11.08.2003

KINO„Hollywood lässt mich kalt“

Die französische Schauspielerin Ludivine Sagnier über ihre Abneigung gegen das amerikanische Filmgeschäft, Nacktheit vor der Kamera und ihre Rolle in dem Film „Swimming Pool“
SPIEGEL: Mademoiselle Sagnier, Sie sind mit 24 Jahren schon ein gefeierter Star des französischen Kinos. Können Sie uns erklären, warum sich in vielen französischen Filmen - wie in Ihrem neuesten, "Swimming Pool", oder auch in "La petite Lili" - junge Frauen mit älteren Herren einlassen?
Sagnier: Ich glaube, das hat nicht viel mit den realen Vorlieben junger französischer Frauen zu tun. Ich fürchte, es entspringt dem Wunschdenken vieler älterer männlicher Regisseure.
SPIEGEL: Ihr 35-jähriger Regisseur François Ozon wollte Sie mit dem nun in Deutschland anlaufenden Film "Swimming Pool" zur "mediterranen Marilyn Monroe" stilisieren. Wie kamen Sie mit Ihrer Rolle zurecht - in vielen Szenen agieren Sie als unbekleidete Sexbombe?
Sagnier: Zuerst fand ich die Vorstellung, meinen Körper so offen vor der Kamera zu zeigen, erschreckend. Ich esse gern und trinke gern, und um die Rolle der Julie zu spielen, musste ich mich in eine laszive provenzalische Schönheit verwandeln, eine Art archetypische Sex-Phantasie. Das hieß: strenge Diät und viel Sport. Es ist unglaublich, wie man seine Figur durch intensives Training verändern kann, sogar den Busen. Inzwischen habe ich mich aber wieder zurückverwandelt. Ich habe nicht die geringste Lust, jeden Tag zu trainieren, nur um eine perfekte Figur zu haben.
SPIEGEL: "Swimming Pool" erzählt davon, wie das Mädchen Julie in das Leben einer älteren Schriftstellerin (Charlotte Rampling) einbricht - und beispielsweise immer neue Liebhaber anschleppt. Macht es Spaß, solche Sex-Eskapaden zu spielen?
Sagnier: Ehrlich gesagt, ich empfand es als harte Arbeit. Es ist schon extrem schwierig, mit nur einem einzigen Menschen Sex zu simulieren, den man nicht kennt, nicht liebt und nicht begehrt - und das, während 20 Menschen um einen herumstehen und dabei zusehen! Auch wenn es nicht meine eigene Intimität ist, die ich zeige, sondern die der Figur: Es sind doch mein Körper, meine Haut, meine Lippen. In Momenten wie diesen wird einem bewusst, dass Schauspielerei und Prostitution viel miteinander zu tun haben.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Sagnier: Gut, der Beruf hat auch schöne Seiten. Aber als Schauspielerin bekommt man Geld dafür, Menschen zu berühren, die man oft gar nicht berühren möchte; man täuscht Erregung und Leidenschaft vor - und zumindest ich habe hinterher oft das Bedürfnis, mich eine halbe Stunde lang zu duschen, um den Schmutz loszuwerden. Man liefert sich den Wünschen des Regisseurs aus und wird zur Projektionsfläche für die Phantasie des Zuschauers.
SPIEGEL: Wie kommt denn Ihr derzeitiger Freund, Pascal Reneric, ein renommierter Theaterschauspieler, mit Ihren Auftritten als schöne Nackte zurecht?
Sagnier: Überhaupt nicht. Unsere Beziehung ist gerade sehr schwierig.
SPIEGEL: "Swimming Pool", bereits Ihr dritter Film mit Ozon nach "Tropfen auf heiße Steine" (2000) und "8 Frauen" (2002), betreibt ein Verwirrspiel mit Realität und Fiktion. Im Verlauf des Films wird zunehmend unklar, ob die von Ihnen gespielte Julie tatsächlich existiert oder nur der Vorstellung der Schriftstellerin entspringt. Hat Sie diese fehlende Eindeutigkeit irritiert?
Sagnier: Die Zuschauer können die Geschichte ganz unterschiedlich interpretieren - und genau das stört manche von ihnen. Sie wollen eine präzise, logische, klar festgelegte Deutung. Auch ich fühlte mich während der Arbeit an "Swimming Pool" oft völlig verloren und wusste nicht, was nun real war und was nicht. François gab mir keine Antwort, keinen Hinweis, nichts. Ich fühlte mich total manipuliert, wie eine Puppe. Dann verstand ich, dass er genau das beabsichtigt hatte - ich sollte mich wie eine Puppe fühlen, wie ein Gefäß für die Vorstellungskraft anderer. Genau so ist Julies Charakter angelegt.
SPIEGEL: Sie haben gerade in einer neuen 100-Millionen-Dollar-Verfilmung von "Peter Pan" als die Fee Tinkerbell eine Hauptrolle gespielt. Können Sie sich vorstellen, dauerhaft in Hollywood zu arbeiten?
Sagnier: Auf keinen Fall. Ich würde dort nicht leben wollen.
SPIEGEL: Warum nicht?
Sagnier: Klar sind die USA ein unglaublich faszinierendes Land. Aber ich mag die amerikanische Filmindustrie nicht besonders. In Hollywood dreht sich alles darum, reich und berühmt zu sein und ein Haus in Beverly Hills zu besitzen. Mich lassen diese Träume von Geld und Macht kalt.
SPIEGEL: Wovon träumt eine französische Schauspielerin dann?
Sagnier: Ich habe nichts gegen Geld, aber ich brauche nicht viel davon. Macht interessiert mich nur, wenn ich dadurch Unabhängigkeit gewinne. Ich möchte selbst darüber entscheiden können, wie ich mein Leben führe. Vor kurzem habe ich Urlaub auf dem Land gemacht und war segeln. Ich kam gerade vom Schiff, bekleidet mit einem riesigen Hut, einem weiten Pullover und hässlichen Segelschuhen, als plötzlich 15 Kids hinter mir herliefen und meinen Namen riefen. Unglaublich, dass die mich erkannt haben! Natürlich nervt das manchmal. Aber es ist schon okay, schließlich habe ich mir den Beruf selbst ausgesucht.
SPIEGEL: Was ist die beste, was die schlechteste Seite Ihres Berufes?
Sagnier: Eigentlich handelt es sich um ein und dasselbe: Das Beste ist die Möglichkeit, jemand anders sein zu können. Das Schlimmste ist die Unmöglichkeit, man selbst sein zu dürfen.
INTERVIEW: JÖRG BÖCKEM, WOLFGANG HÖBEL
Von Jörg Böckem und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 33/2003
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