11.08.2003

LITERATUREinseitige Liaison

Mitten im Krieg, vor nunmehr 60 Jahren, war England noch ein Hort des freien Geistes: Die Eisenbahnen fuhren pünktlich, und die Menschen blieben so tapfer im Ertragen aller Unbill, so höflich und gelassen, wie Engländer eben sind. Jahrzehnte später jedoch, nach der Thatcher-Herrschaft, sind Britanniens "beste Institutionen" erschüttert, "die das Vorbild der Welt waren", und "aus sich, aus sich selbst geht dieses Land zugrunde". So empfand es Elias Canetti, der gebürtige Bulgare, gelernte Wiener und deutschsprachige Nobelpreisträger, berühmt geworden durch Bücher über Kafka, über "Masse und Macht" und eine dreibändige Autobiografie. Einzig sein Roman "Die Blendung" (1936) war schon erschienen, als der Schriftsteller jüdischer Herkunft mit seiner Frau Veza 1938 nach London emigrierte.
Aus dem Nachlass des Autors sind jetzt die Notizen der englischen Jahre publiziert worden, die Canetti (1905 bis 1994) selbst nicht mehr zu einem Ganzen überarbeitete: "Party im Blitz". Nur selten freilich finden sich jene luziden Beobachtungen, deren subtile Formulierung Canetti-Enthusiasten die gewohnte Freude macht; selbst Banales wird des Öfteren wiederholt. Canetti zeigt sich als ein Mensch von enormem Selbstbewusstsein und leicht kränkbarer Eitelkeit, dem anderer Leute Ruhm (wie der des Kollegen T. S. Eliot, "dieser erbärmlichen Figur", "dünnlippig, kaltherzig, frühalt") schwer zu schaffen macht. So liest sich "Party im Blitz" als Anhäufung von Sottisen mit der Tendenz zur Schmähung; die meisten der so Porträtierten sind zudem in Deutschland unbekannt. Eine Ausnahme ist hier die Dichterin und Philosophin Iris Murdoch, eine ehemalige Geliebte Canettis, für ihn ein "Oxford-Ragout". Die Liaison mit der 14 Jahre Jüngeren war "eine peinlich einseitige Geschichte, die ich gegen meine Neigung hinnahm und unbeteiligt beobachtete" - der arme, kleine Mann ist praktisch vergewaltigt worden. Ob die Kollegin Murdoch das auch so gesehen hat? Aber noch freier, als die Gedanken es sind, ist freilich das Gedächtnis.
Elias Canetti: "Party im Blitz". Carl Hanser Verlag, München; 248 Seiten; 17,90 Euro.

DER SPIEGEL 33/2003
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