11.08.2003

AUTORENViktorianische Hinterhöfe

Der in Schottland lebende Schriftsteller Michel Faber erntet mit einem drastischen Prostituierten-Roman Bestseller-Ruhm.
Ein Bahnhof im schottischen Hochland. Zweimal am Tag hält ein Zug, um Passagiere nach Inverness, in die nächste Stadt, zu bringen. Selten sind die Züge pünktlich, und so haben die Reisenden mehr Zeit, als ihnen lieb ist, sich umzusehen, das Bahnhofsgebäude zu inspizieren. Es wohnen Leute darin, und diese Leute scheinen keine Vorliebe für Vorhänge zu haben - und für bürgerliche Vorstellungen von Ordnung und Sauberkeit schon gar nicht.
Die Wartenden auf dem Gleis blicken in ein Schlafzimmer, in dem sich überquellende Plastiktüten türmen. Sie schauen auf einen verfilzten, mit grünen Teppichfliesen ausgelegten Küchenboden, auf dem Katzenfutter verstreut liegt. Und sie sehen auf Fensterbänke, die offenbar als Auffangflächen für tote Fliegen dienen.
Es gibt nur wenige Indizien, die darauf hinweisen, dass hier Menschen leben, die sich mit ästhetischen Dingen beschäftigen: die beiden gelben Dahlien vielleicht, in einer kleinen Vase auf dem blauen Küchentisch. Und die Bücher, die an jedem erdenklichen Platz herumliegen.
Aber dass hier ein international erfolgreicher Autor wohnt, der in seinem jüngsten Werk mit Hingabe die Finessen viktorianischer Mode, Architektur und Interieurs beschreibt - das dürfte dem zufälligen Betrachter dieses Durcheinanders so unwahrscheinlich vorkommen wie die Möglichkeit, dass das Ungeheuer von Loch Ness endlich mal sein Haupt erhebt.
Doch es ist so: Der Schriftsteller Michel Faber lebt hier, und das Chaos interessiert ihn nicht. Er scheint dem Klischee eines Autors zu entsprechen, der nur in seiner Literatur lebt.
Dass sein neuer Roman "The Crimson Petal and the White" (verkitschter deutscher Titel: "Das karmesinrote Blütenblatt") in 15 Länder verkauft wurde, in den USA auf den Bestsellerlisten stand, dass vier Großverlage um die deutschen Rechte kämpften und der schottische Verlag einen Eine-Million-Dollar-Vertrag mit dem Hollywood-Studio Columbia eingefädelt hat- nein, er schwört es, das alles treibe ihn nicht um.
Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er nie etwas veröffentlicht. Seine zwei Romane nicht und auch keine seiner Novellen und Kurzgeschichten, von denen manche inzwischen preisgekrönt sind. Seine Frau Eva überredete ihn, einen Verlag zu suchen. Der 43-jährige Faber - in Holland geboren, in Australien aufgewachsen, von seiner Ehefrau nach Schottland verfrachtet - spricht viel von seinem Lebensüberdruss. Er lächelt dabei, doch sein Lächeln wirkt eingefroren, wie eine Abwehr, nicht wie eine Aufforderung zur Kommunikation. Verbindungen zu anderen Leuten herzustellen, zur "Menschheit", wie er es nennt, das falle ihm schwer.
Und weil er mit dem, was ihn umgibt, wenig zu tun haben will, ist es wohl kein Zufall, dass "Das karmesinrote Blütenblatt" in der Vergangenheit spielt, im viktorianischen London*.
Die Heldin des 1000-Seiten-Schmökers heißt Sugar. Sie arbeitet als Prostituierte - auch für sie sind die meisten Kontakte eine Zumutung. Drastisch, mit einem ausgeprägten Hang zu sexuellen Details schildert der Erzähler den Hass der Huren auf ihre Freier. Mit grimmiger Genugtuung beobachtet er, wie sie
die Spuren des käuflichen Akts vernichten: Da hockt eine Prostituierte "breitbeinig über einer großen irdenen Schüssel, die ein lauwarmes Gemisch aus Wasser, Alaun und Zinkvitriol enthält. Mit Hilfe eines Tupfers versucht sie, zu vergiften, auszuwischen oder sonstwie unschädlich zu machen, was erst Minuten vorher von einem Mann in sie abgegeben wurde".
Hauptfigur Sugar lernt den reichen Fabrikantensohn William Rackham kennen, einen kindlich-egozentrischen Freier, der Sugar für sich allein haben will und dafür allerlei Luxus bietet. Sugar genießt die Privilegien, ist stolz auf den sozialen Aufstieg, merkt aber bald, dass sie sich auch aus dieser Abhängigkeit lösen muss.
Britische und amerikanische Rezensenten haben "Das karmesinrote Blütenblatt" enthusiastisch aufgenommen und Faber bereits als zweiten Dickens gefeiert. Sie lobten zu Recht seine süffige Erzählweise und sein soziales Pathos. Doch mit der enormen gesellschaftlichen Vielfalt, mit den kunstvollen Verschachtelungen eines Dickens-Werks kann Fabers Prosa nicht mithalten - muss sie auch nicht, Fabers Interesse ist ein anderes.
Er schaut mit dem Blick eines modernen Beziehungsneurotikers auf die Sekrete und Flecken seelischer Verkommenheit. Immerhin bietet er so den höchst pittoresken Bilderbogen einer Zeit, zu deren gutbürgerlicher Fassade eben auch übel riechende Hinterhöfe gehörten.
Seinen Figuren mutet Faber zu, womit er sich selbst verschont: Er zwingt sie, sich miteinander zu beschäftigen. "Ich weiche Leuten lieber aus", sagt er und fügt schuldbewusst an: "selbst meiner Frau".
Daher findet er es passend, dass er in einem Bahnhof lebt - "und dass es hier aussieht wie in einem Provisorium". Er könnte jederzeit weg. SUSANNE BEYER
* Michel Faber: "Das karmesinrote Blütenblatt". Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring und Claus Varrelmann. List Verlag, München; 1056 Seiten; 24,90 Euro. Ab 18. August im Handel.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 33/2003
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