottet. Doch die Regierung räumte der Bekämpfung von Aids Vorrang ein: Die Politiker hatten Brasiliens weltweit anerkanntes Aids-Programm als Wahlkampfthema entdeckt; der Kampf gegen die Lepra wurde vernachlässigt.
Jetzt hat die WHO die Frist bis 2005 verlängert. Der neue Präsident Luíz Inácio "Lula" da Silva hat sich verpflichtet, die Seuche innerhalb seiner Amtszeit zu eliminieren. Experten bezweifeln jedoch, dass das gelingen wird, denn die Inkubationszeit beträgt mehrere Jahre. In der Praxis habe sich seit "Lulas" Amtsantritt nichts geändert.
Lepra ist eine typische Elendskrankheit. Sie wird von Bakterien, hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion, übertragen und tritt auf, wo Menschen unter erbärmlichen Bedingungen eng zusammenhausen. Im Norden von Rio, wo sich vielköpfige Familien in winzigen Zimmern drängen, erkranken jedes Jahr Tausende. Oft wird die Seuche zu spät erkannt oder aus Scham verschwiegen.
Dabei ist die Behandlung unkompliziert: Staatliche Gesundheitsposten verabreichen den Patienten einen kostenlosen Medikamentencocktail. Rechtzeitig eingenommen, beugt das den grausigen Verstümmelungen der Leprakranken vor. Allerdings dauert die Behandlung normalerweise bis zu einem Jahr, manchmal auch länger.
Bei vielen Patienten hat der Medikamentencocktail außerdem schwere Nebenwirkungen: Der Kranke wird von Schmerzen und Fieber gepeinigt. In diesen Fällen verabreichen die Ärzte ein Mittel, dem Leprakranke Wunderqualitäten zusprechen: Thalidomid.
In Deutschland ist das Medikament verboten. Denn der Name, unter dem es einst verkauft wurde, steht für den schlimmsten Arzneimittelskandal der Nachkriegszeit: Contergan. Thalidomid führt zu embryonalen Missbildungen, wenn es in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft eingenommen wird.
Ein israelischer Arzt hatte 1965 herausgefunden, dass der geächtete Wirkstoff bei Leprapatienten die Hautentzündungen und Geschwüre verringert und Schmerzen lindert. 1970 wurde das Mittel in Brasilien deshalb wieder zugelassen, allerdings nur zur Behandlung von Lepra.
Inzwischen stellt Brasilien in einem staatlichen Labor jährlich etwa 250 Kilogramm des Wirkstoffs her. Die Verpackungen sind mit einer besonderen Aufschrift gekennzeichnet und dürfen nicht an Frauen abgegeben werden. "Aber in den Kolonien blüht der Schwarzhandel", versichert Raimunda Serra, eine Leprapatientin in der Nordost-Metropole Fortaleza. Die Folge: In Brasilien wächst eine neue Generation von Contergan-Opfern heran.
Den offiziellen Zahlen zufolge wurden allein in den neunziger Jahren 26 Kinder mit verstümmelten Extremitäten geboren. Insgesamt gibt es aber in Brasilien über tausend Opfer. Die Regierung zahlt den meisten der Familien eine bescheidene Pension. Doch oft dauert es Jahre, bis das Recht auf eine Entschädigung anerkannt wird.
Die Hausfrau Raimunda Cintia Soares Rodrígues, 31, entdeckte vor acht Jahren die ersten seltsamen Flecken auf ihrer Haut. "Ich wusste nicht, ob es Lepra war", sagt sie. "Aber ich wollte den Ausschlag loswerden." Eine Freundin schenkte ihr einige lose weiße Pillen, die sie in einer Leprakolonie erstanden hatte. Als sie die Tabletten einnahm, war sie im zweiten Monat schwanger - ihre Tochter Débora wurde verstümmelt geboren.
Die Mutter des beinlosen Hércules Queiroz, 19, war als 16-Jährige an Lepra erkrankt und lebte jahrelang in einer Kolonie. Fünf Jahre lang nahm sie den Medikamentencocktail, dann hielt sie die Nebenwirkungen nicht mehr aus. Ein Arzt verschrieb ihr Thalidomid. Dass sie zu diesem Zeitpunkt schwanger war, ahnte sie nicht.
Trotz des Risikos schwören die meisten Leprakranken auf das Medikament. "Kein anderes Mittel ist so wirksam", sagt Artur Custódio von "Morhan", einer Selbsthilfeorganisation von Leprakranken.
Davon ist auch der US-Pharmakonzern Celgene überzeugt, der den Wirkstoff unter dem Namen Thalomid verkauft. Offensiv wirbt das Unternehmen dafür, das Mittel jetzt auch für andere Anwendungen freizugeben - für die Behandlung bei Aids und Krebs. JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 33/2003
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